von Bodo Wenzlaff
I n h a l t s v e r z e i c h n i s:
Vorwort
Kapitel 1: Freiheit und Erkenntnis
1.1. Das Ding an sich
1.2. Das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu haben
1.3. Die Existenz der Seele
1.4. Transzendent und transzendental
1.5. Die Idealität von Raum und Zeit
1.6. Anschauung und Begriff
1.7. Die Wahrheit und die reine Vernunft
1.8. Analytische und synthetische Urteile
Kapitel 2: Freiheit und Naturgesetze
2.1. Erfahrung als empirische Erkenntnis in Raum und Zeit
2.2. Erfahrung und Einbildungskraft
2.3. Das Schema eines Begriffs
2.4. Naturgesetze als F o r m unserer Erkenntnis der Natur
2.5. Die Natur als Anschauung und Begriff
2.6. Die Natur als Welt der Objekte
2.7. Erkenntnis und Humanismus
2.8. Die menschliche Seele
2.9. Gibt es absolute Ausgangspunkte für die Welterklärung?
2.10. Naturgesetze
2.11. Kant und die moderne Physik
Kapitel 3: Freiheit und Moralgesetze
3.1. Freiheit und Kausalität
3.2. Freiheit und Idee
3.3. Formale Freiheit und reale Handlungsziele
3.4. Meinung und Moral
3.5. Die drei Fragen
3.6. Idealismus und Materialismus
3.7. Schwärmerische Metaphysik
Kapitel 4: Freiheit und Glück
4.1. Das Paradoxon menschlicher Freiheit
4.2. Das materielle und das geistige Wesen des Menschen
4.3. Die prinzipiellen Grenzen geistiger Selbstbestimmung
4.4. Glück und Lebensfreude
4.5. Glück und Moral
4.6. Die Moral als ein allgemeines Gesetz
4.7. Der Mensch als Selbstzweck
4.8. Die Würde des Menschen
4.9. Die Autonomie des Menschen
Kapitel 5: Freiheit und Religion
5.1. Kant und die Religion
5.2. Religion und Moral
5.3. Die Moral und das Böse
5.4. Pragmatische oder formale Moral?
5.5. Die Erbschuld des Menschen
5.6. Die transzendente Moral der Religion
5.7. Moral und Humanismus
5.8. Moral und Gewissen
5.9. Moral und Demokratie
5.10. Religion und Kirchenglaube
5.11. Das Reich Gottes
Anmerkungen
V o r w o r t
Immanuel KANT hat mit seiner "Kritik der reinen
Vernunft" die Grundlagen der klassischen deutschen Philosophie gelegt. Nach
Jahrhunderten der Verkündung immer neuer Bilder vom angeblichen Wesen der Welt
orientierte Kant die Philosophie auf die Grundlagen menschlicher Erkenntnis: Bevor man die
Welt erkennen und begreifen kann, muß man wissen, was Erkenntnis ist und wie weit uns
unsere Begriffe überhaupt zu tragen vermögen. Um eine Erkenntnis der Erkenntnis zu
gewinnen, muß man sich mit den inneren Gesetzen des Denkens und der Vernunft
beschäftigen, also den geistigen Gegenständen, die vor aller Erfahrung mit den
Gegenständen der Wirklichkeit liegen. Diese strikte Trennung der formalen und daher
diesseits der Erkenntnis liegenden Erkenntnisbedingungen von den materiellen und daher am
jenseitigen Ende der Erkenntnis liegenden nichtbegrifflichen Gegenständen durchzieht die
gesamte Kantsche Philosophie. Erkenntnis erhält daher für Kant einen Doppelsinn:
1. Wissen um das Zusammenspiel von Anschauung und
Denken im Erkenntnisprozeß;
2. Wissen um die wirkliche Beschaffenheit der
wirklichen Welt durch den unvermeidlichen Sprung in das Jenseits der Erkenntnis.
Während wir über den ersten Aspekt durch die
Philosophie zu großen Einsichten gelangen, werden wir beim zweiten Aspekt niemals über
mehr oder weniger einleuchtende Hypothesen hinauskommen: Jede Aussage über die
Beschaffenheit der Wirklichkeit ist eine prinzipiell nicht beweisbar. Wir müssen daher
lernen, daß keine Religion über unfehlbare Wahrheiten verfügen kann. An die Stelle der
Überzeugung zur Rechtgläubigkeit muß nach Kant die uneingeschränkten Toleranz treten,
die nicht bloß die Achtung vor dem anderen, sondern auch das Wissen um die
Unvollkommenheit des eigenen Wissens einschließt.
Dieser neue Erkenntnisbegriff, der als "reine
Vernunft" nach Wissen über die Erkenntnis strebt, ist für Kant auch die
Durchgangsstufe zu einer wahrhaft neuen und revolutionierenden Moralauffassung, die nicht
nur die Religionsauffassungen seiner Zeit, sondern alle metaphysischen Systeme tiefer
getroffen hat als seine Erkenntniskritik. Im Gegensatz zu allen Moraltheorien vor ihm hat
Kant die Unterscheidung von formalem und realem (materialem) Erkenntnisgrund nun auch auf
die Moral selbst angewandt und als Grundgesetz der praktischen Vernunft gefaßt.
Die reine Form des Sollens, das innere moralische Gesetz, liegt nach Kant v o r
allen realen Handlungszielen.
Hierbei sind die biologisch bedingten Triebe und
Bedürfnisse sowie die sozialen Interessen der handelnden Menschen zu berücksichtigen.
Triebe und Interessen vermögen durchaus, das wirkliche menschliche Handeln, wie es immer
wieder beobachtet werden kann, zu erklären, nicht aber das höchste Gut des Menschen,
seine Freiheit. Wie der Mensch selbst eine Mischung von Geist und Materie ist, so
zerfallen auch die Gesetze seines Verhaltens in materielle Ursachen und ideelle
Triebkräfte. Die Gleichheit der Menschen, ihre ideelle Einheit als Menschheit, wird nicht
durch das gleiche System von Erkenntnissen und Einsichten und nicht durch die gleichen
moralischen Ziele und Ideale gestiftet, sondern durch die gleiche, im Menschen selbst
liegende und daher rein "formale" Befähigung zur Erkenntnis und zur
Sittlichkeit.
In dieser Befähigung die Grundlagen des Humanismus
zu sehen und der Philosophie die Aufgabe zu stellen, dafür zu wirken, daß der Menschheit
die Dogmen der Weltanschauungen und die Dogmen der Moral durchsichtig werden, ist das
Hauptverdienst Kants. Heute, wo die Menschheit noch enger zusammengewachsen ist, eine
Weltgemeinschaft im Entstehen begriffen ist, gleichzeitig aber die geistig-kulturellen,
ethnischen und religiösen Unterschiede die Trennung der Menschen in feindselige Lager
verschärfen, ist eine solche Botschaft im wahrsten Sinne des Wortes befreiend, weil die
Verpflichtung nehmend, für eines der angebotenen und allein zum Heil führenden
Dogmengebäude Partei ergreifen zu müssen. Kant hatte bereits einen klareren und tieferen
Begriff von der Menschheit und dem, was wir heute so gern "Humanismus" nennen,
als in den gängigen Gesellschaftsmodellen und Zukunftsvisionen zum Ausdruck kommt. Eine
zentrale Rolle spielt dabei das Problem menschlicher Freiheit, doch der Weg dahin führt
über die "reine Vernunft". In der Vorrede zur ersten Ausgabe der "Kritik
der reinen Vernunft" sagt Kant: "Die menschliche Vernunft hat das besondere
Schicksal ... daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie
sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht
beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft."
/1/
Nicht ein neues Dogma, was Vernunft sei und wie sie
dazu gekommen ist, sich solche Fragen zu stellen, ist das, was die Philosophie anstreben
sollte, denn dazu müßte sie ja schon wissen, was Vernunft ist, sondern durch den
richtigen Gebrauch der Vernunft in Bezug auf die v o r h a n d e n e n Dogmen für mehr
Klarheit zu sorgen, das müßte nach Kant die Aufgabe der Philosophie sein. Die
Philosophie ist nicht der Produzent von Welterklärungen, sondern ihr Kritiker, um die
maßlose Ausuferung von vermeintlichen Wahrheiten zu verhindern. So, wie die Logik bereits
die formalen Regeln des Denkens untersucht, so kommt es jetzt darauf an, "von allen
Objekten der Erkenntnis und ihrem Unterschiede zu abstrahieren, und ... der Verstand es
mit nichts weiter als sich selbst und seiner Form zu tun hat." /2/
Kant selbst spannt den Bogen seiner Problemsicht in
der Vorrede zur zweiten Ausgabe des o.g. Werkes wie folgt: "Was ist denn das ... für
ein Schatz, den wir der Nachkommenschaft mit einer solchen durch Kritik geläuterten,
dadurch aber auch in einen beharrlichen Zustand gebrachten Metaphysik, zu hinterlassen
gedenken? Man wird bei einer Übersicht dieses Werkes wahrzunehmen glauben, daß der
Nutzen davon doch nur negativ sei, uns nämlich mit der spekulativen Vernunft
niemals über die Erfahrungsgrenze hinauszuwagen, und das ist in der Tat ihr erster
Nutzen. Dieser aber wird alsbald positiv, wenn man innewird, daß die Grundsätze,
mit denen sich spekulative Vernunft über ihre Grenze hinauswagt, in der Tat nicht Erweiterung,
sondern, wenn man sie näher betrachtet, Verengung unseres Vernunftgebrauchs zum
unausbleiblichen Erfolg haben ..."/3/
Den kriminellen Wegelagerern des Geistes und der
menschlichen Seele das Handwerk zu legen, das ist nach Kant die Hauptaufgabe der
Philosophie. Sie soll den Menschen davor schützen, seines Geistes beraubt zu werden. Da
die Zerstörung des menschlichen Geistes weder polizeilich noch strafrechtlich verfolgt
wird, muß die Philosophie eine Art Hilfeleistung für all jene erbringen, die sich noch
zu wehren vermögen und Vernunft und Freiheit nicht kampflos aufgeben wollen.
Kant sieht in allen Bestrebungen, über die Vernunft
hinauszugehen, nur die letztlich zwecklosen Versuche, eben diese Vernunft zu vernichten,
statt sie sich dienstbar zu machen. In den abstrakten Grundlagen der Vernunft ist bereits
die Verantwortung zur Humanität zu erkennen. Dazu bedarf es keiner Hilfe durch
unbeweisbare und darum unverantwortbare Welt- und Allerweltserkenntnisse und auch nicht
einer Neuentdeckung von "ganzheitlichen" Gefühlen, die sich aus der
Vormundschaft "des Kopfes" befreien sollen. Nur in der Freiheit von diesen fast
erdrückenden Scheinwelten und den daraus abgeleiteten Vorschriften für den Menschen kann
sich humane Moralität entfalten. Handlungsziele, die der Mensch nicht bereit ist, in
allen Konsequenzen selbst zu verantworten, können letztlich nicht als humanistisch
angesehen werden.
Das ist eine für religiöse Gemüter zwar
unbequeme, aber doch unumgängliche und klar entscheidbare Position eines Humanismus, wie
er von Kant als Lohn und Last der Freiheit entworfen wurde: Es geht nicht mehr darum, im
Schlachtgetümmel der Weltanschauungen eine neue Wahrheit zu ersinnen, sondern alle
bisherige Metaphysik mit ihren positiven Aussagen über Gott und die Welt, über die
spirituellen Kräfte und die unheiligen Gesetze der Materie wenn nicht zu vernichten, so
wenigstens ins Gebiet des reinen Glaubens zu versetzen, weil eine Stützung der
verkündeten Lehren auf Denk- und Vernunftleistungen eben nicht möglich ist. Das
Aufzeigen dieser Grenzen ist heilsam, weil Glauben fortan nicht mehr als Wissen ausgegeben
werden kann. Darin sieht Kant die "kopernikanische Wende" seiner Philosophie.
Kant geht es aber nicht mehr nur um die Erkenntnis
der Erkenntnis, sondern um die genaue Erkundung der Fundamente, auf denen sich menschliche
Freiheit errichten läßt. Wie die Erkenntnis von ihren Gegenständen befreit werden
mußte, um ihre inneren Gesetze begreifen zu können, so muß auch die Freiheit von all
ihren Zielen befreit werden, um sie in sich selbst verstehen zu können. Wie die
Erkenntnis so hat auch die Freiheit einen Doppelsinn: Bevor der Mensch gegenüber der Welt
frei sein kann, muß er wissen, woher diese Freiheit eigentlich kommt. Wenn sie aus der
Welt kommt, sei sie nun letztendlich geistiger oder materieller Natur, dann wäre es ja
nicht s e i n e Freiheit, sondern eine Art Gebot oder Gesetz, dem er bei Strafe
seines Lebensglückes oder seiner Seele folgen muß. Freiheit müßte ihm dann gebracht
werden, er besitzt sie nicht als einen ihm innewohnenden Ausgangspunkt seines
Handelns.
