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Die Wirklichkeit des Geistes...
Vorstellung unseres im März 1998 erschienenen Buches Zum Inhalt des Buches: Siehe den Link unter "Die Wirklichkeit des Geistes"
Seit den Anfängen der Philosophie gibt es zwei Denkweisen. Die eine meint, Erkenntnis bedeute das immer tiefere Eindringen in die wahre Beschaffenheit der Welt selbst. Das nennen wir die gegenständige Denkweise: Die Dinge stehen uns in ihrer Unberührtheit leibhaftig gegenüber. Gegenständiges Denken führt immer zu Weltanschauungen. In der Regel wird auch unser naturwissenschaftliches Weltbild so gedeutet. Demgegenüber vertreten wir eine auf Platon zurückgehende, in der Philosophiegeschichte allerdings fast völlig übersehene, andere Denkweise: die Erkenntniskritik. Bevor man die Welt erkennen kann, muß man die Erkenntnis erkennen, so lautet ihr Ausgangspunkt. Man kann die Dinge immer nur im Lichtkegel des Geistes" betrachten. Die Erkenntniskritik geht davon aus, daß belebte Wesen die Fähigkeit besitzen und entwickeln, in der Auseinandersetzung mit der Welt zum Zwecke ihrer Erkenntnis hypothetisch Ideen in die Welt setzen, um aus den flüchtigen Erscheinungen wiedererkennbare, also invariante Objekte zu machen. Natürlich kann man dabei nicht beliebige Ideen in die Welt setzen, weil man mit seinem Leben dafür einstehen muß, aber dem Leben bleibt kein anderer Weg. Diese Denkweise nennen wir gegenständlich, weil der zu erkennende Gegenstand erst gegenständlich gemacht werden muß. Nach der Erkenntniskritik sind es nicht die Gegenstände an sich, die erkannt werden, sondern ihre Gegenständlichkeit. Erst wenn der Geist seine Ideen auf die Reise zu den Dingen geschickt hat und sie nun in den Dingen wiederfindet, kommt es zur Erkenntnis. Dabei muß man natürlich berücksichtigen, daß die Evolution seit fast vier Milliarden Jahren an dieser Produktion von Ideen beteiligt ist, wir also nicht immer von vorn beginnen müssen. Im Verständnis des gegenständlichen Denkens besteht das con-cretum" das Zusammengewachsene" aus den da seienden Dingen der wirklichen Welt und den hier seienden, in der Evolution gesetzten Ideen. So wird die Welt gegenständlich. Sie spiegelt in gleicher Weise den Geist wie der Geist die Welt spiegelt. Der Geist ist danach nicht nur diesseitig in unserem Kopf und die Welt nur jenseitig und gegenständig da draußen, sondern beide haben in der Erkenntnis (und nur in der Erkenntnis) eine gemeinsame Mitte, die aber nach den verschiedenen Seiten hin etwas anderes bedeutet: dort die materielle Welt und hier ihr geistiges Bild. Nur in dieser Mitte berühren sich Geist und Materie: Erkenntnis erkennt sich dabei in den Ideen der Welt, die nun von außen hereinfließend als Informationen beobachtbar sind. Unter Evolution wird meist Anpassung an die Umwelt verstanden. Diese Behauptung ist ein Vorurteil unserer herrschenden Weltanschauungs-Philosophien. Ein biologischer Organismus kennt gar keine ontologisch-gegenständige Welt, an die er sich anpassen könnte. Er ersetzt vielmehr die materiellen Dinge durch Informationen und macht die ihn umgebende Welt dadurch gegenständlich. Informationen lassen sich so als invariante Ideen durch die Zeit tragen. Es ist einfach nicht wahr, daß biologische Existenz auf der Grenze zur ontologisch seienden materiellen Ansichwelt stattfinde. Sie beginnt genau dort, wo die Gegenständlichkeit der Dinge an die Stelle ihrer Gegenständigkeit gesetzt wird. Das ist keineswegs die Erdichtung neuer Dinge, sondern das Herübernehmen dieser Gegenstände in die Anschauung in einer Form, die gleichzeitig das Hinübergeben der eigenen Ideen bedeutet. Diese neue Form des