DER HELLE WAHNSINN

von Bodo Wenzlaff

 

Eine Komödie in 5 Akten

Ort:: Eine psychiatrische Spezialklinik. Arbeitszimmer des Direktors.

Zeit: Die Neunziger Jahre

Handelnde Personen:

1. Dr. Sigmund Sinnig, ca 60 Jahre, Direktor der Klinik.

2. Hans Lerner, ca 45 Jahre, Schriftsteller.

3. Inge Hahn, ca 30 Jahre, Krankenschwester.

4. Dr. Friedrich Merker, ca 50 Jahre, Biologe, Patient.

5. Sibylle Langbein, ca 35 Jahre, Assistentin an einem psychologischen Forschungsinstitut, Patientin.

6. Hella von Klickersbach, ca 45 Jahre, ehemals Vice-Direktorin eines privaten ökonomischen Forschungsinstituts, Patientin.

7. Krishnan Wuwu, ca 40 Jahre, Religionsstifter, Patient.

8. Gunter Seher, ca 35 Jahre, Politiker, Patient.

9. Heinz Beelitz, ca 40 Jahre, Philosoph, Patient.

 

1. Akt

Dr. Sinnig sitzt vor seinen Akten am Schreibtisch. Er macht hin und wieder eine Eintragung. Es klopft. Krankenschwester Inge bringt einen Gast, den Schriftsteller Hans Lerner. Dr. Sinnig kommt hinter dem Schreibtisch hervor und begrüßt den Gast: "Seien Sie uns willkommen. Wir haben es so selten mit normalen Menschen zu tun!" Dr. Sinnig sieht seinen Gast Hans Lerner während er ihn zum Platznehmen einlädt forschend an, so, als wolle er sein Urteil sofort korrigieren.

LERNER Woran erkennen Sie, daß jemand normal ist?

SINNIG Eine seltsame Frage. Eigentlich fragen wir uns immer nur, ob jemand n i c h t normal ist.

LERNER Dann müßten Sie doch meine Frage beantworten können.

SINNIG Leider nein. Normalität ist auch nur eine Form von Wahnsinn. Und nicht einmal die interessanteste.

LERNER Wahnsinn?

SINNIG Sie sagen es. Für Sie mag das neu sein. Hier bei uns verliert der Wahnsinn seine Abartigkeit.

LERNER Ich kann es einfach nicht glauben.

SINNIG Das sollten Sie aber! Schließlich wollen Sie doch ein Buch über Menschen schreiben, die das Leben in den Wahnsinn getrieben hat?

LERNER Das Schicksal ist oft unbarmherzig. Aber Wahnsinn? Ist das ein Ausweg? Und wenn ja, welcher?

SINNIG Es ist ein Weg, kein Ausweg. Auch das Leben ist ein Weg und kein Ausweg. Das wäre absurd!

LERNER Man hat mir Ihre Klinik empfohlen.

SINNIG Und warum?

LERNER Weil Sie nur die besonders interessanten Wahnsinnigen aufnehmen, nicht die gewöhnlichen.

SINNIG Wenn Sie es so ausdrücken wollen. Wir sind tatsächlich kein herkömmliches Irrenhaus. Ich verwalte die Gelder einer privaten Stiftung. Und da sind Bedingungen formuliert.

LERNER Für die Aufnahme in diese Klinik?

SINNIG Ja. Wundert Sie das? In meiner Klinik gibt es nur die intellektuell Wahnsinnigen.

LERNER Wie soll ich das verstehen? Mein Beruf erfordert Menschenkenntnis. Ich traue mir zu, Wahnsinnige von Normalen zu unterscheiden.

SINNIG Da werden Sie sich aber sehr anstrengen müssen. Meine Patienten haben ihren Wahnsinn aus sich selbst heraus entwickelt. Sie sind keine Mit- und Nachläufer, wie es bei den sogenannten Normalen üblich ist.

LERNER Sie benutzen das Normalsein wie ein Schimpfwort.

SINNIG Finden Sie?

LERNER Ich bin irritiert.

SINNIG Das ist der erste Schritt.

LERNER Der erste Schritt wohin?

SINNIG ... zum Wahnsinn. Anfällig ist nur, wer irritiert werden kann.

LERNER Sie glauben, auch ich sei anfällig?

SINNIG Das weiß ich nicht. Aber wenn Sie ein ehrliches Buch über den Wahnsinn schreiben können, dann ...

LERNER ... dann werde ich selbst wahnsinnig sein?

SINNIG In bestimmter Weise schon. Aber wenn Sie gleichzeitig auch normal bleiben, werden Sie es verbergen können. Nur Sie selbst werden fühlen, daß die Grenzen fließend geworden sind.

LERNER Das ist wohl schwarzer Humor, oder?

SINNIG Ich kann Sie nur warnen.

LERNER Ich hatte erwartet, daß Sie mir helfen.

SINNIG Wobei? Reden Sie selbst mit meinen Patienten. Sie werden schon herausfinden, wie es um sie steht.

LERNER Aber die sind doch wahnsinnig!

SINNIG Wie und warum, das müssen Sie schon alleine herausfinden. Nur soviel: Es gibt Neurosen, Depressionen und andere seelische Defekte, die bis zur Spaltung oder zum Verlust der Persönlichkeit führen. Mit all dem haben wir hier nichts zu tun. Mein Beruf und meine Berufung sind die sehr speziellen Wahnvorstellungen.

LERNER Gibt es denn da Unterschiede?

SINNIG Ja. Ich unterscheide zwischen dem hellen Wahnsinn des Intellekts und dem induzierten Wahnsinn des Glaubens und Fürwahrhaltens. Die private Stiftung sieht den hellen Wahnsinn als Bedingung vor, weil das Geld, enorm viel Geld, von einem Patienten stammt.

LERNER Worin besteht der Unterschied zwischen dem hellen Wahnsinn und ... und dem anderen ...

SINNIG ... dem induzierten ...

LERNER Richtig, dem induzierten.

SINNIG Der hatte und hat viele Gesichter. Vor Jahrhunderten sagte man, es sei gottgefällig, einen Kreuzzug zu machen und den Türken die Köpfe abzuschlagen. Die Leute glaubten das. Dann sagte man, es gäbe Hexen. Und die Menschen verbrannten daraufhin Millionen solcher Ungeheuer. Oder denken Sie an die Ausrottung der Juden durch die Nazis. Und heute?

LERNER Wollen Sie behaupten, ganze Völker seien wahnsinnig?

SINNIG Nennen Sie das meinetwegen "normal". Das Ergebnis ist das gleiche. Der induzierte Wahnsinn ist überhaupt nicht von der Normalität zu unterschei- den, weil er anonym und unsichtbar ist. Man paßt sich ja nur an und macht, was alle machen. Es wäre wahnwitzig, da nicht mitzumachen. Das angeblich Normale ist immer durchsetzt mit induziertem Wahnsinn, der aber den einzelnen Menschen nicht krank macht.

LERNER Und warum macht der helle Wahnsinn krank?

SINNIG Nur die dunklen Wahnvorstellungen sind eine wirkliche Krankheit, weil sich der Patient nicht wehren kann. Sie bleiben in ihrer Herkunft dunkel, ohne Sinn und sind daher kein Wahnsinn, sondern einfach nur Wahn. Alles kriecht aus dem Unbewußten und dem Gefühl hervor wie ein zwanghafter Trieb, der den Lebenssinn nicht erhellt, sondern verdunkelt.

LERNER Und der helle Wahnsinn?

SINNIG Er macht nicht krank im klinischen Sinne. Er treibt in die Einsamkeit.

LERNER Gibt es keinen Weg zurück?

SINNIG Nein. Zum Normalsein gehört Intoleranz. Meine Schützlinge würden verlacht, verfolgt, ausgegrenzt und zur Verzweiflung getrieben.

LERNER Aber doch nur, weil sich die Menschen schützen wollen.

SINNIG Genau das meine ich: Die Gesellschaft schützt sich vor jeder geistigen Verunsicherung. Erlaubt ist nur die zur Normalität heruntergekommene Form des Wahnsinns. Und das akzeptieren meine Patienten nicht.

LERNER Das halte ich für übertrieben!

SINNIG Jeder, der der Normalität verfallen ist, übersieht leicht die Problematik ihrer Herkunft.

LERNER Also, mit Schmeicheleien verwöhnen Sie Ihre Mitmenschen nicht gerade. Ich weiß nicht, worauf Sie eigentlich hinauswollen?

SINNIG Überlegen Sie mal. Wäre nicht die Entwicklung von Bildung, Kultur und Wissenschaft eine der Hauptaufgaben des Staates?

LERNER Sicherlich.

SINNIG Aber können Sie sich und mir dann erklären, warum ein Land für seine Finanzämter mehr Geld ausgibt als für Schulen, Universitäten, Theater und Museen zusammengenommen?

LERNER Das wäre ja Wahnsinn!

SINNIG Es i s t Wahnsinn, aber in einer Form, die die Menschen nicht krank macht, solange sie nicht darüber nachdenken.

LERNER Sie sind links eingestellt, stimmt's?

SINNIG Ich beobachte lediglich, wie das funktioniert, wenn Menschen zum induzierten Wahnsinn abgerichtet werden.

LERNER Ihr rigoroses Urteil erschreckt mich. Gibt es in Ihrem Weltbild keinerlei Spielraum für die Entfaltung von Normalität?

SINNIG Ich bin Arzt und kein Politiker. Ich diagnostiziere Krankheiten und bin wie kaum ein anderer auf den Wahnsinn spezialisiert. Spielräume für Normalität kommen in meinem Vokabular nicht vor. Ich kann mir weder denken noch vorstellen, was das sein soll.

LERNER Und ich bin Schriftsteller. Bei mir spielt dieses wirkliche Leben die entscheidende Rolle.

SINNIG Sie sollten es dabei bewenden lassen!

LERNER Warum verwehren Sie mir den Einblick in den Wahnsinn?

SINNIG Wie wollen Sie Einblick nehmen, ohne sich auf die Probleme einzulassen? Ohne Zutritt kein Einblick!

LERNER Ich frage Sie noch einmal: Warum sollte ich für den Wahnsinn anfällig sein?

SINNIG Jeder ist es, wenn er seine Normalwelt so stark in Zweifel zieht, daß jeder Rückweg abgeschnitten wird.

LERNER Und warum sollte ich das tun?

SINNIG Weil Sie nicht Schriftsteller sein könnten, wenn solche Versuchungen keinen Eindruck hinterlassen würden.

LERNER Wahnsinn ist für mich keine Versuchung.

SINNIG War es nicht für die, die wahnsinnig geworden sind, eine geradezu unwiderstehliche Versuchung?

LERNER Davor habe ich keine Angst.

SINNIG Die würde Ihnen auch nichts nutzen. Übrigens: die Angst ist viel schreckli- cher als der Wahnsinn. Sie blockiert. Der Wahnsinn dagegen ist der Weg zu sich selbst.

LERNER Sie wollen behaupten, daß jede Selbstfindung im Wahnsinn endet?

SINNIG Nicht jede. Die meisten finden ja am Ende nicht sich, sondern haargenau das Gleiche, was Millionen anderer auch in sich suchen oder schon gefunden haben.

LERNER Sie sind zynisch!

SINNIG Meine Kollegen therapieren in ihren florierenden Praxen die Gequälten, Erfolglosen und Konfliktbeladenen, indem sie ihnen einreden, daß sie keinen Grund hätten, den Glauben an sich selbst zu verlieren.

LERNER Das ist doch aber sehr lobenswert, geradezu lebenserhaltend.

SINNIG Das ist glatter Unsinn. Die meisten haben gar nichts in sich, was der Suche wert wäre.

LERNER Bei Ihnen beginnt der Mensch wohl erst beim Wahnsinnigen! Jeder Mensch hat innere Werte.

SINNIG ... innere Werte? Stets eine Nummer zu groß, wenn sie zum Beispiel in sich die Energieströme des ganzen Kosmos samt dessen Schöpfer fühlen. Das läßt sich nicht mehr überbieten!

LERNER Aber gibt das nicht Halt und Kraft?

SINNIG Was da Halt geben soll, ist ein Billigangebot für die Leichtgläubigen.

LERNER Der Mensch strebt nun mal nach Erlösung. Er will aufgehen in einer jenseitigen Welt, auch wenn er sie nicht fassen kann.

SINNIG Das gibt nur Sinn für den, der sich für seinen eigenen mickrigen Kleingeist schämen muß. Darum wird er blind und wehrlos gegen den induzierten Wahnsinn und unfähig, seinen eigenen Wahnsinn zu entwickeln.

LERNER Wenn Sie recht hätten, was ich entschieden bestreite, gäbe es nur die Wahl zwischen dem kollektiven und dem persönlichen Wahnsinn.

SINNIG So ist es. Wer sich zum induzierten Wahnsinn bekennt, verzichtet auf seine geistige Einmaligkeit. Wer dagegen zum hellen Wahnsinn fortschreitet, verliert den Kontakt zum sogenannten Normalen und sieht sich plötzlich mit seinem Geist völlig alleingelassen.

LERNER Und wozu würden Sie sich zählen?

SINNIG Zu den über den Wassern schwebenden Beobachtern.

LERNER Und was können Sie dadurch für die Menschheit erreichen?

SINNIG Nichts.

LERNER Ist das nicht etwas wenig?

SINNIG Das ist Ansichtssache. Ich sehe den Sinn meines Wirkens im Schutz meiner Patienten.

LERNER Unsere Welt ist wahrscheinlich aus den Fugen geraten. Viele fühlen das und möchten daher aussteigen.

SINNIG Sie meinen nicht "aussteigen", sondern "umsteigen". Die meisten können gar nicht aussteigen, sondern nur die Form ihres induzierten Wahnsinns wechseln.

LERNER Das wäre ja vollkommen verrückt.

SINNIG Sie nehmen immer den Konjunktiv. Alle Normalen ersetzen Probleme, die sie nicht lösen können, durch Fragen und appellieren an die allgemeine Vernunft.

LERNER Ich überblicke die Konsequenzen nicht, wenn ich definitiv sagen würde, die Menschheit i s t krank.

SINNIG Das ist keine Frage, sondern eher eine Binsenweisheit. Aber das ist nicht das Problem. Das zeigt sich erst, wenn Sie fragen, wie sie die Menschheit heilen wollen.

LERNER Und wie würde das gehen?

SINNIG Bisher löste ein induzierter Wahnsinn den anderen ab. Man nannte das Fortschritt. Aber es gibt seit dem gescheiterten Kommunismus keine trag- fähige Illusion mehr. Rationale Weltmodelle taugen ohnehin nicht für die Massen. Bleiben nur die heilbringenden Botschaften für die Errettung unse- rer geplagten Seele, die angeblich zu ihrer ganzen Größe erst erwacht, wenn man den Kopf zum Schweigen bringt und nur noch der Stimme des Bauches folgt.

LERNER Warum spotten sie über alles, was den Menschen heilig ist?

SINNIG Merken Sie nicht das Muster, dem Sie da aufsitzen?

LERNER Was für ein Muster?

SINNIG Wenn bestimmte Gefühle für normal gehalten werden, dann spricht man sie heilig. Wenn jemand derartige Gefühle nicht teilen kann, dann unter- stellt man ihm Spott. Das sei intellektuelle Kriminalität, die man erbar- mungslos bekämpfen müsse, nicht mit Argumenten, denn Gefühle kennen keine Argumente, sondern mit Verachtung und mit Ächtung, also mit Ausgrenzung.

LERNER Eine Ausgrenzung, die zum Wahnsinn führt?

SINNIG Ja. Jede irreversible Ausgrenzung führt in den Wahnsinn. Die Welt hat durch ihre Verkehrtheit auch ihren Sinn verloren. Ihr Sinn verkehrt sich in Wahnsinn.

LERNER Das ist mir zu kompliziert.

SINNIG Aus der Sicht des Wahnsinnigen ist nicht er wahnsinnig, sondern die Welt. Und darin steckt ja wohl ein Körnchen Wahrheit.

LERNER Sie meinen, die Welt sei wahnsinnig geworden?

SINNIG Sie war es immer.

LERNER Diesen angeblichen Wahnsinn nicht zur Kenntnis zu nehmen, erweist sich vielleicht als klüger, als Sie denken, denn schließlich überlebte die Menschheit.

SINNIG Aber um welchen Preis! Meine Patienten hier wären sich dazu viel zu schade. In der normalen Welt wären sie nicht lebensfähig.

LERNER Ohne Wahnsinn keine Menschlichkeit?

SINNIG Wenn Sie das weniger provokant formulieren, in etwa "Ohne Hoffnung kein sinnerfülltes Leben", dann würde ihre Frage gar keine Frage sein.

LERNER Ich verstehe nicht, warum Sie alle Dinge, die unser normales Leben mit Sinn erfüllen, in die Wahnwitzigkeit verdrehen! Hoffnung, Ideale und Lebensziele sind doch nicht Wahnsinn!

SINNIG Als individuell anspruchsvolle Originale schon!

LERNER ... weshalb man ihnen den Wahnsinn ansehen kann.

SINNIG ... und der Umgang mit ihnen gefährlich ist.

