Reichwerden will gelernt sein

Bodo Wenzlaff

 

„Reichwerden" ist zu einem Beruf geworden. Als Dienstleistung für andere, die von Banken (die sich nun auch gern „Berater"-Banken nennen) angeboten wird, sind dafür Finanzmanager mit den verschiedenartigsten Spezialisierungen zuständig. Aber man kann „Reichwerden" auch als Nebenberuf betreiben – auf eigene Verantwortung zum eigenen Vorteil. Man ist dann sozusagen sein eigener Finanzmanager. Der Arbeitsplatz ist im Extremfall der Schreibtisch zu Hause mit Verbindung zu einer Bank, die wiederum Transaktionen an der Börse ordert. Diese Tätigkeit heißt „Spekulieren" als ein so genannter „Daytrader", der vor dem Bildschirm sitzt, die Aktienkurse verfolgt und danach Aktien kauft und verkauft.

Man studiert das Auf und Ab der verschiedensten Wertpapiere, entwickelt ein Gefühl für den richtigen Zeitpunkt, zu kaufen oder zu verkaufen. Es ist ein gigantisches Spiel, in dem täglich Billionen Dollar hin- und hergeschoben werden. Wer gewinnt, das bestimmt der Markt, der Kurs an den Börsen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Der Markt ist anonym und unbestechlich – meint man – wie ein Roulette in einem Kasino. Doch da gibt es einen entscheidenden Unterschied: Die Kurse werden nicht durch einen objektiven, rein physikalischen Mechanismus bestimmt, sondern durch das Handeln der beteiligten Menschen: Die Menschen bestimmen durch das Kaufen und Verkaufen selbst, ob die Kurse steigen oder fallen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es dafür Gründe gibt oder nur Vermutungen und Hoffnungen oder sogar gezielte Manipulationen, d.h. das absichtliche Bemühen, einen Börsenkurs steigen oder fallen zu lassen.

„Wer ist schuld an der Kursvolatilität" (so nennt man die Geschwindigkeit dieses Auf und Ab)? Die Neue Zürcher Zeitung [NZZ] kommt im Mai 2000 auf diese von ihr selbst gestellte Frage zu der Feststellung: „Die Theorie, daß kurzfristig agierende Kleinanleger die Berg- und Talfahrt beschleunigt hätten, hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Es waren vor allem die Großinvestoren."

Das Reichwerdens gelingt also immer nur denen, die schon reich sind, denn nur sie vermögen im Zusammenschluß zu Spekulationsfonds durch das massive Kaufen und Verkaufen zu bestimmen, ob die wirklichen Werte, die hinter den Wertpapieren stehen, nun gestiegen oder gefallen sind, denn es gibt ja keine andere Bewertungsmöglichkeit dafür als den Finanzmarkt. Darauf kann man zwar risikoreiche aber äußerst lukrative Wetten abschließen, die man „Optionen" nennt.

Die Dilettanten im Spekulationsgeschäft mit dem kleinen Geld haben nur die Möglichkeit, sich dem einen oder anderen Trend anzuschließen. Man nennt das auch „Trittbrettfahren". Mit etwas Glück kann man dabei sogar reicher werden als man vorher war. Aber der gerade sichtbare Trend des Steigens und Fallens der Kurse muß nicht immer übereinstimmen mit dem unsichtbaren Trend. Es könnte ja sein, daß Kurse nur deshalb zum Fallen gebracht worden sind, um nun zu viel günstigeren Bedingungen wieder zu kaufen und die Kurse jetzt sogar weit über den Ausgangswert steigen zu lassen. Fallende Kurse könnten also durchaus ein Zeichen dafür sein, jetzt zu kaufen – aber die Wertpapiere könnten auch weiter fallen, so tief, daß Verluste nicht mehr zu vermeiden sind. Das eine vom anderen zu unterscheiden, sich für das eine oder andere zu entscheiden, das macht das Glück der kleinen Spekulanten aus. Wie alle mit dem großen Geld verbundenen Glücksspiele süchtig machen, so gilt auch hier (wie das Hamburger Abendblatt [HA] Anfang Juni 2000 analysierte): „Wertpapier-Zocker brauchen den Kick wie Roulette-Spieler."

