Ich habe einen Gedanken

Bodo Wenzlaff

 

Oder hat der Gedanke mich? Ist da ein Unterschied? Wenn ich einen Gedanken habe, dann ist er ganz in mir. Wenn aber der Gedanke mich hat, dann bin ich nur sein bedeutungslos gewordenes Anhängsel, denn er könnte auf die gleiche Weise auch in den anderen Menschen sein. Im Gedanken übersteigt sich der Mensch. Er verflüchtigt sich in die Idee, die er in die Welt gesetzt hat.

Der interessanteste und gleichzeitig absurdeste Gedanke ist die Antwort auf die Frage: Was ist der Mensch? Wenn das wirklich ein Gedanke sein könnte, hätte er mit den wirklich existierenden Menschen nichts mehr zu tun. Er würde die Einmaligkeit und somit die Individualität jedes Menschen zunichte machen. Der Mensch läßt sich nicht in einen Gedanken auflösen. Darum sagt der Psychologe, der Mensch sei Körper und Seele, wobei es ein schöner Körper leichter hat, auf seine Seele aufmerksam zu machen. Dieses Pendeln zwischen Körper und Seele ist ein Gefühl, das jeder Mensch nur für sich ganz allein haben kann. Und wenn er einem anderen Menschen sehr nahe ist, dann fühlt er sich in ihn hinein und ist traurig über die Grenzen, die ihm dabei gesetzt sind. Er träumt dann aber um so intensiver von der Verschmelzung zweier Seelen. Aber niemand kann aus seiner Haut heraus. Es bleibt nur eines: wir müssen miteinander reden. Nur, um zum Ausdruck zu bringen, was man fühlt und daß man anders fühlt, weil man ein anderes Ich ist? Das weiß der andere ohnehin. Oder geht es doch um Ideen, die man gemeinsam haben könnte? Was wäre eine Menschheit, oder - bescheidener formuliert - eine kleine menschliche Gruppe ohne den Austausch von Ideen? Nichts Gemeinsames wäre zwischen ihnen, nichts Gemeinsames ließe sich als Ziel ihrer Handlungen formulieren. Und was wäre aus dieser Sicht die Gemeinsamkeit ihrer Geschichte?

Der Mensch ist ein Paradox, sagt Dürrenmatt. Gerade, wenn man die schönsten Gedanken über das Wesen des Menschen formuliert hat, ist einem im selben Augenblick das so hoffnungslos entglitten, was man glaubte, über den Menschen herausgefunden zu haben. Darin besteht die Gefährlichkeit der großen Ideen, die den Menschen begeistern sollen, einer herrlichen Zukunft entgegenzugehen. Je einiger sich die Menschen werden in der Idee von sich, um so hoffnungsloser sind sie verloren, um so erbarmungsloser ist das Erwachen, daß sie ihre Individualität völlig nutzlos aufgeopfert haben. Es macht da keinen Unterschied, ob die Menschen die gleichen Ideen von Gott oder die gleichen Ideen von einer überzeugenden Politik haben. Stets machen sie sich zum Dünger für das ungestörte Wachstum der wahren Reinheit und reinen Wahrheit der Idee, von der sie ergriffen sind oder - ohne ihr Zutun - aufgegriffen wurden.

„Ich habe eine Idee" unterstellt, daß auch andere Ideen in die Welt setzen wollen. Wenn sie verschieden sind, werden sie miteinander kämpfen. Und wo gekämpft wird, da gibt es Sieger und Besiegte. Den Ideen ist es egal, welche von ihnen den Sieg davonträgt. Sie selbst schauen nur zu, wenn die Menschen ihretwegen bereit sind, sogar ihr Leben aufzuopfern. Ideen sind unsterblich. Sie treten manchmal etwas mehr in den Vordergrund, und manchmal ruhen sie sich im Hintergrund aus, damit sie dann wieder in neuem Glanz ins Blickfeld treten können. Ideen verlocken den Menschen zur Hingabe. Sie gaukeln ihm vor, ein Halbgott werden zu können, wenn er der Idee eine menschliche Heimstatt zu geben bereit ist. Ideen öffnen uns den Himmel, aber nur, wenn wir zur Selbstaufgabe bereit sind.