Alle Weltanschauungen und Religionen bemühen sich,
diesen Balanceakt zwischen der von außen durch richtige Lehre und Weltsicht gebrachten
Freiheit und der immer schon vorhandenen inneren Freiheit des Menschen zu vollziehen. Es
kommt dabei zu dem unvermeidbaren Konflikt zwischen der geforderten Unterwerfung des
Menschen unter die Dogmen seiner Zeit und seines Kulturkreises einerseits und der erlebten
inneren Freiheit des Gewissens andererseits, die keinerlei Herrn über sich duldet. Die
Kultur- und Geistesgeschichte der Menschheit ist der immer wieder neu gefundene Kompromiß
zwischen diesen Extremen, d.h. der Anpassung der Dogmen an das gewachsene innere
Selbstverständnis des Menschen und die Anpassung der inneren menschlichen Freiheit an das
äußere Zusammenleben einer Nation, einer Volksgruppe oder einer Glaubensgemeinschaft auf
dem Gebiet der Religion oder der Politik. Erst wenn dieses lebendige Verhältnis erstarrt,
die innere Freiheit des Menschen als vollständig identisch mit den Zielen und Idealen der
Gemeinschaft angesehen wird, der Mensch also in seinen praktischen Zielen und Idealen
"aufgeht", dann verkümmert der innere Quell menschlicher Freiheit. Dafür
bringen nun alle diese politischen und religiösen Bewegungen den suchenden Menschen die
Freiheit und fordern dafür natürlich Dankbarkeit und Unterwerfung. Die gebrachte
Freiheit ist immer eine pervertierte Freiheit.
Kapitel 1: Freiheit und Erkenntnis
1.1. Das Ding an sich
Ein wichtiger Grundbegriff der Kantschen Philosophie
ist das "Ding an sich". Kant weiß und bekennt sich dazu, daß die Wirklichkeit
nicht eine Menge von Begriffen ist, sondern eine außerbegriffliche Realität darstellt.
Erkennen heißt für Kant (wie auch schon für Platon), die Anschaulichkeit unserer
Wahrnehmungen und Vorstellungen mit den Begriffen unseres Denkens zu verbinden, nicht
aber, die außerbegriffliche Wirklichkeit auf irgend eine (mysteriöse) Weise zu
"erfassen". Die Erscheinung ist die identische (oder identisch gesetzte) Mitte
zwischen der beschriebenen (aber stets jenseits bleibenden) Wirklichkeit an sich und ihrer
Beschreibung. Erscheinung ist folglich die Art und Weise, wie wir uns die Wirklichkeit
aneignen, in welchen Formen sie für uns handhabbar wird. In der Erscheinung erscheint
zwar auch das Ding an sich, aber dadurch hört es nicht auf, eine außerbegriffliche
Wirklichkeit zu sein.
HEGEL glaubte, hier einen logischen Widerspruch bei
Kant aufdecken zu müssen, denn wenn "Ding an sich" ein Begriff für das
jenseits der Erkenntnis Existierende wäre, dann wäre eben auch das "Ding an
sich" ein Gegenstand wie alle anderen Dinge der Welt. Dann aber können wir positives
Wissen über das Ding an sich haben, was Kant leugnet. Kant hat nun aber (im Hegelschen
Sinne) keinen Begriff vom (äußeren) Ding an sich, sondern nur einen Namen zur
Bezeichnung des Nichtbegrifflichen i n n e r h a l b des formalen Erkenntnisbegriffs und
damit innerhalb der Vernunft.
So wie die "Menge aller Mengen" selber
keine Menge ist, so ist das "Ding an sich" kein Ding, keine
"begriffene" Materie, sondern die Klassenbezeichnung für nichtbegriffliche
Wirklichkeit. Darin "Agnostizismus" sehen zu wollen, heißt, an der Grundfrage
der Erkenntnis (ihren beiden "Enden") völlig vorbeizugehen. A u s der
Wirklichkeit läßt sich trotz aller Mühen und der allerbesten Absichten eben kein
Begriffssystem machen, obwohl wir uns ü b e r die Wirklichkeit natürlich ständig
Gedanken machen, und d.h. Anschauung und Begriffe produzieren, eine Welt hervorbringen,
wie MATURANA und VARELA pointieren /4/. Nur diese von uns hervorgebrachte und aus lauter
Invarianten zusammengesetzte Wirklichkeit kann man "Erkenntnis der Welt" nennen.
Die Welt selbst hört aber niemals auf, etwas anderes zu sein als diese Menge von
Begriffen.
1.2. Das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu
haben
Kaum eine Stelle der Kritik der reinen Vernunft ist
so häufig zitiert und gleichzeitig so häufig mißinterpretiert worden wie die folgende:
"Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen,
und der Dogmatism der Metaphysik, d.i. das Vorurteil, in ihr ohne Kritik der reinen
Vernunft fortzukommen, ist die wahre Quelle alles der Moralität widerstreitenden
Unglaubens, der jederzeit gar sehr dogmatisch ist." /5/
Die in unüblicher Weise gegeneinander gestellten
Termini "Wissen" und "Glauben" wirken auf den ersten Blick verwirrend.
Will Kant tatsächlich dem Wissen den Rücken kehren und sich allein dem Glauben
überlassen? Nichts wäre falscher als eine solche Interpretation der Kantschen
Philosophie. Kant weiß, daß Wissen und Glauben in der Erkenntniskritik ihre Plätze
vertauschen können: Wissen läßt sich immer nur auf Behauptungen stützen, auf
Hypothesen, die mit Glaubenspostulaten große Ähnlichkeiten haben, während Glauben als
Verpflichtung für unsere Handlungen, als Bekenntnis zu unserer Freiheit und
Verantwortung, einer sehr guten Grundlage bedarf, aus einer Art innerem "Wissen"
hervorgeht, das zuverlässiger sein muß, als alle Formen des Weltwissens.
Kant mußte das metaphysische Wissen als Dogmatik
aufheben, als bloßes Scheinwissen entlarven, damit begriffen werden kann, daß
menschliche Freiheit sich auf diesem Fundament nicht errichten läßt. Das Wissen um
unsere Freiheit entspringt niemals einer Religion oder einer Weltanschauung. Es ist
vielmehr umgekehrt: Jede Weltanschauung verhindert und behindert das Verständnis und die
Entfaltung menschlicher Freiheit. Dieser Glaube an die uns eingeborene Freiheit und
Verantwortung kann und darf nicht durch metaphysisches Wissen "begründet" oder
gar "bewiesen" werden, weil das der sicherste Weg zur Zerstörung der Freiheit
sein wird. Warum das so ist, versucht Kant durch den Inhalt seiner Philosophie
verständlich zu machen. Dazu gehört vor allem auch eine neue Vorstellung vom
"Glauben", der nach Kant nicht mit dem kirchlichen "Frohn- und
Lohnglauben" verwechselt werden darf, der nicht moralisch ist und die Beförderung
des Humanismus blockiert und pervertiert: "Der Glaube einer gottesdienstlichen
Religion ist dagegen ein Frohn- und Lohnglaube, und kann nicht für den seligmachenden
angesehen werden, weil er nicht moralisch ist. Denn dieser muß ein freier, auf lauter
Herzensgesinnungen gegründeter Glaube sein. Der erste wähnt durch Handlungen (des
cultus), welche, (obzwar mühsam), doch für sich keinen moralischen Wert haben, mithin
nur durch Furcht oder Hoffnung abgenötigte Handlungen sind, die auch ein böser Mensch
ausüben kann, Gott wohlgefällig zu werden, anstatt, daß der letztere dazu eine
moralisch gute Gesinnung als notwendig voraussetzt." /6/
Wie schon bei Platon so ist auch bei Kant diese
Herangehensweise an die metaphysischen Fragen so verwirrend neu, daß die Reaktionen auf
das Erscheinen der "Kritik der reinen Vernunft" außerordentlich
verschiedenartig waren. Kant weiß um die Schwierigkeiten des erkenntniskritischen Weges,
der so unaufhebbar radikal dem "gesunden Menschenverstand" zuwiderläuft.
1.3. Die Existenz der Seele
Kant verbindet das Bewußtwerden menschlicher
Existenz mit dem Bewußtsein, in einer wirklichen Welt in Raum und Zeit zu leben.
Selbstbewußtsein und Welt sind die zwei Seiten ein und derselben Münze. Ebenso wie es
kein vom Erkenntnisprozeß abgespaltenes "Ding an sich" gibt, keine für sich
seiende "Materie", weil Anschauung und Begriff immer mitgedacht werden müssen,
ebenso kann ich auch das "Ich", die "Seele" des Menschen, nicht von
ihrer tätigen Verquickung mit dieser angeschauten und begriffenen Welt abtrennen. Die
Erscheinung vermittelt nicht nur all unsere Erkenntnisse über das Ding an sich, sondern
gleichzeitig auch all unsere Erkenntnisse über uns selbst. Losgelöst von dieser
Beziehung zur Wirklichkeit besitzt die "Seele" keine gesonderte Existenz. Sie
ist kein für sich seiendes Ding, dem es freistünde, sich in die wirkliche Welt zu
stürzen oder anderweitigen Vergnügungen nachzugehen. Diese zutiefst dialektische
Bestimmung des Geistes an der Materie und der Materie am Geist sprengt den Rahmen der
üblichen mataphysischen Systeme, die entweder den Geist aus der Materie oder die Materie
aus dem Geist erklären wollen. Erklären oder Erkennen bedeutet nach Kant aber, beide
Anteile bereits vorauszusetzen. Begriffe (das Abstrakte, die Ideen) können nicht
angeschaut werden, weil sie das Invariante in der Zeit sind und somit nur in der
Gleichzeitigkeit existieren, nicht aber im Raum.
Auch das invariante Ich ist kein Gegenstand im Raum.
Es hat keine räumlich-gegenständliche Existenz. Geist und Materie können auf diese
Weise nebeneinander existieren, weil sie sich nicht gegenseitig in ein und demselben Raum
bedrängen und verdrängen: Gleichzeitigkeit konstituiert die geistigen, Zeitlichkeit die
materiellen Strukturen des Raumes. Ohne Gleichzeitigkeit keine begriffliche Beschreibung
der Vorgänge in Raum und Zeit und ohne die wirkliche Zeitlichkeit natürlich keine
Gleichzeitigkeit. In der Existenz der Welt ist ihre geistige Erfassung und Erfaßbarkeit
wie im Geist seine Wirklichkeit so untrennbar enthalten, daß das eine immer nur im
anderen und durch das andere gedacht werden kann. Die Existenz des Ich ist ein Bestandteil
der gegenständlichen Erkenntnis der Außenwelt, wodurch ich mich als "Ich"
überhaupt nur erfahren kann. Abgetrennte "Seelen" und "Geister"
könnten von sich nichts wissen. Ihre Existenz wäre absolut leer. Das "Nirwana"
ist eine sehr zutreffende weltanschauliche Kennzeichnung dieses Zustandes der Seelen nach
dem Tode: Sie haben sich aus der Zeitlichkeit gelöst und "befreit" und
verschwinden in einer gegenstandslos gewordenen Gleichzeitigkeit, einer Art bleibenden
Ewigkeit.
Wie es (trotz aller gegenteiligen Behauptungen in
allen Epochen der Menschheitsentwicklung) keine jenseits der Erkenntnis (und damit der
Erfahrung) liegenden Zugänge zum Ding an sich gibt (etwa als "Erleuchtung"
über das Wesen der Dinge), so gibt es auch keinen anderen Zugang zur Selbsterfahrung als
eben über die geistige Tätigkeit der Anschauung und des Denkens. Die
"übersinnliche" (mystische) Existenz von Geistern und Seelen ist nach Kant eine
mit der Erkenntniskritik unvereinbare und völlig aus der Luft gegriffene Erdichtung. Kant
vermeidet (ebenso wie Platon) die Konstruktion ontologischer Systeme über die Existenz
der Ideen. Die Erkenntniskritik kann und will derartige Fragen weder klären noch
zulassen: "Das Wie? läßt sich hier ebensowenig weiter erklären, als wie wir
überhaupt das Stehende in der Zeit denken, dessen Zugleichsein mit dem Wechselnden den
Begriff der Veränderung hervorbringt." /7/
"Das Stehende in der Zeit", das
Invariante, das Zugleichsein in der Zeit, verbindet sich mit dem Wechsel der Erscheinungen
in der Anschauung. Beides ist erforderlich, um den Begriff der Veränderung bilden zu
können, um die Welt in ihrer Bewegung und Entwicklung zum Erkenntnisgegenstand machen zu
können. Wieder stoßen wir auf die Reflexivität in Form eines dialektischen
Widerspruchs: Um die Bewegung im Raum wahrnehmen und begreifen zu können, müssen wir mit
der Invarianz in der Zeit den Raum verlassen (transzendieren). Hier folgt Kant sehr direkt
dem Vorbilde Platons: "Ebenso verließ Plato die Sinnenwelt, weil sie dem Verstande
so enge Schranken setzt, und wagte sich jenseit derselben auf den Flügeln der Ideen in
den leeren Raum des reinen Verstandes." /8/
1.4. Transzendent und transzendental
Kant nennt seine Philosophie "transzendentalen
Idealismus", eine wahrscheinlich nicht sehr glückliche Bezeichnung für das sich
dahinter verbergende Anliegen. "Idealismus" im traditionellen Sinne ist seine
Philosophie schon deshalb nicht, weil niemand vor ihm die Existenz einer
nichtbegrifflichen materiellen Wirklichkeit konsequenter verteidigt hat als er.
