Die Entartung des wissenschaftlichen Denkens

Ein Pamphlet

Bodo Wenzlaff

 

Die Wissenschaft – so glaubt man – sei objektive Erkenntnis und deshalb als ein geistiges Kulturgut der Gesellschaft unangreifbar. Päpstlicher als der Papst verkünden ihre Jünger aber heute die dümmsten Behauptungen über den angeblichen Inhalt der von ihnen erzielten technologischen Errungenschaften und Forschungsergebnisse. Dabei gibt es Null Toleranz gegenüber Andersdenkenden auf der Grundlage einer absoluten Beherrschung der wissenschaftlichen Gremien und aller Publikationsmöglichkeiten.

Dem schockierenden Charme ihrer selbsternannten und selbstgefälligen Gurus unterliegen auch die Massenmedien. Der reichste Mann der Welt, Bill Gates, fühlt sich berufen, auch dem modernen wissenschaftlichen Denken die Richtung zu weisen, wie nicht nur die angeheuerten Wissenschaftler, sondern auch wir einfachen und dummen Menschen von heute über die Intelligenz von morgen zu denken haben: In ComputerBild 2/97 wird über ein Interview berichtet, daß Microsoft-Chef Bill Gates dem US-Magazin Time gegeben hat. Und da erfahren wir Ahnungslosen äußerst Erstaunliches: "Ich glaube nicht, daß menschliche Intelligenz einzigartig ist. Die Neuronen, die im Gehirn für Gefühle und Empfindungen verantwortlich sind, funktionieren alle wie binäre Schaltungen. Eines Tages werden wir sie mit einer Maschine reproduzieren können."

Da haben wir immer auf die dummen Computer heruntergeblickt. Aber die Zeiten werden bald vorbei sein. Die Computer werden unseren armseligen Geist, den von Bill Gates eingeschlossen, sehr bald durchschaut haben und uns zeigen, was wirkliche Intelligenz ist, wenn sie sich erst mal auf den Mikrochips austoben kann. Ängstliche Gemüter werden sich nun vielleicht fragen, ob und wenn ja, welche Religion die Roboter und Computer einmal wählen werden. Hoffen wir, daß es nicht der Islam sein wird und sie dann den Roboter-Gottesstaat errichten.

Man könnte glauben, daß das eine häßliche Verhöhnung der modern denkenden modernen Geistesriesen wäre. Aber an zwei charakteristischen Beispielen – einer Artikelserie im SPIEGEL 19/2000 über Gehirn und Seele und einem ganzseitigen Artikel im Hamburger Abendblatt vom 22/23.7.00 – möchte ich zeigen, wie ernst das alles gemeint ist und wie gläubig und kritiklos die Massenmedien diesem Trend folgen.

Julia Hahn stimmt den SPIEGEL-Leser auf die angebliche moderne Forschungsproblematik ein, wenn sie in "„Baustelle Gehirn" das Forschungsziel in Übereinstimmung mit der (im wahrsten Sinne des Wortes) geistlosen materialistischen Weltanschauung so formuliert: „Forscher versuchen, das Denkorgan zu enträtseln" – soll heißen: die materiellen Seiten der biotechnischen Funktionsweisen des Gehirns so gut zu verstehen, daß das Geschwafel von dem angeblich Geistigen überflüssig wird. Und weiter: „Wie im Gewirr der Nervenzellen Intelligenz und Bewußtsein entstehen, bleibt mysteriös" – soll heißen: ist gar kein Gegenstand der Forschung, denn Mystik gehört nicht in die Wissenschaft.

Es ist richtig und falsch zugleich, wenn sie schreibt: „ Wie das Gehirn in seiner Gesamtheit funktioniert, weiß man allerdings immer noch nicht." In dieser Formulierung verbergen sich gleich zwei Fußangeln, die es nicht nur dem Laien, sondern sogar dem damit beschäftigten Forscher unmöglich machen, den klaren Sinn dieser Aussage überhaupt zu verstehen. Schon an dieser Stelle beginnt die fundamentalistische Ideologie der Geistlosigkeit, die sich für Wissenschaft ausgibt, eine willkürliche, dumme und durch und durch falsche Interpretation zu geben, wenn sie meint, daß „funktionieren" und (das Gehirn in seiner) „Ganzheit" problemlos in ihr geistloses Weltbild eingeordnet werden könnten.