Marion Gräfin Dönhoff sieht das in ihrem Interview für das HA so: „Die Regierungen stehen wie vor einem wilden, alles mit sich reißenden Strom und fragen, wo der wohl hingeht? – Wie auch?... Der Stom ist die Wirtschaft, vor allem die Börse, sie bestimmt unser Leben. Die, die dabei zusammenwirken, die Versicherungen, Banken, Investmentfonds, haben die ganze Sache in der Hand. Das haben die Menschen nur noch nicht begriffen. Ihr einziges Ziel sind steigende Börsenkurse – die sind gut für die Aktionäre... Es ist alles so überhitzt. Ich könnte mir vorstellen, daß es einen Börsencrash gibt, der dann die ganze Welt erfaßt."

Selbst die, die das Reichwerden gelernt und geübt haben, sind aber, wenn Gräfin Dönhoff recht hat, dennoch - wie auch der beste Arzt - nicht vor Kunstfehlern sicher. Aber wie ein Arzt trotzdem (von wenigen Ausnahmen abgesehen) Arzt bleibt, so ändert sich auch die Position der Reichgewordenen nur wenig, wenn trotz all ihrer Manipulationskünste an den Börsen etwas Unvorhersehbares passiert, das die NZZ in einem Artikel so überschreibt: „Adieu berauschende Börsenparty!" Wenn der reichste Mann der Welt, Bill Gates, Dollar in zweistellige Milliardenhöhe eingebüßt hat, stört ihn das nicht sehr.

Die Wirtschaftswissenschaft, die von Adam Smith ausgeht, lehrt, daß das durch die Produktion und Dienstleistung erwirtschaftete Mehrgeld, reguliert durch die Gesetze des Marktes, wieder weitere Investitionen und privaten Konsum ermöglicht. Damit ist der Kreislauf geschlossen. Der Lebensstandard steigt, weil alle – wenn auch unterschiedlich – von diesem Mehrgeld profitieren.

Um das etwas kompliziertere Bild vom Funktionieren einer solchen marktregulierten Wirtschaft zu verstehen, muß man berücksichtigen, daß ja ein Teil des Mehrgeldes nicht vollständig wieder ausgegeben wird, um Investitionen zu tätigen oder Konsumgüter zu kaufen, sondern auch gespart wird. Dann bleiben die Waren liegen, weil sie unverkäuflich sind, denn es fehlt ja das gesparte Geld für den Kreislauf. Aber man kann ja auch das gesparte Geld durch Kredite an Betriebe für Investitionen, an Häusle-Bauer und an Konsumenten weitergeben, damit der Kreislauf wieder lückenlos geschlossen wird. Auch der Staat ist in diesen Kreislauf eingebunden.

Diese klassische kapitalistische Wirtschaftsordnung lebt von der Ausweitung der Produktion, ihrer Rationalisierung und dem Wettbewerb auf den Märkten, allerdings nur im Prinzip, denn am Rande entwickeln sich, zuerst zaghaft und scheinbar zufällig, neue Formen: Geld macht dann ganz aus sich selbst Mehrgeld – vor allem wenn es so viel geworden ist, daß man es weder in Neuinvestitionen noch in Krediten unterbringen kann, also einfach nur so „herumliegt" und nach einem „Sparstrumpf" sucht. Dieses Wunder geschieht auf den Finanzmärkten: das Geld ist selbst zur Ware geworden, das gekauft und verkauft wird, allerdings nur, wenn man sich daraus einen Vorteil verspricht.

Geldgeschäfte zerfallen in die seriösen Geldgeschäfte, z.B. Aktien zu kaufen, um am Betriebsgewinn durch eine möglichst hohe Rendite beteiligt zu sein, oder um Zinsen für alle möglichen Arten von Sparguthaben oder Anlagen zu erhalten, und die spekulativen Geldgeschäfte: Man kauft Aktien nicht in Erwartung einer Rendite, sondern um sie wieder gewinnbringend zu verkaufen, weil ihr Wert gestiegen ist. Man kauft um wieder zu verkaufen. Diese zweite Form der Geldvermehrung hat den klassischen Kapitalismus zum modernen Kapitalismus fortentwickelt.