"Transzendental" verführt zu der Vorstellung von jenseitigen Welten.
Tatsächlich heißt "transzendental" bei Kant "diesseitig", nämlich
diesseits der Erkenntnis. Es ist (wie schon bei Platon) die U m w e n d u n g der
Blickrichtung in der Erkenntnis, die zu ihrer Unterscheidung in die reine Anschauung und
in die Begrifflichkeit unserer Erkenntnis führt. Hierbei "transzendieren"
allerdings unsere Begriffe den anschaulichen Raum: "Ich nenne alle Erkenntnis
transzendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart
von Gegenständen, insofern diese a priori möglich sein soll, beschäftigt." /9/ Die
Erkenntnis führt nach PLATON "aufwärts zu den Ideen und abwärts zur Materie"
/10/. Bei Kant ist dieses "aufwärts" = "transzendental", während
"abwärts" in Richtung auf den Erkenntnisgegenstand weist. Kant verwendet dafür
den Terminus "transzendent" (die reine Begrifflichkeit unseres Begreifens und
damit alle Erfahrung "überfliegend").
Aus Kantscher Sicht ist somit die Bezeichnung
"transzendentaler Idealismus" sehr einleuchtend, weil "Idealismus"
hier nicht ontologisch, sondern erkenntniskritisch gemeint ist, d.h. die Rolle und
Funktion von Ideen und Begriffen in das Zentrum unseres Verständnisses des
Erkenntnisprozesses rückend. Die "zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis",
die der alleinige Gegenstand der "transzendentalen" Betrachtungen sind,
bezeichnet Kant immer als "Sinnlichkeit und Verstand", "durch deren
ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden." /11/
Die Erscheinung läßt sich nach Kant als das
Verhältnis von Materie und Form beschreiben, eine Denkweise, die auf ARISTOTELES
zurückgeht: "In der Erscheinung nenne ich das, was der Empfindung korrespondiert,
die Materie derselben, dasjenige aber, welches macht, daß das Mannigfaltige der
Erscheinung in gewissen Verhältnissen geordnet, angeschaut wird, nenne ich die Form
der Erscheinung. Da das, worinnen sich die Empfindungen allein ordnen, nicht selbst
wiederum Empfindung sein kann, so ist zwar die Materie aller Erscheinung nur a posteriori
gegeben, die Form derselben aber muß zu ihnen insgesamt im Gemüte a priori bereit
liegen, und daher abgesondert von aller Empfindung können betrachtet werden." /12/
Die Form als das Formale jeder Art von Erscheinung
ist nach Kant der alleinige Gegenstand der Erkenntniskritik und damit der Philosophie.
Hierbei wird keineswegs die Existenz der Materie, der Dinge an sich, geleugnet, wie es in
idealistischen Weltanschauungen gang und gäbe ist.
1.5. Die Idealität von Raum und Zeit
Am meisten mißverstanden wurde Kants Lehre von der
Idealität von Raum und Zeit. Das philosophische Problem der Erscheinung als Verhältnis
von Geist und Materie trifft natürlich auch auf den Raum selbst zu: Wenn der Raum nur
real zur jenseits aller Anschaulichkeit und Begrifflichkeit liegenden Materie gehört,
könnte es nicht die Erscheinung Raum und Zeit f ü r u n s geben und es gäbe den
transzendentalen Charakter unserer Anschauung überhaupt nicht. Auch der Raum bedarf einer
Form, einer begrifflich gefaßten Invarianz, damit die Materie Erkenntnisgegenstand sein
kann. Das zeigt sich eben darin, daß unsere Anschauung ebenfalls räumlich ist, ohne daß
wir das mit dem unabhängig von uns existierenden "Raum der Materie" verwechseln
dürfen.
Außerdem bilden wir Aussagen über den Raum und
haben einen Begriff vom Raum, insbesondere auch von den räumlichen Strukturen (d.h. von
dem gleichzeitigen Nebeneinander von zusammengehörenden Teilen i m Raum). Wir stellen uns
mit unseren Begriffen gewissermaßen ü b e r den Raum und integrieren das wiederum in
unsere Anschauung über die Dinge i m Raum, die sowohl invariant bleiben (sonst könnten
wir ihre Bewegung im Raum ja gar nicht verfolgen) als auch ihren Ort im Raum und ihre Form
zu ändern vermögen (sonst wären sie ja wiederum nicht anschaulich). Man muß daher
(nach Kant) den Raum in unserem Bilde von der Welt, den Raum in der Welt der Erscheinungen
(als der identisch gesetzten Mitte von Geist und Materie) von dem Raum "an
sich", der zum Ding an sich gehört, unterscheiden.
Kant behauptet nicht, der Raum sei nur Form
unserer Anschauung und unserer Wirklichkeitsbetrachtung, sondern, daß der Raum (und die
Zeit) im Rahmen der Erkenntniskritik nur als Form unserer Anschauung zum
Untersuchungsgegenstand werden: "Unsere Erörterungen lehren demnach die Realität
(d.i. die objektive Gültigkeit) des Raumes in Ansehung alles dessen, was äußerlich als
Gegenstand uns vorkommen kann, aber zugleich die Idealität des Raumes in Ansehung
der Dinge, wenn sie durch die Vernunft an sich selbst erwogen werden, d.i. ohne Rücksicht
auf die Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit zu nehmen. Wir behaupten die empirische
Realität des Raumes und zugleich die transzendentale Idealität
desselben." /13/
Die "transzendentale Idealität" des
Raumes bedeutet, daß der Raum auch diesseits der Erscheinung, d.h. in der reinen
Anschauung und im reinen Denken etwas ist und eine Funktion besitzt. Es geht also um die
rein formalen Seiten oder Eigenschaften von Raum und Zeit, nicht aber um die (nur
weltanschaulich formulierbare) angebliche "objektive Realität" im Materialismus
oder aber die rein subjektive "Erfindung" von Raum und Zeit durch den Menschen
im Idealismus, wozu Kant völlig zu Unrecht ebenfalls gezählt wurde. Sobald man die
Erkenntniskritik überhaupt zuläßt (und das ist keineswegs selbstverständlich, gerade
dann nicht, wenn die Weltanschauungen Hochkonjunktur haben), kommt man um diese
Fragestellung Kants nicht herum. Nicht zufällig ist für Kant die (formale!) Zeit noch
fundamentaler als der Raum: "Die Zeit ist kein empirischer Begriff, der irgend von
einer Erfahrung abgezogen worden. Denn das Zugleichsein oder Aufeinanderfolgen würde
selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn die Vorstellung der Zeit nicht a priori
zugrunde läge. Nur unter deren Voraussetzung kann man sich vorstellen: daß einiges zu
einer und derselben Zeit (zugleich) oder in verschiedenen Zeiten sei. Die Zeit ist eine
notwendige Vorstellung, die allen Anschauungen zugrunde liegt." /14/
Das "Zugleichsein" in der Zeit, die
zeitüberbrückende Invarianz, ist die typische Seinsweise des Geistes und die
Voraussetzung dafür, daß das Nacheinander in der (fließenden) Zeit überhaupt
wahrnehmbar ist, weil ohne irgend etwas, das in dieser Zeit invariant bleibt, der
Zeitfluß nicht "feststellbar" wäre. Die Zeit in all ihren Modi ist somit
innerhalb der Erkenntniskritik, wie Kant sagt, "eine notwendige Vorstellung".
Wir könnten und müßten hinzufügen: nicht nur eine notwendige Vorstellung, sondern auch
ein notwendiger Begriff (weil alle Vorstellungen untrennbar mit Begriffen verbunden sind).
Die Zeit als Begriff und als Vorstellung bedingen sich zwar wechselseitig, sind aber
keineswegs identisch, weil "Vorstellung" meist den Übergang zur Anschauung
beinhaltet.
Kant betont den Zusammenhang der realen Zeit
mit der Zeitvorstellung als Form unserer Anschauung, die zur Zeit des NEWTONschen
Weltbildes im Vordergrund des Interesses stand. Die moderne Physik hat gezeigt, daß heute
der Zeitbegriff eine ebenso große Bedeutung für die Theorienbildung besitzt.
Die hervorragende Stellung der Zeit in der Vernunft
ist für Kant der Ausgangspunkt für die Bestimmung der Freiheit als einer reinen (und
d.h. formalen) Eigenschaft des praktischen Geistes, des in den Raum hineinwirkenden und so
praktisch werdenden Geistes, dessen invariantes Sein in der Zeit die noch offenen
Möglichkeiten seines zukünftigen Handelns erspäht und ergreift. Hier wird der
prinzipielle Unterschied zwischen Natur- und Moralgesetz sichtbar: Naturgesetze betreffen
die Geschehnisse in Raum und Zeit, die Moralgesetze dagegen betreffen den Geist und die
als Sinnsetzungen in Erscheinung tretende Selbstbestimmung des Geistes, der nicht im Raum,
sondern als Zugleichsein in der Zeit existiert. Der Mensch ist Körper und Geist zugleich,
Schnittpunkt zweier Arten von Gesetzmäßigkeiten: "Die Zeit ist nichts anderes als
die Form des inneren Sinnes, d.i. des Anschauens unserer selbst und unseres inneren
Zustandes. Denn die Zeit kann keine Bestimmung äußerer Erscheinungen sein; sie gehört
weder zu einer Gestalt oder Lage usw., dagegen bestimmt sie das Verhältnis der
Vorstellungen in unserem inneren Zustande. Und, eben weil diese innere Anschauung keine
Gestalt gibt, suchen wir auch diesen Mangel durch Analogien zu ersetzen und stellen die
Zeitfolge durch eine ins Unendliche fortgehende Linie vor, in welcher das Mannigfaltige
eine Reihe ausmacht, die nur von einer Dimension ist, und schließen aus den Eigenschaften
dieser Linie auf alle Eigenschaften der Zeit, außer dem einigen, daß die Teile der
ersteren zugleich, die der letzteren aber jederzeit nacheinander sind. Hieraus erhellt
auch, daß die Vorstellung der Zeit selbst Anschauung sei, weil alle ihre Verhältnisse
sich an einer äußeren Anschauung ausdrücken lassen." /15/
So wie es keinen für sich seienden Geist gibt, so
ist auch die Existenz der Zeit immer an den Raum gebunden. Die für sich dahinfließende
"stille" Zeit ist nur als ein Bestandteil unserer Anschauung und unseres
Begreifens der Welt von wirklicher Bedeutung. Die These, daß die Zeit die "Form des
Anschauens unserer selbst" sei und diese Anschauung keine Gestalt habe, d.h. kein räumliches
Muster ergibt, weist auf die Reflexivität unserer räumlichen Vorstellungen hin: Ein
räumliches Muster im Raum ist (als abstrakte Einheit) zugleich nicht im Raum. Nur deshalb
können Muster auch etwas ganz anderes bedeuten, z.B. eine eindimensionale Zeit
darstellen.
Obwohl wir Zeit nur an räumlichen Veränderungen
messen können (z.B. dem Weiterrücken der Zeiger auf einer Uhr), ist der Zeitbegriff
nicht aus den Veränderungen im Raum logisch ableitbar. Der Zeitbegriff erweist sich für
das Geistverständnis deshalb als fundamentaler, weil das Zugleichsein (die
Gleichzeitigkeit) in der Zeit (also ein reflexives Zeitverhältnis) die V o r a u s s e t
z u n g für die Anschauung, für das Zugleichsein im Raum ist. Die biologische
Entwicklung, von ihren ersten Anfängen bis hin zum Menschen, ist eine wachsende
Beherrschung und Nutzung der Zeitdimension wirklichen Geschehens. Das zeigt sich in der
Produktion von (systemeigener) Gleichzeitigkeit auf immer wieder neuem Niveau der
Gegenstände, mit denen der Organismus in Wechselwirkung tritt. In spiritueller
Verklärung dieses Sachverhalts spricht man gern von "Schwingungen" (d.h.
wiederkehrenden Mustern!) der kosmischen Seele. An diesen Wechselbeziehungen zur Umwelt
bestimmt der Organismus sich selbst und seine Möglichkeiten sowie das "Wesen"
der Welt, d.h. die Art und Weise, diese Welt zu sehen und "eine Welt
hervorzubringen", wie MATURANA und VARELA es ausdrücken.
1.6. Anschauung und Begriff
Die Analyse der menschlichen Erkenntnis führt Kant
zu ihren "zwei Strömen", zu den sich wechselseitig aneinander bestimmenden und
sich miteinander entwickelnden "Elementen", die er "Anschauung" und
"Begriff" nennt: "Anschauung und Begriffe machen also die Elemente aller
unserer Erkenntnis aus, so daß weder Begriffe ohne ihnen auf einige Art korrespondierende
Anschauung, noch Anschauung ohne Begriffe eine Erkenntnis abgeben kann."/16/
Beide Elemente sind nach Kant formal und material,
in seiner Terminologie "rein" oder "empirisch". Alle empirischen
Gegenstände existieren in Raum und Zeit und werden uns durch Empfindungen und
Wahrnehmungen "gegeben", die gewissermaßen die Eingangspforte für alle Arten
von sinnlicher Erkenntnis darstellen. Aber auch die sinnlichen Gegenstände sind uns (bei
genauerem Hinsehen) nicht nur empirisch gegeben, wie der Sensualismus behauptet,
sondern haben auch eine "reine", eine formale Seite. Diese doppelte
Dialektik ist wahrscheinlich der schöpferische Beitrag Kants zur Erkenntniskritik:
Anschauung zerfällt in ihren empirischen Inhalt und ihre (reine) Form (= Raum und Zeit);
Begriffe haben eine empirische (symbolische) Bedeutung und eine reine (nicht in Raum und
Zeit existierende) Form, durch die sie füreinander Gegenstand werden und nur den Gesetzen
der reinen Vernunft unterliegen. Gleichzeitig gibt es keine Anschauung ohne Begriffe, weil
es keine zeitüberbrückende und "feststellbare" Anschauung sein könnte, und
ebenso keinen Begriff ohne Anschauung, weil das reine Sein der Ideen nicht vorstellbar
ist. Anschauung und Begriff stützen sich gegenseitig.