Wechselspiels zwischen Organismus und Umwelt wird kreativ erzeugt, weil sich der Organismus einen Überblick über das Geschehen verschafft. Ein solcher Überblick ist nur sinnvoll, wenn Invariantes betrachtet wird. Und dieses Invariante wird hypothetisch als Idee gesetzt, für die man nun mit seinem Leben einsteht. Anpassung ist Anpassung an die im Laufe der Evolution gesetzten Ideen. Erfolgreiche Anpassung ist kein Beweis, die seiende Welt richtig erfaßt zu haben, sondern nur ein Beweis, daß man mit diesen Ideen leben kann, ähnlich wie ja auch die vielen verschiedenen Götter der Menschen nicht dadurch als Entitäten bestätigt sind, nur weil die an sie glaubenden Menschen sich als lebensfähig erwiesen haben. Diese "Erfindung" einer gegenständlich gemachten Welt ist der Bau eines Hauses, in dem sich das Leben einzurichten gedenkt. Es sind sehr viele Häuser möglich, aber einige stürzen auch ein. Existenz hat eine nur negativ beschreibbare Beziehung zur materiellen Welt: Nur das Unmögliche wird ausgesondert. Aber die Möglichkeiten konstituieren viele Welten. Das spiegelt sich in der richtigen These, daß alles im biologischen Organismus Beobachtbare auch physikalisch möglich sein müsse. Nur die reduktionistische Umkehrung, alles physikalisch Mögliche müsse durch das alleinige Wirken der physikalischen Wechselwirkungskräfte auch aufgebaut worden sein, gilt nicht. Der biologische Organismus hat die Möglichkeit, über das bloße Nebeneinander der Gegenstände physikalische Wirkungsketten zu kontrollieren und zu kombinieren. Dazu bedarf es der Raumeinsicht (Lorenz), die aber eine Zeit erfordert, in der das Fließen der Zeit vergleichend verfolgbar ist, also in einer geistig überschaubaren Zeit. Wir nennen dies einen Zeitraum, eine Zeitextension. Darum wird die Zeitextension zu einer Grundbedingung für die Existenz des Geistes. Die Welt ist für den Geist erfüllt von physikalischen Wirkungen und durchzogen vom Nebeneinander der Dinge, das in der Zeitextension das Unterscheiden und Vergleichen ermöglicht. Die zu gegenständlicher Existenz erweiterte Welt muß es sich gefallenlassen, daß sie durch solche in die Welt gesetzten Ideen bereichert wird. In der menschlichen Erkenntnis, die auf dem Selbstbewußtsein basiert, kommt gegenüber der bloßen Biologie etwas Neues hinzu: die Reflexionsfähigkeit, die als Information gesetzte identifizierende Mitte zwischen Geist und Materie in ihre beiden Pole zerlegen zu können. Biologische Wesen haben keine Wahl, ihr Verhalten ist nur die Kehrseite ihres angeborenen und erworbenen Wissens. Erst nach der Entstehung einer begrifflich-deskriptiven Sprache und einem Bewußtsein der eigenen Existenz in Vergangenheit und Zukunft ergaben sich Möglichkeiten, das Wissen zu hinterfragen. Und daraus erst, wiederum als Kehrseite, entstanden die verschiedenen Möglichkeiten, das Wissen in Überzeugungen einzubetten, die gern als eine höhere Form von Wissen interpretiert wurden und werden, eben als ein Metawissen vom Wissen. Geist und Materie sind trotz ihrer identifizierenden Mitte in der Information deutlich voneinander unterschieden. In der materiellen Welt zeigen sich die Ideen konkret in den einzelnen Dingen als das Wesen" dieser Dinge. Im Geistigen dagegen sind die Ideen rein und ganzheitlich. Erkenntnis ist im erkenntniskritischen Verständnis die Identifizierung einer in der Welt gefundenen konkreten Idee mit einer reinen" Idee, wobei die immer vorhandenen Abweichungen im Konkreten ignoriert werden müssen, was natürlich ein Risiko in sich birgt. Dieser Unterschied zwischen den konkreten und den reinen Ideen deutet auf verschiedene Seinsweisen hin, die als Seinsweisen der Zeit