LERNER Nicht für mich.

SINNIG Da wäre ich nicht so sicher.

LERNER Ganz sicher.

SINNIG Wir werden sehen.

 

2. Akt

Im Arbeitszimmer von Dr. Sinnig befindet sich eine gemütlich eingerichtete Ecke für die Gesprächstherapie. Dort sitzt jetzt Krishnan Wuwu und wartet auf Hans Lerner. Vor ihm steht eine übergroße Sanduhr. Schwester Inge ordnet auf dem Schreibtisch einige Akten und sieht kontrollierend die Unterschriftenmappe durch. Nebenbei entwickelt sich ein Gespräch zwischen ihr und Wuwu.

WUWU (eine Sanduhr demonstrativ in der Hand haltend): Wissen Sie, daß der Geist Gottes wie eine Sanduhr Ihren Körper zerrinnen läßt?

INGE Wieso sollte mein Körper zerrinnen?

WUWU Wenn wir geboren werden, ist der untere Teil unserer Lebensuhr noch ganz leer. Alles liegt noch vor uns. Mehr und mehr füllt sich dann das Glas. Jedes Körnchen, das einen Baustein unseres Lebens symbolisiert, findet seinen endgültigen Platz und kommt zur Ruhe. Bis wir unserem Sein nichts mehr hinzufügen können.

INGE Mir ist lieber, wenn Sie wieder von der Aura sprechen, die ich habe. Mit der Eieruhr kann ich nichts anfangen.

WUWU Ich sehe Ihre Aura wie eine Sanduhr. Ich sehe das Gewordene, das Fließende und das ins Leben Drängende.

INGE Hier scheinen alle merkwürdige Dinge zu sehen. Wie sieht meine Aura denn aus?

WUWU Das kann man nur sehen, nicht sagen.

INGE So, so. Ich kann sagen, was ich sehe.

WUWU Weil andere es auf die gleiche Weise sehen, aber wenn ich dank Gottes Gnade mehr und anderes sehe, Ihre Aura z.B., dann ist das unsagbar einmalig.

INGE Ich kann also meine Aura nicht sehen?

WUWU Niemand sieht seine eigene Aura, weil niemand das eigene Sehen sehen kann, wie der Sand nicht die Sanduhr sieht, durch die er fließt.

INGE Oh je, ich glaube, das ist zu schwer für mich. Aber ich will auch gar nicht mein Sehen sehen. Ich sehe Sie, und das reicht mir.

WUWU Gott hat uns geschaffen, damit wir unsere Blindheit verlieren. Das können wir aber nur, wenn wir sehen lernen, w i e die anderen die Welt sehen, nicht w a s sie sehen. Erst wenn wir die Einmaligkeit ihres Sehens in uns aufnehmen, haben wir ein Bild von ihnen. Das ist ihre Aura.

INGE Ich hoffe, daß Herr Lerner Ihnen ein besserer Gesprächspartner sein wird. Alle hier bewundern Ihren Blick für das Unsichtbare, aber ich verstehe nicht, wie das geht.

WUWU Weil Sie ungläubig sind und keine Vorstellung von Gott haben.

INGE Sagen Sie das nicht. Ich gehe jeden Sonntag in die Kirche.

WUWU Und da sehen Sie Gott?

INGE Nein, nur unsern Pfarrer.

WUWU Dann können Sie sich die Mühe sparen!

INGE Ich weiß nicht, Herr Wuwu, ob wir beide den gleichen Gott haben.

WUWU Sie glauben doch nicht, daß es viele Götter gibt und wir uns aussuchen könnten, wer für uns zuständig sein soll?

INGE Das sicher nicht. Aber ich verstehe nicht, wie Sie über Gott reden.

WUWU Aber Ihren Pfarrer verstehen Sie?

INGE Ja, der glaubt auf die gleiche Weise an Gott wie ich.

WUWU Sie meinen, der redet auf die gleiche Weise über seinen Glauben wie Sie, denn seinen Glauben können Sie ja nicht sehen, oder?

Während der letzten Worte war Hans Lerner eingetreten. Inge empfängt ihn, führt ihn in die Gesprächsecke und stellt die beiden einander vor. Dann verabschiedet Sie sich von Wuwu. Nachdem Sie das Zimmer verlassen hat, entwickelt sich zwischen den beiden Bärtigen das folgende Gespräch:

LERNER Sie wissen, wer ich bin?

WUWU Ein Mensch auf der Suche nach Gott.

LERNER Ja, das auch. Ich bin Schriftsteller und möchte über Sie und Ihr Schicksal schreiben.

WUWU Warum?

LERNER Weil ich glaube, daß es interessant ist.

WUWU Gott allein ist interessant. Wenn wir etwas sagen, dann sagen wir etwas über ihn. Wir können gar nichts anderes sagen.

LERNER Das verstehe ich nicht.

WUWU Es ist vermessen, das verstehen zu wollen. Es ist so.

LERNER Was wissen Sie über Gott?

WUWU Ich gehöre zu den Auserwählten, die ihn sehen können.

LERNER Das ist in der Tat sehr selten. Und wie sehen Sie ihn?

WUWU So, wie er ist. (Er weist voller Bedeutsamkeit auf seine Sanduhr): Gott ist die Zeit. Und ich kann die Zeit sehen!

LERNER (verblüfft): Gott ist die Zeit? Aber dann ist er ja überall in der Welt.

WUWU Wie kann er überall i n der Welt sein, wenn er die Zeit ist?

LERNER Na, die Zeit ist doch seit ihrem Beginn in der Welt, seit dem Urknall, oder?

WUWU Die Zeit ist nicht i n der Welt, sondern v o r der Welt. Sie ist die göttliche Substanz, aus der alle Dinge gemacht sind.

LERNER Ich denke, es ist die Materie, aus der die Dinge bestehen.

WUWU Haben Sie schon mal "Materie" gesehen?

LERNER Na sicher. Überall, wo ich hinblicke, ist Materie.

WUWU Wie kann man nur so blind sein! Wenn es die Materie wirklich gäbe, dann wäre sie das reine Nichts.

LERNER Das müßten Sie mir schon erklären.

WUWU Sie sehen etwas, weil es über die Zeit Ihres Sehens hinweg das Gleiche ist. Wenn es in jedem Augenblick etwas anderes wäre, könnten Sie nur ein unverständliches Flimmern wahrnehmen.

LERNER So ist es. Die materiellen Dinge existieren in der Zeit.

WUWU ... in der über dem Zeitfluß stehenden Zeit, in der stillstehenden Gleichzeitigkeit. Nur darum können wir ihr vergangenes Sein mit dem gegenwärtigen Sein vergleichen.

LERNER Das ist sehr spitzfindig.

WUWU Nur weil Sie sich keine Gedanken machen, warum Sie überhaupt Dinge wahrnehmen und miteinander vergleichen können?

LERNER Es ist eine objektive Eigenschaft der Materie, daß sie nicht im Zeitstrom zerfließt.

WUWU Nein, es ist eine subjektive Eigenschaft der göttlichen Erleuchtung des Menschen, daß er in der fließenden die stillstehende Zeit sehen kann. Er glaubt, es seien die Dinge. Dabei ist es sein Sehen, das den göttlichen Urgrund der Zeit aller Zeiten in Dinge verwandelt.

LERNER Das klingt ja ungeheuerlich, aber ist das nicht sehr spekulativ?

WUWU Spekulativ ist es, den Dingen eine materielle Existenz anzudichten.

LERNER Aber Sie werden doch die Dinge, die Sie im Raum sehen und sogar anfassen können, nicht leugnen wollen!

WUWU Ihr angeblicher Raum, vollgefüllt mit Materie, ist ein Hirngespinst. Er fällt wie ein Kartenhaus zusammen, wenn Sie ihm die Zeit entziehen, die göttliche Substanz, die alles trägt.

LERNER Sicher gehört die Zeit dazu. Aber der Raum steht uns näher.

WUWU Die Dinge im Raum können Sie sehen. Aber die Zeit können Sie nicht sehen. Darum unterschätzen Sie die Kraft der Zeit und verstehen nicht, daß s i e die Seele der Welt ist.

LERNER Die Zeit zeigt sich an den Veränderungen der Dinge, an ihrer Bewegung. Ohne die Dinge hätte die Zeit keine Angriffspunkte.

WUWU Spüren Sie nicht den Widerspruch? Von den Dingen können Sie nur reden, weil sie ein Etwas durch die Zeit hindurchtragen, das in allen Zeiten existent bleibt. Bewegung gibt es, weil es die Zeit gibt, nicht umgekehrt! Die Zeit ist ein Stausee der Ewigkeit, der plötzlich in Bewegung gerät! (Als anschaulichen Beweis dreht Wuwu seine Sanduhr um, und man sieht, wie der Sand rinnt.)

LERNER (nach einer kleinen Pause): Ich finde, Sie verzaubern die Dinge und stellen sie dann in eine phantastische Welt.

WUWU Und Sie schämen sich Ihrer Phantasie, als ob sie am Bau Ihres Bildes von der Welt überhaupt nicht beteiligt sei.

LERNER Wir sollten uns angesichts des riesigen Weltalls nicht so wichtig nehmen.

WUWU Wir sollten das Weltall nicht als Vorwand nehmen, um unserem Geist ent- fliehen zu können. Der menschliche Geist ist das wirklich größere Geheim- nis. Und wenn der göttliche Geist die Zeit ist, und diese Zeit aus der Welt herausgenommen wird, lösen sich der Raum und alle Dinge in ihm in ein Nichts auf.

LERNER Das ist ein sehr eigenwilliges Bild von Gott.

WUWU Wenn Sie die Religionen genauer betrachten, werden Sie finden, daß ich recht habe. Warum soll sich beispielsweise ein Christ kein B i l d von Gott machen? Weil alle Bilder räumlich sind und von einem Gegenstand im Raum berichten. Aber Gott ist jenseits des Raumes. Er ist kein Gegenstand i m Raum, er ist die pure Zeit, die Seele der Zeit und damit die Seele der Welt.

LERNER Das ist eine sehr interessante aber auch sehr abstrakte Religion. Die Zeit ist überall, und überall wäre dann Gott.

WUWU Und was stört Sie daran? An diesem Punkt berühren sich Religion und Esoterik, Mystik und Philosophie, Geist und Materie, Körper und Seele. Sehen Sie, wenn die Lebenszeit unserer Sanduhr abgelaufen ist, trennen sich Körper und Seele. Die Seele wird von der reinen Zeit aufgesogen, der Körper verbleibt bei den räumlichen Dingen und zerfällt in Staub.

LERNER Das ewige Leben wäre also die Zeit? Das denken sich aber wirklich religiö- se Menschen ganz anders!

WUWU Weil sie Tag für Tag an der Zeit vorbeileben! Wer keine Zeit hat, der hat keine Seele! Die meisten Menschen lassen sich blenden durch die Dinge im Raum. Daß sie nach ihrem Tode mit einem ätherischen Körper im Raume weiterleben möchten, ist nur die religiöse Fortsetzung ihres falschen Bildes von sich und der Welt.

LERNER Warum leben Sie hier und nicht, wie alle Religionsstifter, unter den Menschen da draußen?

WUWU Ihre Frage macht mich traurig, weil Sie mich an Dinge erinnern, die ich vergessen will.

LERNER Ihre Religion stieß auf wenig Verständnis?

WUWU Bei meinen Theologievorlesungen hielt ich stets inbrünstige Zwiesprache mit dem heiligen Augustinus.

LERNER Sie waren an der Universität?

WUWU Zwei Jahre. Also wie gesagt. Beim Lesen von Augustins Schriften hatte ich eine Erleuchtung.

LERNER Über die Zeit?

WUWU Ja, Über die Zeit. Augustinus schrieb: "Wenn wir die Zeit messen, messen wir offensichtlich nicht die Gegenwart, die keine Dauer hat, sondern wir messen die Zeiten, die wahrnehmbar sind, indem sie vorübergehen. Dann aber messen wir, was entweder nicht mehr oder noch nicht ist. Mit welchem Maß messen wir die Zeit, die nicht ist?"

LERNER Sehr scharfsinnig!

WUWU Nicht wahr? Wir, die naiven Weltbetrachter, müssen uns ü b e r die weltliche Zeit stellen, um sie erfassen und begreifen zu können, verstehen Sie?

LERNER Durchaus.

WUWU Augustinus zieht daraus den Schluß: "Der Geist ist es, der selber die Ausdehnung der Zeit ist." Ich war wie geblendet! Und plötzlich sah ich ihn, den Geist Gottes in der ausgedehnten Zeit. (Wuwu packt seine Sanduhr mit beiden Händen.) Es war kein äußeres Bild im Raum, sondern unbeschreibliches inneres Gefühl. Ich hörte und sah das Rauschen des Sandes in der gigantischen Weltenuhr.

LERNER Sie fühlten sich plötzlich in eine ganz andere Welt versetzt. Das kann ich sehr gut verstehen.

WUWU Ich war darin gefangen. Es gab keinen Weg zurück. Es ist die Welt meiner Seele, das lebendige Jenseits.

LERNER Und das offenbarten Sie Ihren Studenten?

WUWU Anfangs noch sehr zögerlich, voller Skrupel, das angebliche Wissen der Theologie infrage zu stellen.

LERNER Aber dann eben doch ohne Kompromisse und Halbheiten?

WUWU Ja. Und so glaubte man, ich sei eine Gefahr für die Kirche. Man entzog mir wegen Gotteslästerung das Lehramt.

LERNER Ich kann mir gut vorstellen, daß die Christen Sie als Verleumder der einzig wahren Religion gesehen haben.

WUWU Ich sei den weltlichen Verlockungen des Teufels erlegen!

LERNER Mein Gott! Weil Sie den Mythos von der Zeit über den Glauben an Jesus Christus gestellt haben?

WUWU Wer sich in die Zeit stürzt und nicht an das ewige Leben denkt, der sei eben des Teufels.

LERNER Man hat Sie nicht richtig verstanden.

WUWU Es sei Gotteslästerung, die Zeit in ihrem jenseitigen Glanz sehen und begreifen zu wollen. Ich fühlte mich als Prediger in der Wüste.

LERNER Müssen da nicht alle Religionsstifter durch, hoffend, daß die empfangene Erleuchtung übergreift?

WUWU Ich habe auch nicht so schnell aufgegeben.

LERNER Haben Sie keine Anhänger gehabt?

WUWU Die wenigen aus dem Seminar haben sich schnell von mir distanziert. Außerhalb der Kirche habe ich etwas Nachdenklichkeit bewirkt. Aber Anhänger, die mit verklärtem Blick auf das Heil oder Unheil der Welt warten, die hatte ich nicht.

LERNER Und hier?

WUWU Sie hören mir zu und verstehen mich. Wissen Sie, jeder hat hier ganz besondere Ideen, die er bewahrt sehen möchte, denen er sein ganzes Leben geopfert hat. Es kann gar nicht zu Anhängern im üblichen Sinne des Wortes kommen. Irgendwie sind wir hier alle gleich. Wenn die Menschheit so organisiert wäre wie diese Klinik, hätten wir beide eine große Zukunft vor uns.

LERNER Einen Augenblick lang wollte ich Ihnen eigentlich raten, Ihre Ideen aufzugegeben und irgend einen Beruf zu ergreifen, aber ...

WUWU ... meine Ideen verraten? Ich bin wahrscheinlich der einzige Mensch, der weiß, wie und warum Gott existiert. Und ich soll ihn verleugnen? Das ist ungeheuerlich! Ich will nicht leben, wenn man mir verbietet, von Gottes Licht zu künden! (Ab)

 

 

Während Wuwu den Raum verläßt, erscheint eine sehr gut gekleidete Frau in der Tür. Sie ist von einer durchgeistigten Schönheit und strahlt Eleganz und Selbstsicherheit aus. Hans Lerner geht ihr entgegen, begrüßt sie und geleitet sie zu dem Platz, auf dem eben noch Wuwu gesessen hat.

LERNER Ich bin glücklich, daß Sie mir Ihre Zeit schenken.

HELLA Schenken ist der richtige Ausdruck, denn Zeit ist Geld und nur Geld kann man verschenken.

LERNER Nicht nur Geld. Man kann doch auch Liebe verschenken.

HELLA Nur wenn man sie verkauft, bringt sie was.

LERNER Dann ist Geld für Sie das Höchste, was es gibt?

HELLA Es ist die Vollendung der Evolution, der Umschlag von Natur in Kultur.

LERNER Aber ich bitte Sie, zur Kultur gehören doch auch die Malerei, die Musik und die Geselligkeit.

HELLA Alles Dinge, die zu Bestandteilen des Marktes geworden sind. Die Marktwirtschaft ist das absolute Ende der Menschheitsentwicklung.

LERNER Sie meinen der Untergang?

HELLA Ganz im Gegenteil. Marktwirtschaft ist der Beginn der eigentlichen Menschheitsentwicklung.

LERNER Wir sind doch schon mitten drin.

HELLA Was sind zwei Jahrhunderte in Europa gegen Jahrtausende einer barbarischen Vorstufe der Menschheit?

LERNER Sie glauben an die Zukunft?

