Die 10 Irrtümer des "Fundamentalismus der Geistlosigkeit" (FdG)

Bodo Wenzlaff

1. Naturwissenschaftliches Denken wird verwechselt mit Ontologien über die Natur, mit dem naturwissenschaftlichen Materialismus oder dem Naturalismus. Naturwissenschaft ist mit allen Ideologien und Religionen vereinbar, weshalb Wissenschaftler aller Konfessionen konfliktfrei zusammenzuarbeiten vermögen.

Schon Platon wußte, daß wir "nicht mit den Augen sehen", weil sich das nur Konkrete nicht wiederholt und darum nicht fassen ließe. Es bedarf der Ideenbildung, also eines geistigen Prozesses, um in der Welt überhaupt etwas Bestimmtes sehen und begreifen zu können. Nur bei Unterstellung ontologischen Denkens wurde daraus das Mißverständnis, daß Platon ein über der Materie schwebendes Reich der reinen Ideen angenommen hätte (s. Kanitschneider).

2. Philosophie wird mißverstanden als das wissenschaftlich unbegründbare Spekulieren über das Sein der Welt und den Sinn des Lebens. Angeblich macht der Fundamantalismus der Geistlosigkeit (FdG) philosophisches Denken überflüssig bzw. reduziert es auf Moral.

Die unaufhebbare Berechtigung der Philosophie liegt darin, daß die Wissenschaft die Welt zwar mit Begriffen beschreibt, sich über ihre Herkunft aber keinerlei Gedanken macht, weil sie nicht zu ihrem Gegenstandsbereich gehören.

3. Die Vergewaltigung und Verwahrlosung der Sprache wird durch die Philosophieabstinenz zum Prinzip, ohne dabei zu bemerken, daß Logik und Sprachkultur völlig zerstört werden.

Ein markantes Beispiel ist die Identifizierung von "Gedächtnis" (also dem Aufbewahren von Bedeutungen) und "Abspeichern" (also der Fixierung materieller Strukturen). So wird der Blödsinn, die Gedanken eines Menschen zwar noch nicht heute, wohl aber schon morgen "scannen" zu können, überhaupt nicht sichtbar.

4. Das Phänomen der Information wird nicht einmal im Ansatz verstanden, weil ihre Reduzierung auf das Signal als Bestandteil von Funktionssystemen auf ein Verständnis der "Bedeutung", also dem Kernpunkt der Information, verzichtet.

Obwohl die Information als Einheit von Kodierung und Bedeutung definiert ist, macht man sich nicht einmal die Mühe zu erklären, warum man in der Informatik (Computertechnik), der Hirnforschung und der Genetik die Bedeutung nicht mehr benötigt, um naturwissenschaftlich zu verstehen, was da vor sich geht.

Dort, wo das Leben beginnt, ist auch die Geburtsstunde des Geistes, der Ideen und der Information, denn Bedeutungen sind ideelle Phänomene. Schon die Zelle nutzt einen Teil eines Moleküls (das sog. Schlüssel-Schlüsselloch-Prinzip) zur Kodierung des ganzen Moleküls, auf das es dann reagiert. Aber diese Bedeutung ist eine gesetzte Idee, weshalb die Pharmaindustrie bemüht ist, durch ähnliche, aber in diesem einen Teil identische Moleküle, die Zelle zu täuschen.

Geistige Phänomene erst mit dem menschlichen Selbstbewußtsein beginnen zu lassen, verkennt das Grundprinzip des Geistigen: die Nutzung von Informationsbedeutungen, aber damit gleichzeitig auch die Nutzung von materiellen Funktionsmechanismen, um sich in den materiellen Gesamtprozeß einklinken und als Bestandteil unserer Welt in Erscheinung treten zu können.

Geist ist keine neue materielle Wechselwirkungskraft, wohl aber ein neues Sein in der Zeit, ein nicht punktuelles, von Zeitpunkt zu Zeitpunkt voranschreitendes Reagieren, sondern ein Verweilen in der Zeit, wodurch ein Überblick, ein Vergleich, eine ganzheitliche Mustererkennung und die Bewegung der Dinge in der Außen- und Innenwelt möglich wird.

Nur das Verweilen in der Zeit (ich nenne es das Sein in der Zeitextension) ermöglicht überhaupt erst, den Raum, das bloße Nebeneinander der Dinge, zum Gegenstand (der Wahrnehmung und der Funktionssysteme) zu machen. Der FdG unterstellt die Existenz der Dinge im Raum, weil wir sie im Raum sehen können.

5. Die fälschliche Identifizierung von "Wirkung" mit physikalischer Kausalität, wodurch Geistiges nicht durch ein wissenschaftliches Argument, nicht einmal durch Gründe, sondern einfach per definitionem widerlegt werden soll.