beschreibbar sind. Im materiellen Geschehen spielt nur der Ablauf der Zeit eine Rolle, der es uns ermöglicht, zu beobachten, wann ein Prozeß beginnt und wie lange er dauert. Das ist die Welt der Zeitdauer, die Welt der Materie. In dieser Welt gibt es keinen Geist. Die moderne Gehirnforschung beschreibt das neuronale Feuerwerk im Gehirn mit einer erstaunlichen Präzision, aber was das mit Geist zu tun hat, vermag sie nicht zu formulieren. Die reinen Ideen - und das wußte schon Platon - sind in dieser Welt der Zeitdauer nicht zu finden. Der Geist ist weder nur diesseitig noch nur jenseitig, sondern ein Verhältnis. In der Sprache der Information kodieren materielle Strukturen die konkreten Ideen, und die konkreten Ideen kodieren wiederum die reinen Ideen, die nun in der Zeitextension tatsächlich existieren und deren Bedeutungen da draußen in den Dingen der Welt liegen. Die Welt löst sich in der Erkenntnis in die Ideen über sie auf, aber die Ideen lösen sich wieder in die wirkliche Welt auf: Die Welt ist für uns so, wie wir sie sehen. Wahrheit ist nicht der bedingungslose Anfang, sondern die Überzeugung, daß es überhaupt möglich ist, die "wahre" Beschaffenheit der Welt aufzudecken. Unsere Meinung von der Welt wird für wahr gehalten, denn sonst hätten wir ja nicht diese Meinung. Nietzsche sagte, auch unsere Vorfahren vor Jahrtausenden hatten das Wissen, daß man durch Rudern ein Schiff bewegen kann, aber welche Überzeugung ergab sich daraus für die Wirklichkeit der Welt? War das Rudern nicht nur eine rituelle Handlung, die die Dämonen zwingt, das Schiff in Bewegung zu setzen? Konnte man nicht auch durch Gebete die geistigen Mächte der Welt dahingehend beeinflussen, Regen zu schicken? Manches sehen wir nicht gleich ganz richtig, wird man einwenden, aber der Weg führt uns zu immer genaueren und besseren Wahrheiten. So hält sich auch der Irrtum immer in Grenzen: Er ist die Brücke von einer Wahrheit zur anderen. Hier beginnt die Problematisierung der Wahrheit durch die Erkenntniskritik, die ja nicht die Kritik einer konkreten Erkenntnis ist, sondern unsere Erkenntnis überhaupt einer genaueren Betrachtung unterzieht. Erkenntnis hat, wie Kant sagt, immer "zwei Enden": Auf der einen Seite das Ding an sich, und auf der anderen Seite der in Anschauung und Begriff umgewandelte Gegenstand. Platon beschreibt diese beiden Seiten - genauer als Kant - als einen Prozeß der "Umwendung" in der Erkenntnis, bei dem der Erkennende nicht auf den Gegenstand blickt, sondern sich umwendend darauf, womit er ihn ergreift. Während also das Wissen stets den Blick auf ihren Gegenstand richtet, kehrt die Erkenntniskritik diese Blickrichtung um: Sie blickt von der Erkenntnis auf den Erkennenden und überhaupt nicht auf den dort seienden - gewissermaßen jenseitigen - Gegenstand. Erkenntniskritik bleibt diesseits der Erkenntnis. Platon unterscheidet zwischen Erkenntnis als einer philosophischen Kategorie der diesseitigen Bedingungen des Wissens und dem Wissen vom wahren Wesen des Gegenstandes. Darum gilt für das Wissen das klassische Wahrheitskriterium: Übereinstimmung der Aussage mit dem Gegenstand. Dies aber ist eine reine Tautologie, weil die Wahrheit des Wissens eine innere Eigenschaft des Wissens, nicht aber eine Relation zwischen diesseitigem Wissen und jenseitigem" Gegenstand ist. Platon nannte das Wissen, das mehr sein will als Wissen, weil es meint, den jenseitigen Gegenstand enthüllt zu haben, auch doxa oder Meinung. Zum vollständigen Wissen gehört nach Platon das Wissen über das Wissen. Dies untersucht und analysiert die Erkenntniskritik. Im Bemühen, Überzeugungen zu rechtfertigen und auf Wahrheiten zu stützen, kam es