Bei Platon war die Anschauung das körperliche
Sehen, die Vielheit der Dinge im Raum. In diese Anschauung wurden die Ideen als die
Einheit dieser Vielheit hineingesehen. Ideen sind eine Art zweite Ebene der Anschauung
(die Umwendung in der Erkenntnis), das Innewerden, daß die Anschauung auch Form und den
Raum verlassende Idee (Begriff) ist. So konnten auch die unräumlichen Ideen ihre
produktive Kraft erst im anschauenden Gleichnis erlangen. Während der Rationalismus
primär das Denken als Quelle der Erkenntnis würdigte, der Empirismus und Sensualismus
demgegenüber die sinnliche Erfahrung mit den Dingen in den Mittelpunkt stellte, sieht
Kant in der Anschauung und im Begriff nur die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Die
eine Seite kann ohne die andere entweder nicht gedacht, oder nicht vorgestellt werden.
Daraus folgt, daß Anschauung nicht nur auf
Empfindung beruhende Sinnlichkeit ist, wie selbst schon die höheren Säugetiere in ihrem
praktischen Verhalten erkennen lassen, sondern Erscheinungsweise auch des darin verborgen
liegenden Invarianten ist. Auch die Säugetiere schauen nicht nur mit den Augen, sondern
genauso mit ihrem Gehirn, verbinden das Gesehene mit den sinnlichen Begriffen. Erst der
Mensch vermag die beiden Anteile der Erkenntnis für sich zu betrachten, weil er vor allem
durch die Sprache im abgesonderten Besitz von Begriffen ist: "Unsere Natur bringt es
so mit sich, daß die Anschauung niemals anders als sinnlich sein kann, d.i. nur
die Art enthält, wie wir von Gegenständen affiziert werden. Dagegen ist das Vermögen,
den Gegenstand sinnlicher Anschauung zu denken, der Verstand. Keine dieser
Eigenschaften ist der anderen vorzuziehen. Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand
gegeben und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer,
Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es ebenso notwendig, seine Begriffe
sinnlich zu machen (d.i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen), als seine
Anschauungen sich verständlich zu machen (d.i. sie unter Begriffe zu bringen). Beide
Vermögen, oder Fähigkeiten, können ihre Funktionen nicht vertauschen. Der Verstand
vermag nichts anzuschauen, und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, daß sie sich
vereinigen, kann Erkenntnis entspringen. Deswegen darf man aber doch nicht ihren Anteil
vermischen, sondern man hat große Ursache, jedes von dem andern sorgfältig abzusondern
und zu unterscheiden." /17/
Daß Anschauung und Begriffe zusammengehören,
Anschauungen ohne Begriffe blind sind, wurde im Vorangehenden ausführlich erläutert. Die
Kantschen Erwägungen enthalten darüber hinaus aber einen sehr aktuellen Bezug, wenn man
seine Warnung ernst nimmt, daß man beides nicht vermischen dürfe: "Der Verstand
vermag nichts anzuschauen, und die Sinne nichts zu denken".
Der moderne Spiritualismus (wie überhaupt jede Form
von Mystik) sieht aber gerade in der Umkehrung dieses Satzes jene viel gepriesene
"Bewußtseinserweiterung": Das Gedachte, den Geist, unmittelbar anzuschauen und
geradezu körperlich zu empfinden und zu fühlen, gilt als das Eintauchen in das
"wahre Wesen der Welt". Es ist modern geworden, sogar die Physik oder überhaupt
die Wissenschaft zum Kronzeugen für den notwendigen Übergang zur Mystik anzurufen. Viele
Wissenschaftler gehen da selbst mit gutem Beispiel voran, weil sie meinen, daß geistige
Strukturen einer begriffenen Welt sich in die Bilder ihrer Vorstellungsweise auflösen
lassen müßten, weil sie gar zu gerne Gedanken anschauen möchten. So schildert CAPRA
beispielsweise, welche Tiefe ihn ergriffen hat, als er die Ideen der modernen Physik
anzuschauen gelernt hatte: "Ich sah förmlich, wie sich aus dem Weltraum
Kaskaden von Energie ergossen, in denen in einem rhythmischen Impuls Teilchen erzeugt und
zerstört wurden. Ich sah, wie sich die Atome der Elemente und jene meines Körpers
an diesem kosmischen Tanz der Energien beteiligten; ich fühlte diesen Rhythmus, und ich hörte
dessen Klang, und in diesem Augenblick wußte ich, daß dies der Tanz Shivas war
..." /18/
1.7. Die Wahrheit und die reine Vernunft
Auch die Wahrheitsproblematik (die zentrale Frage
jeder Erkenntnistheorie) wird bei Kant im Geiste einer konsequenten Erkenntniskritik
gedeutet. Da Wahrheit "die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem
Gegenstande" ist, also nur im Rahmen empirischer Begriffe Anwendung finden kann, wird
die Suche nach einem allgemeingültigen Wahrheitskriterium vergeblich sein. Mindestens die
Festlegung, was Wahrheit überhaupt sein soll, kann nicht selbst wieder diesem Kriterium
unterworfen werden, wie wir inzwischen aus den Betrachtungen Bertrand RUSSELLs zur
Reflexivität wissen /19/. Es ist erstaunlich, daß schon Kant ein untrügliches Gefühl
für die Unanwendbarkeit der Wahrheitskriterien auf die rein formalen
Erkenntnisbeziehungen hatte: "Nun würde ein allgemeines Kriterium der Wahrheit
dasjenige sein, welches von allen Erkenntnissen, ohne Unterschied ihrer Gegenstände,
gültig wäre. Es ist aber klar, daß, da man bei demselben von allem Inhalt der
Erkenntnis (Beziehung auf ihr Objekt) abstrahiert und Wahrheit gerade diesen Inhalt
angeht, es ganz unmöglich und ungereimt sei, nach einem Merkmale der Wahrheit dieses
Inhalts der Erkenntnisse zu fragen ..." /20/
Die Erkenntniskritik ist der Wahrheit vorgelagert.
Hierbei geht es um die Voraussetzungen für die Wahrheit. Erkenntniskritik hat es nur mit
der Form der Wahrheit zu tun. Diese Form sieht Kant in der Logik. Wichtig an dieser
Betrachtungsweise ist die positive Erkenntnis, daß aus der "wahren" Form der
Erkenntnis nicht auf die empirische Wahrheit geschlossen werden kann. Der Sprung von den
reinen Aussagen zu den Behauptungen muß irgendwann vollzogen sein, damit d a n n über
ihre Wahrheit im Rahmen eines Systems von Behauptungen geurteilt werden kann. Kant
benötigt die Trennung von formaler (logischer) Richtigkeit und empirischer Wahrheit, weil
er verhindern will, daß Glauben, d.i. die innere Verpflichtung zu humanen
Handlungszielen, aus irgend einer Art von empirischem Wissen abgeleitet wird. Ihm geht es
um die Überwindung aller Arten von weltanschaulichem Dogmatismus: "Diese Kriterien
aber betreffen nur die Form der Wahrheit ...Also ist das bloß logische Kriterium der
Wahrheit, nämlich die Übereinstimmung einer Erkenntnis mit den allgemeinen und formalen
Gesetzen des Verstandes und der Vernunft zwar die conditio sine qua non, mithin die
negative Bedingung aller Wahrheit: weiter aber kann die Logik nicht gehen, und den Irrtum,
der nicht die Form, sondern den Inhalt trifft, kann die Logik durch keinen Probierstein
entdecken." /21/
Es gibt keinen logischen Weg, Sinn oder Unsinn einer
Weltanschauung aufzudecken. Die Logik bezieht sich überhaupt nicht auf die empirischen
Dinge. Also vermag sie darüber auch nichts auszusagen. Die zu Kants Zeiten üblichen
ontologischen Systeme über Gott und die Welt bedienten sich in der Regel der
"zwingenden Logik", um die kuriosesten Behauptungen als unumgänglich
darzustellen. Kant versperrt allen Religionen, Weltanschauungen und spirituellen
Glaubensrichtungen die Berufung auf die Logik als eine Begründung für ihre Wahrheit. Aus
den formalen Seiten unserer Erkenntnis kann nicht auf ihren Inhalt geschlossen werden. Das
gilt sogar für wissenschaftliche Weltbilder. Aber: Jeder Inhalt muß diesen formalen
Anforderungen genügen, ohne daraus auf die Richtigkeit des Systems schließen zu können.
Daher nehmen solche Systeme im Rahmen des wissenschaftlichen Denkens immer den Charakter
von Hypothesen an. Jede Art von apodiktischer Heilslehre mißachtet schon in ihren
Ausgangspunkten die Berechtigung und den Anspruch einer Erkenntniskritik, weil sie ü b e
r jeder Kritik steht bzw. sich selbst gestellt hat.
1.8. Analytische und synthetische Urteile
Denken ist für Kant das Erkennen durch Begriffe.
Aber ähnlich wie die Anschauung die vielfältigsten Verbindungen ihrer Elemente eingeht,
so ist auch das Denken nicht nur das bloße Nebeneinander der gebildeten Begriffe. Ihre
Verbindung oder "Synthese" ist für Kant eine Denkoperation, die zu einem vorher
noch unbekannten Ergebnis führt, das selbst wieder (rein formal betrachtet) durch einen
oder mehrere Begriffe dargestellt wird.
Die Umkehroperation dazu nennt Kant
"Analyse". Die Zerlegung eines Begriffes in andere Begriffe liefert nichts
Neues, weil nur das vorher Verbundene wieder zerlegt werden kann. So unterscheidet Kant
zwischen synthetischen und analytischen Urteilen, wobei die für ihn interessanteste Frage
dabei ist, ob es synthetische Urteile a priori gibt. Diese Frage ist gerade für die
Philosophie (als Erkenntniskritik) von fundamentaler Bedeutung, weil andernfalls ja nur
empirische Aussagen möglich wären, die wirklich Neues zum Vorschein bringen. Aus genau
diesem Grunde wurde die "Existenz synthetischer Urteile a priori" oft
bezweifelt. Der Sensualismus lehnt die Existenz solcher Urteile entschieden ab, weil ja
angeblich nichts im Verstande sein könne, was nicht vorher in den Sinnen war. Auch der
Positivismus (eine Spielart des subjektiven Idealismus) und ebenso der mechanische und der
dialektische Materialismus bestreiten die Möglichkeit von synthetischen Urteilen a
priori. Begriffe sollen danach nur durch Abstraktion aus den sinnlichen Wahrnehmungen
entstehen. Die in der Wahrnehmung aufscheinende Invarianz scheint auf eine äußere Quelle
hinzudeuten, und so werden die Begriffe zum Abglanz der wirklichen Erscheinungen und der
Geist zum Spiegelbild der Materie.
Es wäre für Weltanschauungen fatal, wenn es
außerhalb ihres totalitären Erklärungsrahmens eine Reihe von Erkenntnissen geben
sollte, die von ihnen überhaupt nicht beeinflußt werden können. Ein solches
weltanschauungsfreies Niemandsland soll und darf nicht zugelassen werden. Darin sind sich
alle einig, die sich gegen die Erkenntniskritik verschworen haben. In jeder monistischen
Weltanschauung ist Erkenntnis ein festgelegter Bestandteil des Systems, der außerhalb
dieses Systems nicht problematisiert werden kann. Es gibt immer nur die Blickrichtung vom
System auf die Erkenntnis, nicht umgekehrt. Das ist der Grund, warum kaum eine These von
Kant so heftig angegriffen wurde wie die "Synthetischen Urteile a priori". Ihre
Existenz würde nicht nur jede Art von Monismus zerstören, sondern allen Denkgebäuden
über die "wirkliche Welt" den Charakter des bloß Hypothetischen aufprägen,
weil die Erkenntnis der Erkenntnis einen unübersehbaren Unterschied zwischen Aussagen und
Behauptungen macht. (Das Urteil über diesen Unterschied ist selbst ein synthetisches
Urteil a priori!)
Eine Weltanschauung, die sich nur begrenzt auf die
Erkenntnis, die Logik, das Denken und die Vernunft berufen kann, eben nur, soweit es den
rein formalen Teil der entwickelten Anschauungen betrifft, wird zwangsläufig bescheidener
auftreten müssen, denn die wesentlichen Aussagen über die Welt können trotz aller
Überredungskünste aus unaufhebbar prinzipiellen Gründen immer nur Behauptungen sein.