Den spekulativen Geldgeschäften liegt eine Mischung aus dem Mut zum Risiko und der kriminellen Bereitschaft zur Manipulierung der Börsen zugrunde, vor allem aber der naive Glaube an die wundersame Geldvermehrung. Man nennt diese Weiterentwicklung des Kapitalismus auch „Kasino-Kapitalismus". Während aber in einem wirklichen Kasino nur das statistisch errechenbare Glück entscheidet und jede Manipulation an den physikalischen Glücksmechanismen als kriminell geahndet wird, erhebt der Kasino-Kapitalismus diese Manipulation in den Rang der legalen Leistung eines Finanzmanagers. Wenn Soros beispielsweise innerhalb weniger Wochen die Bank von England durch eine gigantische Währungsspekulation um 1,5 Milliarden DM „erleichterte", dann war das nicht nur legal, sondern geradezu bewunderungswürdig.

Im Spiegel 27/1999 konnte man auf S. 83 noch lesen, wie man im ersten Halbjahr 1999 mit Aktien das große Geld machen konnte: „Deutschland liegt mit einem Plus von 7,1% deutlich unter dem durchschnittlichen Wertzuwachs aller Weltbörsen (25,6%)." Das war damals der Auftakt einer maßlosen Kampagne der Massenmedien, die Sparbuchsparer zu verhöhnen. Die Banken forderten sogar die Rentner auf, ihre Sparbücher gegen Aktien zu tauschen!. In Deutschland brach eine Hysterie aus: das Aktienfieber, weshalb die Aktienkurse seit dieser Zeit bei etlichen Sendern als Laufband bei den Nachrichten zu sehen sind.

Nun dachte ich mir damals, als der Wahrheitswert solcher Aussagen (zumindest für den SPIEGEL ) noch außer Zweifel stand und da ja auch Herr Riester die Rente auf private Vorsorge umstellen will, damit die Betriebe nicht völlig unproduktiv ihr gutes Geld in die Sozialkassen stecken müssen, das doch mal zukunftsträchtig nachzurechen. Die freie Marktwirtschaft funktioniert so gut, daß in der Tat alle guten Bürger, wenn sie nur wollen, im Nu reich werden könnten, zumindest, wenn sie das Rentenalter erreichen. Also setzte ich mich hin und rechnete:

Gesetzt ein junger Mensch verwendet an seinem 18. Geburtstag – voll auf die Intelligenz der SPIEGEL-Redakteure setzend – seine Geldgeschenke nicht für ein Moped, sondern wendet 1 000,- DM für seine Altersvorsorge an, indem er für diesen Betrag deutsche Aktien kauft, eben jene, die im Durchschnitt (wie der SPIEGEL damals glaubte) alle halben Jahre um 7,1% in ihrem Wert steigen; dann hätte er als der „Beispielsrentner" nach 45 Jahren zu der ihm dann von der BfA ausgezahlten Durchschnittsrente einen zusätzlichen Betrag von 479 795 DM zur Verfügung. Ob er sich dafür dann ein Eigenheim oder 20 Jahre lang zusätzlich 2000 DM Rente auszahlen ließe (wobei immer noch etwas Kapital übrig bliebe – als Notgroschen oder für die Beerdigungskosten), müßte er dann selbst entscheiden. Wenn er dagegen risokofreudig, wie es ihm die Reichen vormachen, sogar ins internationale Aktien- und Börsengeschäft eingestiegen wäre, weil er aus den Ergebnissen des vergangenen Halbjahres auf den weiteren globalen Siegeslauf des Kapitalismus und die Fortsetzung dieses Trends setzte, könnte er dann sogar mit einem zusätzlichen Betrag von 811 089 845 080,- DM, also rund 400 Milliarden Euro (!), rechnen. Wenn er vielleicht aus Angst oder Geldnot schon nach 20 Jahren aus diesem Geschäft wieder aussteigt, könnte er allerdings „nur" mit 9 Millionen DM rechnen (bei den deutschen Aktien immerhin noch 15 345 DM für einen guten Gebrauchtwagen). Es ist erstaunlich, was aus seinen 1 000,- DM inzwischen geworden sein könnte, wenn, ja wenn der SPIEGEL die Dinge nicht nur rückwirkend, sondern für so lange Zeiten vorausschauend richtig hätte beurteilen können! Trotz der Blauäugigkeit dieser Rechnungen werden die Dimensionen deutlich, in denen eine globale Umverteilung des Geldes auf den Finanzmärkten erfolgt.