HELLA Sie ist kristallklar wie ein Bankkonto.

LERNER Ich weiß nicht, ob sich die Geschichte dahinein fügen wird.

HELLA Auch Geschichte muß sich rechnen. Wir haben keine Geschichte zu verschenken. Dieser Unsinn wird aufhören.

LERNER Sie wollen die Geschichte aufkaufen?

HELLA Geschichte steht immer im Dienste der Mächtigen. Sie ist deren Geschichte, sonst nichts.

LERNER Aber doch auch die Geschichte der Armen und Unterdrückten.

HELLA Nur als illustrativer Hintergrund. Nehmen Sie den Sklavenhandel. Scheußlich. Hat das die Geschichte interessiert? Überhaupt nicht. Wichtig in der Welt war der Aufstieg der Industrienationen, und da wiederum nur der Aufstieg der Reichen, der Mega-Bosse.

LERNER Ist das nicht ein sehr eingeschränkter Blickwinkel?

HELLA Glauben Sie wirklich, daß sich die Geschichte für die Allzuvielen, wie Nietzsche sie nannte, für die Versager und Knechte interessiert? Nein. In der Evolutionsgeschichte ging es auch nur um den Sieg des Besseren und Stärkeren, nicht um den Untergang des Ausgedienten.

LERNER Wir leben doch aber in einer Demokratie, in der alle wichtig sind und eine Existenzberechtigung haben.

HELLA Soll das ein Gegenargument sein? Ihre demokratischen Bürger, wo auch immer sie auch tätig wein mögen, leben von dem, was ihnen die Wirtschaftsbosse zuteilen.

LERNER Ist es nicht dem Fleiß und der Intelligenz der Allzuvielen, wie Sie sie abschätzig nennen, zu verdanken, wenn die Wirtschaft floriert?

HELLA Das ist nicht nur ein Irrtum, sondern gleichzeitig auch ein dummes Vorurteil. Gibt es nicht auch in der dritten Welt viele fleißige und intelligente Menschen? Und was nutzt es ihnen? Die Mega-Bosse in den Industrienationen entscheiden, ob es was nutzen könnte. Nur wenn es ihnen nutzt, nutzt es auch den Menschen.

LERNER Aber die Politik ist doch zum Wohle der Mehrheit der Menschen da.

HELLA Die Politik ist dazu da, für die Herrschaft der Reichen optimale Bedingungen zu schaffen. Erst danach kann sie an das Wohl der Vielen denken.

LERNER Das halte ich für eine maßlose Übertreibung.

HELLA Was meinen Sie, was passiert, wenn die Politiker den Mega-Bossen die Laune verderben? Sie wenden sich anderen Völkern zu. Keine Arbeitsplätze, keine Steuern, keine wirtschaftlichen Erfolge. Was folgt daraus? Not und Elend.

LERNER Daß es uns gut geht, hängt also einzig und allein von den Mächtigen in der Wirtschaft ab?

HELLA Wenn Sie damit die Verantwortung für das Leben und Überleben in einem Land meinen, dann ist das sicher so. Wenn Sie dagegen meinen, daß ein Mega-Boss tun und lassen kann, was er will, dann irren Sie sich.

LERNER Wem könnte denn ein Milliardär schon verpflichtet sein?

HELLA Dem Geld. Denn das Geld ist die Erbinformation der modernen Gesellschaft. Wer aus seinem Geld am schnellsten mehr Geld machen kann, hat einen Selektionsvorteil. Alle anderen bleiben auf der Strecke.

LERNER Das ist ja schrecklich.

HELLA Die Evolutionsgesetze sind unerbittlich. In der Menschheit haben sie die Form der Marktwirtschaft angenommen.

LERNER Aber in unserer Verfassung heißt es doch über den höchsten Wert unserer freiheitlichen Rechtsordnung: Eigentum verpflichtet! Ich denke mir, keinen unmenschlichen Gebrauch davon zu machen!

HELLA Unsinn! Eigentum verpflichtet, es zu erwerben und zu mehren. Sonst wird man in einer solchen Gesellschaft selbst wertlos: ohne innere Moralwerte und vor allem: ohne äußere materielle Werte. Die freie Marktwirtschaft ist nun einmal die Quintessenz der Geschichte.

LERNER Jeder Staat erläßt doch aber Gesetze, um der Marktwirtschaft einen sozialen Charakter zu geben.

HELLA Umverteilung des von den Mega-Bossen Zugeteilten!

LERNER Also regiert allein das Geld?

HELLA Was sonst? Auch die einfachen Menschen verkaufen für Geld ihre Seele. Warum? Weil das der höchste Wert ist, den die Geschichte der Menschheit hervorgebracht hat!

LERNER Es gibt viele, die nach anderen Werten streben.

HELLA Das sind Irrläufer der Evolution, der Schutt, durch den sich der Strom der Geschichte sein Bett graben muß.

LERNER ... der ihm manchmal aber auch eine andere Richtung gibt.

HELLA Aber niemals fließt der Fluß bergauf. Nein. Die große Richtung hin zur fruchtbaren Ebene der Geldgesellschaft verliert er nie.

LERNER Haben wir diese Ebene noch nicht erreicht?

HELLA Nein. Aus falscher Rücksichtnahme und ganz unverständlichem Schamgefühl werden fast alle Wahrheiten der neuen Zeit verdrängt. Notwendig wäre es, sie klar auszudrücken.

LERNER Können Sie dafür ein Beispiel geben?

HELLA Man muß es schon den großen Unternehmen absolut freistellen, Steuern zu zahlen oder nicht, denn sie können am besten beurteilen, was für sie zumutbar ist und was nicht. Ich halte den jetzt halblegal getroffenen Kompromiß, die für die Wirtschaft viel zu hohen Steuern durch Schwarzgeld wieder auszugleichen, für verlogen.

LERNER Steuerhinterziehung wird bestraft.

HELLA Die kleinen Steuerhinterzieher muß man auch hart bestrafen. Schließlich geht es um die Glaubwürdigkeit des Staates. Aber wer gegen die ganz Großen das Schwert erhebt, wird durch das Schwert umkommen, wirt- schaftlich und politisch. Staat und Wirtschaft brechen augenblicklich zusammen, wenn wir die ca 300 Milliarden DM, die unsere Wirtschaft jährlich an Schwarzgeld produziert, und die 100 Milliarden DM reingewa schener Drogengelder aus dem Dunkel des Bankgeheimnisses ins Rampen- licht der Gesetze rücken.

LERNER Marktwirtschaft am Rande der Kriminalität?

HELLA Kriminell sind nicht die Mega-Bosse, sondern die Parteien, die aus Dummheit und Ehrgeiz die Gesellschaft in den Abgrund treiben. Kriminell sind Gesetze, die die großen Unternehmen daran hindern, ihre Verantwortung voll wahrzunehmen.

LERNER Aber Verantwortung hat man doch auch gegenüber den Arbeitslosen und den sozial Schwachen.

HELLA Wie können Sie nur so verblendet sein! In der biologischen Evolution sind die Überflüssigen zum Tode verurteilt. In der Marktwirtschaft fallen sie nur aus der Wirtschaft heraus. Was aus ihnen wird, ist ohne Belang für die Evolution. Verantwortung tragen die Superreichen nur für das Wachstum der Wirtschaft. Das ist ihr Beitrag zur Menschheitsentwicklung.

LERNER Und was folgt nun aus Ihren Betrachtungen?

HELLA Die Gesellschaft muß reformiert werden.

LERNER Und wie?

HELLA Es gibt eigentlich nur zwei Grundgedanken für die Neugestaltung des Staates, der Kultur und des Bildungswesens: 1. Welchen Beitrag leistet das Ganze für die Kapitalbildung? und 2. Wer auf der Strecke bleibt, hat selber schuld.

LERNER Danach gibt es in unserer jetzigen Gesellschaft noch sehr viel Überflüssiges?

HELLA Sie sagen es. Solange es kein Geld kostet, mag es ja angehen. Aber denken Sie nur an die unsinnige Organisation des Parlaments. Da sitzen Hunderte von Abgeordneten, die in strenger Parteidisziplin so abstimmen, wie ihre Vorsitzenden es festlegen. Die Mega-Bosse könnten sich das nicht leisten!

LERNER Aber die Parteien sind doch notwendig.

HELLA Es gibt viele Vereine, die sich ihre internen Satzungen schaffen. Aber sie bekommen kein Geld, es sei denn, jemand schenkt ihnen etwas. Die Par- teien nehmen sich dagegen, was sie an sich raffen können und schieben sich obendrein noch gut bezahlte Staatsämter zu.

LERNER Und das wollen Sie unterbinden?

HELLA Es ist Vergeudung der von den Mega-Bossen erwirtschafteten Gelder.

LERNER Und wozu ist Ihr zweites Prinzip gut?

HELLA Das Anspruchsdenken muß beseitigt werden. Die Menschen müssen begreifen, daß der Sinn ihrer Existenz darin besteht, dem Kapital zu dienen. Erst dann wird Ruhe und Zufriedenheit einkehren. Wer scheitert ist selber schuld.

LERNER Gilt das auch für die Großen?

HELLA Und ob! Von daher kommt es ja. Ein Mega-Boss hat gelernt zu begreifen, daß er scheitern kann. Wem sollte er die Schuld geben? Nur sich selbst! Verliert einer der kleinen Leute seine Arbeit und sein Haus, so kommt er sein ganzes Leben lang nicht darüber hinweg. Verliert dagegen ein Mega- Boss über Nacht Hunderte von Millionen, so klagt er nicht. Im Gegenteil, er kämpft, arbeitet noch härter und macht in der nächsten Woche seinen Verlust wieder wett.

LERNER Was für ein Bild, das Sie da zeichnen!

HELLA Nicht wahr? Das Beispiel, was uns die Großen dieser Welt geben, ist ganz unten leider noch nicht angekommen!

LERNER Sie waren einmal Vice-Direktorin eines Wirtschaftsinstituts?

HELLA Das ist noch gar nicht so lange her.

LERNER Warum haben Sie diese verantwortungsvolle Position aufgegeben?

HELLA Ich habe gegen eine ausdrückliche Weisung meines Direktors verstoßen und eine solche Betroffenheit ausgelöst, daß die Existenz unseres Instituts auf dem Spiele stand.

LERNER Wie das?

HELLA Ich hatte die Grundzüge einer Steuerreform ausgearbeitet.

LERNER Die Sie mir erläutert haben?

HELLA Ja, nur noch radikaler.

LERNER Das fand natürlich nicht die Zustimmung Ihres Chefs.

HELLA Er hatte mir verboten, öffentlich darüber zu reden oder zu publizieren.

LERNER Und Sie?

HELLA Ich hielt eine analytische und programmatische Rede ... auf einer Wirtschaftskonferenz, an der viele Manager und Staatsbeamte teilnahmen. Sie waren verblüfft, geschockt und verärgert. Sie hielten es für ironisch, gemeingefährlich, undenkbar, sowas im Namen eines wissenschaftlichen Instituts zu verbreiten. Es gab einen furchtbaren Eklat. Ich verlor die Nerven, schrie und tobte ... und dann kam ich Gott sei Dank in die Hände von Dr. Sinnig.

LERNER Wie konnte er Ihnen helfen?

HELLA Indem er sofort erkannte, daß ich meiner Zeit weit voraus bin. Und das sei immer gemeingefährlich.

LERNER Sie sagen das so, als wären Sie sehr stolz darauf.

HELLA Hier läuft die Zeit tatsächlich anders.

LERNER Vermissen Sie die Welt da draußen?

HELLA Sie kriecht im Staube der Lüge. Wer diese Welt verläßt, hat sie für immer verlassen. Es gibt kein Zurück.

LERNER Arbeiten Sie weiter an Ihrer Theorie?

HELLA Ja, jeden Tag.

LERNER Und für wen?

HELLA Für mich!

LERNER Geht das?

HELLA Sie ahnen nicht, welch Vergnügen es bereitet, wenn ich in meinen Werken blättere und auf Gedanken stoße, die ich längst vergessen hatte ... oder diese Formulierungen ... diese einmalige Sprache!

 

3. Akt

Im Arbeitszimmer von Dr. Sinnig, der am Schreibtisch sitzt, während Hans Lerner hin und her läuft, bis er sich im Laufe des Gesprächs endlich auf einen Stuhl setzt, der vor dem Schreibtisch steht.

SINNIG Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?

LERNER Ich begreife einfach nicht, warum diese Leute wahnsinnig sein sollen.

SINNIG Sind sie es nicht?

LERNER Doch. Ich habe keinerlei Zweifel daran, aber ich weiß nicht, warum. Ich hatte geglaubt, den Wahnsinn als Wahnsinn erkennen zu können.

SINNIG Aber das ist doch nicht schwer.

LERNER Für Sie vielleicht nicht. Ich sehe nur extremes Denken, verständlich und gleichzeitig wiederum nicht, weil das Gesamtbild erschrecken muß.

SINNIG Jede originelle Idee ist das Wagnis zum Extremen.

LERNER Aber man verbaut doch den eigenen Ideen den Weg, wenn man sie ins Extreme treibt und die Menschen verschreckt.

SINNIG Eine Idee, die nicht verschreckt, würde diesen Namen sicher nicht verdienen. Eine wirkliche Idee schockiert und setzt alles vor ihr Bestehende außer Kraft.

LERNER Was man gewöhnlich für Ideen hält, das sind Ihrer Meinung nach gar keine?

SINNIG Der geistige Verdauungsprozeß von Ideen verwandelt sie bis zur Unkenntlichkeit. Darum scheitern Ideen immer an ihren Anhängern, nicht an ihren Feinden.

LERNER ... oder daran, daß sie gar keine Anhänger finden.

SINNIG Das eine ist so problematisch wie das andere.

LERNER Aber das ist doch keine Rechtfertigung für den Wahnsinn.

SINNIG ... den hellen Wahnsinn.

LERNER ... meinetwegen den "hellen".

SINNIG Vor welcher Instanz sollte sich denn eine Idee rechtfertigen?

LERNER Vor der menschlichen Vernunft.

SINNIG Und wer entscheidet, was vernünftig ist?

LERNER Wenn wir nicht davon ausgehen dürften, daß jeder Mensch über Vernunft verfügt, dann würde alles sinnlos.

SINNIG Sie haben durchaus recht. Soweit wir uns auf diese Vernunft stützen, finden wir Sinn. Und wo sich diese Vernunft ins Gegenteil verkehrt, wird Sinn zu Unsinn. Das gilt für die Gesellschaft ebenso wie für private Schicksale.

LERNER Und Wahnsinn ist Unvernunft.

SINNIG ... oder die Entlarvung bisheriger Vernunft als Unvernunft. Man bringt ein Haus nicht dadurch zum Einsturz, daß man alle Steine einzeln abträgt, sondern indem man eine tragende Wand einreißt. Was für eine zerstöreri- sche Lust!

LERNER Ihrer Meinung nach gehört Wahnsinn ebenso zur geistigen Kultur wie die Normalität?

SINNIG Wahnsinn ist der Freiraum, in dem neue Denkmodelle erprobt und die alten außer Kraft gesetzt werden. Und nur wenige dieser Modelle erweisen sich später als vernünftig.

LERNER Könnte man diese Freiräume nicht im Normalen ansiedeln?

SINNIG Wenn Sie wissen wollen, wie sich Einsamkeit auswirkt, dann müssen Sie die Person einmauern, die das herausfinden soll. Wenn Sie die gültige Ver- nunft durch eine bessere ersetzen wollen, dann müssen Sie sie außer Kraft setzen. Darin zeigt sich ja gerade der Wahnsinn.

LERNER Und warum diese extreme Einseitigkeit der neuen Ideen?

SINNIG Weil diese extreme Idee in einer gewaltigen Anstrengung geboren wurde. Wenn man sie aus den Augen verliert, bevor sie ihr Zerstörungswerk voll- enden konnte, ist alles verloren. Nein, diese Rückkehr ins gestrige Normale ist ein für allemal verbaut.

LERNER Wenn man Sie so hört, muß man sich ja schämen, daß man noch nicht wahnsinnig ist.

SINNIG Nein, schämen muß man sich nur, wenn man so gar nicht versteht, was Wahnsinn eigentlich ist und intolerant wird, denn Intoleranz erwächst unaufhaltsam aus der Geistlosigkeit des Normalen.

LERNER Sie meinen, im normalen Leben gibt es keine Toleranz?

SINNIG Wer keine Ideen hat, der hat auch keine Veranlassung, einen Spielraum für Ideen zu schaffen. Wozu auch? Bloß um seine eigene Ideenlosigkeit demonstriert zu bekommen?

LERNER Und warum sind Wahnsinnige tolerant? Sie lernen doch für ihre eigene Idee nichts hinzu.

SINNIG Das scheint ihnen nur so. Niemals ist die eigene Idee lebendiger als im Zwiegespräch mit den anderen. Sie wird dadurch scheinbar noch extremer, aber eben auch durchdachter.

LERNER Ich war Ihren Patienten wohl ein schlechter Gesprächspartner?