Den "empirischen" Beweis für die Richtigkeit dieser These, die selbst wieder
ein typisches Beispiel für ein synthetisches Urteil a priori ist, liefern die einander
widersprechenden Denksysteme selbst.
Wenn auch nur ein einziges dieser Denkgebäude über
die Welt prinzipiell (d.h. nicht nur hypothetisch) wahr sein könnte, wäre die
Erkenntniskritik ad absurdum geführt, weil es dann nachgewiesenerweise erfolgreichere
Wege zur Wahrheit gäbe als den äußerst steinigen "Pfad der Erkenntnis". Je
einfacher und "einleuchtender" eine Weltanschauung oder Religion ihre
"ewigen Wahrheiten" im Vergleich zu anderen "Rivalen" vertritt und
durchsetzt, um so feindseliger ist ihr Verhältnis zur Erkenntnis als einem der
wichtigsten Pfeiler menschlicher Kultur. Erkenntnis wird durch unbezweifelbare
Anfangsbehauptungen ersetzt, aus denen dann logisch erscheinende Schlußfolgerungen über
die Welt gezogen werden.
Aus diesem Grunde besitzen die Kantschen
Betrachtungen über die Reichweite unserer Urteile und ihre Herkunft eine geradezu
programmatische Bedeutung. Interessant ist hierbei, daß für Kant die synthetischen
Urteile v o r den analytischen stehen, weil man bei einer Analyse nur das
"herausholen" kann, was man vorher hineingesteckt hat (vielleicht nicht als
Einzelmensch, wohl aber im Laufe der Generationen). Damit wird die Unterscheidung von
Aussagen und Behauptungen in entscheidender Weise erweitert: Es gibt keine empirischen
Urteile (über die Welt), die auf reiner Analyse beruhen. Jede Erkenntnis benötigt
"Stützpfeiler", wie schon Platon wußte. Kant sagt, "daß wir uns nichts
als im Objekt verbunden vorstellen können, ohne es vorher selbst verbunden zu haben, und
unter allen Vorstellungen die Verbindung die einzige ist, die nicht durch Objekte
gegeben, sondern nur vom Subjekte selbst verrichtet werden kann, weil sie ein Aktus seiner
Selbsttätigkeit ist. Man wird hier leicht gewahr, ... daß die Auflösung, Analysis,
die ihr Gegenteil zu sein scheint, sie doch jederzeit voraussetze; denn wo der Verstand
vorher nichts verbunden hat, da kann er auch nichts auflösen." /22/
Kant ist der Überzeugung, daß der Bildung von
Begriffen nicht die Abbildung, sondern die kreative (formgebende) Tätigkeit des Geistes
(als freie und vom System ausgehende Ideenbildung zur Reduzierung der von uns
vorgefundenen Umweltkomplexität) zugrundeliegt. Nicht die Wirklichkeit hat Ideen, die wir
herausfinden müssen, sondern wir haben Ideen, die uns das Verständnis der Wirklichkeit
erleichtern. Aus den vielen Einzelwirkungen werden schon bei den ersten primitiven
biologischen Systemen Signale, d.h. Teile, die über sich selbst hinausdeuten auf etwas
ganzheitlich Strukturiertes, das hinter ihnen steht und von dem sie jetzt eine Nachricht
geben. Die bisherigen rein physikalischen Wirkungen tragen nun eine Bedeutung, die ihnen
das biologische System gegeben hat, weil es die Welt der geistlosen (weil in der Zeit
zerfließenden) Wirkungen zu einer Welt bleibender Strukturen und damit zu einer Welt der
Informationen erweitert hat.
Welche allgemeinen Züge die Wirklichkeit
tatsächlich besitzt, das kann man nur den biologischen Systemen entnehmen, die mit einer
solchen "Hypothese" erfolgreich waren. Das Allgemeine ist immer eine
schöpferische Idee, die die Welt in einem neuen Lichte erscheinen läßt und, wenn sie
sich bewährt, eben eine neue Welt hervorbringt, die man ohne diese Idee gar nicht mehr
verstehen kann. Die in die Welt gesetzte Idee ist fortan die Welt selbst, Grundlage und
Herausforderung für neue Ideen.
Die Ideen gehen nach Kant der Erkenntnis immer
voraus, aber welche Erkenntnis sich letztlich bewährt, das erfordert eine empirische
Prüfung. In der Biologie ist die durch eine neue Idee veränderte Struktur der
Wirklichkeit entweder günstig für den Reproduktionsprozeß der eigenen Gattung oder aber
ungünstig. In der menschlichen Gesellschaft (vor allem der letzten Jahrhunderte) mußte
man neue Ideen nicht unbedingt ausprobieren, obwohl die Geschichte weitgehend diese
Methode des Überlebens der wirkungsvollsten Ideen beibehalten hat: Man kann neue Ideen in
ihren Konsequenzen zunächst an unserem wissenschaftlichen Gesamtbild von der Welt
durchdenken und dann entweder die Ideen verwerfen oder das Wissenschaftsbild erweitern.
Heute mißtraut man aber der Wissenschaft (als der Summe unserer rationalen Erfahrungen)
und neigt wieder sehr dazu, wissenschaftsfeindliche (d.h. rational weder kontrollierbare
noch kritisierbare) Ideen zu kultivieren und für den Bestand und die Entwicklung
menschlicher Zivilisation nutzbar zu machen.
So wie die biologischen Systeme durch ihre
Entscheidung für Ideen Entscheidungen über Tod und Leben getroffen haben, so ist es im
Prinzip auch in der Gesellschaft. Kein Gott, kein spiritueller Weltgeist und keine
Geschichtsgesetze können uns davon entbinden, eine solche Entscheidung zu treffen, d.h.
eine Welt hervorzubringen, an der wir wachsen werden, oder die uns umbringt. Es gilt heute
bei einer wachsenden Zahl von Menschen als ausgemacht, daß uns nicht die
Herrschaftsstrukturen unserer modernen Gesellschaft, sondern Wissenschaft und Vernunft an
den Abgrund unserer Existenz geführt haben.
Es ist jedoch die große Frage, ob wir ohne
Wissenschaft und Vernunft die Gefahren werden meistern können. Diese Frage kann nicht
theoretisch entschieden werden, weil das ja bedeuten würde, sich über die wirkliche
Menschheit stellen zu können. Diese Frage wird dadurch entschieden, daß die immer mehr
zur Macht drängenden Massen sie so entscheiden werden, wie es ihrem Welt- und
Lebensgefühl entspricht. Schon heute glauben zwischen 60-80% der Menschen, in einer
spirituell regierten Welt zu leben, wovon man sich durch eine geeignete
Bewußtseinserweiterung überzeugen könne. Der Aberglaube war schon immer des Volkes
liebstes Kind!
Am Verhältnis zu den Begriffen offenbart sich nach
Kant entweder eine mythisch-mystische Beziehung zur Welt, in die man ganz eintauchen
möchte, um alle Trennungen zwischen Geist und Materie für alle Zeiten niederzureißen,
oder aber ein "vernünftiges" Verhältnis, das den Unterschied von Begriff und
realer Welt nicht verwischt, sondern den Konflikt zwischen dem auf sich selbst
zurückgeworfenen Menschen und der jenseitigen und geheimnisvollen Welt tapfer erträgt.
Kant möchte die Menschen auf diesen zweiten Weg führen. Auch für die "Logik"
der Begriffe hat dieser zweite Weg Konsequenzen, eben weil sie nicht der Wirklichkeit
entnommen, sondern an der Wirklichkeit ausprobiert werden. Aber die Begriffe stehen ja
nicht isoliert nebeneinander, sondern bringen in ihrer Gesamtheit die geistige Welt
hervor, in der wir leben. Eine "Verbindung" von Begriffen (= ein Verhältnis
zwischen Begriffen) führt nach Kant selbst wieder zu Begriffen, zu einer
"synthetischen Einheit des Mannigfaltigen". Dadurch wird die Menge unserer
Begriffe als eine strukturierte Gruppe gekennzeichnet, über der das Denken operiert,
indem es die Verbindungen synthetisch und analytisch durchläuft.
Hierdurch gewinnt Kant einen für seine spätere
Religionskritik wichtigen Ich-Begriff, der sich in bemerkenswerter Weise von anschaulichen
Vorstellungen über die "Seele" des Menschen unterscheidet: Es genügt nicht,
daß wir Vorstellungen haben, oder besser: daß die Vorstellungen uns haben. Wir müssen
vielmehr eine Vorstellung davon haben, d a ß wir Vorstellungen haben. Die Vorstellungen
müssen Gegenstand ihrer selbst werden, wenn die Erfahrung eines invarianten
"Ich", das seine geistigen Tätigkeiten "begleitet", möglich sein
soll.
Kant greift hier das "cogito, ergo sum"
des DESCARTES wieder auf, verweist aber auf das Zugleichsein in der Zeit, ohne das es kein
"Ich" geben könnte. Das mit der Vorstellung verbundene Denken weiß sich als
diesen Prozeß, weil es ihn als etwas Invariantes begleitet. Das "Ich" ist daher
eine Metaebene zum Denken. Es steht nicht nur (als eine geistige Einheit) dem Körper
gegenüber, sondern ist gleichzeitig eine formal notwendige Metaebene zur Erkenntnis,
wodurch die Erkenntnis sich selbst zum Erkenntnisgegenstand machen kann und
Erkenntniskritik überhaupt erst möglich wird.
Reflexionen über das Ich schließen zwangsläufig
Reflexionen über die Erkenntnis und ihre Möglichkeiten (und Grenzen) ein. Reflexionen
über das Ich von seiner geistigen Quelle, von seiner Entstehung aus der Reflexivität
unserer Vorstellungen und unseres Denkens abzulösen, führt zwangsläufig in bodenlose
und phantastische Vorstellungen über die Welt und über uns selbst.
Das sinnliche Wissen um unsere geistige Existenz,
das Selbstbewußtsein als Selbstvergegenständlichung der Vorstellungs- und Denkprozesse,
ist nach Kant ebensowenig von diesen realen Prozessen abtrennbar, wie unsere Begriffe und
Vorstellungen von der wirklichen Welt. Die Vorstellungen von einer isolierbaren
"Seele" sind daher für Kant lediglich Ausdruck für eine v o r aller
Erkenntniskritik liegenden Trennung von Geist und Materie in zwei wirkliche (und letztlich
unvereinbar bleibende) Welten.
Kapitel 2: Freiheit und Naturgesetze
2.1. Erfahrung als empirische Erkenntnis in Raum und Zeit
Das "reine" Denken liefert keine
Wirklichkeitserkenntnis, sondern nur ihre Form. Umgekehrt ist empirische Erkenntnis ohne
Form im wahrsten Sinne des Wortes undenkbar. Diese Form ist das Sein von Objekten in einem
raumzeitlichen Rahmen. Erfahrung gibt es nur in Verbindung mit der Anschauung in Raum und
Zeit. "Übersinnliche Erfahrung" ist für Kant ein Widerspruch in sich selbst.
Nur wenn Begriff und Anschauung ihre Plätze tauschen, wenn begriffliches Sein
"angeschaut" und die tatsächliche Anschauung als ein geheimnisvoll über sich
selbst hinausweisendes Symbol "begriffen" wird, also bei der völligen
Verkehrung der Grundlagen menschlicher Erkenntnis, kommt es zu einer Vergegenständlichung
von "Übersinnlichem".
Heilslehren sehen (nach Jahrtausende altem Vorbild)
in dieser Verkehrung menschlicher Erkenntnis die Transformation unseres Geistes, die aus
der Krise führen soll. So schreibt beispielsweise Capra in seinem wohlwollenden Vorwort
zu "Die sanfte Verschwörung" (gegen den menschlichen Geist): "Marilyn
Ferguson zeigt überzeugend, daß ein zentraler Aspekt unserer kulturellen Transformation
ein, wie sie es nennt, "Paradigmawechsel" ist - eine dramatische Veränderung in
bezug auf die Gedanken, Wahrnehmungen und Wertbegriffe, die ein besonderes
Realitätsempfinden entstehen lassen." /1/
Dieses "besondere Realitätsempfinden",
das mit den Augen auch denken und mit dem Verstand schauen möchte, weiß sich im Besitz
einer (uralten) Methode, der heute allein "der Glaube in die wissenschaftliche
Methode als einzig gültigen Zugang zum Wissen" im Wege steht, weshalb die neue
"Betrachtungsweise, die letztlich zutiefst spirituell ist", auch einen völlig
vom Normalen abweichenden Erfahrungsbegriff besitzt: "Eine Welt ohne Raum und Zeit
ist unserer Erfahrung nicht vollkommen fremd. Sie gleicht ein wenig unseren Träumen, in
denen Vergangenheit und Zukunft ineinanderzufließen scheinen, wo sich die Standorte auf
geheimnisvolle Weise verschieben." /2/
Es gibt Dinge, die jenseits der physikalischen
Raumzeit liegen, aber die können gerade nicht angeschaut und nicht "erfahren"
werden, weil es sich hier um die formalen Voraussetzungen unserer Erfahrungen und unseres
Wissens handelt, um die Begriffe. Wer sich erst einmal auf die Umkehrung unserer
"westlichen Werte" eingelassen hat, der dringt zwangläufig in immer neue
"Tiefen" unserer Geistigkeit vor, die durch folgendes Strickmuster erzeugt
werden: "Die wirkliche Bedeutung von Erleuchtung liegt darin, mit ungetrübten Augen
auf alles Dunkle zu blicken." /3/
2.2. Erfahrung und Einbildungskraft
Der Erfahrung steht eine andere Fähigkeit
gegenüber, die sich ebenfalls aus dem Zusammenspiel von Begriff und Anschauung ergibt:
die Einbildungskraft. Der Weg: Wahrnehmung - Vorstellung - Begriff kann auch rückwärts
durchlaufen werden. Die Einbildungskraft verschafft jedem Begriff dann eine ihm adäquate
Vorstellung.
