Die drei Formen des menschlichen Bewußtseins

Bodo Wenzlaff

Das menschliche Bewußtsein bildet eine Art von geistigem Dreieck, dessen Ecken geprägt sind: a) von dem wissenschaftlichen Weltbild; b) von der Ideologie (also Weltanschauung oder Religion) und c) von seinem Selbstbild als einem Ideal seines individuellen Wesens.

Das menschliche Bewußtsein ist so bunt und vielfältig wie Form und Größe mathematischer Dreiecke.

Das wissenschaftliche Weltbild (WB) ist in seinem philosophisch-erkenntniskritischen Selbstverständnis allen Menschen der Erde zugänglich und für alle gleich und deshalb auch die geistige Grundlage des arbeitsteiligen Zusammenwirkens der Menschen in einer spezifischen Gesellschaftsordnung.

Das WB ist aus prinzipiellen Gründen nach vorn offen, d.h. kritisierbar und veränderbar.

Die Ideologie (=Weltanschauung [WA]) ist einerseits das Verhältnis von Menschengruppen zu ihrer sich aus der Gesellschaftsordnung ergebenden sozialen Lage in der Gegenwart und ihrer Mitverantwortung für die Schaffung einer idealisierten Zukunft dieser oder einer anderen Gesellschaftsordnung (politische WA) und andererseits das Verhältnis zum Lebenssinn in all seinen Formen und mit all seinen sich daraus ergebenden Normen für die Lebensführung (philosophisch-religiöse WA).

Das Selbstbild (SB) des Menschen ist seine Freiheit, sein persönliches Verhältnis zum WB und zur WA zu entwickeln, eben seine Persönlichkeit im Rahmen seiner Gesellschaft zur Entfaltung zu bringen. Das SB bestimmt das persönliche Engagement (positiv und negativ) für die Mitgestaltung der Gesellschaft durch Beteiligung am WB bzw. seiner Umsetzung (z.B. Aus- und Weiterbildung) und seiner Beteiligung an der WA (z.B. Mitgliedschaft in Parteien, Kirchen u.a.).

Das Ideal eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft ist die Ausbildung eines gleichseitigen Dreiecks zwischen den drei Formen des menschlichen Bewußtseins, weil keine dieser Formen durch eine der anderen ersetzbar ist. Die Ecken dieses Dreiecks stehen auch für a) menschliche Vernunft; b) soziale Verantwortung (Sitte und Moral) und c) Wert und Würde menschlicher Persönlichkeit.

Den drei Formen des menschlichen Bewußtseins entsprechen auch die drei Formen ihrer Entartung (durch den Anspruch, die weils anderen beiden Formen mit ersetzen zu können:

Die wissenschaftliche Weltanschauung. Hier wird das WB gleichzeitig zur WA. Um im Dreiecksbild zu bleiben: Das Dreieck entartet zu einer Linie, die keinen Raum für das SB läßt, weil letztlich alles „wissenschaftlich" erklärt und gelöst werden müsse. Das ist gleichzeitig das „Ende der Aufklärung", weil Aufklärung zur Ideologie gemacht wird.

Die fundamentalistische Ideologie. Hier wird die Ideologie zum Dogma, dem sich sowohl das WB als auch das SB unter- und einzuordnen hat. Es gibt keine „Wahrheiten" jenseits einer sich so begreifenden Ideologie. Auch das ist das „Ende der Aufklärung", aber aus dem entgegengesetzten Grund: Die Ideologie macht das WB für das SB überflüssig. Sie reduziert damit das SB auf die bedingungslose Unterordnung unter die Ideologie.

Die entartete Individualität. Hier wird alles jenseits der Individualität Liegende zu einem bloßen Mittel, ohne jeglichen Eigenwert. Moral und Verantwortung entarten in die Form unbestimmbarer Beliebigkeit; Wert und Würde eines Menschen reduzieren sich auf sein vorweisbares Geldvermögen, das zum einzigen Kriterium für die Unterscheidung der Menschen aufsteigt. Das WB reduziert sich auf die technisch nutzbare Verwertbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse und die WA auf ihre Nutzbarkeit für persönliche Vorteile (Macht und Reichtum). Auch hierin kündigt sich das „Ende der Aufklärung" an, weil Aufklärung ihren menschenbildenden Wert verliert und Bildung generell zur bloßen Ausbildung entartet.

Natürlich ist die vorgenannte Entartung niemals vollständig realisierbar, weil ebensowenig, wie es den perfekten Menschen geben wird, auch der perfekte Unmensch realisierbar ist. Es handelt sich daher immer nur um Deformationen, denen die vorgenannten Entartungsformen zugrunde liegen.

Obwohl in einer Gesellschaft bestimmte Entartungstendenzen vorherrschend und bestimmend sind, bilden sich zwangsläufig – als Kompensation – immer auch die anderen Entartungen aus. Während der Kommunismus auf der Entartung des WB beruhte, das auf die Gesellschaft übertragen werden sollte, ist der Kapitalismus ein Beispiel für entartete Individualität, deren Prinzipien der Wirtschaftstätigkeit und politischen Staatsgestaltung zwangsläufig zum Marktfundamentalismus entarten, dessen geheiligte „Wahrheiten" nicht hinterfragbar sind.