SINNIG Im Gegenteil. Sie haben sich Mühe gegeben zu verstehen. Ihre Behutsam- keit, hinter der Sie Ihre Normalität mehr versteckt als zur Geltung gebracht haben, war für meine Patienten wohltuend.

LERNER Darf ich Ihnen noch einige Fragen zu Krishnan Wuwu und zu Hella von Klickersbach stellen?

SINNIG Fragen Sie nur.

LERNER Hat Wuwu Ihre Patienten zu seiner Religion bekehrt?

SINNIG Solche Fragen zeigen, daß Sie unsere Welt noch immer nicht verstanden haben. Was heißt schon bekehrt? Sich in die geistige Abhängigkeit eines anderen zu begeben? Das erwarten Sie doch nicht im Ernst! Dann wären meine Schützlinge ja reif fürs normale Leben!

LERNER Aber Wuwu drängt doch allen seine Erleuchtung auf!

SINNIG Nein. Auch Ihnen nicht. Er sagt nur, was ihn bewegt. Und das interessiert alle. Darum sind sie so vertraut miteinander.

LERNER Und wie ist es mit Hella von Klickersbach?

SINNIG Ihr Wahnsinn ist die Überwindung der auf die Spitze getriebenen Schizophrenie der heutigen Intelligenz. Ohne Wenn und Aber entwirft Hella von Klikkersbach die Vision einer eiskalten Logik unserer Welt. Darin gibt es keinerlei Raum für Menschlichkeit.

LERNER Sie muß sehr sehr einsam sein!

SINNIG Sie hat eine beängstigende körperliche und seelische Unnahbarkeit erreicht. Ihre Person ist mit ihrer Idee identisch geworden.

LERNER Ist das dann nicht Selbstzerstörung?

SINNIG Oder Selbsterhaltung durch die Kraft ihrer Vision.

LERNER Und wen haben Sie als nächsten Gesprächspartner für mich vorgesehen?

SINNIG Einen Naturwissenschaftler.

LERNER Worin besteht sein Wahnsinn?

Es klopft. Dr. Friedrich Merker betritt den Raum.

SINNIG Lieber Kollege Dr. Merker. Ich danke Ihnen sehr, daß Sie sich bereitgefunden haben, unserm Gast, Herrn Lerner, Ihre Theorie zu erläutern. Bedenken Sie, daß er kein Wissenschaftler ist!

MERKER Meine Theorie kann jeder verstehen, wenn er sich Mühe gibt.

SINNIG Herr Lerner ist Schriftsteller.

MERKER Wollen Sie über meine Theorie schreiben?

LERNER Eher mehr, wie Sie drauf gekommen sind.

Dr. Sinnig verabschiedet sich und verläßt den Raum.

LERNER Dr. Sinnig scheint von Ihrer Theorie sehr beeindruckt zu sein.

MERKER Was hat er Ihnen über mich erzählt?

LERNER Gar nichts.

MERKER Mit meiner Theorie hat er so seine Schwierigkeiten. Dabei ist sie so bestechend, so einfach und so klar, daß ich gar nicht verstehen kann, warum man sie ablehnt.

LERNER Worum geht es denn in Ihrer Theorie?

MERKER Im engeren Sinne um das Gedächtnis und im weiteren Sinne um die Beschaffenheit der Welt, um unser naturwissenschaftliches Weltbild.

LERNER Und Sie meinen wirklich, daß ich das verstehen werde? Gedächtnis, das ist doch das Abspeichern von Informationen im Gehirn, oder?

MERKER So sagt man. Aber das ist genau so dumm wie ... wie der Glaube, daß unser Erdöl organischen Ursprungs sei.

LERNER Das ist falsch?

MERKER Ein genialer Wissenschaftler hat schon in den zwanziger Jahren bewiesen, daß Erdöl rein anorganisch im Erdinneren entsteht und dann an den Bruch- stellen der Erdschollen herausgepreßt wird.

LERNER Und warum hat man ihm nicht geglaubt?

MERKER Weil er einer geheiligten Lehrmeinung widersprach.

LERNER Das ist doch kein Grund.

MERKER Das ist der allein entscheidende Grund. So wie Päpste ihre Meinung nicht korrigieren dürfen, ohne der Kirche zu schaden, so dürfen auch die Wissenschaftspäpste nicht widerlegt werden, ohne dem Ansehen der Wissenschaft zu schaden.

LERNER So falsch ist Ihrer Meinung nach der Standpunkt der heutigen offiziellen Wissenschaft?

MERKER Das ist nicht der Standpunkt der Wissenschaft, sondern der Standpunkt von einigen Schwachköpfen, die sich für Wissenschaftler halten.

LERNER Und das haben Sie auch immer schon so formuliert?

MERKER Was meinen Sie, warum ich hier bin? Um mich vor der Idiotie meiner Kollegen zu schützen! Ich fühlte mich verfolgt.

LERNER Dann muß Ihre Theorie ja sehr schockierend gewirkt haben.

MERKER Schlimmer. Man hat sich gar nicht erst bemüht, sie zu verstehen, weil man sich angegriffen fühlte. Wissen Sie, Vorurteile sind schlimmer als Fehlurtei- le. Fehlurteile kann man durch Argumente aus der Welt schaffen, Vorurteile nicht.

LERNER Unsere Wissenschaft ist also am Ende?

MERKER Wußten Sie das nicht?

LERNER Wenn die Esoterik ihr auch die Fähigkeit abspricht, die tiefsten Geheimnisse unserer Welt aufdecken zu können, dann heißt das doch noch lange nicht, daß sie am Ende sei.

MERKER Die Wissenschaft hat ihre Würde verloren. Sie ist zur Hure geworden.

LERNER Das sehen Sie zu extrem.

MERKER Früher war Wissenschaft eine Geisteshaltung, heute ist sie ein Karriereberuf wie Immobilienspekulant oder Banknotenfälscher.

LERNER Banknotenfälscher ist kein Beruf, sondern eine kriminelle Handlung.

DR. MERKER (steigert sich mehr und mehr in heftige Erregung): Nur, weil es den Tatbestand der Geistfälschung nicht gibt, sollen diese Fachidioten ehrenwerte Männer sein? Vielleicht auch noch als "Stimme der Wissenschaft" gelten?

LERNER Warum sind Sie nur so verbittert?

MERKER Wenn in der Wissenschaft nur noch die geistlosen Nachbeter und die cleveren Bastler geduldet werden, dann ist sie eben am Ende.

LERNER Mag sein, daß da ein rationeller Kern ist, aber es fällt mir schwer, Ihnen zuzustimmen.

MERKER Ein bißchen heile Welt muß bleiben, nicht wahr?

LERNER Die Welt ist in einer schweren Krise. Das wissen inzwischen alle. Aber sie ist doch noch nicht verloren! Sie ist doch lebenswert!

MERKER Das hoffen Sie bloß, damit Ihre Zweifel nicht zur Verzweiflung und Ihre Enttäuschung nicht zur Selbstzerstörung führen.

LERNER Hoffnung ist die Erwartung, daß die Welt nicht endgültig bleibt, sondern offensteht für Neues und Besseres.

MERKER Leider verklärt Hoffnung auch das Bestehende.

LERNER Warum daran Anstoß nehmen?

MERKER Das Leben der Menschen erfordert sicherlich diesen milden Betrug zur Besänftigung ihrer Ängste. Aber Wissenschaft können Sie mit dieser Geisteshaltung nicht betreiben. Da tun sich Abgründe auf, da wird aus Sinn Unsinn und aus gesichertem Wissen hoffnungsloser Irrtum.

LERNER Das kann ich Ihnen nachfühlen. Das ist in der Literatur nicht anders.

MERKER Soll das ein Trost sein?

LERNER Ich ahne, daß es so etwas wie Trost für Sie gar nicht geben kann.

MERKER Ich müßte meinen Geist zur Ruhe bringen, um an ein glückliches Leben glauben zu können.

LERNER Sind es nicht vor allem die leidenschaftlichen Gefühle, die unser Leben verändern?

MERKER Die Gefühle sind uns zugefallen, der Geist aber unser freier Wille. Mit den ins Unglück führenden Gefühlen haben wir Mitleid, mit dem Intellekt nicht.

LERNER Sie haben recht. Starke Gefühle sind etwas Großes. Wer daran zugrundegeht, ist ein tragischer Held.

MERKER Wer an seinem Intellekt zugrundegeht, ist ein Narr.

LERNER So ungefähr.

MERKER Und so wird die von leidenschaftlichem Geist getragene Wissenschaft zur Narretei.

LERNER Am Hofe des Königs war der Narr sehr geachtet ...

MERKER ... und seine Narreteien vertrieben die Langeweile.

LERNER ... auf geistreiche Weise.

MERKER Sehen Sie, und genau das ist die Funktion des Geistes in der modernen Gesellschaft. Der Geist soll brilliant sein, mehr nicht.

LERNER Bei den häufigen Streitereien, die im Namen der Wissenschaft veranstaltet werden, fällt es tatsächlich schwer, darin die Suche nach Wahrheit zu vermuten.

MERKER Vor allem wenn er von den Medien inszeniert wird. Da streiten dann ein Priester, ein Schauspieler, ein Sportler und ein Politiker, ob man aus den Sternen die herannahende Wirtschaftskrise ablesen kann.

LERNER Müssen sich nicht alle ein Urteil über die Dinge unseres Lebens bilden?

MERKER Aber doch nicht, indem man fragwürdige Themen mit inkompetenten Menschen abhandelt. Ich bringe meine Uhr doch auch nicht zum Schuster, wenn sie nicht mehr richtig tickt!

LERNER Jeder hat das Recht, seine Meinung zu sagen. Und die Menschen interessiert eben, was die Prominenten denken.

MERKER ... und denken ist, wenn die den Mund aufmachen und Sprechblasen von sich geben.

LERNER Woran wollen Sie erkennen, was wirkliche Gedanken sind und was bloßes Gerede?

MERKER An der Ernsthaftigkeit. Und das schließt die Anerkennung der Konsequenzen eines Gedankens ein.

LERNER Und das fehlt beim Gerede?

MERKER Ja. Man möchte Zustimmung um jeden Preis. Wenn die ausbleibt oder gar ein Gegenargument geäußert wird, ist man beleidigt.

LERNER Vielleicht will man beim Gerede auch nur seinen Gefühlen Ausdruck geben.

MERKER ... und die verwechselt man dann mit einem Gedanken. Aber ist es für eine Gemeinschaft von Menschen ausreichend, sich nur der Gemeinsamkeit von Gefühlen zu vergewissern?

LERNER Nicht jeder kann sich mit der Wissenschaft beschäftigen.

MERKER ... aber über sie urteilen.

LERNER Sollen sie doch urteilen. Das beeinflußt die Wissenschaft sowieso nicht.

MERKER Wissenschaft existiert nicht in der Isolation. Sie entwickelt sich stets nach dem Bilde, das die Gesellschaft von ihr zeichnet.

LERNER Jeder glaubt, die Wissenschaft habe uns an den Abgrund geführt. Warum sollte man ihr vertrauen?

MERKER Diesen Abgrund haben wir aus der Wissenschaft gemacht, weil wir ein Alibi brauchen. Das ist dasselbe Denkschema, nach dem es die Woh- nungssuchenden sind, die an der Wohnungsnot schuld sind. Gäbe es sie nicht, gäbe es auch keine Wohnungsnot!

LERNER Sie verfechten offensichtlich eine Wissenschaft, die es nicht gibt.

MERKER ... nicht mehr gibt. Es gab sie, als die Begeisterung für Ideen größer war als der Wunsch nach einer gesellschaftlichen Karriere.

LERNER Auch heute sind Ideen sehr gefragt.

MERKER ... aber nur, wenn sie den etablierten Interessen dienen. Ideen sind in erster Linie nützlich oder schädlich. Nur nützliche Ideen dürfen wahr sein!

LERNER Wahre Ideen sind immer nützlich.

MERKER Nein. Neue wahre Ideen sind immer schädlich, weil sie den herrschenden Ideen ihre Wahrheit absprechen.

LERNER Sie setzen sich vielleicht nicht gleich durch, aber sie beflügeln die Menschen.

MERKER Das war vielleicht früher so.

LERNER Und was ist jetzt anders?

MERKER Unser System ist so komplex und so kompliziert geworden, daß wir es nicht mehr ändern können.

LERNER Jede Gesellschaft ist reformfähig.

MERKER Die Dinosaurier waren es auch nicht. Sie waren so einseitig angepaßt, daß jeder Rückweg abgeschnitten war, als sich ihre Lebensbedingungen änderten.

LERNER Sie halten unsere Gesellschaft für einen Dinosaurier?

MERKER Mindestens. Unsere Gesellschaft hat sich so auf die egoistische Geldgier spezialisiert, daß jenseits unserer Ordnung nun das tödliche Chaos lauert. Wir sind auf Gedeih und Verderb an diese Gesellschaft gebunden. Wehe uns, sie geht zugrunde.

LERNER So extrem sehe ich die Dinge nicht.

MERKER Weil sie die niederschmetternde Gewalt einer Idee nie am eigenen Körper erlebt haben.

LERNER Betroffenheit und Angst sind verbreiteter als Sie glauben.

MERKER Sieht man denn dadurch klarer, was wirklich geschieht?

LERNER Betroffenheit und Angst sind die Vorstufen einer neuen Weltsicht.

MERKER ... doch nicht etwa, indem man die unangenehmen Aspekte der heraufziehenden Zukunft in einen dichten Nebel hüllt, der immer ängstigt, eben weil man nichts sieht.

LERNER Sie sind ein Pessimist.

MERKER Halten Sie Optimismus für angebrachter?

LERNER Ja, einen vorsichtigen Optimismus.

MERKER Vor wem sollte sich Ihr Optimismus denn vorsehen müssen? Doch nicht etwa vor der Wahrheit? Dann würde ich ihn eher den blinden Optimismus nennen, blind vor Angst und optimistisch vor Blindheit!

LERNER Und Sie sind realitätsblind. Im täglichen Berufsstreß würden Sie sich auch an dieses Leben krallen, um ihren Platz kämpfen und sehr schnell vergessen müssen, daß es da Leute gibt, die alles infrage stellen.

MERKER Das mag zwar so sein, aber ein Argument ist das nicht.

LERNER Mir geht es in erster Linie um das Verständnis der Menschen, weil man ihnen sonst unrecht tut.

MERKER Auch wenn die Menschen ihrerseits nichts verstehen und immer das Falsche tun?

LERNER Das wollen Sie entscheiden!?

MERKER Wenn wir aufhören, uns ein eigenes Urteil zu bilden, hören wir auf, Mensch zu sein.

LERNER Das eigene Urteil darf sich aber nicht über die anderen Menschen hinwegsetzen.

MERKER Das eigene Urteil ist das, was wir ganz für uns allein haben.

LERNER ... und uns verpflichtet!

MERKER Wozu? Etwa zu vorauseilendem Gehorsam? Ja nicht auffallen, nichts in Zweifel ziehen, immer im Strom mitschwimmen, nur das denken, was alle denken? Dazu sollen wir verpflichtet sein?

LERNER Sicher nicht. (nach einer kleinen Pause und sichtlich bemüht, das Thema zu wechseln): Aber wie war das mit Ihrer Theorie? Wieso dieser erbitterte Widerstand?

MERKER Nicht Widerstand, sondern Unverständnis. Meine früheren Kollegen, obwohl sie diesen Namen nicht mehr verdienen, halten meine Theorie für verrückt.

LERNER Meinen Sie, daß ich sie verstehen könnte?

MERKER Vielleicht, aber Ich verlange nicht, daß Sie mir recht geben.

LERNER Und Sie dulden auch Widerspruch?

MERKER Ja. Widerspruch erwächst aus dem Durchdenken des Problems, aus der geistigen Berührung, Ablehnung dagegen aus der Angst davor.

LERNER Sie machen mich sehr neugierig.

MERKER Also gut. Wir haben ein völlig falsches Bild vom Gedächtnis. Vergleichen wir es mal mit einem Notizbuch. Da steht z.B. eine Telefonnummer drin. Wir hätten sie absolut vergessen, wenn wir das Notizbuch verlegen.

LERNER Ja, so etwa stelle ich mir das Gedächtnis vor.

MERKER Und woher weiß ich, wo das Notizbuch ist? Wenn ich das vergessen habe, nutzt es mir gar nichts. Ich bräuchte ein weiteres Buch, wo drinsteht, wo sich das Notizbuch befindet.

LERNER Und wenn ich das auch verlege?

MERKER Wenn das vorkommen kann, gibt es keinen anderen Weg, als noch ein Buch anzulegen. Wir kämen an kein Ende. (Er ergreift ein auf dem Tisch liegendes Buch, mit dem er die folgenden Worte illustriert): Doch wenn uns jemand das Notizbuch ständig vor die Nase hielte, dann bräuchten wir es auch niemals zu suchen.

LERNER Das wäre aber sehr unpraktisch.

MERKER Wenn sich aber nicht nur eine Telefonnummer, sondern unser gesamtes Leben in diesem Notizbuch befände, dann dürfte es unter keinen Umstän- den abhanden kommen. Wir hätten uns selbst verloren!

LERNER Nun haben wir glücklicherweise unser Notizbuch im Kopf und können es daher nicht verlieren.