„Funktionieren" und erst recht „Ganzheit" setzen Geist voraus. Das zu zeigen, wäre wissenschaftlich mindestens von ebenso großem Interesse wie das „Gewirr der Nervenzellen". Wer den Geist aus vermeintlich wissenschaftlichen Gründen aus der Wisssenschaft hinauswirft, darf solche Begriffe wie „Funktionieren" und „Ganzheit" nicht einmal in den Mund nehmen, geschweige denn in einem wissenschaftlich gemeinten Artikel verwenden, denn jedes angebliche Argument auf einer solchen Basis verkehrt sich in ein Gegenargument. Im Gegensatz zu dem bloßen Nebeneinander materieller Strukturen auf einem Chip als Ganzheit steht das Nebeneinander von Molekülstrukturen in einer Zelle in einem Bedeutungszusammenhang, der für ihre auf die Ganzheit bezogenes Funktionieren nicht ein bedeutungsloses Epiphänomen, sondern ein untrennbarer Bestandteil ihres „Funktionierens" darstellt. Daß das in einer ideologisierten Wissenschaft nicht einmal gesehen wird (und gesehen werden darf), ist das eigentlich Beängstigende.

Dort, wo es eine Ganzheit gibt, die nicht nur aus Teilen besteht, sondern diese Teile Gründe und Bedeutungen funktionalisiert, der Ganzheit zu dienen, von ihr ihren Sinn erhalten und von ihr kontrolliert werden, ist Geist nicht mysteriöser als eben diese Ganzheit. Der oben genannte Satz müßte also heißen: Man weiß heute, daß das Gehirn eine Ganzheit ist, deren Teile nicht nur kausal zusammenwirken (neuronales Feuerwerk), sondern deren bloßes räumliches Nebeneinander ebenso bedeutungsvoll ist, also ganze Hierarchien von Bedeutungen und damit Geist zu tragen vermag. Man weiß also sehr gut, wie das Gehirn „funktioniert". Dieses Nebeneinander gehört genau so zum Funktionieren wie das Senden und Empfangen von neuronalen Signalen.

Die einzige Alternative, die Frau Hahn für das Verständnis des „Phänomens Bewußtsein" zuläßt, folgt dem weit verbreiteten Schema des modernen Zeitgeistes: entweder reine Wissenschaft oder reine Religion: „Manche Forscher halten das (o.g. Phänomen) für eine Art Abfallprodukt des neuronalen Netzes; andere sehen darin ein Schöpfungsmysterium." Ist das wirklich die moderne Wissenschaft, die den Geist für „eine Art Abfallprodukt des neuronalen Netzes" hält? Kann man eine solche Alternative als „gottgegeben" so einfach im Raume stehen lassen?

Ihre schon im Ansatz dumme Frage: „Ist das menschliche Gehirn eine Art Superrechner?" läßt sie vom Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer mit dem bemerkenswerten Satz beantworten: „Anders als beim Computer läßt sich im Gehirn eine Trennung zwischen Hardware und Software nicht vornehmen." Wenn man beginnen würde, über das „Warum" einer solchen These nachzudenken, käme man dem Problem vielleicht näher. Aber genau das geschieht nicht, weil Software" gedanklich immer mit "Programm" nicht aber mit "Geist""verbunden wird. „Programm" wiederum steht für ein System von Steuerungen. Das hat allerdings den Nachteil, daß solche Steuerunssysteme mit ihren damit gesetzten Zielen nicht vom Himmel fallen, sondern konstruiert werden müssen, wozu – bisher wenigstens – Bedeutung und Sinn setzender Geist erforderlich war. Überhaupt ist die bedeutungsamputierte Information, das reine elektrische Signal, kein ausreichender Baustein, um die „Funktionsweise des Gehirns" aufklären zu können.

