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27. September 2010
©2000-2010 Claudia Kloster
Medikamente & ADHS
Die wichtigsten Medikamente
Stimulanzien
Dort, wo Medikation im Rahmen eines multimodalen Therapieplanes zur Behandlung von AD(H)S indiziert ist, sind Stimulanzien die Mittel der 1. Wahl und hier wiederum der Wirkstoff Methylphenidat (MPH). Dieser steht in Tablettenform zur Verfügung, die sich -vereinfacht gesagt: gemäß ihrer Wirkdauer- in drei Kategorien einteilen lassen:
Ausführlichere Informationen zu diesem komplexen Thema findet ihr unter den weiter unten aufgeführten Beiträgen sowie u.a. bei add-online. Die Mainzer Selbsthilfegruppe "ADS und mehr..." hat ihre tolle Medikamentenübersicht leider vom Netz genommen. 03.06.07
1. Standard
Bekanntester Vertreter der Methylphenidatpräparate ist Ritalin® (Novartis). Inzwischen sind mit Medikinet® (Medice) und Equasym® (Celltech) sowie weiteren Generika ähnliche Präparate auf dem Markt, die sich in der Trägersubstanz und im Preis unterscheiden. Einige gibt's zudem mit verschiedenen Konzentrationen von MPH.
Obwohl wissenschaftlich bis jetzt m.W. nicht untersucht bzw. bestätigt, berichten Eltern und Betroffene immer wieder, dass sie z.T. deutliche Unterschiede in der Wirksamkeit dieser MPH-Standard-Medikamente erleben. Welche Tablette am besten wirkt, scheint individuell verschieden zu sein.
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass bis zu 30% als sog. Non-responder gelten, die auf MPH gar bzw. nicht in der gewünschten Weise reagieren.
Allen gemeinsam ist die relativ kurze Wirkdauer von 3-4 Stunden, teilweise sogar noch weniger, sowie eine oft dramatische Verschlechterung der Symptomatik, sobald die Wirkung nachlässt (sog. Reboundeffekt).
Um diese höchst unwillkommene Erscheinung zu vermeiden, muss rechtzeitig nachdosiert werden. Ausgerechnet unsere zerstreuten ADS-Schulkinder müss(t)en also zur festgelegten Zeit während des Vormittags ihre Tablette einnehmen...
Dass das oft genug in die Hose geht, könnt ihr euch denken. Mehr oder (meist) weniger lustige Erfahrungsberichte von gebeutelten Eltern findet ihr in den Diskussionsforen oder - live - in den Selbsthilfegruppen.
Laut den Elternberichten in unseren Gesprächskreisen werden Standardpräparate stets zu Beginn der medikamentösen Behandlung verschrieben, um ein erstes Bild von Wirkung, Dauer und Dosis zu erhalten. Zeigt sich der gewünschte Erfolg, wird fast immer auf die längerwirkenden Mittel umgestellt, die teilweise mit den Standardpräparten kombiniert werden.
DL-Amphetamin kann eine Alternative sein, wo Methylphenidat nicht vertragen wird oder nicht die gewünschte Wirkung erzielt. Dieses Medikament muss in der Apotheke hergestellt werden. Üblicherweise in Saftform, wodurch eine sehr feine Dosierung möglich ist, kann aber auch verkapselt werden.
2. verlängerte Wirkzeit
Ritalin® SR (Novartis) erreicht zwar nicht unbedingt die versprochenen 8 Stunden Wirkdauer, aber 5-6 Std. sind durchaus drin. Der unangenehme Reboundeffekt tritt hier i.d.R. nicht oder nur dezent auf. Da die Wirkung von Ritalin® SR deutlich langsamer einsetzt, wird die Morgen-Dosis häufig mit einem Standard-MPH-Präparat kombiniert. Für den deutschen Markt ist Ritalin® SR nicht zugelassen. Import über die Apotheke ist nicht mehr möglich, seit mit Medikinet® retard (Medice) ein vergleichbares Mittel im Inland zur Verfügung steht. Dieses enthält sowohl schnell als auch verzögert wirkendes MPH, sodass i.d.R. kein morgendliches "Anfluten" durch ein Standardpräparat nötig ist.
Einige Eltern berichteten von anfänglichen Umstellungsproblemen, nachdem Ritalin SR recht plötzlich durch Medikinet retard ersetzt werden musste. Bereits die Kapsel in der Firmenfarbe flieder-lila stellte die erste Hürde für die Einnahmebereitschaft dar. Inzwischen hat sich Medikinet retard etabliert. Schätzungsweise werden rd. 40% unserer Medikamentenkinder damit behandelt.