MERKER Und das ist der Fehlschluß. Sie haben im Kopf kein Notizbuch, kein "inneres Modell der Außenwelt", wie die Kybernetik sagt, sondern nur die Fähigkeit, in einem Notizbuch lesen zu können.

LERNER Das glaube ich nicht.

MERKER Plötzlich wechseln Sie über vom Argument in den Glauben. Gegen Ihren Glauben bin ich natürlich machtlos!

LERNER So meinte ich das nicht. Ich kann mir nur nicht vorstellen, wie das sein kann.

MERKER Seit Jahrzehnten sucht man nach dem Speicher im Gehirn des Menschen. Man konnte ihn nicht finden. Ist das nicht merkwürdig? Aber man glaubt trotzdem an ihn, wie die Moslems fanatischer nicht an Allah glauben könnten.

LERNER Aber Gedächtnis ohne Speicher? Wie soll das funktionieren?

MERKER Sie werden sehen. Ich verrate Ihnen jetzt meine These. Sie ist der einzige Ausweg aus dem Dilemma: Das gesuchte Notizbuch ist nicht i m Kopf, es ist außerhalb des Kopfes. Schauen Sie aus dem Fenster! Die Welt, die Sie dort sehen, ist nichts anderes als das von der Evolution des Lebens be- schriebene Notizbuch.

LERNER Aber wo ist dann die wirkliche Welt geblieben, wenn das da nur unser Notizbuch ist?

MERKER Diese Welt, so wie wir sie sehen, ist ein Produkt des Lebens und seiner Evolution.

LERNER Das ist in der Tat eine sehr eigenwillige und geradezu irrwitzige These.

MERKER Wieso irrwitzig? Beobachten Sie doch mal eine Katze. Wenn sie einen Menschen sieht, dann projiziert sie zugleich alle mit ihm gemachten Erfah- rungen in ihn hinein. So unterscheidet sie auf Anhieb Freund und Feind. Wenn sie jedesmal erst in einem Speicher suchen müßte, kämen ihre Reaktionen immer zu spät. Sie wäre gar nicht lebensfähig.

LERNER Geistige Prozesse können doch aber nur im Kopf ablaufen.

MERKER Teils ja, teils nein. Denken Sie an das Notizbuch. Gehört es zur Welt? Oder ist es ein Teil unseres Gedächtnisapparats?

LERNER Ein bloßes Hilfsmittel, mehr nicht.

MERKER Ohne das ein Gedächtnis aber nicht funktioniert. Wissen Sie, wer im Tier- reich mit seinen Gedächtnisleistungen den Menschen weit übertrifft?

LERNER Das weiß ich nicht.

MERKER Es ist interessanterweise ein Vogel! Der sibirische Tannenhäher. Er muß im Herbst über 100 000 Nüsse verstecken, damit er mit einem Jungen über den Winter kommt. Aber in jedes Versteck in einem Umkreis von etwa 15 Kilometern legt er nur sieben Nüsse.

LERNER Das ist ja unglaublich! Und all diese Verstecke behält er im Kopf?

MERKER Es sind über 14 000! Können Sie mir sagen, wie er das in seinem Kopf behalten soll? Kein Gehirnforscher kann das erklären.

LERNER Bis jetzt noch nicht.

MERKER Weil sie ein falsches Modell haben.

LERNER Und wie erklären Sie sich diese enorme Gedächtnisleistung?

ERKER Dem Tannenhäher ist sein Gebiet vertraut. Das Gebiet selbst ist aber zugleich auch die Landkarte, in die er seine Verstecke einträgt.

LERNER Aber er muß doch behalten, wo er Kreuze gemacht hat!

MERKER Und das ist zugleich sein wichtigster Lebensinhalt. Sein Leben hängt davon ab.

LERNER Das mag schon sein, aber trotzdem.

MERKER Ein guter Fachmann hört am Motorengeräusch, was da unter der Haube nicht in Ordnung ist, ohne alle angeblich abgespeicherten Geräusche danach abzufragen. Oder ein anderes Beispiel. Bei bestimmten Urlaubsbil- dern sehe ich sofort den, der mit dieser Reise unausweichlich verbunden war, obwohl er auf dem Foto gar nicht drauf ist. Das Gesehene ist also mit dem nicht Sichtbaren eine unauflösliche Verbindung eingegangen.

LERNER Der Vogel hat weder Fotos von seinen Verstecken noch kann er einen Lageplan anfertigen.

MERKER ... also muß er die Verstecke immer in den Dingen mitsehen, die er in sei- nem Lebensraum gerade vor Augen hat, wie ein Mensch beim Urlaubsbild den, der nicht drauf ist. Die Dinge selbst sind zu seinem Notizbuch gewor den.

LERNER Das ist eigentlich einleuchtend. Aber was mir diese Denkweise dennoch so schwer macht, wie sieht denn nun die Welt selbst aus?

MERKER Für wen?

LERNER Na, an sich.

MERKER Sie meinen, wie die Welt aussehen würde, wenn sie sich selbst betrachtet?

LERNER Das ist natürlich Unsinn. Aber sie muß doch irgendwie da sein, bevor sie betrachtet wird.

MERKER Wer das sagen könnte, müßte sie heimlich beobachten, außerhalb der dafür gültigen Regeln.

LERNER Sie machen mich ratlos.

MERKER Die Welt zu sehen und gleichzeitig auch noch zu behaupten, man hätte sie nicht mit seinen Augen gesehen, sondern nur ihr ewiges Sein wahrge- nommen, das geht nur im erleuchteten Glauben. Mit Denken, Logik und Vernunft hat das nichts zu tun.

LERNER Sie binden die Welt an das Leben?

MERKER Sie ermöglicht das Leben, und erscheint dann in Milliarden von Jahren in dem Bilde, das sich das Leben auf seiner jeweiligen Entwicklungsstufe von der Welt macht.

LERNER Dann wäre die Welt immer auch ein Teil des Geistes der biologischen Entwicklung.

MERKER Ja. Sie schillert in den Farben, die die Netzhaut ihr gibt.

LERNER Aber der Unterschied zwischen der wirklichen Welt und unserer Weltbetrachtung besteht doch wirklich.

MERKER Natürlich, aber die Trennlinie zwischen Geist und Materie muß neu gezogen werden. Und immer bleibt sie relativ.

LERNER Ich ahne, daß Ihnen die Naturwissenschaftler nicht folgen können, ohne sich in Geisteswissenschaftler zu verwandeln.

MERKER Es hat in der Tat weitreichende Auswirkungen, wenn die Natur nicht mehr die reine Natur, sondern gleichzeitig auch Notizbuch ist, und das Gesehene zu einem Teil unseres Gedächtnisses wird.

LERNER Und woher kommt der Geist?

MERKER Letztlich aus der Unterscheidung zwischen dem System und seiner Um- welt, der Natur und ihrer Erkenntnis. Das Leben zerteilt die Welt und unterscheidet sich in seinem Selbstverständnis und seiner Selbsterhaltung von ihr. Geist ist die Vermittlung zwischen dem Leben und dieser Welt, in der es spielt.

LERNER Ich verstehe nicht, warum man Ihre Ideen nicht gelten lassen will.

MERKER Sie führen zum Zusammenbruch unseres naturwissenschaftlichen Weltbil- des, in dem der Geist nicht vorkommt und aus logischen Gründen auch nicht vorkommen darf. Geist und Natur sind streng getrennt. Den Geist darf man immer nur jenseits der Wissenschaft als Gott oder Weltseele anbeten.

LERNER So hat alles seine Ordnung.

MERKER ... die man nicht ungestraft stören darf.

LERNER Sie haben mir viele Fragen mit auf den Weg gegeben.

MERKER Wer nicht fragen lernt, dem nutzt auch das Wissen nicht.

LERNER Ja. Aber auch umgekehrt. Wer nichts weiß, kann nicht fragen. Wer nach seinem Lebenssinn fragt, kann sich mit dem, was er ist und tut, nicht mehr identifizieren. Er grübelt über sein Schicksal, das seinem Ich eine unglück- selige Richtung gegeben hat. Hätte sein Leben nicht ganz anders sein können und sein müssen? Und was nun? Wer aufgebrochen ist, sich selbst zu finden, der hat schon heimlich in die Abgründe seines Daseins geblickt.

MERKER Sie sind Schriftsteller, ich bin Naturwissenschaftler. Ich habe es mehr mit dem Geist und weniger mit der Innenansicht vom Geist, der Seele, zu tun.

LERNER Ich wünschte, die Menschen würden sich nicht so schwertun, die Balance zwischen Interessen, Geist und Seele herzustellen.

MERKER Jede Generation muß dieses Gleichgewicht neu finden und definieren.

LERNER Ist das der Zeitgeist?

MERKER Ja. Als das, was alle denken und wollen. Als der Geist der Zeit, nicht als die Zeit des Geistes, denn Geist ist immer an die Persönlichkeit gebunden. Der Zeitgeist ist stets die allgemeine Geistlosigkeit der Menschen, weil darin dann alle übereinstimmen können.

LERNER Wodurch sich Vernunft aufs Mittelmaß reduziert.

MERKER ... und jeder andersartigen Vernunft der Kampf ansagt wird.

LERNER Haben Sie Ihre Ideen publiziert?

MERKER Was haben Sie für Vorstellungen! Einen Verlag finden?

LERNER Aber es gibt doch Konferenzen und Kongresse.

MERKER ... nur für Insider. Ich gehöre nicht mehr dazu!

LERNER Also bleibt Ihnen nur der Kreis hier?

MERKER "Nur"? Sagen Sie lieber "Gott sei Dank"!

 

4. Akt

Arbeitszimmer von Dr. Sinnig. Schwester Inge ordnet am Schreibtisch Unterlagen. Hans Lerner geht auf und ab.

INGE Wie gefällt es Ihnen hier?

LERNER Ich hatte nicht die Absicht, mich hier niederzulassen. Und wie kommen Sie so zurecht?

INGE Gut. Die hier sind nicht von dieser Welt.

LERNER Das stimmt! Es ist ganz schön schwer, sich in diese anderen Welten überhaupt hineinzudenken.

INGE Darum passen Sie auch noch nicht in diese Kreise.

LERNER Das klingt ja wie ein Vorwurf.

INGE Nein, nein, aber stellen Sie sich mal vor, man hat mich schon gefragt, ob Sie sich um einen Anfängerplatz bewerben, das ist bei uns die C-Klasse.

LERNER Wie kann denn ein solcher Eindruck entstehen?

INGE Ich traue es ja fast nicht zu sagen: Die behaupten, Sie hätten so gar keine eigenen Ideen.

LERNER Das sagt man?

INGE Wundert Sie das? Von mir erwartet man keine Ideen, aber von Ihnen.

LERNER Und wer hat das gesagt?

INGE Glauben Sie mir nicht?

LERNER Schon, aber ich wüßte doch gern, wer das gesagt hat.

INGE Na ja, eigentlich alle, mit denen Sie gesprochen haben. Krishnan Wuwu war der einzige, der Sie in Schutz genommen hat. Man dürfe einen von da draußen nicht überfordern.

LERNER (etwas pikiert): Wie freundlich von ihm!

INGE Und Hella von Klickersbach meinte, daß man Ihnen eine Chance geben sollte.

LERNER Eine Chance? Wofür?

INGE Ihre Ideen zu zeigen und zu verteidigen. Haben Sie Angst?

LERNER Wovor?

INGE Na, daß man sie Ihnen kaputtmacht.

LERNER Ich denke, man traut mir gar nicht zu, Ideen zu haben?

INGE Machen Sie sich nichts draus. Die da draußen gelten alle als ideenlos, sonst wären sie ja nicht da draußen, sondern hier. Aber einige sollen auf dem Wege sein. Und da weiß man nicht, ob Sie dazugehören.

LERNER Man spricht also nur deshalb mit mir, weil man mich für potentiell wahnsinnig hält?

INGE Ja, für einen möglichen Gesprächspartner. Wenn man sich so gar nichts zu sagen hat, meint Dr. Merker, dann sollte man auch nicht so tun.

LERNER Man muß durch das Gespräch doch erst herausfinden, ob man sich etwas zu sagen hat.

INGE Das nennen die hier "schwätzen". Die Menschen da draußen könnten nicht denken und hätten sich nichts zu sagen, alles hohles Geschwätz.

LERNER Ist das auch Ihre Meinung?

INGE Wir Schwestern wohnen hier mit in der Klinik und sind nur noch selten draußen. Ich glaube, irgendwie haben alle Menschen eine Schraube locker.

LERNER Also gibt es kaum Unterschiede?

INGE Doch. Schon. Die hier sind irgendwie besessen. Die bohren und bohren immer an der gleichen Stelle und bringen dann merkwürdige Dinge ans Tageslicht. Na, mir soll's egal sein. Anfangs dachte ich, es hätte vielleicht einen vernünftigen Sinn. Ich habe mich wirklich bemüht dahinterzukom- men. Es war unmöglich. Vielleicht wollen die nur schockieren.

LERNER Die bauen die gigantischsten Großraumflugzeuge und lassen sie auch star- ten. Leider gibt es aber in der ganzen Welt dafür noch keine Landebahnen.

Inge ist mit ihren Ordnungsarbeiten am Schreibtisch fertig und geht. Hans Lerner bleibt noch einen Augenblick allein, halb dem vergangenen Gespräch nachsinnend, halb sich schon auf das neue Gespräch konzentrierend. Da tritt, sehr aufreizend gekleidet, Sibylle in den Raum. Beide setzen sich.

LERNER (sichtlich beeindruckt von ihrer Attraktivität): Ich freue mich, daß Sie...

SIBYLLE Du kannst "du" sagen. Alle Männer, die mich mögen, sagen du zu mir. Du magst mich doch?

LERNER (hilflos und überwältigt): Also gut.

SIBYLLE (setzt sich in Pose): Findest Du mich begehrenswert?

LERNER (vorsichtig): Ja, natürlich, aber darum geht es nicht.

SIBYLLE Es geht nur darum. Im ganzen Leben geht es nur darum.

LERNER Das ist wohl etwas übertrieben.

SIBYLLE Kennst Du Sigmund Freud? Der meint, die ganze menschliche Kultur sei nichts anderes als sublimierte Sexualität

LERNER Sublimiert heißt, daß es aus der Sexualität hervorgegangen ist, aber jetzt nicht mehr Sexualität ist.

SIBYLLE Es heißt aber auch, daß unter der Oberfläche die Sexualität noch durchscheint.

LERNER Darum hat er ja auch seine Kritiker gefunden.

SIBYLLE Kritiker? Verklemmte Moralapostel!

LERNER Dazu gehöre ich dann ja wohl auch.

SIBYLLE Alle Männer sind verklemmt. Die Männergesellschaft hat den sexuellen Kraftquell jeder gesunden Gesellschaftsentwicklung vertrocknen lassen.

LERNER Und die Frauen sind nicht verklemmt?

SIBYLLE Die haben ihre Sexualität den Männern angepaßt und sie dadurch getötet.

LERNER Aber es hat doch in den letzten Jahrzehnten eine sexuelle Befreiung stattgefunden.

SIBYLLE Daß ich nicht lache! Du glaubst doch nicht im Ernst, daß dieses auf Sport getrimmte schamlose Getue, daß die meisten für Sexualität halten, eine echte Befreiung gebracht hätte!

LERNER Die Menschen fühlen sich aber wohler.

SIBYLLE Die Schweine fühlen sich auch wohler, wenn sie sich im Dreck sielen dürfen!

LERNER Die Menschen sind keine Schweine.

SIBYLLE Du hast recht. So schweinisch wie die Menschen können Schweine gar nicht sein. Befreit haben sich die Menschen von ihrem schlech ten Gewis- sen. Aber dadurch ist doch ihre Sexualität nicht automatisch in Ordnung.

LERNER Und was ist nicht in Ordnung?

SIBYLLE Daß sie sich der Sexualität nur bedienen und sie bloß benutzen statt sich ihr zu unterwerfen. Sexualität ist aber in Wahrheit der einzige Gott, dem wir mit heiliger Inbrunst täglich dienen sollten!

LERNER Sexualität ist nicht unser Gott.

SIBYLLE Nicht mehr. Es gibt nur noch die entwürdigte Sexualität. Die Männer lieben mit ihrem Körper, die Frauen mit Herz und Seele. Aber das alles sind nur die verkümmerten Reste wirklicher Sexualität. Erst wenn sie uns ganz er- greift, Gefühl u n d Verstand, Wissen u n d Glauben, Glück u n d Leid, Sehnsucht u n d Erfüllung, Aggression u n d Unterwerfung, Verzweif- lung u n d Hoffnung, wenn also all unsere Gefühle und Gedanken um diesen einen Mittelpunkt kreisen, dann erleben wir Sexualität als die Erfül- lung unseres Lebens.

LERNER Es gibt etliche Sekten, die die freie Sexualität zu einem Bestandteil ihrer Rituale machen. Aber ich habe da so meine Zweifel, ob das nicht auf Mißbrauch hinausläuft.