Bei genauerem Hinsehen kann diese
"Einbildungskraft" auch als eine innere Eigenschaft der Begriffe selbst
aufgefaßt werden, weil Vorstellungen ja selbst wieder Begriffe enthalten. Die
Vorstellungen beziehen sich notwendigerweise auf invariante Dinge und stellen somit von
sich aus eine Vereinigung von Anschauung und Begriff dar. In der Vorstellung stehen die
Begriffe mal auf der mehr anschaulichen Seite (d.h. als sinnliche Bestandteile der
allgemeinen und abstrakten Bedeutung der Vorstellung in ihrer Gesamtheit, oder aber auf
der mehr abstrakten Seite als die unanschaulichen Hintergründe des sinnlich
Vorstellbaren. Es ist das gleichzeitige Sein als Teil und Ganzes, das den Begriffen ihre
Anschaulichkeit gibt. Als Teile werden sie benötigt, um eine strukturierte Vorstellung zu
ermöglichen. Sie verbergen sich aber in der sinnlichen Vorstellung. Als Ganzes sind sie
total unanschaulich und der glatte Gegensatz zur Anschauung. Die Vorstellung vermittelt
nach Kant zwischen der Anschauung und dem Begriff: "Einbildungskraft ist das
Vermögen, einen Gegenstand auch ohne dessen Gegenwart in der Anschauung
vorzustellen. Da nun alle unsere Anschauung sinnlich ist, so gehört die Einbildungskraft
zur Sinnlichkeit ... Die Einbildungskraft ist ein Vermögen, die Sinnlichkeit a
priori zu bestimmen, ... welches eine Wirkung des Verstandes auf die Sinnlichkeit
ist." /4/
Der Sensualismus bemüht sich, den Verstand aus der
Sinnlichkeit abzuleiten und ihn als geistige Bearbeitung des Anschauungsmaterials
aufzufassen, wobei die Anschauung zum Begriff "verdichtet" wird (= Abstraktion).
Doch das, was die Begriffe auszeichnet, Allgemeinheit und Invarianz, ist kein Ergebnis
solcher "Abstraktionsprozesse", vielmehr finden wir diese "Substanz"
unserer Begriffe schon auf unserer biologischen Entwicklungsstufe vor. Wir können gar
nicht anders, als diese Hintergrundstruktur jeder Art von Anschauung zu benutzen. Darum
sind sie auch bei allen Ableitungsbemühungen immer schon (heimlich) vorausgesetzt,
wodurch derartige Erklärungsprozeduren zwangsläufig reflexiv werden: voller logischer
Widersprüche und ohne jeglichen Wert. Kant bekennt sich zur Begrifflichkeit unseres
Geistes und erklärt daraus die begrifflichen Eigenschaften der Anschauung, natürlich
"a priori", weil aus dem Verständnis dieser Begrifflichkeit folgend. Kant gibt
auf diese Weise den Begriffen ihre (innere) Anschaulichkeit zurück, die zunächst
verschüttet wurde, weil im naiven Denken etwas e n t w e d e r anschaulich o d e r
abstrakt ist (genauso wie die äußere Welt e n t w e d e r nur Geist o d e r nur Materie
ist). Diese geistlose Gegenüberstellung des Zusammengehörigen dient in der Regel als
Einstieg in die geheimnisvollen Tiefen weltanschaulichen Denkens.
Allen religiösen und spirituellen
Bewußtseinserweiterungen liegt die Aufforderung zugrunde, durch Einbildungskraft erzeugte
Anschauung nun als v o n a u ß e n in uns einströmende Wirklichkeit zu erfassen und
direkt zu "empfinden". Wer den Geist dort draußen in der Welt sucht, der wird
ihn auch dort finden, denn irgendwo muß er ja stecken. Dieser Verkehrung von
"innen" und "außen" entspricht sehr genau die erfolgte Verkehrung von
Verstand und Sinnlichkeit, von Begriff und Anschauung, von Einbildungskraft und Erfahrung.
Der Weg von den Begriffen zur Anschauung, von der
strukturgebenden Idee zum Sehen der Welt in diesen Strukturen, ist die Quelle unserer
geistigen Schöpferkraft, aber eben darum auch die Quelle für die Erdichtung von Göttern
und Dämonen, von übersinnlichen Kräften und hinter den Dingen liegenden mystischen
Mächten. Auch F. CAPRA, der sich in den letzten Jahren auf dem Gedankenmarkt so in den
Vordergrund geschoben hat /5/, mißbraucht den Zusammenhang von Anschauung und Begriff
für eine Umdeutung der Einbildungskraft in eine "unmittelbare, nichtintellektuelle
Erfahrung der Wirklichkeit". Daß Capra "vernunftorientiertes Wissen" nicht
zu würdigen vermag, kann daran liegen, daß er kein Philosoph ist und die
vieltausendjährige Philosophie eben nur auf eine recht eigenwillige Weise zur Kenntnis
nimmt. Werden Begriffe aber nur als die Bezeichnung für eine sinnliche Anschauung
zugelassen, dann täuschen sie tatsächlich eine "Bewußtseinserweiterung" vor.
Kant ist da eben viel genauer. Zu seiner Zeit war
der Mißbrauch menschlicher Einbildungskraft die selbstverständliche Grundlage der
damaligen Gesellschaft, weshalb Mut, Verantwortungsbewußtsein und Wissen erforderlich
waren, um für den geistigen Fortschritt der Menschheit wirken zu können. Heute ist
"Wendezeit", Abwendung von allem, was Kultur und Wissenschaft für unsere
geistige Befreiung und Entwicklung bewirken konnten, damit die Einbildungskraft der
Menschen wieder voll und ganz ihrer spirituellen Verdummung dienen kann. Dummheit ist
(insbesondere in unseren Tagen) weit entfernt von versäumter Bildung. Sie hat, wie schon
Kant wußte, immer die gleichen Wurzeln: "Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich
das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen. Ein
stumpfer oder eingeschränkter Kopf, dem es an nichts, als an gehörigem Grade des
Verstandes und eigenen Begriffen desselben mangelt, ist durch Erlernung sehr wohl sogar
bis zur Gelehrsamkeit auszurüsten. Da es aber gemeiniglich alsdann auch an jenem zu
fehlen pflegt, so ist es nichts Ungewöhnliches, sehr gelehrte Männer anzutreffen, die,
im Gebrauche ihrer Wissenschaft, jenen nie zu bessernden Mangel häufig blicken
lassen." (Kritik der reinen Vernunft, S.234)
Man kann Capra nur zugute halten, daß er nicht
"im Gebrauche seiner Wissenschaft" zu seinen welterschütternden und als
Bestseller verkaufbaren Ideen über ein "neues Denken" gelangt ist, sondern sich
hier nur Urteile anmaßt, deren Grundlagen er weder versteht noch (ob nun
"intuitiv" oder "rational") "begreifen" kann.
2.3.Das Schema eines Begriffs
Es gibt eine Besonderheit der "formalen
Bedingung der Sinnlichkeit" jedes Begriffs, wodurch sich der Weg vom Begriff zur
Anschauung ganz wesentlich von der bildlichen Anschauung wirklicher Gegenstände
unterscheidet. BERKELEY /6/ und HUME /7/ haben den Begriff als eine "verwaschene
Vorstellung" kennzeichnen wollen und ihn als eine Art von geistiger Rationalisierung
im Gebrauche ähnlicher Bilder aufgefaßt. Sie gingen den Weg von der Anschauung zum
Begriff, der noch heute bei Naturwissenschaftlern fast als selbstverständlich angesehen
wird. Begriffe seien das Ergebnis von Abstraktionsprozessen, so wird fast überall
gelehrt. Doch wie ein solcher "Abstraktionsprozeß" wirklich vor sich geht oder
wenigstens vor sich gehen könnte, wird nicht einmal im Ansatz reflexivitätsfrei
vorgeführt.
Das eigentliche Problem ist aber nicht, wie aus der
Anschauung der Begriff wird, sondern umgekehrt, wie aus dem Begriff die Anschauung
hervorgeht. Über die Wahrnehmungen vermögen wir nur dadurch zu komplexen Weltbildern zu
gelangen, daß wir die Rückwirkungen der Begriffe auf die Anschauung nutzen. Auf diese
Weise sind wir nicht so sehr Gefangene unserer Anschauungswelt, sondern vielmehr unserer
Begriffswelt. Kant nennt diesen Übergang vom Begriff zur Anschauung das "Schema des
Begriffs". Der Begriff ist kein Bild, auch kein "verwaschenes", sondern
eine Methode, dem Begriff sein Bild zu verschaffen. Unsere Vorstellungen sind unmerklich
von unseren Begriffen geprägt. Die Anschauung liefert zwar das Material, die unaufhebbare
Sinnlichkeit, aber was dieses Sinnliche bedeutet, was für eine Welt aufgespannt wird, das
bestimmen die Begriffe. So kann man z.B. in das Sinnliche das Übersinnliche hineinsehen
und dann als direktes Sehen ausgeben. Wie wäre eine solche Zweideutigkeit unserer Sinne
ohne die Begrifflichkeit unseres Begreifens möglich? Nach Kant gehen diese Schemata
selbst wieder auf kategoriale Prinzipien zurück. Wie man aus dem reinen Denken ein
vollständiges System solcher Kategorien aufstellen kann, ist bis auf den heutigen Tag
umstritten, eigentlich aber auch nicht mehr unser Thema.
2.4. Naturgesetze als Form unserer
Erkenntnis der Natur
In der modernen Wissenschaftsdiskussion spielt der
Reduktionismus eine große Rolle: Ist die Welt letztlich und vollständig
physikalisch-chemisch beschreibbar? Wenn nicht, welche neuartigen Naturkräfte müßte man
dann annehmen? Müßte nicht unser naturwissenschaftliches Weltbild augenblicklich
zusammenbrechen, wenn man den Reduktionismus aufgibt? Insbesondere die Erkenntnisse der
modernen Biologie haben die Debatte über den Reduktionismus erneut ausgelöst. Heute
nicht mehr, wie um die Jahrhundertwende, wegen einer "Lebenskraft", sondern
wegen der Einbettung der "Information" in unser Weltbild. Die Zurückführung
der Information auf physikalisch-chemische Strukturen ist sowohl Forschungsprogramm als
auch theoretischer Denkrahmen für die Formulierung der Fragen und wissenschaftlichen
Aufgabenstellungen. Der "Physikalismus" ist so beherrschend, daß man nicht
einmal formulieren könnte, was man wie außerhalb des in dieser Sprache Darstellbaren
erforschen könnte. Die Kehrseite dieser geistigen Verengung ist die Preisgabe aller
wissenschaftlich angeblich nicht mehr erfaßbaren Probleme als eine Art Geschenk an den
Spiritualismus.
Der Reduktionismus ist ein Teil der von Kant
aufgeworfenen Problematik der Extensionalität unserer Naturanschauung. Häufig wird in
der Reduktionismus-Diskussion die Richtigkeit der Extensionalitätsthese (die Struktur als
ein Ganzes ergibt sich aus ihren Teilen und ist mit diesem Zusammenbau ihrer Teile
identisch) als eine unbezweifelbare Prämisse stillschweigend vorausgesetzt. Die Welt
besteht nach dieser Auffassung aus physikalisch beschreibbaren Elementen, die sich zu
Strukturen und Superstrukturen zusammenlagern. Diese Strukturen sind Anordnungen der
Elemente im Raum und daher durch rein quantitative Methoden (der Mathematik) beschreibbar.
Rein qualitative Unterschiede zwischen den wahrgenommenen Dingen lassen sich auf diese
Weise auf quantitative Bestimmungen zurückführen.
Kant weiß um die Notwendigkeit und Fruchtbarkeit
einer solchen Art der Weltbetrachtung, die heute meist als "wissenschaftliches
Weltbild" bezeichnet wird. Er weiß aber auch, daß diese Denkweise nicht für sich
stehen und nicht zu einer Ersatzreligion verklärt werden darf. Das
"wissenschaftliche Denken" ist unvollständiges Denken und muß daher
eingebettet werden in den Denkrahmen der Vernunft, nicht aber (wie heute sehr gern
praktiziert wird) in den Denkrahmen der Religion oder des Spiritualismus. Die
Notwendigkeit einer solchen Einbettung liegt darin begründet, daß die Naturwissenschaft
zwar über die Natur, nicht aber über die geistigen Grundlagen ihrer die Welt
beschreibenden Theorien Aussagen machen kann. Eine Theorie, die nicht nur die Welt,
sondern auch sich selbst beschreibt, ist ein logisches Unding. Darum macht der
Naturwissenschaftler zwangsläufig Annahmen über die Erkenntnismöglichkeiten der Welt
und z.B. über die Herkunft und Tragweite von Begriffen. Diese Annahmen kann er nicht aus
seinen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen ableiten. Um sich nicht ständig
rechtfertigen zu müssen, werden solche philosophischen Voraussetzungen für das
wissenschaftliche Denken trivialisiert, um nunmehr die ganze Kraft des Geistes auf den
Forschungsgegenstand richten zu können.