in der Philosophie zu den Weltanschauungen. Alle "Lehren", die mit diesem Ziel entwickelt wurden, machen ontologische Aussagen über das (angebliche) Sein der Welt. Die Wissenschaft ist dank ihres Methodenrituals die präziseste Form des Erwerbs von Wissen. Es ist das Verdienst von Popper, nachgewiesen zu haben, daß Naturwissenschaft: 1. ihre Theorien nicht aus Beobachtungsdaten abstrahiert, sondern als eine Hypothese setzt, und 2. ihre Theorien keine Meinung über die wahre Beschaffenheit der Welt verifizieren können, sondern immer nur bisheriges Wissen falsifiziert werden kann, und 3. ihr Gegenstand nicht ein jenseitiges" Objekt ist, sondern immer nur das bisherige Wissen über dieses Objekt. Es gibt einen Doppelsinn in der Gegenständlichkeit: Einmal ist der Gegenstand selbst gemeint, aber als in das Wissen über ihn aufgenommen, weil Wissen und Gegenstand ja nicht trennbar sind, und zum anderen als die Umwendung vom Gegenstand in die reine Form, in der er uns erscheint: und das sind Anschauung und Begriff. Aber das sind keine "Gegenstände" der Naturwissenschaft, sondern der Philosophie. Der Naturwissenschaft bleibt gar nichts anderes übrig, als den Gegenstand mit dem in Anschauung und Begriff beschriebenen Gegenstand zu identifizieren. Das ist nicht tragisch, solange man den Bereich der Naturwissenschaft nicht verläßt. Sobald man daraus jedoch philosophische Schlußfolgerungen zieht, wird die zunächst verborgene Problematik offensichtlich. Der "naturwissenschaftlichen Materialismus" will zum Ausdruck bringen, daß keine Probleme entstehen, wenn wir uns nur konsequent an das Wissen halten. Dadurch wird aber das Problem eher zugedeckt als zugelassen. Es konnte daher auch im Rahmen des naturwissenschaftlichen Denkens nie entschieden werden, ob die Naturwissenschaft ihrem Wesen nach antireligiös oder selbst Ausdruck einer besonderen Art von religiösem Denken sei. Die Weltanschauungen der Naturwissenschaftler differieren erheblich, aber das Weltbild, dem sie sich verpflichtet fühlen, ist dasselbe. Es muß im Wissen selbst begründet liegen, daß es nicht gleichzeitig auch Philosophie sein kann, wie sehr sich das auch die Mehrheit der Wissenschaftler wünscht. Sobald man aber Strukturen des Lebens zum Gegenstand macht, ist man mit der Frage konfrontiert, ob neben der materiellen Seinsweise der Dinge in Raum und Zeit auch eine ideelle (geistige) Seinsweise möglich ist, aber so, daß beide sich nicht wechselseitig im Wege stehen. Wenn es Geist gibt, wo ist er dann anzutreffen? Wenn es ihn im Gehirn gibt, wo hält er sich denn da versteckt? Wir sehen in der Zeitextension einen wichtigen neuen Ansatz, die Phänomene des Geistigen mit unserem naturwissenschaftlichen Weltbild in Übereinstimmung zu bringen. Niemals vermag der Geist direkt auf die Materie zu wirken oder umgekehrt, und doch entstehen Wirklichkeitsstrukturen, die weder als rein materiell noch als rein ideell gekennzeichnet werden können. Wir vertreten hierbei die These: Erst das Verständnis des Geistigen ermöglicht eine Überwindung der naturwissenschaftlichen Probleme bei der Erklärung der Information. Das Wissen besitzt nicht nur Wahrheit, sondern auch Sinn, weil Wissen für den, der es besitzt, sinnvoll ist. Wissen ist in sich sinnvoll, aber es ist neutral gegenüber Anwendungen. Ein neben das Wissen gestellter weiterer Sinn tritt erst beim Übergang von der Naturwissenschaft zur Technik auf. Meist wird undifferenziert vom naturwissenschaftlich-technischen Denken gesprochen, als sei das eine innere Identität. Das ist aber nicht so. Das naturwissenschaftlich-technische Denken hat eine erweiterte Natur zum Gegenstand, erweitert um die in die Welt gesetzte Technik. In der Naturwissenschaft wird kein Unterschied gesehen, weil ja auch technische Systeme nach den gleichen Gesetzen funktionieren, die für alle materiellen Dinge gelten. In Wahrheit gibt es aber einen gravierenden Unterschied, der sich als Kurzformel so formulieren ließe:
Der Geist schaut beim Funktionieren der Technik allerdings nur zu. Er ist kein Teil im technischen Mechanismus. Aber damit er überhaupt zuschauen kann, muß ihm eine besondere Existenzweise in der Zeit zugebilligt werden, die wir eine Zeitextension nennen. Der Geist ist einzig und allein in einem solchen Zeitbereich lebendig. Geist ermöglicht erst durch seine Existenz in der Zeitextension die Konstruktion neuer Prozeßabläufe, die er nun wiederum verfolgen, kontrollieren und verbessern kann. Es gilt daher auch die Umkehrung der These vom epiphänomenalen Geist:
In seiner Technik zeigt sich der Geist in seiner materiellen Wirkungsweise, im Sinn dagegen in seiner ideellen, in der sinnvollen, zielstrebigen und ausprobierend-tastenden Verwertung seines Wissens von der Welt. Die Natur selbst besitzt nicht zusätzlich auch noch eine Technik und daher - in diesem naturwissenschaftlichen Kontext - auch keinen Sinn, aber der Geist vermag technische Prozesse zu gestalten, weil er sie in ihren räumlichen Beziehungen und Abläufen überblicken und verfolgen kann. Der Geist bleibt immer in der Zeitextension, während seine Technik ganz in die Welt der von Zeitpunkt zu Zeitpunkt voraneilenden materiellen Prozesse eingebettet wird. Der Geist hat zwar bei der Konstruktion eine Rolle gespielt, aber für das Funktionieren der Technik ist er überflüssig geworden; allerdings nicht ganz, weil sowohl der Sinn dieser Technik als auch ihre Kontrolle, Wartung und Reparatur ohne den Bezug auf den Geist nicht auskommt. Aber in den Ablauf technischer Geschehnisse greift der Geist nicht ein. Der epiphänomenale Geist, der z.B. die materiellen Hirnprozesse nur begleitet, ist somit nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit bedeutet, daß auch die Technik ein Epiphänomen ist: das Epiphänomen des Geistes. In der Welt der Materie wird der Geist zu einem Epiphänomen, in der Welt des Geistes dagegen die Materie, und zwar sowohl als der materielle Hintergrund des geistigen Bildes von ihr als auch als die materielle Wirklichkeit des Geistes selbst in seiner Technik. Geist und Materie - und speziell Geist und Technik - sind epiphänomenal miteinander verbunden. Das eine verweist immer auf das andere, aber sie werden nie identisch. Es ist somit die Blickrichtung, aus der einerseits die angebliche Identität von Naturwissenschaft und Technik plausibel erscheint, andererseits aber auch der fundamentale Unterschied. In der Reduktion auf die bloße Funktion technischer Systeme verschwindet dieser Unterschied. Er reduziert sich dann nur noch auf den Unterschied zwischen physikalischen und kybernetischen Systemen, wobei sich die Kybernetik mit ihren Grundbegriffen System", Steuerung" und Information" als eine im wahrsten Sinne des Wortes geistlose" naturwissenschaftliche Theorie begreift. In der Kybernetik sieht man sogar den naturwissenschaftlichen Weg zur Erklärung des Geistes und zur Erweiterung des physikalischen Weltbildes zu einem technischen Bild von der Entstehung und Entwicklung des Lebens, ohne diese Technik aber nun selbst wieder als ein Epiphänomen des Geistes zu begreifen. Technik basiert nicht nur auf der Funktionalität physikalischer Systeme, sondern verweist auf ihre Epiphänomenalität. Daraus ergibt sich aber die Integration des Sinns in die Fundamente der Technik. Bei der aus der Naturwissenschaft hervorgegangenen externen