Man unterstellt, daß die Verfechter des Geistigen (Ideellen) annehmen, daß das Geistige direkt auf das Materielle wirken könnte. Aber auf Materielles (so das Argument) vermögen nur die Wechselwirkungskräfte Einfluß auszuüben. Also gibt es Ideelles in der Wirklichkeit (des Naturalismus) nicht oder nur als Illusion oder (wie man gern formuliert) nur als ein "Epiphänomen".

Diese Argumentation läßt außer Betracht, daß das Geistige vermittels seiner Funktionssysteme (mit "in Wartestellung befindlicher Kausalketten" [Konrad Lorenz]) zu wirken vermag, die nur ausgelöst zu werden brauchen, um sich dem materiellen Geschehen in seiner Umgebung beizumischen. Dazu bedarf es aber des Überblicks, um den richtigen Zeitpunkt dafür auswählen zu können. Geistige Prozesse vermitteln so materielle und materielle (= Biotechnik) geistige.

6. Die Identifizierung von Entwicklung und Evolution, wodurch materielle Prozesse und Lebensprozesse ununterscheidbar werden. Evolution enthält immer auch die Entfaltung des Niveaus von Informationen und ist daher primär eine Evolution des Geistes und seiner biotechnischen Funktionssysteme.

Damit ein materieller Prozeß eine Funktion repräsentieren kann, muß er als ein Teil einer Ganzheit dienen. Sie ist das wirklich daseiende geistige Muster dieses Systems von Funktionen, ihre ideelle Einheit. Z:B: ist Pattern matching nur die technische Seite der Bilderzeugung, das Sehen und Verstehen des Bildes dagegen (in einem daseiend ausgefüllten Zeit-Raum) ein geistiger Prozeß.

7. Emergenz und Funktionalität treten im Rahmen des FdG an die Stelle der in Lebensprozessen beobachtbaren Kreativität.

Da der Naturalismus nur die geistlose Funktionalität kennt (ein Mißbrauch des Begriffs "Funktion"!) wird "Emergenz" zu einem geheimnisvollen Wunder, das an die Stelle des Geistes und der Information gesetzt wird. Kreativität durch zufällige und blindwütige, aus der Emergenz hervorgehende neuartige Funktionalität zu erklären, mystifiziert die materiellen Strukturen der Welt und leistet der Esoterik Vorschub. Für Capra wird so die Naturwissenschaft sogar zur "Speerspitze" der Esoterik.

8. Selbstproduzierte Horrorszenarien über die künftige Macht der Roboter, die uns zu den Affen der Evolution macht, über das Gehirn, das unseren Geist und die Willensfreiheit angeblich zu einer bloßen Illusion werden läßt, sowie die Genetik, die künstliches Leben ins Visier genommen hat, bestimmen die Diskussion in der von dem FdG beherrschten Wissenschaften und den Medien.

So meint z.B. Roth im Interview mit dem "Spektrum": "Wenn wir intelligente Androiden mit autonomen Bewertungs- und Entscheidungsfähigkeiten konstruieren könnten, das wäre ein wahnsinniges Risiko."

Im Prinzip sei das denkbar und möglich. Man beachte den schludrigen Gebrauch der Wörter "Fähigkeiten", "Bewertung" und "Entscheidung", bei denen immer Geist vorausgesetzt ist, die hier aber benutzt werden, um den technischen Geistersatz als möglich erscheinen zu lassen. Für Roth u.a. ist es das Gehirn, das denkt, nicht der Mensch. Es sei die Biotechnik und die von uns nachgemachte oder sogar verbesserte Technik, die die Illusion des Geistigen erzeugt.

9. Die "naturalistische Ethik" blendet das Phänomen der Kultur und Zivilisation völlig aus.

Das ist ein sehr weites Feld. Kennzeichnend ist lediglich die Anmaßung, die dieser Ideologie, eben dem FdG, zugrunde liegt.

10. Der FdG zeigt eine erstaunliche Gewaltbereitschaft im Umgang mit Kritikern. Seine Selbstgefälligkeit ist grenzenlos. Der FdG hat nicht nur alle bedeutsamen wissenschaftlichen Gremien und Publikationsorgane, sondern auch die Medien unter seine Kontrolle gebracht.

Moderne Naturwissenschaftler sind zu einer Art "Gedankenpolizei" geworden. Sie benehmen sich wie Gurus, die den wahren Glauben verkünden. Im Dialog entscheiden sie, was vernünftig ist, wobei sie Ideen ins Lächerliche ziehen, die mit ihrer orthodoxen Ideologie im Widerspruch stehen. Die Medien übernahmen das Glaubensbekenntnis der heutigen Naturwissenschaft.