Kant weist der Naturwissenschaft ihren Platz zu,
nicht um sie zu demütigen oder weil er ihren Wert unterschätzt, sondern weil
Naturwissenschaft eben nicht Philosophie ist, weil sie den Zusammenhang von Anschauung und
Begriff nicht ableiten kann, sondern voraussetzen muß, weil sie das, womit sie die
Welt erklärt (Verstand und Vernunft), nicht gleichzeitig miterklären kann. Kant weist
der Naturwissenschaft die begriffene Anschauung zu, die in die Teile auflösbare Ganzheit
in Form der Strukturen und Gestalten, also der extensionalen raumzeitlichen Größen. Aus
der Sicht vieler (philosophisch) frei praktizierender Naturwissenschaftler wird diese
Problematik einfach umgedreht: Gibt es überhaupt irgend etwas, das nicht in Raum
und Zeit existiert? Wenn nicht, kann es nur extensionale Größen geben. Jede objektive
Beschreibung der Wirklichkeit verlangt dann aber die alleinige Verwendung solcher
Größen.
Gegen diese Argumentation kann und muß eingewandt
werden, daß "objektiv" nicht die Beschreibung, sondern der Gegenstand ist, Die
Naturwissenschaft meint die wirkliche Welt in Raum und Zeit. Daß die Beschreibung selbst
nicht auch wieder ein naturwissenschaftlicher Gegenstand in Raum und Zeit sein kann,
beunruhigt den Naturwissenschaftler in der Regel nicht, weil er zwischen seinem Bild von
der Welt (als begriffene Anschauung) und der wirklichen Welt nicht zu differenzieren
vermag. Nur wenn er von Zeit zu Zeit dieses Bild sehr radikal ändert (nach Thomas KUHN
/8/ die wissenschaftlichen Revolutionen), dann weiß er, daß sich an der Wirklichkeit ja
wohl nichts verändert haben kann, dann fühlt er mehr oder weniger tief, daß seine naive
Vorstellung von Erkenntnis problematisch sein könnte. Je größer die Risse, je bewußter
die Widersprüche und möglicherweise auch die Reflexion der Krise unserer
gesellschaftlichen Existenz, um so leichter wendet er sich dann mystischen
Erklärungsweisen zu, damit die Seele im unermeßlich großen Kosmos keine kalten Füße
bekommen möge, was Hoimar v. DITFURTH /9/ befürchtet hat.
2.5. Die Natur als Anschauung und Begriff
Ob die Reduzierbarkeit auf das allein Meßbare die
Wirklichkeit selbst betrifft und folglich weltanschaulich entschieden werden könnte und
müßte, ist für Kant nur ein Scheinproblem. Solange wir die Wirklichkeit nur als
Gegenstand unserer Anschauung auffassen, uns die Wirklichkeit nur sinnlich gegeben ist,
wird uns die Naturwissensschaft zwangsläufig ein Naturbild vermitteln müssen, das
vor allem den Gesetzen unserer Anschauung entspricht.
Naturwissenschaft ist somit nicht nur
möglicherweise, sondern sie ist auch notwendigerweise extensional orientiert. Es steckt
soviel Wissenschaft in ihr, wie reine Mathematik in ihr vergegenständlicht ist, meint
Kant aus diesem Grunde. Die Auflösung der Wirklichkeit in extensional beschreibbare
Fakten (also Daten und ihre gesetzmäßigen Zusammenhänge) ist weder eine naturhafte
objektive Gegebenheit noch eine bloße Erfindung des subjektiven Geistes, sich selbst
anzuschauen, sondern Ausdruck des Verhältnisses zwischen Geist und Wirklichkeit in der
Anschauung. Aber reine Anschauungssysteme sind schon deshalb nicht möglich, weil Begriffe
nicht auf die Bezeichnung von Anschauungsinhalten reduzierbar sind. Der Versuch einer
solchen Reduzierung liegt allen empiristischen Abstraktionstheorien zugrunde. Der
Reduktionismus ist nur die moderne Erscheinungsweise dieses Jahrhunderte alten Problems.
Die Nichtreduzierbarkeit unseres
Wirklichkeitsverständnisses auf die Anschauung, auf die Strukturierung extensionaler
Größen, ist der tiefer liegende Grund dafür, daß in der Anschauung widerspruchsfreie
physikalische Theorien nicht möglich sind. Wie schon die gleichzeitige Anwendung der
Vorstellung eines spitzwinkligen und eines stumpfwinkligen Dreiecks im Begriff
"Dreieck" nicht widerspruchsfrei möglich ist, so kann man auch von keiner
physikalischen Theorie verlangen, daß sie durch die Vereinigung aller Einzelvorstellungen
ein widerspruchsfreies Gesamtbild liefern könnte. Schon die Anschauung eines Atoms
erfordert die Vereinigung widerspruchsvoller Bilder.
Das alles ist jedoch kein Grund, auch wenn CAPRA da
ganz anderer Meinung ist, an der Wirklichkeit und ihrer Materialität zu verzweifeln,
sondern ein Hinweis darauf, das Zusammenspiel von Anschauung und Begriff bei jeder Art von
Erkenntnis zu beachten. Wäre eine widerspruchsfreie Naturanschauung wenigstens im Prinzip
möglich, hätte der Begriff tatsächlich nur eine Hilfsfunktion für die Anschauung und
wäre auf die Vorstellung reduzierbar, die er doch erst möglich macht. Die moderne Physik
hat nicht zum Zusammenbruch unseres Glaubens an eine materielle Wirklichkeit geführt,
sondern durch ihre Theorienentwicklung vereinfachte, naive Erkenntnismodelle überwunden.
Daß Kant schon vor 200 Jahren um die Begrenztheit eines nur anschaulichen Weltmodells
wußte, spricht nicht unbedingt gegen ihn, sondern zeigt, daß philosophisch-theoretische
Einsichten immer erst dann verarbeitet werden, wenn ein zwingendes praktisches Bedürfnis
dazu vorhanden ist (wobei selbst dann noch zunächst "billigere" Erklärungen
privilegiert sind).
Es war und ist aber nicht die Physik, die eine
Erweiterung unseres bisherigen Weltbildes erzwingt, sondern die Biologie. Sich
"Information" anschaulich vorstellen zu wollen (was die Molekularbiologen in der
Regel versuchen), ist ein Widerspruch in sich selbst. Spätestens mit der Biologie
betreten wir eine neue "Welt", die sich uns als Einheit von Anschauung und
Begriff erschließt und damit einen neuen Typ von Naturbild konstituiert: Bild,
Anschauung, Vorstellung und Begriff wachsen so stark zusammen, daß der Unterschied
zwischen Naturbild und Naturbegriff aufgehoben wird. Das bedeutet aber einen
qualitativen Sprung in unserer Naturauffassung, weil die Dinge nun nicht mehr nur in der
physikalischen Raumzeit existieren, sondern mit der Information als einem Grundbegriff der
Biologie der Raum gewissermaßen durchstoßen wird.
Die Ursache für diesen Übergang zu einer neuen
Form des Weltbildes ist der Umstand, daß die Zeit zu einem direkten
Untersuchungsgegenstand und Wirklichkeitsfaktor wird. Im bisherigen Naturbild wurde
erklärt, wie r ä u m l i c h e Strukturen aufgebrochen werden (können); im neuen
Naturbild wird gezeigt, wie und auf welche Weise z e i t l i c h e Strukturen
verändert werden können, wie Invarianz entsteht und im Naturprozeß genutzt wird. Die
Zeit selbst ist aber unanschaulich. Wir "sehen" die Zeit nur an den
Veränderungen im Raum. Wir sehen jetzt aber mehr als die rein extensionalen Größen im
Raum, wir begreifen die intensionalen Zeitwirkungen auf den Raum als Verwandlung der
extensionalen Größen in Kodierungen für die intensionalen (Bedeutung tragenden)
Größen. Extensionale Größen sind im Raum ausgebreitete Strukturen (= Formen und
Gestalten), intensionale Größen dagegen die abstrakte, qualitative, ganzheitliche (d.h.
nicht in Teile zerlegbare) Bedeutung in ihrer Invarianz (d.h. nicht im Zeitfluß, sondern
in der Gleichzeitigkeit existierend). Intensionale Größen sind gewissermaßen die
Begriffe pur, die in den biologischen Prozessen selbst wirksam werden und daher auch in
unserer Beschreibung Berücksichtigung finden müssen.
Die Zeit kann nicht wahrgenommen werden, aber die
Bewegung und die Veränderung der Dinge im Raum vermitteln einen indirekten Eindruck vom
Wirken der Zeit. Erst die reflexive Erkenntnis, die Erkenntnis der Erkenntnis, enthüllt
uns das reine Sein der Zeit und dreht den Zusammenhang zwischen Raum und Zeit um: Die Zeit
wird jetzt zum Zentrum und Ausgangspunkt dafür, warum Anschauung im Raum (als
Gleichzeitigsein der Dinge und als Formen, Strukturen, Muster und Gestalten) überhaupt
möglich ist und warum begriffliches Sein (als das gleichzeitige Sein in der Zeit, als
Invarianz und als Gesetzmäßigkeit) die Anschauung übersteigt und doch mit der
Vorstellung verbunden bleibt.
Kant hat in seiner Lehre von der Erscheinung diese
wichtige und formgebende Rolle der Zeit für alle Erkenntnisprozesse so deutlich
empfunden, daß er es nicht für möglich hielt, daß eine (für ihn) künftige
Naturwissenschaft daran vorübergehen könnte. Kant stellt die Welt scheinbar auf den
Kopf: Während jeder von seiner Anschauung ausgeht, um auf diesem Wege voranschreitend
sich dann dem Problem des Geistes zu stellen, zeigt Kant, daß all die
Veränderungen im Raum nur der Substanz zugeschrieben werden können. Nur das in der Zeit
Beharrende ermöglicht Wahrnehmungen und Vorstellungen. Das Beharrende, das Invariante,
ist aber nicht selbst wieder in der fließenden Zeit, sondern nur Grundlage, diesen
Zeitfluß überhaupt feststellen zu können. Kant geht somit vom Begriff aus, um die
Anschauung zu erklären, und von der Zeit, um die Beobachtbarkeit der Phänomene im Raum
verständlich zu machen.
Diese Umkehrung des erklärenden Denkens erfreute
sich auch zu Kants Zeiten keiner großen Beliebtheit. Sie ist bis heute im Kreise der
Naturwissenschaftler wenig diskutiert und noch weniger verstanden worden. Kant glaubte,
daß man den von ihm gefundenen Ausgangspunkt aller Naturwissenschaft aufgreifen und
durchsetzen werde.
2.6. Die Natur als Welt der Objekte
In den letzten Jahren wird wieder verstärkt
darüber reflektiert, ob und inwiefern sich der Mensch "in der Natur selbst
begegnet", wie es Werner HEISENBERG /10/ ausdrückt, welchen Anteil der Mensch an der
Formbildung der formulierten Naturgesetze habe. Nach Kant steht schon der Objektbegriff an
der Grenzscheide zwischen Geist und Materie. Objekte sind Inbegriff unserer
Erscheinungswelt. Das ergibt sich auch aus unserem physikalischen Naturbild: Alle
Wechselwirkungskräfte sind Feldwirkungen. Das bedeutet (beispielsweise für die
Gravitation), daß sich die Wirkungen a l l e r Massen zu einem Wirkungsfeld integrieren,
in das jede einzelne Masse eingebettet ist. Sie steht nur in Wechselwirkung mit ihrer
unmittelbaren Umgebung, in der gewissermaßen alles enthalten ist, was das Universum an
Wirkung aufzubieten hat. Die einzelne Masse hat weder Möglichkeit noch
"Veranlassung", über das Wirkungsfeld ihrer unmittelbaren Umgebung
"hinauszublicken". Die Welt verliert sich im Nebel der integrierten Wirkungen.
Von einem Verhältnis zwischen einzelnen Objekten kann gar keine Rede sein, weil gar nicht
in dieses "Weltbild" passend.
Es bedarf einer desintegrierenden neuartigen
Leistung biologischer Systeme, in den Wirkungsfeldern die dahinterstehenden Objekte zu
"erkennen", die Wirkungsfelder als Signale aufzufassen, die (unter
beträchtlicher Reduzierung von Komplexität und gleichzeitiger Produktion von Invarianz)
auf die Existenz und das Wirken einzelner Objekte hinweisen. Aus dieser Evolution
hervorgegangen, "sehen" wir keine integrierten Wirkungsfelder (als Ausdruck der
urwüchsig-totalen Wirklichkeit), sondern eine Menge von Objekten, also wesentlich
weniger, als man in dieser Wirklichkeit direkt ausmachen könnte. Dafür sehen wir aber
nun "in den Raum hinein", und dort treffen wir immer wieder nur auf Objekte, auf
beharrende, invariante Dinge, die sich bewegen und verändern und als Ursache für all die
zwischen ihnen wirkenden Kräfte angesehen werden.