Technik ist der Geist von der Funktionalität der Systeme abspaltbar (das Auto z.B.). Bei der Biotechnik dagegen ist der Geist ein nicht abspaltbarer Bestandteil. In beiden Fällen gibt es aber keine direkten geistigen Wirkungen auf materielle Prozesse. Die Redeweise vom Geist als einem Epiphänomen" kann man an einem Bild, verdeutlichen: Bei Erdbeben spricht man von einem Epizentrum und meint damit den Ort, an dem die Verwüstungen am größten sind, weil dem Zentrum, dem Ursprungsort des Erdbebens im Erdinneren, am nächsten. Das Erdbeben entsteht eben nicht an der Erdoberfläche, dort, wo die Häuser zusammenstürzen, sondern meist 5-7 km unter der Erdoberfläche. Ähnlich - so der Gedanke - ist es beim Geist. Was wir an der Oberfläche geistig sehen und erleben, hat seine Wurzeln ganz wo anders, nämlich in den materiellen Strukturen des Gehirns. Wenn wir den Geist erklären wollen, dann müssen wir die Funktionsweise des Gehirns erklären. Was wirkt, das ist allein das Gehirn. Der Geist sei nur eine subjektiv-emotionale Begleiterscheinung der wirkenden Neuronen-Netze. In diesem Sinne sei der Geist ein reines Epiphänomen". Aber dieses Bild gilt auch für die andere Hälfte der Wahrheit: Im unsichtbaren Zentrum der Zeitextension wirkt der Geist. An seiner materiellen Oberfläche treten technische Gebilde auf und verbinden sich mit den übrigen Erscheinungen der materiellen Welt. Hier wird also die Technik zu einem Epiphänomen des Geistes. Dem Epiphänomen Geist entspricht das Epiphänomen Technik. Das Bindeglied zwischen Naturwissenschaft und Technik ist die Information, die auf der einen Seite das Wissen konstituiert, auf der anderen Seite aber auch die Nutzbarkeit des Wissens, die Verwendung der Information als Signal-Baustein für technische und biotechnische Systeme. Die Technik wird so zum Sinn des Wissens. Da der biologische Organismus materiell aus seiner Biotechnik besteht, wird dieses Bild mit einer gewissen Berechtigung auch auf das Funktionieren" des Lebens übertragen, aber mit dem Unterton, daß der Geist prinzipiell nichts anderes sei als ein Epiphänomen. Dieser geistlosen Evolutionskausalität haben wir in unserem Buch die These entgegengestellt und begründet, daß Evolution primär eine Evolution des Geistes ist, aber eines Geistes, der seine Biotechnik immer wieder überprüft, verbessert und auch neue Biotechniken kreiert. Alle materiellen Wirkungsprozesse laufen blind durch die Zeit. Naturwissenschaftlich-technisches Denken hebt diese Blindheit auf und verfolgt die Wirkungsketten in Raum und Zeit. Es konstruiert neue Gegenstände, von denen es bereits weiß, wohin die ausgelösten Prozesse laufen werden. Die Naturgesetze zeichnen keine Richtung im Raum aus. Der Geist nutzt diese Gleichgültigkeit der Wechselwirkungsprozesse gegenüber Richtungsorientierungen, um seine Wirkungen einzubringen. Nehmen wir ein Billardspiel. An dem Zusammenstoß der Kugeln wird in der Schule gern die Energieerhaltung demonstriert. Beim Billardspiel möchte ich aber erreichen, daß durch den Anstoß einer Kugel - beispielsweise nach dem Weg über drei Bande - eine andere so getroffen wird, daß sie einen bestimmten Weg nimmt. Ich überblicke die Spielfläche; ich weiß um das Verhalten der Kugeln, wenn sie voll, halb oder nur streifend getroffen werden, was ich bei meinem gezielten Stoß der ersten Kugel natürlich zu nutzen verstehe. Meine Einwirkung auf die erste Kugel ist dank meines Überblicks vorausschauend berechnet und beabsichtigt. Berechnet" hat hier zwei Bedeutungen. Das hervorzuheben ist wichtig, weil Naturwissenschaft und Technik nur eine Bedeutung kennen, eben die mathematische. Das geht so weit, daß man sogar dem