Nachdem nun auf diese Weise die Bahn freigeschaufelt ist, auf der sich das entfesselte, ideologisch verbohrte Denken unserer wissenschaftlichen Geistesriesen dem Publikum präsentieren kann, kommen wir zu dem zwar witzigen, aber bitterernst gemeinten Teil des Zitierens bedeutender Wissenschaftler. Es wird laut Ray Kurzweil („The Age of Spiritual Machines") „eine direkte Verbindung zwischen menschlichen Gehirnen und Computern geben, die es ermöglichen, den Inhalt jedes Gehirns zu scannen und Lebenserinnerungen samt Persönlichkeit in einen Datenspeicher zu transferieren." Mit dieser dumm-dreisten Perspektive endet der Artikel. Es wird lediglich vermerkt – wie beruhigend –, daß da wohl noch viel Zeit verstreichen wird, bis diese Horrorszenarien zu verwirklichen seien. Frau Hahn übersieht, daß sie ebenso erfunden sind, wie die Geschichten in schlechten Horrorfilmen. Ob man das im Namen der Wissenschaft darf, ohne sich selbst lächerlich zu machen?

Der SPIEGEL hat eine Schwäche für wissenschaftlichen Unsinn, weshalb solche Stories besonders liebevoll präsentiert werden. Da wird zunächst der seit vielen Jahren bekannt-berüchtigte Kevin Warwick interviewt, der freimütig und leutselig seine Gefühle schildert: „Wenn ein kleiner Roboter im Labor herumläuft, betrachte ich ihn als denkendes Wesen. Roboter haben genau wie Bienen Sinne, mit denen sie die Umwelt wahrnehmen." Dieser Satz ist ebenso blödsinnig wie etwa folgender: „Ich betrachte meine Wand als ein denkendes Wesen. Wenn ich ihr einen Ball zuwerfe, wirft sie ihn mir zurück. Sie hat genauso wie die Biene Sinne, die es ihr erlauben, den ankommenden Ball zu erkennen." Mein Satz ist offensichtlicher Blödsinn. Der von Warwick ist dagegen wissenschaftlicher Blödsinn, den man nur dann als Unsinn bezeichnen darf, wenn man selbst in die Gilde der Wissenschaftler aufgenommen worden ist.

Dem Interview ist ein Bild eingefügt (Chip im Kopf), dessen Betextung wahrscheinlich der SPIEGEL zu verantworten hat, zumindest aber dem geistigen Niveau seiner Redakteure entspricht: „Sobald der Lern- und Speichermechanismus des Hirns entschlüsselt ist, wird es prinzipiell möglich sein, die grauen Zellen mit dem Computer kurzzuschließen. Digital gespeichertes Wissen könnte dann über Schnittstellen zwischen Nervenzellen und Biochips ausgetauscht werden. Auch der Datenverkehr zwischen beliebig vielen Hirnen wäre denkbar. Von jedem Gehirninhalt ließe sich ein neuronaler Datensatz erstellen, eine Art Sicherungskopie. Geist und Wissen könnten so konserviert werden oder im Hirn eines anderen Menschen weiterleben."

Man hat im Gehirn trotz jahrzehntelangem Suchen keinen „Speicher" gefunden. Gedächtnis ist ein völlig anderes Prinzip als das „Abspeichern". Obwohl man das wissen könnte und müßte, wird die These von der angeblichen Identität von biotechnisch und biotechnologisch erzeugten Gedächtnisleistungen und dem Computerspeicher nicht aufgegeben. Diese Blindheit oder Sturheit kann man wahrlich nicht einmal als eine armselig-menschliche Intelligenzleistung bezeichnen.

Warwick sieht die schöne neue Welt so: „Wie Menschen heute miteinander kommunizieren, das ist so langsam und fehleranfällig. Unser Gehirn denkt mit elektrischen Signalen, die für eine Unterhaltung zeitraubend und mechanisch in Schallwellen umgewandelt werden müssen. Das ist furchtbar. Wenn es die Hirnkopplung schon gäbe, könnten wir dieses Interview in Sekunden über das Internet abwickeln."