SIBYLLE Du hast völlig recht. Sekten und Sexualität widersprechen sich, weil die Sexualität niemals zu einem bloßen Mittel gemacht werden darf. Eine solcher Mißbrauch der Sexualität ist ihre Perversion.

LERNER Sie ist für Dich selbst göttlich?

SIBYLLE Die Sexualität ist für alle Arten, die die Evolution hervorgebracht hat, der letzte Sinn ihres Seins. Warum nicht auch für den Menschen?

LERNER Wahrscheinlich, weil er sich selbst für sein Leben einen weiteren Sinn gesetzt hat.

SIBYLLE Und der wäre?

LERNER Glücklich zu sein, Wohlstand zu erwerben, Ansehen zu genießen, an und noch so einiges in dieser Richtung.

SIBYLLE Wenn der Mensch zwischen all dem und einer erfüllten Sexualität frei wählen könnte, würde er sie an die Spitze seiner Wünsche stellen.

LERNER Ich verstehe nicht, warum man die Sexualität an die Spitze seiner Wünsche stellen sollte.

SIBYLLE Wenn sie nicht an der Spitze steht, verkommt sie zum Geschäft, bei dem wir unsere Seele verlieren.

LERNER Geschäft ist wohl sehr extrem formuliert.

SIBYLLE Extrem? Überhaupt nicht! Du weißt doch genau, daß sich bei den sogenannten Normalen die Sexualität rechnen lassen muß: als billige familiäre Triebbefriedigung, als bezahltes Fleisch, als Macht über den Sexualpartner, als Videoentspannung, als Karriereleiter, als Trick in der Werbung oder als einträgliche medizinische und psychologische Problematisierung der dabei auftretenden Störungen.

LERNER Unser Leben ist eine bunte Vielfalt. Die Sexualität ist nur ein Teil.

SIBYLLE Falsch. Die Sexualität ist und bleibt das Zentrum, aus dem heraus wir leben. Wir müssen uns nur dazu bekennen.

LERNER Der Mensch hat viele Eigenschaften und Wertesysteme, denen er sich verpflichtet fühlt.

SIBYLLE Es sind immer nur Nuancen seiner verdrängten und verleumdeten Sexualität und Argumente für diese Verleumdung. Außerhalb der Sexualität wird alles falsch und hohl.

LERNER Das glaube ich nicht.

SIBYLLE Sieh mich an! Nein, nicht ausweichen! Laß mich ganz in Dich hinein! (Sie öffnet ganz langsam und genüßlich ihre Bluse) ... Jetzt horche in Dich hinein ... Laß sie zu, die Gefühle! ... Laß sie über meinen Leib kriechen! ... Du mußt Dich nicht schämen! ... Wie verklemmt Du bist!

LERNER Du bist eine äußerst charmante Verführerin.

SIBYLLE Man kann nur jemanden verführen, dessen Sexualität verkümmert ist. Nein, ich will Dich nicht verführen, was ja doch wohl nur eine sanfte Form von Vergewaltigung wäre.

LERNER Was willst Du denn?

SIBYLLE Dir nicht nur einen Begriff von dem geben, was ich meine, sondern mir auch von Deinem Gefühl bestätigen lassen, daß ich recht habe.

LERNER Ist es eine Bestätigung für Deine extreme These, wenn ich Dich nicht nur schön, sondern auch über alle Maßen aufreizend finde?

SIBYLLE Typisch Mann! Frauen werden nicht nur aufreizend gefunden, sondern es wird ihnen auch noch gesagt, als sei das ein besonders schönes Lob.

LERNER Ist es das nicht?

SIBYLLE Es ist erbärmlich und tötet in jeder sexuell gesunden Frau das Lustgefühl.

LERNER Das wollte ich nicht.

SIBYLLE (die ihre Lustgefühle kaum noch zurückhalten kann): Das hast Du auch nicht.

LERNER Warum darf ich Dir nicht sagen, daß ich Dich aufreizend finde?

SIBYLLE Weil ich nicht nur für Dich aufreizend sein will. Du sprichst mir gerade dadurch m e i n e Sexualität ab, indem Du meinst, sie sei allein für Dich gemacht.

LERNER Aber ich sehe doch, daß ich es bin, der Deine Lustgefühle bewirkt.

SIBYLLE Du bist vielleicht der Anlaß, aber nicht die Ursache. Die liegt viel tiefer in mir selbst. Ich habe meinen Körper niemals einem Mann geschenkt. Ich habe ihn als ein Geschenk meines Lebens genießen gelernt.

LERNER Aber Du mußt doch zugeben, daß so, wie Du Dich kleidest, es aufreizend auf einen Mann wirken muß.

SIBYLLE Und wenn ich sagen würde, daß so, wie Du Dich kleidest und mich ansiehst, es aufreizend auf mich wirkt?

LERNER Das habe ich, wenn das wirklich so sein sollte, doch aber gar nicht beabsichtigt.

SIBYLLE Siehst Du, das ist der Unterschied zwischen uns. Ich habe es beabsichtigt. Wie der Priester an Gott glaubt und seinen Talar trägt, so glaube ich an die Sexualität und kleide mich auch so. Was ist daran verkehrt?

LERNER Nichts. Entschuldige.

SIBYLLE Das sind die ersten vernünftigen Worte, die ich von Dir gehört habe!

LERNER Du bringst mich ganz schön durcheinander!

SIBYLLE Du mußt nur Deinen Urinstinkten vertrauen und alles zivilisatorisch Angelernte vergessen. Ich verliere nie das Zentrum meines Wesens. Du hast wahrscheinlich gar keins.

LERNER Du bist hart mit mir.

SIBYLLE Das muß ich wohl, solange ich es für möglich halte, daß sich unsere sexuellen Kräfte aneinander austoben werden. Ohne diese Vision hätte unser Gespräch für mich jeglichen Sinn verloren.

LERNER Ich habe noch nie erlebt, daß eine Frau ihren Körper wie ein Argument in die Logik ihrer Gedanken einfügt.

SIBYLLE Gespräche, die nicht unter die Haut gehen, also nicht mit dem Körper geführt werden und auf den Körper zielen, sind zwischen Mann und Frau äußerst fad.

LERNER Als ginge es nur um das Eine. Das begreife ich nicht.

SIBYLLE Du darfst mich ja begreifen. Du mußt Dir dabei nur Mühe geben. Begreifen ist das, was Du mit Deinen Händen an mir machst. Du kannst es stumpf- sinnig und gefühllos tun, oder Du bist dabei ganz selbstvergessen, daß mir die Sinne schwinden! Begreifen ist körperliches Geben und Nehmen.

LERNER Du drehst alles ins Körperliche.

SIBYLLE Und Du verstehst nicht, daß der Körper die Seele i s t . Wir empfinden mit und in der Fingerspitze ... und die Wollust, die meinem Körper die höchste Sensibilität gibt, beschränkt sich ganz bestimmt nicht auf den Kopf.

(Sie zieht ihren ohnehin schon viel zu kurzen Rock noch ein Stückchen höher, um anzudeuten, wo sich bei ihr das Zentrum der Wollust befindet.)

LERNER Dürfen wir unsere Sexualität so offen zur Schau stellen?

SIBYLLE Und warum sollten wir sie verheimlichen? Wenn jemand einen klugen Gedanken hat, dann schmiert er ihn in die Zeitung, damit er, wie eine Hure, von allen gebraucht und mißbraucht werden kann.

LERNER Einen Gedanken zu haben, das ist doch normal. Das muß man nicht verstecken.

SIBYLLE Eine Wollust zu haben, ist besser als ein Gedanke. Sie ist kreativ, weil sie auch am anderen Wollust zeugt. Ein Gedanke dagegen zeugt meist keine Gedanken, sondern Langeweile. Die Wollust schafft Bindungen zwischen den Menschen, Gedanken dagegen Feindschaft.

LERNER Mit der reinen Sexualität wären wir aus dem Tierreich nie herausgekommen!

SIBYLLE Und jetzt sind wir zu Untieren geworden, zu Monstern. Welch ein Fortschritt!

LERNER Es gibt für uns aber trotzdem nur eine menschliche Zukunft.

SIBYLLE Und die besteht in der Wiedereinführung der freien Sexualität als dem höchsten Gut und Wert der Menschheit.

LERNER Freiheit ist nicht freie Sexualität.

SIBYLLE Nein, aber sie beginnt damit. Ohne freie Sexualität sind alle anderen Freiheiten ohne Sinn.

LERNER Würdest Du einen Politiker wählen wollen, der die freie Sexualität lebt und verkündet?

SIBYLLE Nur einen solchen, weil ich dann sicher bin, daß er nicht lügt. Aber es gibt sie nicht, und darum wähle ich nicht. Ich weiß gar nicht, ob wir hier über- haupt wählen dürften. Ich kenne keinen aus der Klinik, der gewählt hätte.

LERNER Sind denn alle hier von Deinem Standpunkt überzeugt?

SIBYLLE Mir genügt die A-Klasse.

LERNER Was für eine Klasse?

SIBYLLE Unsere Klinik ist eine Dreiklassengesellschaft. Ich gehöre zur A-Klasse, andere sind in der B- und C-Klasse. Es geht nach dem Grad der Originalität der Ideen: Niemand aus der A-Klasse muß z.B. Ideen und Gedanken aus der B-Klasse ernst nehmen, wohl aber umgekehrt. Niemand aus der B- Klasse darf widersprechen. Dasselbe gilt dann für die B- und C-Klasse.

LERNER Findest Du das gut?

SIBYLLE Alle finden das gut. Nur innerhalb einer Klasse gibt es absolute Demokratie, d.h. Gleichberechtigung der Ideen. Das war eigentlich schon bei den Griechen so. Demokratie für die Sklaven? Das taugt nicht.

LERNER Demnach ist man in der A-Klasse geradezu verpflichtet, Deine Vorstellungen von Sexualität zu achten?

SIBYLLE Ich glaube, nicht einmal ungern. Sie waren alle ohne Ausnahme sehr lernfähig.

LERNER Auch Dr. Sinnig?

SIBYLLE Er steht gewissermaßen als Präsident über allem.

LERNER Und entzieht sich Deinen Verführungskünsten?

SIBYLLE Ich habe schon mal gesagt, daß ich niemanden verführe. Sigmund ist der Einzige, dessen Worte bereits genügen, bei mir die höchste Ekstase der Wollust auszulösen. Es ist die intensivste Sexualität, die ich je erlebt habe.

LERNER Und wo bleibt der Körper, wenn er sich mit Worten abspeisen läßt?

SIBYLLE Worte können den Körper mit einer übernatürlichen Zärtlichkeit berühren und ihn in sexuelle Erregung bringen, die lustvoller ist als alles andere.

LERNER Das wundert mich aber.

SIBYLLE Warum? Sigmund unterhält sich mit allen Patienten in ihrer Sprache.

LERNER Und Deine Sprache ist die, die von und über die Sexualität erzählt?

SIBYLLE Welche sonst?

LERNER Und er versteht Deine Sprache?

SIBYLLE Unsere Worte kreisen umeinander, berühren sich und verschlingen sich ineinander, daß ein wirklicher Geschlechtsverkehr nicht befreiender sein könnte. Nur eine leichte Selbstberührung verbindet den geistigen mit dem körperlichen Orgasmus. Schon der Gedanke daran macht mich ... na, Du weißt schon.

LERNER Ich kann es mir lebhaft vorstellen!

Bei diesen Worten ist sie aufgestanden und streicht ihm sanft über den Kopf. An der Tür dreht sie sich noch einmal um und wirft ihm eine Kußhand zu. Dr. Sinnig, der gerade hereinkommt sieht das mit großem Vergnügen.

SINNIG Aber, aber, was machst Du nur mit unserem Gast?

SIBYLLE Ich habe mich nur mit ihm unterhalten.

SINNIG Ich sehe es.

SIBYLLE Er aber noch nicht so richtig.

SINNIG Du mußt ihm Zeit lassen. Solche Klassefrauen wie Dich gibt es da draußen nicht.

SIBYLLE (richtet sich an Hans Lerner): Stimmt das?

LERNER Dr. Sinnig hat vollkommen recht.

SIBYLLE Na, dann will ich mal gehen und drüber nachdenken!

LERNER Auf Wiedersehen!

SIBYLLE Das will ich hoffen! (Geht ab)

Dr. S. und Hans G. setzen sich in die Gespächsecke

SINNIG Ich glaube, Sibylle ist für Sie ein großes Rätsel. Im Reich der Normalität hielt man sie für eine Nymphomanin, die schamlos jeden ins Bett zieht, ein öffentlicher Skandal gewissermaßen. Dabei ist sie vor allem eine übermä- ßig begabte junge Wissenschaftlerin.

LERNER Vielleicht ist es diese Mischung?

SINNIG ... die sie in den Wahnsinn getrieben hat? Nein. Es war Ihr Studium der Tiefenpsychologie und die daraus entwickelte Wahnsinnsidee, die verbor- genen Tiefen der Seele zur Schau zu stellen. Etwa wie ein Hund, der dann, wenn er einem anderen vertraut, seine Kehle zum Biß darbietet. Und in diesen Abgründen der reinen menschlichen Seele nistet eben nach ihrem Verständnis die Sexualität.

LERNER Ich muß schon zugeben, Sibylle hat mich in arge Bedrängnis gebracht.

SINNIG Trotzdem fühlt Sibylle, daß Sie sie mehr verstehen als mißverstehen. Sie erwartet von Ihnen gar nicht so viel.

LERNER Und Sie verstehen es, mit jedem Patienten in seiner Sprache zu reden?

SINNIG Man lernt es, wenn man sie versteht und sie nicht ablehnt. Bei Ihnen kann ich ja auch nur die Worte so setzen, wie Sie sie verstehen können. Aus dem Blickwinkel bestimmter Ideen die Welt zu sehen, bedeutet aber nicht, ihnen zuzustimmen.

LERNER Ich hatte nicht immer die passenden Gegenargumente zur Hand.

SINNIG Wenn man nach Einwänden suchen muß, dann ist das ein gutes Zeichen. Es verrät, daß ein Denkprozeß in Gang gekommen ist!

LERNER So kann man es auch sehen.

SINNIG So muß man es sehen, wenn Kommunikation ihren unverfälschten Sinn behalten soll.

LERNER Meine Kommunikation ist sehr einseitig. Ich fühle, daß ich nichts sage, was nicht jeder andere auch sagen könnte.

SINNIG ... da draußen.

LERNER Das ist die Welt, die mir vertraut ist.

SINNIG Wenn man sich das jeden Morgen einredet, glaubt man es irgendwann auch.

LERNER Wenn ich jetzt heftig widerspreche, glauben Sie mir doch nicht.

SINNIG Nein.

LERNER Warum eigentlich nicht?

SINNIG Weil Sie zu intelligent sind, um die Welt da draußen begreifen zu können.

LERNER Nur Dumme können die Welt begreifen?

SINNIG Ja. Die haben da gar keine Schwierigkeiten.

LERNER Darüber muß ich erst nachdenken.

SINNIG Aber nicht jetzt. Jeden Moment erwarte ich Herrn SEHER. Der wird Ihren Kopf ganz schön strapazieren. Bis dann! (Geht ab).

Nach einer kleinen Pause: Auftritt von Gunter Seher, jung, dynamisch und übermäßiges Händeschütteln.

SEHER Sind Sie meinetwegen hier? Haben Sie schon etwas von mir gelesen?

LERNER (verblüfft): Sie publizieren?

SEHER Die Klinik war so freundlich, meine Werke zu vervielfältigen.

LERNER Haben Sie ein Exemplar für mich?

SEHER Nein. Ich gebe keins aus der Hand. Man stielt mir sonst noch mein geistiges Eigentum!

LERNER Und warum haben Sie Ihre Werke vervielfältigt?

SEHER Damit sie meinen Tod überdauern. Ein einziges Exemplar könnte leicht verlorengehen oder in falsche Hände fallen.

LERNER Ich verstehe.

SEHER Wie können Sie verstehen, was Sie noch gar nicht gelesen haben?

LERNER Ich meine, wie Sie das machen.

SEHER Ich ... Ich mache gar nichts, hören Sie, gar nichts. Und da laß' ich mir von Ihnen nicht anhängen, daß ich was mache!

LERNER Entschuldigen Sie, das ist ein Mißverständnis. Ich wollte mich lediglich mit Ihnen über Ihre politischen Ideen unterhalten.

SEHER Und Sie versprechen, strengstes Stillschweigen zu wahren?

LERNER Wenn Sie es so wollen.

SEHER Die Menschheit wäre verloren, wenn sie je erfährt, wie ich über sie denke!

LERNER So radikal sind Ihre Ideen?

SEHER Ich fürchte, sie werden sich durchsetzen.

LERNER Aber wenn man sie doch gar nicht kennt?

SEHER Trotzdem. In der Geschichte setzt sich immer das durch, was man nicht kennt.

LERNER Dann können Sie ja ruhig abwarten.

SEHER Ruhig? Sie scheinen nicht zu begreifen, was da auf uns zukommt.

LERNER Seit sich Ideologien von einer glücklichen Zukunft als Täuschung erwiesen haben und das Vertrauen in die bestehenden Systeme sich in Mißtrauen verkehrt hat, ist uns die Geschichte in der Tat zu einer undurchschaubaren Bedrohung geworden.