Organismus die Handhabung von Berechnungsverfahren andichtet. Tatsächlich benötigt das Leben nichts derartiges, weil - in unserem Falle - der Lauf der Kugel vorausschauend verfolgt werden kann. Wir sehen den Winkel, unter dem sie die Bande trifft und den Winkel unter dem sie wieder abprallen wird. Diese Art des vorausschauenden Probierens ist die Technologie des Lebens, seine Biotechnik zu entwickeln. Der Geist ist ein Bastler. Aber dazu benötigt er die Existenzweise in der Zeitextension. Nirgends durchbricht der Geist dabei die Welt des Physikalismus. Ein anderes Beispiel aus der Kriegskunst vor zwei Jahrtausenden: Wenn man weiß, daß der Feind durch eine Schlucht hindurch muß, dann ist es zweckmäßig, Steine nach oben zu befördern und sie durch eine leicht entfernbare Barriere daran zu hindern, gleich wieder hinabzurollen und ihre potentielle Energie - durch schweißtreibende Arbeit erzielt - wieder in Bewegungsenergie umzuwandeln. Nun beobachtet man den anrückenden Feind, um im rechten Moment die Barriere mit geringem Energieaufwand zu beseitigen, damit die Steine nun die Feinde zermalmen können. Der Geist war und ist auch noch erforderlich, um durch seine Raumeinsicht den richtigen Zeitpunkt zu bestimmen, um in die in der Umgebung ablaufenden Prozesse gezielt einen weiteren - in Wartestellung befindlichen - natürlichen Prozeß herunterrollender Steine hinzuzufügen. Dieses Beispiel ist ein Gleichnis dafür, daß ein Lebewesen über frei einsetzbare Energie verfügen muß. Verhaltens- und Handlungsabläufe sind nicht nur vorprogrammiert, sondern - und darauf macht Konrad Lorenz immer wieder aufmerksam - in blockierter Wartestellung. Wird durch ein Signal die Blockade aufgehoben, schnurrt der Handlungsablauf nur noch ab. Geist ersetzt also nicht die Technik. Die Alternative: Geist oder (durch den Physikalismus beschreibbare) Technik führt weder zum Verständnis des Geistes noch seiner Biotechnik. Die Biotechnik findet gleichsam in zwei Welten gleichzeitig statt: in der materiellen Welt der Zeitdauer und in der geistigen Welt der Zeitextension. Beide Welten sind epiphänomenal miteinander verbunden. Weil alle Naturkräfte zwar für sich kausal wirken, das Zusammentreffen vieler Einzelprozesse im Raum aber zufällig ist, kann man durch die Aufhebung der Raumblindheit, also durch den Überblick in der Zeitextension, eine Koinzidenz der ablaufenden Einzelprozesse beobachten und einen Zusammenhang hineinsehen, dessen natürliche Zufälligkeit sich mitunter in eine sinnvolle Notwendigkeit verwandeln läßt. Dieses Prinzip liegt auch der Technologie des Gedächtnisses zugrunde. Das Phänomen, daß im Gehirn weit auseinanderliegende unverbundene Neuronen-Prozesse erst in der Koinzidenz eine Bedeutung zu tragen vermögen, also das Raummuster dabei eine Rolle spielt, ist in der Gehirnforschung zwar bekannt, findet aber keine Erklärung. Der auf die Zufälligkeit angewandte Sinn ist geradezu die vom Leben genutzte Evolutionslücke der Materie. Geist ist somit notwendigerweise das Aufbewahren von Zeit in der Zeit, der Überblick über die zufälligen Einzelprozesse. Das in der aufbewahrten Zeit Seiende ist das Hierseiende des Überblicks, die Auflösung des Zufalls in ein sinnvolles Nebeneinander. Alles, was darin Platz findet, ist Geist, der nur durch eine dünne Haut von der fließenden, der zerfließenden Zeit getrennt ist. Zerplatzt dieses Häutchen, dann wird sie im Fluß der Zeit fortgetragen und der umgebenden Materie angepaßt, eingepaßt. Das ist der Reduktionismus des Lebens: die Identifizierung des Geistes mit der Materie im Tode, aber auch die ständige Durchbrechung dieser Reduktion durch das Weitertragen des Geistes. |