Der Unterschied zwischen redlichem wissenschaftlichen Denken und wissenschaftlichem Fundamentalismus der Geistlosigkeit liegt darin, daß die Wissenschaft heute lediglich formuliert, daß das Denken mit einem neuronalen Feuerwerk korreliert ist; der am technokratischen Denken orientierte Fundamentalismus dagegen, der die Identität von Lebewesen und Maschine zum Glaubenspostulat erhebt, behauptet, daß der Mensch mit elektrischen Signalen denkt , weshalb es für diese Kategorie von Ideologen auch völlig selbstverständlich ist, daß die Maschinen bald selber denken werden, denn den Umgang mit elektrischen Signalen beherrschen sie ja schon jetzt besser als ihre biologischen „Vorfahren". Von den Computern weiß man, daß sie dumm sind. Wenn Warwick davon träumt, sie dereinst übertreffen zu können, dann sollte er das lieber für sich behalten.

Stolz ist der SPIEGEL auch über einen Essay von dem Neurophysiologen Detlef Linke: „Seele im Schaltkreis". Offensichtlich gibt es keine Philosophie mehr. Denken ist heute nur noch ein neurologisches Problem. Entsprechend sind dann auch die Aussagen zu diesem Thema: „Warum rechnet man einen eingepflanzten Computerchip nicht ohne weiteres zum Eigenen, zur eigenen Identität, auch wenn er manche Funktionen noch zielgerichteter als der Körper erfüllen kann? ... Der Mensch mit digitaler Sonderausstattung könnte selbstbewußt feststellen: Mein Computer denkt besser!" Es gibt offensichtlich keine Hemmschwelle mehr, Mensch und Computer zu identifizieren. Linke kann sich sogar vorstellen, daß ein „eingepflanzter Computer Gedanken in Sprachzeilen verwandeln kann."

Linke denkt scharfsinnig über folgende Frage nach: „Was passiert, wenn man gar den gesamten geistigen Inhalt des Gehirns in einen Computer lädt? Die grundsätzliche Frage, ob das, was wir Seele, Geist und Denken des Menschen nennen, auf beliebigen Materialien realisiert werden kann, bleibt ungeklärt... Möglich immerhin, daß man nach Wiederherstellung aller Gehirnfunktionen auf neuen Materialien zu einem gut funktionierenden Zombie würde." Damit wäre dann in der Tat das Niveau der modernen Unterhaltungskunst erreicht. Aber muß man dazu den Umweg über die Wissenschaft nehmen? Übrigens: Diese angeblich „neue" Erkenntnis ist mindestens 20 Jahre alt. Sie wurde damals aber dem Siegeslauf der Kybernetik als angebliche Konsequenz in die Schuhe geschoben. Es ist also ein sehr alter Hut, der aber offensichtlich durch die moderne Mikroelektronik einen neuen Kopf gefunden hat, auf den er paßt. Bei Gluschkow war 1976 (!!) dieser Hut kein „implantierter Chip", sondern ein Helm:

„Schon heute wird von vielen Wissenschaftlern das Problem der Informationsübertragung in den Computer mit Hilfe von Bioströmen ernsthaft diskutiert. Wenn dieses Problem gelöst sein wird, wird der Mensch nur einen speziellen Helm aufzusetzen brauchen, der die Stromimpulse einfängt, die vom Gehirn im Prozeß seiner Tätigkeit abgegeben werden. Diese Impulse werden dann automatisch dechriffiert, in die Maschinensprache übersetzt und in den Computer eingegeben. Auf eine solche Weise können alle Informationen, der gesamte Denkprozeß unmittelbar in die EDVA (Elektronische Datenverarbeitungsanlage) gelangen. Sie wird die gesamte Denkweise dieses Menschen, alle Nuancen seines schöpferischen Prozesses speichern und alle seine Gedanken wahrnehmen, sobald er über irgend etwas nachdenkt. Gerade auf diese Weise kann man zu einer vollständigen Symbiose des Menschen und des Computers gelangen und eine vollständige Übereinstimmung der Tätigkeit des Gehirns und des Computers erzielen. Ich denke, daß die Wissenschaftler ungefähr bis zum Jahre 2020 dieses Ziel werden erreichen können."