SEHER Alle beschwören die Menschheit, daß sie am Scheideweg stünde und entwickeln irgendwelche Modelle der komplexen Vernunft, der moralischen Verantwortung oder der religiös gespeisten Liebe, als ob das helfen könn- te, das Unheil abzuwenden.

LERNER Es muß doch aber etwas geschehen.

SEHER Erst einmal müssen die Voraussetzungen gegeben sein, daß etwas geschehen kann.

LERNER Und die wären?

SEHER Handlungsfähigkeit, damit die Menschheit etwas für oder gegen sich tun kann. Zur Annahme des einen oder anderen Modells wäre dann immer noch Zeit.

LERNER Wird die Menschheit denn nicht gerade dadurch handlungsfähig, daß sie den Ernst der Lage begreift?

SEHER Damit kann man Bücher vollschreiben aber nicht Geschichte machen.

LERNER Und wie macht man Geschichte?

SEHER Kraftvoll und machtvoll oder gar nicht. Gezeter hilft da nicht weiter. Es gibt überhaupt nur zwei Wege: entweder die Weltdiktatur, oder die verbindliche und daher ebenfalls diktatorische Weltdemokratie.

LERNER Weder das eine noch das andere wird sich realisieren lassen.

SEHER Warten Sie ab. Wenn die Menschen in verzweifelter Not sind, der soziale und ökologische Kollaps in Gang gekommen ist, dann brechen die jetzigen Systeme zusammen. Das letzte stabile System, das seinen Untergang etwas hinausschieben konnte, wird Verantwortung für die Menschheit übernehmen müssen, nicht wegen der Moral, sondern wegen des Über- lebens.

LERNER Das ist ja ein Horrorszenario.

SEHER ... mit dem wir unverzüglich beginnen sollten, unsere Innen- und Außenpolitik neu zu definieren.

LERNER Und was wären dabei die wichtigsten Ziele?

SEHER Die Demokratie nach innen, die ökologische Wirtschaftsdiktatur nach außen und die militärische Entmündigung aller Nationalstaaten der Welt.

LERNER Das müssen Sie mir erläutern. Das einzige, was ich davon verstanden habe, ist die Demokratie.

SEHER Ich glaube, die haben Sie am allerwenigsten verstanden. Sie dürfen Demokratie nicht mit Parteienclownerie verwechseln. Die Nummer ist abgelaufen. Entweder eine dieser Juxparteien entwickelt sich zu einer diktatorischen Partei, die kein Pardon kennt, oder sie unterwerfen sich alle den Spielregeln der Demokratie.

LERNER Neue Spielregeln?

SEHER Ja und Nein. Das Volk allein und nur das Volk trifft Entscheidungen. Die Parteien bereiten solche Entscheidungen nur vor, sie geben zu bedenken, sie entwickeln Argumente für und wider, aber nicht mehr.

LERNER Meinen Sie, das Volk will das?

SEHER Darum geht es gar nicht. Das ist die unvermeidliche Strafe für das Volk, keine Erweiterung seiner Freiheit. Wichtig ist, daß das Volk seine eigenen Entscheidungen tragen lernen muß. Dieses "Das-habe-ich-nicht-gewollt" zählt nicht mehr, wenn unser Planet stirbt. Alle müssen sagen: Ja, das habe ich gewollt. Erst dann werden die Parteien ihre Schönrederei und den makabren Volksbetrug aufgeben, weil sie sich nun dem Ernst der Lage stellen müssen und nicht nur gewählt werden wollen.

LERNER Man sagt, eine solche radikale Demokratie verbaut den Weg zu notwendigen Kompromissen.

SEHER Das Gegenteil ist der Fall.

LERNER Sie sind also gegen die Parteien in ihrer heutigen Form?

SEHER Ganz entschieden. Die Parteien dienen nicht, sie bedienen sich im Namen des Volkes. Wenn sie dem Volk dienen wollen, dann müssen sie es mündig machen, damit das Volk frühzeitig alle Konsequenzen vor Augen hat, wenn es entscheidet. Auslöffeln muß das Volk ja bereits heute schon alle Ent- scheidungen, die über die Köpfe der Allgemeinheit hinweg getroffen wur- den. Da steht man schon lieber für seine eigenen Fehler ein.

LERNER Im kommunalen Bereich sind die Bürgerinitiativen sehr im Kommen.

SEHER Aus gutem Grund. Die Nation ist auch nur eine große Kommune, wenn man zunächst mal von den beiden anderen Problemkreisen absieht.

LERNER Sie meinen die ökologische Wirtschaftsdiktatur?

SEHER Genau. Es gibt schon heute Dinge, die radikal vom Staat entschieden werden müßten: Die Energiepolitik, die Schadstoffe, die Umwelt national und global, die Sozialpolitik nach innen und außen.

LERNER Aber die private Wirtschaft hat doch Bereitschaft signalisiert, da mitzumachen.

SEHER Es fehlen die Rahmenbedingungen des Staates. Wenn jemand mit Alkohol am Steuer erwischt wird, verliert er seinen Führerschein. Wer Steuern hinterzieht, Giftfässer im Ausland verscharrt, Drogengelder wäscht oder Gesetze für Waffenexporte mißachtet, dem muß man wegen Gemeinge fährlichkeit, Beihilfe zum Massenmord und ökologischer Kriminalität die Betriebe und Banken entziehen und sie neu privatisieren. Das würde nicht nur Geld bringen, sondern auch im Sinne des Grundgesetzes sein: Eigentum verpflichtet!

LERNER Das ist sehr radikal gedacht und würde ganz sicher das Kapital vertreiben.

SEHER Weil Transparenz für die 15 % des Bruttosozialproduktes gefordert wird, die unkontrolliert in der Schattenwirtschaft verschwinden?

LERNER So viel?

SEHER Hella von Klickersbach schätzt 300 Milliarden DM, viel mehr als uns die Einheit jährlich kostet.

LERNER Das ist der Preis der Freiheit!

SEHER Auch wenn die Banken hunderte mal soviel Drogengelder waschen wie die Bankräuber unter Einsatz ihres Lebens erbeuten? Ist die Freiheit nur für das Kapital da? Nein. Sozial ist Marktwirtschaft nur dann, wenn sie der Gesell- schaft dient und ihre Gesetze achtet.

LERNER Um das durchzusetzen, müßten Sie alle Prinzipien des Rechtsstaates neu definieren.

SEHER Und warum nicht? Wer die Macht und die Möglichkeiten hat, die ganze Menschheit zu vernichten, dem sollte man wenigstens das Recht dazu absprechen.

LERNER Sie stellen das ganze Gesellschaftssystem infrage?

SEHER Wenn ich das könnte, würde ich es sicher tun. Aber ich kann es nicht. Es stellt sich selbst infrage, weil es für die heraufziehenden Probleme und Konflikte keine Lösungen hat.

LERNER Vielleicht gibt es solche Lösungen gar nicht.

SEHER Der Überlebenswille der Menschheit wird sie erzwingen. Allerdings erst, wenn die tägliche Todesrate in der Welt einen bestimmten Grenzwert überschreitet. Ich glaube, der liegt bei etwa einer Million, also rund einer drittel Milliarde Menschen im Jahr. Heute töten die Öko- und die Sozialka- tastrophen in der dritten Welt erst ein Zehntel davon. Allein 40 000 Kinder sterben täglich an Hunger. Sicher sind die dadurch erzwungenen Lösungen nicht dauerhaft, aber das alte System zerbricht daran.

LERNER (nach einer kleinen Denkpause): Hängt Ihr dritter Gesichtspunktpunkt damit zusammen?

SEHER Ja, ohne die militärische Entmündigung der Nationalstaaten kommt es zum weltweiten unkontrollierbaren Massenmord. Es sind nicht eigentliche Krie- ge, die geführt werden. Alle politischen, ethnischen und religiösen Konflik- te drohen zum Massenmord zu entarten.

LERNER Und wie wollen Sie das verhindern?

SEHER Durch die Schaffung einer einzigen Weltarmee unter dem Kommando der UNO und die kontrollierte Abschaffung aller Nationalarmeen.

LERNER Jeder Staat wäre seinen Feinden ausgeliefert.

SEHER Nein. Umgekehrt. Wir müssen den Nationalstaaten die militärischen Möglichkeiten entziehen, ihre Konflikte auf dem modernsten Stand der Waffentechnik auszutragen. Sonst gerät die Menschheit an den Abgrund ihrer Existenz.

LERNER Alle Armeen der Industriestaaten richten sich heute auf eine Verteidigung gegen den Ansturm der dritten Welt ein.

SEHER Und provozieren ihn genau dadurch. Nur eine militärische Weltmacht vermag uns zu schützen, weil sie alle Länder zwingt, ihre Konflikte durch Verhandlungen zu lösen. Die Entwaffnung der Nationalstaaten und über- haupt aller militanten Gruppen von Freiheitskriegern ist der wahre Heilige Krieg, die letzte Gewalt zur Beseitigung der Gewalt. Wenn wir ohne Skru- pel Millionen hungernder Kinder töten können, warum nicht bewaffnete und sich widersetzende nationalistische Gewaltverbrecher?

LERNER Das sind sehr utopische Gedanken. Mißtrauen wird die Nationen davon abhalten, freiwillig auf ihre Armeen zu verzichten.

SEHER In einer Weltgesellschaft ist die nur national kontrollierte Produktion moderner Waffen und das Halten von Armeen kriminell. Denn im Rechtsstaat gehört das Machtmonopol allein dem Staat, in einer Weltgesellschaft allein der UNO. Sonst ist unser Planet am Ende.

LERNER Da könnten Sie recht haben.

SEHER Aber das Traurige ist, daß kein Politiker das einsehen will.

LERNER Also gibt es keine politische Lösung?

SEHER Weltweit sinkt das Vertrauen in die Politik. Dafür gewinnt der Funda- mentalismus an Boden. Aber der wäre das Ende jeder Politik.

LERNER (nach einer kleinen Pause): Das Krisenbewußtsein ist in den letzten Jahren gewachsen.

SEHER Und gleichzeitig auch die Krise, zu deren Beseitigung es doch angetreten ist.

LERNER Das braucht Zeit.

SEHER ... die wir nicht haben. Darum wird die Krise selbst zum Lehrmeister. Ihre Sprache versteht jeder, sobald er betroffen ist.

LERNER Wenn man dauernd daran denken würde, könnte man ja gar nicht mehr leben.

SEHER Das ist auch nur eine Frage der Zeit.

LERNER Aber wie wollen Sie das ändern?

SEHER Gar nicht. Es läßt sich nämlich nicht ändern. Sie sagen es ja selbst. Die Menschen wollen leben und sich nicht die Stimmung verderben lassen. Also können wir nur warten, bis die Zeit gekommen ist und die Geschichte ein Ausweichen nicht mehr zuläßt. Ich habe diesen Wahnsinn nicht mehr ausgehalten.

LERNER Viele sensible Menschen halten es nicht aus.

SEHER Meine Ideen sind eigentlich überflüssig.

LERNER Aber noch wäre Zeit, darüber zu reden.

SEHER Die Geschichte ist paradox. Die Menschen verstehen an ihr immer nur das, was nicht mehr zu ändern ist, und erhoffen sich das, was nie eintreten wird.

LERNER Sie bemühen sich aber zu verstehen, was heute zu tun ist.

SEHER Mir ist schon klar, daß kein Verlag meine Ideen drucken wird. Die Zeit der großen Lehrmeister und Propheten der Geschichte ist vorbei.

LERNER Und was soll nun werden?

SEHER Ich weiß es nicht. Die Geschichte hat ihren Sinn verloren. Sie läuft ins Leere.

 

5. Akt

Arbeitszimmer von Dr. Sigmund Sinnig. Er, ein weiterer Patient (Heinz Beelitz) und Hans Lerner sitzen in der Gesprächsecke. Dr. Sinnig macht die beiden miteinander bekannt.

SINNIG Herr Beelitz hält sich für einen der größten Philosophen unserer Tage.

BEELITZ Sie übertreiben.

SINNIG Wenn man ihm auch nur in einem Punkt recht gibt, ist man verloren.

BEELITZ Unsere Denkgebäude sind Kartenhäuser, die leicht einstürzen.

SINNIG ... und er spielt mit gezinkten Karten. Alles Joker, die er nach Lust und Laune setzt und damit jedes ernste Spiel verdirbt.

BEELITZ ... aber immer gewinnt.

SINNIG Wie kann man das "gewinnen" nennen, wenn nur noch Joker im Spiel sind? Ein Kartenspiel nur mit Jokern! Können Sie sich das vorstellen, Herr Merker?

LERNER Worum wird denn gespielt?

BEELITZ Das ist eine gute Frage! Man spielt, um zu begreifen, daß es keine Karte gibt, die den Joker übertreffen könnte.

LERNER Ich verstehe kein Wort.

SINNIG Herr Beelitz meint, unser menschliches Bemühen um Moral, Wahrheit und einen ehrlichen Standpunkt sei lächerlich. Wir sollten diese angeblichen Werte durch Joker ersetzen. Nur das jeweilige Spiel entscheidet, was moralisch, was wahr und was ehrlich ist.

BEELITZ Das ist eine sehr tendenziöse Darstellung meiner Ideen. Jedermann weiß, daß es viele moralische Werte, viele Wahrheiten und viele Arten von Ehrlichkeit gibt. Der auf der Höhe unserer Zeit stehende Mensch macht sie sich alle zu eigen und setzt das jeweils Passende dort ein, wo es ihm den größten Vorteil bringt.

LERNER Wäre das nicht das Ende unserer geistigen Kultur? Alles wäre ja dann irgendwie moralisch, wahr und ehrlich.

BEELITZ Der Mensch träumt davon, trotz seines teuflischen Tuns seine Seele retten zu können.

LERNER Ist der Mensch böse?

BEELITZ Nicht böse. Das hieße ja, ihn an seinen utopischen Moralbildern messen zu wollen. Tatsache ist vielmehr, daß die Menschen ohne eine doppelte Moral gar nicht leben könnten!

SINNIG Die doppelte Moral ist immer ein Ausdruck von Heuchelei und gesell- schaftlichen Bedingungen, die dazu zwingen. Weil es die wirkliche Moral gibt, leiden die Menschen unter der ihnen aufgezwungenen doppelten Moral.

BEELITZ Sie leiden an ihren Illusionen von einer heilen Welt. Und warum? Weil sie die Welt nicht so sehen, wie sie wirklich ist: ohne Wert, ohne Moral, ohne Sinn, ohne Wahrheit, ohne Ziel.

LERNER Kann man so leben?

BEELITZ Was heißt das schon. Entweder wir setzen brav und bieder unsere biologische und gesellschaftliche Evolution fort, bis dann endlich unser Planet in die Luft fliegt, oder wir setzen u n s an den zynischen Anfang der Welt.

LERNER Es geht darum, die Natur und die Menschheit vor dem ökologischen Kollaps zu bewahren und die soziale Not zu lindern.

BEELITZ Wie rührend und naiv! Das wird aber nur funktionieren, wenn wir uns von der Moral verabschieden.

LERNER Sie verblüffen mich.

BEELITZ Das Leben selbst, so es fortdauern sollte, wird jedes Bemühen um Moral und geistige Würde im Keim ersticken. In der halbzerborstenen Welt geht es sehr bald nur noch um die elementarsten Formen des Überlebens. Aber überleben können Sie nur, wenn Sie sich von allen moralischen Flausen freigemacht haben.

LERNER Das sehe ich anders. Wenn die Menschheit durch enorme moralische Anstrengungen die Welt retten könnte, dann hätten die Menschen doch an Wert und Würde gewonnen und nicht verloren!

SINNIG Herr Beelitz hat recht. Auf der einen Seite steht der bedingungslos angepaßte und mit seinem Überlebenskampf beschäftigte wirkliche Mensch und auf der anderen Seite der Traum vom wahren Menschen mit seiner Suche nach der reinen und unbescholtenen Seele. Beides paßt nicht zusammen.

LERNER Doch, bei den meisten schon.

BEELITZ (spöttisch): Weil sie nicht aus ihrem Geist, sondern aus dem Bauch heraus funktionieren.

LERNER Die Unterdrückung von Gefühlen macht krank.

BEELITZ Aber das Austoben der Gefühle tötet die Vernunft und macht die Gesellschaft irrational.

SINNIG Ja, das ist der Wahnsinn unserer Tage. Die Utopie von einer glücklichen und mit ihrer irrationalen Bauchmoral zufriedenen Menschheit zeigt nur, wie sehr wir am Ende sind.

BEELITZ Das war die Menschheit von Anfang an! Auch die Tiere kennen nur die Bauchmoral. Welche sonst? Aber das heißt doch gerade, daß alle zynis- musfreien geistigen Werte in die Irre geführt haben!

SINNIG Nein. Nicht die geistigen Werte, sondern die Unfähigkeit der Menschen, sie richtig anzuwenden.

BEELITZ Richtig? Damit meinen Sie wohl zynisch!

SINNIG Das meine ich gerade nicht. Bevor der Geist zynisch wird, muß noch einiges hinzukommen.