3. Tagesdosis
Concerta® (Janssen-Cilag) wird nur 1x täglich morgens eingenommen. Dank der modernen Technologie wird der Wirkstoff anfangs relativ schnell und dann sukzessive während des Tages freigesetzt. Die Wirkung soll bis zu 12 Stunden anhalten.
In Deutschland sind die Kapseln mit 18, 36 und 54 mg MPH verfügbar
In unseren Gesprächskreisen haben wir bereits eine ganze Reihe von Elternberichten über die Erfahrungen mit Concerta gehört. Einhellig war überall die lange Wirkdauer der Grund, um das Medikament zu wechseln. Zwischen 18 und mehrfach täglich 54 mg waren schon alle Dosierungen vertreten. Dies unterstreicht einmal mehr, dass die Menge des Wirkstoffs ganz individuell herausgefunden werden muss (s.u. "Allen Medikamenten gemeinsam...") Erstaunlicherweise schreiben viele Eltern den Standardpräparaten die bessere Wirkung zu. Deren relativ kurze Wirkdauer und die teils starken Rebounds stellen aber scheinbar das größere Problem dar.
Allen vorgenannten Medikamenten ist gemeinsam, dass
sie unter das Betäubungsmittelgesetz fallen und nur auf speziellen, registrierten Rezepten verschrieben werden dürfen.
es keine Korrelation zwischen Alter, Größe, Gewicht und der Wirkstoffmenge zu geben scheint, d.h. die Dosis individuell herausgefunden werden muss. Wie die Praxis zeigt, benötigen Erwachsene oft geringere Mengen als Kinder.
eine Zulassung und damit Kostenübernahmepflicht der gesetzlichen Krankenkassen nur für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre besteht. Erwachsenen können diese Medikamente derzeit nur als sog. "Off-Lable-Use" verschrieben werden. Näheres dazu findet ihr auf unserer Erwachsenen-Seite.
sonstige Medikamente
Wo Stimulanzien nicht verordnet werden können oder sollen, haben Medikamente aus den beiden folgenden Gruppen noch eine Bedeutung für die Behandlung von ADHS:
Antidepressiva
Hierzu gehört Strattera® (Lilly) mit dem Wirkstoff Atomoxetin, das ausdrücklich für die Behandlung von ADHS konzipiert wurde. Im Gegensatz zu Stimulanzien unterliegt Strattera nicht dem Betäubungsmittelgesetz.
Da erst im Frühjahr 2005 in Deutschland eingeführt, liegen uns noch keine verwertbaren Rückmeldungen "unserer" Eltern vor.
Neuroleptika
hierzu haben wir keine Erfahrungsberichte
Informationen ADHS-Medikamenten
!! Stimulantien nur noch in Ausnahmefällen - per Beschluss des G-BA vom 16.09.2010 ist die Verordnung von Methylphenidat-haltigen Medikamenten zur Behandlung von ADHS bei Kindern und Jugendlichen künftig streng reglementiert; die BundesPsychotherapeutenKammer hat eine verständliche Zusammenfassung ins Netz gestellt, für weiterführende Infos lohnt sich ein Blick in die "zusammenfassende Dokumentation" (pdf) 27.09.10
Studie: Hinweis auf positive Langzeitwirkung von Methylphenidat 27.09.10
ADHS: die medikamentöse Behandlung - 10 Fragen und Antworten, Broschüre zum Download von Medice 27.09.10
Diagnose und Therapie der ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter (pdf), Zusammenfassung aktueller Erkenntnisse der NICE-Guidance, AVP Januar 2010 26.09.10
Video hilft, Methylphenidat besser zu dosieren, Ärzte Zeitung vom 15.05.2008 05.10.08
Liste von GKVs, mit denen Rabattverträge für Concerta 18 mg abgeschlossen wurden; bei diesen Kassen wird keine Zuzahlung erhoben.