Genau den Ton auch der heutigen „Wissenschaft" treffend heißt es an anderer Stelle: „Wenn wir etwas phantasieren, uns dabei aber in den Grenzen der Gesetze der Naturwissenschaft bewegen, so können wir uns auch folgende Situation vorstellen. Der Mensch bereichert während seines Lebens einen Computer mit seinem Intellekt. Der Computer überträgt nach dem Tode seines Lehrers alle Informationen in das Gehirn eines anderen Menschen, der jünger und noch nicht durch die Informationen eines belastet ist. Nach dem „Gespräch" mit dem Computer wird er, natürlich nur geistig, im gewissen Sinn zum Doppelgänger des Verstorbenen, das heißt, er beginnt genauso zu denken wie sein Vorgänger. Er besitzt den gleichen Vorrat an Informationen, er hat die gleichen Beziehungen zu den ihn umgebenden Problemen, die gleichen schöpferischen Gedanken, die gleiche Forschungsrichtung. Es ist auch möglich, daß er den gleichen Gefallen an den Werken der Literatur und Kunst findet, sich bei ihm die gleichen Charakterzüge entwickeln, er sich für die gleichen Dinge zu interessieren beginnt wie seingeistiger Urvater. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er viele seiner eigenen Charakterzüge verliert, indem sie von selbst allmählich durch andere (ihm von Geburt an nicht gegebene) Charakterzüge ersetzt werden."

Und die Quintessenz dieser Vision? „Dieser endgültige Übergang des Menschen in einen Computer, das heißt nicht nur der Übergang seiner geistigen Leistung, sondern auch der des Selbstbewußtseins, bedeutet die faktische Unsterblichkeit."

Diese merkwürdige Art von Wissenschaftsverständnis hat offensichtlich Schule gemacht. Linke hat sich mit seinen kühnen Fragen selbst Mut gemacht, zum entscheidenden Schlag gegen die altertümliche Menschelei auszuholen: „Es geht um die Frage, wieweit unser Erleben, Fühlen und Bewußtsein an die Art biologischer Zellen gebunden ist, die wir normalerweise im Gehirn haben. Vielleicht kommen weitere Forschungen zu dem Ergebnis, daß unser Erleben auf Silizium- oder Gallium-Arsenid-Schaltungen besser aufgehoben ist." Dieser Unsinn geistert (als Zombie!) – wie ich zeigen wollte – seit Jahrzehnten durch die Hirne der kühnen, an der Spitze der Wissenschaft stehenden Vordenker der angestrebten Forschungsergebnisse von morgen. Daß er nun auch die Bonner Universitätsklinik erreicht hat, zeigt nur die Widerstandsfähigkeit solcher Thesen gegen alle Einwände der Vernunft, der umsichtigen, erkenntniskritischen und verantwortungsbewußten Wissenschaft, der Kultur und des guten Geschmacks.

Im Hamburger Abendblatt – „Die Zukunft braucht uns nicht" – steht Bill Joy, der die Programmiersprache Java entwickelt hat, im Mittelpunkt. Im Magazin „Wired", der „Bibel der Technologieanbeter" (HA), verkündete Joy seine apokalyptischen Thesen. Es waren 20 000 Worte unter der Überschrift „Warum die Zukunft uns nicht braucht". „Sie lösten einen in der Computerindustrie seltenen philosophischen Diskurs aus" (HA). Ob man das, was Computerspezialisten über Computer und Roboter auszusagen wissen, nun unbedingt „Philosophie" nennen sollte, was zwangsläufig einer Inflation dieses Begriffes gleichkäme, also etwa auf der Stufe von „Firmenphilosophie" stünde, bleibe dahingestellt.

Ausgangspunkt ist die provokante Frage von Joy: „Was passiert, wenn ich kein Roboter sein will (etwa wie es Gluschkow ausgemalt hat)? Die schwächere Kultur (also unsere menschliche!) wird ausgelöscht werden, wenn wir uns nicht dagegen entscheiden. Wir werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die natürliche Spezies auf dieser Technologieebene sein." Viel „natürlicher" wird die Macht der Roboter sein.

Joy ist überzeugt, daß Roboter verbesserte Kopien ihrer selbst herstellen werden: „Wir werden uns durch unsere Robotertechnologie ersetzen und nahezu Unsterblichkeit erreichen, indem wir unser Bewußtsein herunterladen (wie es schon Gluschkow prophezeit hat). Doch... wie hoch ist dann die Wahrscheinlichkeit, daß wir anschließend noch wir selbst oder überhaupt menschlich sind?" Das – so das Hamburger Abendblatt – „aus dem Mund eines der klügsten Köpfe der Computerwelt"!

