Gesellschatswissenschaft - nicht Ideologie, sondern Metaideologie

Bodo Wenzlaff

 

Der Gegenstand der Gesellschaftswissenschaft (und ihrer Teilbereiche) ist nicht die Gesellschaft, sondern unser Bild von der Gesellschaft. So ist ja auch der Gegenstand der Naturwissenschaft nicht die Natur, sondern unser Bild von der Natur.

Darum – so Popper – sind wissenschaftliche Aussagen über die Natur niemals verifizierbar, sondern immer nur falsifizierbar. Ebenso sind gesellschaftswissenschaftliche Aussagen über die Gesellschaft nicht verifizierbar, was die endgültige Richtigkeit einer Ideologie bedeuten würde, sondern nur falsifizierbar, was die Weiterentwicklung, revolutionierende Neubildung und Reformfähigkeit von Ideologien zum Ausdruck bringt.

Während die Naturwissenschaft unser Bild von den „Taten" der Natur, also unser Bild von den in ihr wirkenden Gesetzen ständig weiterentwickelt, ist die Gesellschaftswissenschaft ein Bild von den „Taten" der Menschen in der Gesellschaft. Die „Gesetze" dieser Taten sind die Ideologien, von denen sich die Menschen leiten lassen.

Ideologien enthalten zwei verschiedene Seiten:

Sie kennzeichnen einerseits den Glauben der Menschen, durch ihr Handeln sowohl die eigenen Interessen zu erreichen als auch dem Allgemeinwohl zu dienen. Individuelle Interessen bedürfen geradezu ihrer gesellschaftlichen Rechtfertigung.

Sie bewirken Veränderungen im Zustand und in den Funktionsweisen der gesellschaftlichen „Wirklichkeit", d.h. des Bildes von dieser Gesellschaft, wobei die Wahrnehmung dieser Veränderungen qualitativ und quantitativ verschieden sein kann.

Ideologien sind aus diesem Grund reflexiv, d.h. sie bestätigen und verändern sich im und durch das praktische Handeln der Menschen in der Rückbesinnung und Bewertung der in der Gesellschaft erreichten Veränderungen. Aus den Erfolgen und Mißerfolgen werden Bestätigungen und Falsifizierungen ideologischer Erwartungen. In den Ideologien wird sich der Mensch selbst Gegenstand seines gesellschaftlichen Handelns.

Das so genannte „gesellschaftliche Wesen des Menschen" ist weder eine ontologische Gegebenheit noch ein Ideal, dem man sich mehr und mehr nähern könnte oder müßte, sondern die Reflexivität seines gesellschaftlichen Handelns, wobei aus Kritik und neuen Einsichten verändertes und vermeintlich auch verbessertes Handeln erwächst.

Es gibt kein anderes Kriterium dafür, ob sich gesellschaftliches Handeln zum Wohle der Gesellschaft verbessert oder verschlechtert hat, als eben die ideologische Bewertung dieser Veränderungen. Was in den Augen der einen Ideologie Fortschritt ist, kann in den Augen der anderen ein Zeichen für den unaufhaltsamen Niedergang sein.

Die Gesellschaftswissenschaft ist im Grundsatz und ihrem Wesen nach selbst keine Ideologie, sondern eine Metaideologie und darum Kennzeichnung der Grundlagen und Funktionsweisen der verschiedenen Ideologien. Sie ermöglicht und befördert die Kritikfähigkeit in allen gesellschaftrelevanten Ideologien und die Toleranz im Umgang zwischen ihnen.

In der bisherigen Menschheitsgeschichte wurde die Gesellschaftswissenschaft von der jeweils herrschenden Ideologie usorpiert. Auch die Naturwissenschaft hat es nur in einer Minderheit ihrer Vertreter zu einer Befreiung von der ideologischen Vorherrschaft von Ideologien gebracht. Der heutige ideologische Zeitgeit versteht die Naturwissenschaft nicht als ein (im philosophischen Sinne) gegenständliches wissenschaftliches Bild von der Natur, sondern entweder als einen geistlosen weltanschaulichen Materialismus oder als eine sich offenbarende esoterisch oder religiös determinierte Natur.

Eine offene Gesellschaft bedarf sowohl des Bildes von der Natur, als auch des Bildes von der Gesellschaft, also einer metaideologischen Gesellschaftswissenschaft.

Beim Naturbild geht es nicht nur um die gesellschaftliche Nutzbarmachung der Naturkräfte, sondern auch um die menschenbildende Einsicht in die Gegenständlichkeit dieses Bildes und damit die Wertschätzung der menschlichen Fähigkeit zur Erkenntnis und zur geistigen Kreativität.

Beim Gesellschaftsbild dient die Unmöglichkeit der Verifizierbarkeit einer Ideologie der Vermeidung von Fanatismus bei ihrer Nutzung für eine Orientierung in der Gesellschaft und die Möglichkeit ihrer Falsifizierung in einigen konkreten Punkten der Entfaltung von Kreativität im gesellschaftlichen Handeln, also der Verbesserung der Gesellschaft in kleinen Schritten.

Die Politik hat in einer offenen Gesellschaft nicht die Aufgabe, eine der in der Gesellschaft herrschenden Ideologien zur Macht zu verhelfen (oder entsprechende Koalitionen zu bilden), sondern

die herrschenden gesellschaftlichen Kräfte zu kontrollieren;

die Reformfähigkeit gesellschaftlicher Institutionen zu erhalten;

die Formen der Beteiligung aller Menschen an gesellschaftlichen Entscheidungen zu organisieren und ständig zu verbessern.

Das ideologiefreie Natur- und Gesellschaftsbild ist die Voraussetzung und der Rahmen für die gesellschaftliche Beförderung kreativer Individualität und gegenständlich bestimmter menschlicher Freiheit sowie für die gesellschaftlich gewährte Menschenwürde.