Siehe zu diesem Thema auch die Stellungnahme der Fachverbände "Auswirkungen der Rabattverträge auf Patienten mit ADHS" (pdf-Datei) 05.10.08mögliche Effekte von ungesättigten Fettsäuren auf die ADHS-Symptomatik ..., Untersuchung von Döpfner und Frölich 05.10.08
Methylphenidat in Schweden verboten? Stimmt nicht 05.10.08
Strattera: auch als 80 mg-Kapsel 05.10.08
Scheidungskinder erhalten häufiger Ritalin, Ärzteblatt 5. Juni 2007 03.09.07
- "Medikamentöse Therapie des ADHS", Kinderarzt Dr. Heimo Polchau in "Nordlicht" Nr. 05/2007, S. 27 (pdf-Datei) 03.06.07
- Bestimmungen zur Mitnahme von Stimulanzien ins Ausland 21.01.06 Link
- Ritalin®, /-SR /-LA Fachinformation des Arzneimittel-Kompendiums, Schweiz (9/2001)
- Buchtipp"Medikamente und ADS Gezielt einsetzen - umfassend begleiten - planvoll absetzen", Dr. M. Huss, Urania Verlag 2002, ISBN 3-332-01347-5
- Häufige Fragen und Antworten zur Stimulanzientherapie add-online (link aktualisiert 1/03)
- Informationen zu Ritalin® Vergleich der Beipackzettel Deutschland - USA, Zusammenstellung Hypies
Mythen & Fakten
Darum geht's im "Glaubenskrieg"
Befürchtungen/Behauptungen/Hypothesen:
Methylphenidat (MPH) (Ritalin®, Medikinet®, Equasym®)
- "....wird unqualifiziert und zu häufig verordnet",
- "... macht süchtig",
- "... verändert die Persönlichkeit",
- "... verursacht unwägbare Spätschäden",
- "...begünstigt die Entwicklung von Parkinson" (Hüther-Hypothese)
Bevor ihr euch von solchen und ähnlichen Meldungen beängstigen lasst und womöglich in wilder Panik notwendige Medikamente absetzt, solltet ihr euch erstmal Informationen aus seriösen, kompetenten Quellen beschaffen. Nachfolgend findet ihr eine Reihe von Infos und Beiträgen zu diesen Themen. Wer noch mehr wissen möchte, darf sich gerne durch unsere Linkliste klicken.
zu häufig verordnet?
- internationaler Vergleich - Ausarbeitung von R. Ziegler 06/2002
- "Methylphenidat bei hyperkinetischen Störungen" - Verordnungen in den 90er Jahren, Lehmkuhl et al. Link neu 03.06.07
- Diskussion zum obigen Beitrag im Deutschen Ärzteblatt Link neu 03.06.07
- warum ein Gynäkologe Ritalin verschreibt Link neu 03.06.07
- Methylphenidat und kein Ende? Prof. Fegert zu Bedenken und Verordnungszahlen (link aktualisiert 1/03)
zu Risiken und Panikmache
- Keine Wachstumsstörung durch ADHS-Mittel, Ärzte Zeitung 03.02.2010 27.09.10
- Zappelphilipp und Drogen Medical Tribune 02/2003
- Stimulanzientherapie: Gefahr für Kinder und Jugendliche? Prof. Gerlach in: Neurotransmitter 7/8 2002
- Sorgfalt ja, Sorge nein Elterninfo d. Uni Göttingen (03/2002)
- Warnung vor Methylphenidat ist unbegründet Ärzte Zeitung 18.03.2002
- Dr. Stollhoff zum Spiegel-Interview mit Prof. Hüther 14.3.2002
- Ritalin: Parkinson-Vorwurf ist unverantwortlich Kinder- und Jugendärzte-im-Netz 14.03.2002
- Methylphenidat (Ritalin®) bei hyperkinetischen Kindern AkdÄ 14.2.2002
- Novartis zur Parkinson-Hypothese (link aktualisiert 1/03)
- Der Streit um das Ritalin® (Methylphenidat) und Langzeitstudien R. Sponsel 5.12.2001
- Stellungnahmen der AG ADHS zu Presseberichten ab 10/2001 (link aktualiert 1/03)
- ADD-Forum warnt vor Geschäft mit der Angst vom 08.11.2001 21.01.2006 Link
- Leserbrief von Dr. Ziegler zu Rattenstudien vom 06.06.2001 21.01.06 Link
- Macht Ritalin Hirnschäden? Prof. Trott
- Medikation macht nicht abhängig Ärzte Zeitung 23.5.2001
unbehandelte ADHS
- ADHS-Kind heute und morgen, Dr. Ryffel, Februar 2003
- Beiträge im Forum ads-hyperaktivität 25.2.2002
- Buchtipp Neuerscheinung: "Hochriskio ADHS - Plädoyer für eine frühe Therapie" von Stollhoff, Mahler, Duscha, Schmidt-Römhild-Verlag 2002,ISBN 3-7950-0778-X
- Hyperaktives Kind gehört therapiert, nicht in eine Sonderschule Ärztezeitung 14.1.2002
- "Gefährdete Kinder im Vorschul- und Schulalter", Vorstudie und Literaturanalyse KiJu-Psychiatrie Bern, 9/2001 (link aktualisiert 5/03)
- Eine zu späte Diagnose kann fatale Folgen haben Ärztezeitung 21.6.2001
- Langzeitfolgen von unbehandeltem ADHSBernhard Klasen 5/2001
- Nur bei früher Therapie... Ärztezeitung 4.4.2001
- Aufmerksamkeitsstörung prädestiniert zu schweren Unfällen Ärztezeitung 5.4.2000
- Untersuchung von Biederman et al. in Pediatrics 8/1999 (englisch)
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