Warum Riester nicht damals auf den Gedanken gekommen ist, für jeden Schul- bzw. AZUBI-Absolventen einmalig 1 000,- DM als eine Aktien-Rentenvorsorge auf Staatskosten anzulegen, um sich so die späteren Renten überhaupt einzusparen, ist mir ein Rätsel. Wahrscheinlich hat Riester nicht den SPIEGEL gelesen oder doch inzwischen gemerkt, daß man selbst so renommierten Zeitschriften nicht alles glauben darf.

Voraussetzung für die Funktionstüchtigkeit dieses wunderschönen Modells „Kapitalismus global" ist der unerschütterliche Glaube an die stetig wachsenden Finanzmärkte. Es war und wird auch weiterhin eine der Hauptaufgaben der Massenmedien sein, diesen Glauben zu stärken, denn ohne ihn wären wir hoffnungslos verloren. "Wenn die positiven Effekte der Globalisierung erkannt und ihre Chancen richtig genutzt werden, können Unternehmen, Arbeitnehmer und Verbraucher davon provitieren." [SPIEGEL, ebenda]

Alle müssen sich durch gut überlegte Aktienanlagen anstrengen, um die „positiven Effekte der Globalisierung" zur Geltung zu bringen. Anfangen sollen wir nach neuesten Überlegungen mit der privaten Altersvorsorge in Aktien in Form von so genannten „Pensionsfonds". „Unabhängige Finanzdienstleister sollen die Fonds professionell verwalten, die Einlagen leisten Arbeitgeber und Arbeitnehmer" [HA vom 23.2.01]. Als Beispiel wird „Volkswagen" angeführt, der seine Ausgaben für Betriebsrenten dadurch senken will, daß er seinen Pensionsfond „von einem unabhängigen Treuhandverein verwalten läßt, der durch ein professionelles Management an der Börse Vermögenszuwächse erwirtschaften soll" [ebenda].

Im Klartext heißt das doch, daß Spekulieren zu einer der wichtigsten Formen des Erwirtschaftens von Vermögenswerten geworden ist. Auch der Staat wirft seine Zulagen zur privaten aktienbasierten Rentenvorsorge auf den Kasinotisch des modernen, globalen Kapitalismus. Man beruft sich dabei auch gern auf die positiven Erfahrungen in den USA, wo Arbeitnehmer einen Teil ihres Lohnes, unterstützt durch einen betrieblichen Zuschuß in so einen Pensionsfonds einzahlen. Ehrlicherweise heißt es dort aber: „Die Höhe der Betriebsrenten ist nicht garantiert, sondern vom Anlageerfolg abhängig" [ebenda]. In Japan ist wegen der Wirtschaftskrise die Rendite solcher Fonds auf null Prozent gesunken.

Aber wer rechnet schon mit Wirtschaftskrisen? Der Glaube an den ewig währenden Wirtschaftsaufschwung (wenn auch manchmal mit kurzzeitigem „negativen Wachstum" – eine sehr originelle Wortschöpfung!) kann nicht nur helfen, sondern sogar Berge versetzen, wie man weiß! Von unvorhersehbaren gelegentlichen Einbrüchen an den manchmal „verrückt spielenden" Finanzmärkten darf man sich nicht abschrecken lassen. Letztlich geht doch alles (mehr oder weniger) steil nach oben!