Diese Diskussion unter „Ebenbürtigen", wozu natürlich kein einziger Philosoph gezählt werden kann, obwohl es ja eigentlich eine philosophische Diskussion sein sollte, ist ebenso unsinnig wie charakteristisch. So hält William Haseltine, ein Biotechnologe, der das Unternehmen Human Genome Sciences Inc. leitet und somit die besten Voraussetzungen besitzt, sich über „philosophische" Probleme zu äußern, solche Szenarien zwar „nicht für unvorstellbar, aber die Zeitrahmen sind sehr lang und die Wahrscheinlichkeiten gering". Rodney Brooks, Direktor des Labors für künstliche Intelligenz im MIT, meint: „Es ist zu spät. Der Geist ist aus der Flasche." Goethes Zauberspruch „Besen, Besen, sei´s gewesenn"... rettet die Menschheit nicht mehr.

Einige „Experten" sehen die Zukunft der Menschen zwar ähnlich wie Joy, sind deswegen jedoch nicht beunruhigt: „Eine Essenz des menschlichen Wesens existiert nicht" (zumindest keine, die man nicht auf den Computer „herunterladen" könnte), behauptet Marvin Minsky, einer der Väter der künstlichen Intelligenz. „So etwas wie die Seele des Menschen gibt es nicht." Minsky hat etwa 400 Zentren im Gehirn des Menschen identifiziert, die Eigenschaften kreieren, die wir mit Seele in Verbindung bringen. Wenn wir sie besser verstehen, werden wir in der Lage sein, sie in Robotern zu reproduzieren: „Ja, die Erde wird in die Hände von Robotern fallen, und das ist gut so... Wir sind die Schimpansen der Zukunft, und intelligente Roboter sind unsere Geisteskinder."

Howard Gardner, Psychologe an der Harvard University, widerspricht: „Wir Menschen sollten gut nachdenken, bevor wir die Entstehung einer Welt ohne Bedeutung erlauben – denn dann wäre Existenz etwas Bedeutungsloses.

Diese einzige Denkrichtung, in der Wissenschaft über Bedeutung nachzudenken, Information nicht auf das elektrotechnische Signal zu reduzieren, denn nur damit können Computer und Roboter umgehen, wird aus meiner Sicht vollständig ignoriert, warum ja auch die Philosophie überflüssig geworden sein soll, weil wir in unserem Gehirn ja angeblich auch nur „mit elektrischen Signalen" denken. Wozu sollen also Bedeutungen gut sein? „Die Frage ist", meint Sherry Turkle, Professorin im MIT-Labor für künstliche Intelligenz, „welche Teile unseres Selbst werden wir für bedeutungsvoll halten?" Der Übergang zu einer hybriden Lebensform, in der Roboter und Menschen miteinander verschmolzen sind, wird ein natürlicher sein, meint sie.

Die ganze Armseligkeit der sogenannten modernen Wissenschaft auf dem Gebiet der Hirnforschung und der Informatik sowie der modernen Genetik könnte – alle Gegenargumente niederwalzend, die für diese Klasse von Wissenschaftlern auch geistig viel zu anspruchsvoll wären – deutlicher kaum zum Ausdruck gebracht werden: Je dumm-dreister – so denkt man heute –, um so glaubwürdiger! Es wird allerhöchste Zeit, daß sich die Philosophie zurückmeldet, wenn es sie überhaupt noch gibt und wenn sie eine Chance bekäme.

SPIEGEL 19 / 2000, S. 135

Ebenda, S.136

Ebenda, S. 137

Ebenda, S. 137

Ebenda, S. 138

Ebenda, S. 138

Ebenda, S. 152

Ebenda, S. 154

Ebenda, S. 156

Ebenda, S. 148

Ebenda, S. 149

Kybernetik – Computer – Gesellschaft, ein Gespräch mit V. M. Gluschkow; Verlag MIR Moskau u. VEB Verlag Technik Berlin, 1979, S. 244/45

Ebenda, S.247

Ebenda, S. 250

Ebenda, S. 149