LERNER Und was muß hinzukommen?

SINNIG Schizoide Intelligenz, geistige Schizophrenie.

LERNER Und das führt dann zum hellen Wahnsinn?

SINNIG Die dafür Anfälligen haben zu viel Intellekt. Er beginnt zu wuchern und über sich selbst herzufallen.

BEELITZ So dürfen Sie das nicht sagen. Diese Menschen haben nicht zu viel Intellekt, sondern die höchste Intelligenzstufe erreicht: den schizoiden Zynismus.

SINNIG Ich bitte Sie. Wollen wir unseren Streit vor unserem Gast austragen?

BEELITZ Warum nicht?

LERNER Worin besteht denn der Unterschied zwischen geistiger Schizophrenie und zynischer Intelligenz?

BEELITZ Es gibt keinen. Das ist nur eine Wertungsfrage. Positiv gesehen ist der intelligente Zynismus das Ideal geistiger Kultur. Negativ gesehen eine Geisteskrankheit.

SINNIG Denken Sie an Dr. Merker. Er leidet sehr darunter, daß er keine Anerken- nung findet. Aber gleichzeitig wäre er tödlich erschrocken, wenn es die für ihn gäbe. Das ist geistige Schizophrenie.

BEELITZ Er leidet darunter, daß seine Fachkollegen nicht zugeben, daß sie trotz besseren Wissens Karriere machen.

LERNER ... nicht w e g e n ihres besseren Wissens?

BEELITZ Das bessere Wissen ist immer zynisches Wissen. Man weiß, daß das angeblich gute Wissen immer nur die halbe Wahrheit ist. Die andere Hälfte ist systemkonforme Verlogenheit.

SINNIG Das ist selbst auch nur die halbe Wahrheit. Wenn Dr. SEHER Anerkennung fände, dann hieße das zwar, daß seine Ideen so unbedeutend sind, daß alle Geisteszwerge sie verstehen können, aber auch, daß man zu ihm aufblickt.

LERNER Er will Anerkennung und fürchtet sie gleichzeitig, weil er darin eine Entwertung seiner Ideen sieht?

SINNIG Verrückt, nicht wahr? Den meisten Menschen bedeuten ihre Ideen nichts und ihre Gefühle alles. Bei meinen Patienten ist es genau umgekehrt. Sie wollen nichts für sich und alles für ihre Ideen.

BEELITZ Glauben Sie ihm kein Wort. Dr. Sinnig will einfach nicht einsehen, daß geistige Schizophrenie nicht eine Krankheit, sondern der gesellschaftliche Idealzustand ist. Wir wollen die wettbewerbsfähige Wirtschaft und wissen, daß sie die Naturzerstörung bringt. Wir sind fasziniert von der Werbung für die vielen schönen Dinge und wissen, daß der Sinn des Lebens woanders liegt. Wir wissen, daß unsere Spenden nichts nutzen, unsere Hoffnungen nichts bringen und unser Arbeitseifer nur eine besonders naive Form von Dummheit ist. Wir wissen, daß unsere Politiker lügen und sind ihnen auch noch dankbar dafür. Ist das nicht geistige Schizophrenie?

SINNIG Wenn man es besser weiß, und doch handelt, als wüßte man es nicht besser, dann ist das in der Tat Zynismus. Da bin ich mit Ihnen einer Mei- nung. Aber das ist kein Ideal. Sie sehen doch, wie die Menschen darunter leiden!

LERNER Ist Zynismus nicht immer verdeckte Kritik?

BEELITZ So verstand sich der Zynismus in der Vergangenheit. Aber heute? Stellen Sie sich doch mal die Produzenten eines Werbespots vor. Halten Sie es für möglich, daß die auch nur eine Sekunde lang an das Produkt glauben, für das sie werben? Das ist offen zur Schau gestellter Zynismus und gleich- zeitig lukrativ und ehrenwert! Oder denken sie an die Redaktionen der Boulevardpresse. Kein Journalist könnte ohne Zynismus auch nur einen einzigen Artikel schreiben!

LERNER Wir sollten also nicht den Zynismus abschaffen, sondern den Glauben an eine heile Welt?

BEELITZ ... und die Moral, die feierliche Erklärung, man selbst sei frei von Zynis- mus. Immer seien es die Sachzwänge, die mich tun lassen, was ich eigent- lich nicht will und auch nicht verantworten kann.

SINNIG Es ist völlig absurd, den Menschen die Moral nehmen zu wollen. Aber die Alternative ist richtig gesehen: Entweder sanktionierter Zynismus oder Moral. Beides geht nicht zusammen.

LERNER Ich hätte nie geglaubt, daß man den Zynismus idealisieren könnte. Das hieße doch, sich über die innere Zerrissenheit und schizoide Weltsicht auch noch zu freuen!

BEELITZ So ist es. Je komplexer unsere Welt wurde, um so unmöglicher und auch unsinniger wurde es, sie auf einen Nenner zu bringen.

SINNIG Die in vielen Weltbildern versprochene Harmonie ist ein Flop. Aber darf man aus Kompromissen, die das Leben so mit sich bringt, Ideale machen?

BEELITZ Man bekennt sich zu dem einen und leidet unter dem anderen, so versteht sich der überall praktizierte Zynismus. Aber das ist nicht der wahre Zynis- mus. Der wechselt ständig die Fronten, wie ein Doppelagent. Wenn das eine genauso wahr ist wie das ihm entgegenstehende andere, warum dann nicht für beide Seiten zugleich eintreten: Gegen Mord und Totschlag in der Welt und für Waffenexporte, gegen die Rauschgiftmaffia und für das Ge heimnis ihrer Bankkonten, gegen die Wohnungsnot und für Höchstgewinne der privaten Wohnungswirtschaft, gegen Steuerhinterziehung und für die vielen Tricks, den Staat zu betrügen ...

LERNER Das wäre ja schrecklich!

BEELITZ Was unangenehm und nachteilig für mich ist, das vergesse ich einfach. Ich bin, wie ich mich sehen will. Die Politiker könnten keine Wahlperiode über- stehen, wenn sie das nicht gelernt hätten. Sind Sie nicht unser Vorbild?

SINNIG Sie wenden den Zynismus auf das ohnehin schon Zynische an, einen zynischen Zynismus, den Sie da propagieren.

BEELITZ Nein. Das ist ein ehrlicher Zynismus, ein ehrliches Bekenntnis zum Zynismus, wie es einem anständigen Intellektuellen zugemutet werden kann.

SINNIG Ich bleibe dabei. Sie verlangen die innere Schizophrenie jeder Art von geistiger Betätigung, vom alltäglich Banalen bis hin zu den Ideen in Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Fast kann man das als eine Steige- rungsstufe des hellen Wahnsinns bezeichnen.

LERNER Da gibt es noch Steigerungsstufen?

SINNIG Ja, natürlich. Wissenschaft differenziert und vergleicht. Eine schizophrene Idee ist so ziemlich das Höchste, was einem zustoßen kann, wenn man an seinem Intellekt wahnsinnig geworden ist.

LERNER Was ist eine schizophrene Idee?

SINNIG Eine Idee, die durch sich selbst in ihr eigenes Gegenteil umschlägt und sich dadurch aufhebt, aber gleichzeitig auch immer wieder neu setzt.

BEELITZ Eine selbst entwickelte Idee, für die und gegen die man sich voller Leidenschaft engagiert, weil man weiß, daß sie zynisch ist.

LERNER Ist das nicht Irrsinn?

SINNIG Das dürfte man wahrscheinlich nur dann so nennen, wenn wir uns ganz sicher sind, daß schizophrene Ideen definitiv falsch sind.

LERNER Sie sind nicht falsch?

SINNIG Ich sage nur, daß ich mir nicht zutraue, das zu entscheiden.

LERNER Und wer gehört in diese Gruppe?

SINNIG Gunter SEHER hat sich in schizophrene Ideen verstrickt. Und das gleich im doppelten Sinne: Einmal können sie gar nicht als Ideen, sondern nur als realer Gang der Geschichte wirken, und zum anderen ist ihre Wirkung so niederschmetternd, daß man sie aufhalten und durch bessere Ideen erset- zen möchte, bevor sie etwas zerstören können.

BEELITZ Ja. Gunter SEHER ist ein Genie. Man könnte fast meinen, nicht er, sondern die Geschichte sei zynisch.

LERNER ... und wie ein Alptraum, der uns zur Selbstzerstörung treibt.

SINNIG Einerseits möchte Herr SEHER seine Ideen verstecken, damit sie kein Un- heil anrichten, andererseits möchte er sie hinausschreien, damit sie vor dem Unheil warnen können. Dann wieder versucht er, ihnen ihre innere Logik zu nehmen, damit sie wie ein Spuk in sich zusammenfallen.

LERNER Ein qualvoller geistiger Kampf.

SINNIG ... bei dem es keinen Sieger geben kann.

BEELITZ Das sehen Sie völlig falsch, Herr Doktor. Herr SEHER führt keinen qualvollen Kampf. Er spottet über alle, die meinen, solche Kämpfe führen zu müssen. Seine zynische Theorie bereitet ihm Vergnügen.

LERNER (an Dr. Sinnig): Ist geistige Schizophrenie heilbar?

SINNIG Man müßte den Geist zur Ruhe bringen. Das könnte man mit Medikamen- ten. Aber was dann dabei als geheilt herauskommt, ist ein Mensch, dem man mit seinem Intellekt auch seine Identität geraubt hätte. Sind wir dazu berechtigt?

LERNER Wahrscheinlich nicht. Aber akzeptieren wir dadurch nicht diese ganz andere Welt?

BEELITZ Als ob es die e i n e Welt überhaupt gäbe!

LERNER (an Dr. Sinnig): Und in welcher Welt leben Sie?

SINNIG In beiden, oder, anders gesagt, an der Grenze. Mit einem Bein dort und mit dem anderen hier.

LERNER Ist das nicht auch schizophren?

SINNIG Ganz kommen wir um den Wahnsinn nicht herum. Entweder wir verlegen ihn in die wirkliche Welt und bedauern uns, in einer solchen Welt leben zu müssen, oder wir verlegen ihn in die anderen Menschen, gegen die wir aber nicht ankönnen, oder wir begreifen, daß wir selbst ein Teil dieser Wahnsinnswelt sind.

BEELITZ Dr. Sinnig weiß, daß er eigentlich zynisch sein müßte, aber er denkt, daß er da drum herum kommt.

LERNER Und wie kann man sich davor schützen?

BEELITZ Indem Sie kraftvolle zynische Ideen nur in Raten und in kleiner Dosierung zulassen. An einem großen Brocken muß jeder ersticken, ob er will oder nicht.

LERNER Und die großen Ideen führen in den hellen Wahnsinn?

SINNIG Zwangsläufig, denn die Herausforderung ist so groß, daß man die ganze Welt zum Feind hat.

LERNER Ist das nicht ein zu großes Opfer für die Idee, wie wichtig sie auch immer sein mag?

SINNIG Sicher, aber man hat nur noch diese eine Idee, an der man unbeirrt festhält. Sehen Sie in die Geschichte. Es ist selten persönliches Glück, eine später einmal bewunderte Idee gehabt zu haben. Spinoza wurde verfolgt und gejagt, Schopenhauer einsam und trübsinnig, Kant war schon fast Pensionär, als er einen Lehrstuhl bekam. Nietzsche konnte seine geistige Einsamkeit nie durchbrechen und endete im dunklen Wahn. Glücklich sind immer nur die Geistlosen.

LERNER Manchmal ist eine neue Idee aber doch eine Befreiung!

SINNIG Wenn der Zeitgeist in die Krise geraten und ein geistiges Vakuum entstanden ist. Aber in der Regel kommen Ideen ungerufen. Sind sie deshalb schlechter?

LERNER Sich Gedanken zu machen und Ideen zu haben ist ein großer Unterschied, wenn ich Sie richtig verstehe?

SINNIG Sich Gedanken zu machen, ist das Gebot der Vernunft und die Forderung des Alltags. Aber entscheidend ist ja nicht, w o r ü b e r Sie sich Gedan- ken machen, sondern einzig und allein w o m i t Sie es tun. Gedanken übernehmen stets die plattgewalzten fremden Ideen, die sie nur in eine neue Reihenfolge bringen. Gedanken zeugen aber nur dann Neues, wenn sie von neuen Ideen ausgehen.

LERNER ... was man ungestraft nie tun würde.

BEELITZ Ohne Zynismus können Sie heute keine einzige wirklich gute Idee entwickeln!

SINNIG Es ist tatsächlich schon abartig, sich auf neue Weise Gedanken machen zu wollen, mit neuen Ideen, denn dazu muß man ja die auf der Hand liegen- den Gedanken verwerfen und den Zweifel solange an ihnen nagen lassen, bis sie hohl und leer geworden sind. Das bedeutet aber, daß man die ande- ren mit ihren angeblich tiefsinnigen Gedanken nur noch verspotten kann. Wenn dann irgendwann alle Brücken zerstört sind, bleibt nur noch der Weg in den hellen Wahnsinn. Nur so kann man seine Ideen vor dem Zugriff durch den normalen Schwachsinn schützen.

LERNER (nach einer Pause an Dr. Sinnig): Meine Zeit hier geht zu Ende. Ich möchte Ihnen danken.

SINNIG Wofür?

LERNER In Ihrem Haus fühlte ich mich wie Kolumbus, als er eine neue Welt entdeckte.

SINNIG ... und die Ureinwohner nicht begreifen konnte, die so ganz anders waren als seine heimischen Katholiken,.

LERNER Ja. Am Anfang hatte ich Mühe zu begreifen, was Wahnsinn eigentlich ist.

SINNIG Begreifen können Sie nur, was in Ihnen selbst eine Seite zum Klingen gebracht hat. Sie werden meine Patienten nie begreifen!

LERNER (zögerlich und nachdenklich): Ich glaube doch... vielleicht... Ich selbst beschäftige mich seit Jahren mit einer sehr ungewöhnlichen Sache, nämlich mit dem Kunstverständnis von Affen. Eigentlich wollte ich noch nicht drüber reden.

SINNIG Sehr interessant. Wie kommen Sie denn darauf?

LERNER Ein Witzbold hat vor kurzem drei Affen vor eine Leinwand gestellt und sie "echt afrikanisch" malen lassen. Die so entstandenen Bilder fanden durch den ahnungslosen Direktor eines Kunstmuseums eine hochintelligente In- terpretation. Er verglich sie mit den jungen europäischen Wilden und fand viele Gemeinsamkeiten in der Maltechnik und Aussage.

BEELITZ Ein böser Scherz.

LERNER Und was ist, wenn den Affen wirklich eine künstlerische Ausdruckskraft angeboren ist? Ich habe sie tagelang beobachtet und ihre Zeichensprache studiert. Ich habe manches aufgeschrieben, was sie sich signalisiert haben.

SINNIG (verblüfft): Was haben Sie?

LERNER Na, ihre Zeichensprache übersetzt in ein literarisches Deutsch.

SINNIG Und was kam dabei heraus?

LERNER Einmal ein Gedicht. Soll ich es Ihnen vortragen?

SINNIG Gern.

LERNER Ich sehe, blicke, schaue

und höre nichts.

Ich lausche, warte, horche

und sehe nichts.

BEELITZ Und das haben Affen gedichtet? Das klingt ja verständlicher als moderne Lyrik.

LERNER Leider verstehe ich noch nicht alles. Es gibt da noch gewisse Übersetzungsschwierigkeiten. Nicht nur der Wortschatz ist außergewöhnlich groß, auch die Grammatik ist einmalig. Die . Sprache der Affen ist so geheimnisvoll und von nie dagewesener Schönheit!

SINNIG Haben Sie schon mit jemand darüber gesprochen?

LERNER Solange mein Lexikon nicht fertig ist, kann ich damit nicht an die Öffentlichkeit treten.

SINNIG Sie haben recht. Behalten Sie diese Idee so lange wie möglich für sich.

LERNER Meinen Sie etwa, meine Idee sei so extrem, daß sie in den Wahnsinn führen könnte?

SINNIG Die Frage müssen Sie sich selbst beantworten.

LERNER Ich habe sehr sehr viel bei Ihnen gelernt, mehr, als ich im Augenblick übersehen kann. Meine Seele und mein Geist sind durcheinander. Ich muß mein inneres Gleichgewicht neu finden.

SINNIG Es gibt die Möglichkeit, daß Sie Ihr Vorhaben unverzüglich einstellen.

LERNER Das kann ich jetzt weniger denn je.

SINNIG Ideen sind nur von innen betrachtet eine Freude. Von außen gesehen sind sie stets eine Belastung.

LERNER Ich fühle mich eher bereichert als belastet.

SINNIG Wer die Grenzen, die uns vom hellen Wahnsinn trennen, verwischt, der ist in großer Gefahr.

LERNER Wer nur diese Grenzen sieht - und das ist mir hier klar geworden - der hat nichts von sich und der Welt verstanden.

SINNIG Ist das Ihr letztes Wort?

LERNER Nein, mein erstes, das seine eigenen Abgründe auslotet.

SINNIG Ich bin überzeugt, wir werden uns wiedersehen!