Der biologische Weg zur Analyse von
Wirkungsverhältnissen (zwischen Objekten) unterscheidet sich grundlegend von dem
physikalischen (zwischen integrierten Wirkungsfeldern). Das "Objekt" ist
Ausdruck dieser Mittelstellung zwischen der urwüchsigen Wirklichkeit und der gezähmten,
komplexitätsreduzierten, in den Raum hineinragenden Wirklichkeit, die dadurch allmählich
zur "Natur" wird. Das Objekt als ein vor aller Biologie (und damit
Informationserzeugung) liegendes "Naturding" nehmen zu wollen, ist nicht nur
"naiver Realismus", sondern eine folgenschwere Verwechselung von Erscheinung und
Ding an sich, um in der Kantschen Terminologie zu bleiben. Für Kant ist es vor allem das
Zugleichsein der Objekte (in der Z e i t als ihre Invarianz, ihre Substanz, ohne die man
von Objekten gar nicht reden könnte, und im R a u m als ihr Nebeneinander und ihre
Struktur, damit Wirkungsverhältnisse zwischen ihnen möglich und Muster und Gestalten
angeschaut werden können), das sie vom bloßen Sein der "Dinge an sich"
unterscheidet.
Zugleichsein oder Gleichzeitigkeit ist, wie Albert
EINSTEIN /11/ gezeigt hat, keine objektive Eigenschaft der Wirklichkeit. Reale (und d.h.
gegenständliche) Gleichzeitigkeit erfordert neuartige Zusammenhänge, die im einfachsten
Falle die Bildung und Nutzung von Informationen und im Falle genügender (reflexiver)
Entfaltung der Informationen das Auftreten des Geistes genannt werden sollen. Einmal
entstanden, läßt sich der Geist nicht mehr aus dem Naturbild oder anderen Formen der
Erkenntnis herausnehmen. Eine saubere Trennung zwischen erkennendem Geist und erkannter
Natur ist nicht möglich, weil das Bild von der Natur eben nicht Natur ist. In der und
durch die Erkenntnis wirkt der Geist immer auch auf sich selbst. Dadurch und nur dadurch
wirkt der Geist auch mittelbar auf die Materie.
Die "Objekte" sind nach Kant nicht nur der
zentrale Begriff der Erscheinung, sondern zugleich auch die Vermittlung unserer
Vorstellung eines notwendigen Zusammenhanges zwischen diesen Objekten. Ohne eine ständige
Wirkung, die sie auf irgend etwas ausüben, wäre ihre Invarianz gar nicht feststellbar.
Schon, daß wir sie dauernd "sehen" können, bedeutet, daß sie dauernd auf uns
wirken, indem sie das Licht, das sie trifft, reflektieren. "Objektsein" und
"Einheit der Natur" als ein System kausaler Zusammenhänge und Wirkungen sind
zwei Seiten derselben Medaille. Nur Objekte können Gegenstand der Erfahrung sein. Diese
These grenzt die Wissenschaft sowohl von den naiv realistischen Erwartungen ab, die Welt
genau so zu sehen, wie sie ohne uns ist, als auch von den spiritualistischen Erweiterungen
unseres Wahrnehmungsraumes für Götter, Geister und Dämonen. Objekte sind die in die
Zeit eingebettete Gleichzeitigkeit, wodurch die Welt als ein sich verändernder Kosmos
angeschaut werden kann. Objekte sind somit zur Hälfte Materie und zur anderen Hälfte
Geist, begriffene Form.
2.7. Erkenntnis und Humanismus
Für Kant sind alle Betrachtungen zur Erkenntnis nur
ein Vorspiel für die Erarbeitung einer Sichtweise auf die viel interessanteren, aber
gleichzeitig auch komplizierteren Gesetze der Sittlichkeit, die den Prinzipien
menschlichen Handelns zugrunde liegen. Ohne Verständnis dessen, wie Erkenntnis möglich
ist, gibt es allerdings auch keinen Zugang zum Verständnis menschlicher Freiheit und
Verantwortung. Aber wie will man die inneren Kräfte und Fähigkeiten des Menschen
überhaupt in den Mittelpunkt stellen? Mit welchem Recht lassen sich Aussagen darüber
formulieren?
Wenn Erkenntnis nur jenseitig (als Ergreifen der
wahren Welt)gesehen wird, ist das "Diesseitige" per definitionem der Gegensatz
zur Erkenntnis. Wenn wir wissen wollen, "wer wir sind", was wir tun müssen, um
als menschenwürdig gelten zu können, dann fühlen wir uns gedrängt, die
"objektive" Erkenntnis zu verlassen und einen anderen Zugang zum
Selbstbewußtsein des Subjektiven zu suchen. Aber wo will man den finden? Solange die
Fähigkeit des Menschen, die Welt zu erkennen, und seine Fähigkeit, eine nach
humanistischen Idealen geprägte Welt des Guten zu gestalten, nicht auf eine gemeinsame
Wurzel zurückgeführt werden können, droht die Gefahr, daß Erkenntnis und Sittlichkeit
auseinanderbrechen.
Es wird heute gern postuliert, daß Erkenntnis und
Sittlichkeit unvereinbare Gegensätze seien, als ob das die ausgemachteste Sache der Welt
sei. Als Beweis dafür wird die herzlose, dem Mechanizismus und Technizismus verfallene
Wissenschaft auf der einen Seite, und die Suche des Menschen nach Liebe und
Selbstverwirklichung auf der anderen Seite angegeben. Wissenschaft und Humanismus besitzen
angeblich nicht nur völlig verschiedene Wurzeln, sondern sie sollen sogar unvereinbar
sein. Kaum ein anderer kann das so präzise formulieren wie Capra: "Für das auf
Sinneswahrnehmungen beruhende Wertsystem ist die Materie die einzige und letzte
Wirklichkeit, und spirituelle Phänomene sind nichts als Manifestationen der Materie. Alle
ethischen Werte gelten darin als relativ und die Sinneswahrnehmungen als die einzige
Quelle von Erkenntnis und Wahrheit. Das auf Ideen fundierte Wertsystem unterscheidet sich
grundlegend davon. Es sucht die wahre Wirklichkeit jenseits der materiellen Welt im
spirituellen Raum, so daß Erkenntnis durch innere Erfahrung gewonnen werden kann. Es
unterwirft sich absoluten ethischen Werten und übermenschlichen Normen von Gerechtigkeit,
Wahrheit und Schönheit." /12/
Jacques MONOD /13/ vertritt genau den
entgegengesetzten Standpunkt. Er hält die Kluft zwischen dem wissenschaftlichen Denken
auf der einen Seite und einem animistischen Wertsystem der "Ureinwohner
Australiens" auf der anderen Seite für tödlich. Es sind gerade die
"Übermenschlichen Normen" (Capra), die mit unerbittlicher Konsequenz nicht ins
gepriesene Wassermann-Zeitalter führen, sondern in die Zerstörung des Humanismus, dem
man doch erst auf die Beine helfen möchte. Für Kant ist die Einheit von Erkenntnis und
Sittlichkeit, auch ohne Atombombe und Umweltvernichtung, die eigentliche Grundfrage der
Philosophie. Es hängt mit der Spezifik von Erkennen und Handeln zusammen, warum die
inneren Wechselbeziehungen zwischen beiden so leicht verfehlt werden: Erkennen hat seinen
Gegenstand außer uns, ist also ein Prozeß der Aneignung, des Nehmens; Handeln dagegen
hat seine Werte und Ziele in uns, ist also ein Prozeß der Umgestaltung der Natur, ein
Prozeß des Gebens, des Hervorbringens einer neuen Welt. Je objektiver, strenger und
vorgezeichneter der Prozeß des Erkennens gesehen wird, z.B. als ein immer genaueres
Abbild des Gegebenen mit all seinen Zwangsläufigkeiten, um so eingeschränkter erscheinen
die Möglichkeiten menschlichen Handelns.
Die so verstandene Wissenschaft schwankt zwischen
der Resignation gegenüber einer unermeßlichen und übermächtigen Welt und einer
schlauen Nutzung und seelenlosen Anwendung der erkannten Naturkräfte, die wir aus ihrem
organischen Zusammenhang mit der Natur herausgelöst haben und nun gegen sie wirken
lassen. Solange wir uns in der Erkenntnis nur als der Natur gegenüberstehend empfinden,
sind Humanismus und Sittlichkeit Fremdkörper in dieser "objektiven" Welt, ist
der Mensch in die Diesseitigkeit eines nützlichen Umgangs mit der Welt und eine (für die
Welt der Wissenschaft belanglose) Jenseitigkeit seiner Sehnsucht nach Liebe und
Geborgenheit zerspalten. Auch die idealistische und spirituelle Aufweichung der
materiellen Wirklichkeit in eine uns sanft umfangende Weltseele, oder die Auflösung des
harten Kerns der Natur in bloßen Schein, ist letztlich nur eine schwärmerische Flucht
aus der als mißlich empfundenen Lage.
Der eigentliche Wert der Erkenntniskritik (so Kant)
liegt nicht in der Beurteilbarkeit unserer gewonnenen Erkenntnisse über Gott und die
Welt, obwohl schon das ein beträchtlicher Gewinn wäre, sondern vor allem in der
wachsenden Selbsterkenntnis u n s e r e r Kräfte und Fähigkeiten, eine humanistische
Welt aus den uns frei zur Verfügung stehenden Ideen zu gestalten, die nicht im Gegensatz
zur Natur steht, sondern ein Teil von ihr ist. Die "Natur" ist bereits das
Produkt der "Kultivierung" einer urwüchsigen Wirklichkeit im Prozeß zunächst
einer biologischen, dann einer sozialen Evolution.
In der erkannten (und durch die Ideenbildung
strukturierten) Natur (nicht nur, aber eben auch) die vergegenständlichten
Schöpferkräfte des Geistes, nicht eines fremden, sondern unseres natürlichen Geistes
sehen zu lernen, ist zugleich der Weg zur Selbsterkenntnis und zum Humanismus. Die
erkannte Natur hat den Doppelsinn, nicht aufzuhören, von uns unabhängige Natur zu sein,
gleichzeitig aber uns unsere Fähigkeit bewußt zu machen, sie erfahren zu können,
sie uns in Formen anzueignen, die wir erst in Wechselwirkung mit ihr geschaffen haben.
Aber dazu bedarf es keiner neuartigen "Erfahrung" in uns und mit uns, wenn wir
uns als schaffend und gestaltend, als frei und verantwortungsbewußt bei der
Hervorbringung neuer Welten empfinden. Es ist die Idee selbst, die uns treibt, die uns als
Kriterium dient. Ideen und Ideale kann man nicht "erfahren", weil sie nicht in
der physikalischen Raumzeit angetroffen werden können, man muß sie in sich entwickeln
und begreifen: "Denn in Betracht der Natur gibt uns Erfahrung die Regel an die Hand
und ist der Quell der Wahrheit; in Ansehung der sittlichen Gesetze aber ist Erfahrung
(leider!) die Mutter des Scheins, und es ist höchst verwerflich, die Gesetze über das,
was ich tun soll, von demjenigen herzunehmen oder dadurch einschränken zu wollen,
was getan wird." /14/
Nicht einmal die Erfahrung, die wir mit dem
Verhalten anderer Menschen machen, läßt Kant als Argument gelten. "Übermenschliche
Normen", wie sie Capra für notwendig hält, benötigen einen Weg, der über dem
Menschen beginnt und im Menschen endet. Dieser Weg muß beleuchtet werden, damit man nicht
strauchelt. Wer setzt dem suchenden Menschen die Lichter auf? Wer führt ihn in den Schoß
seiner außer ihm liegenden geistigen Quellen zurück? Der normale Mensch ist dazu nicht
in der Lage, er bedarf der Hilfe und Anleitung. Man muß ihn seines Geistes
berauben, damit er am jenseitigen spirituellen Geist Anteil haben kann. Dort, wo vorher
nur eine Sehnsucht nach Geist vorhanden war, ist die geistige Entmündigung wahrscheinlich
nicht einmal nachweisbar.
2.8. Die menschliche Seele
Eine wichtige Konsequenz, die Kant aus dem
untrennbaren Zusammenhang von Geist und Seele auf der einen Seite und der erkannten Natur
auf der anderen Seite zieht, ist, daß Aussagen über die Seele reflexiv sind, d.h. von
einer "Erkenntnis der Seele" logisch widerspruchsfrei nicht gesprochen werden
kann. Das klingt zunächst sehr agnostisch, weil jede moderne Psychologie, die auf sich
hält, die Seele zu ihrem Erkenntnisgegenstand gemacht hat. Der simple und gerade darum so
bestechende Gedanke von Kant hierbei ist, daß Aussagen über die Seele doch immer
nur in der Seele sein können, so daß ich die Seele immer doppelt brauche: als
Erkenntnisgegenstand und als Erkenntnismittel. Die Seele besitzt keine davon abspaltbare
Existenz (als nur daseiende Seele), so wie das Photon des Lichtes, wenn man es als
Ruhmasse festhalten wollte, verschwindet. Kant will verhindern, daß wir uns "in dem
für uns im Leben grundlosen Spiritualism herumschwärmend verlieren". Die Seele
besitzt keine "abgesonderte Existenz". Das ist der gleiche Gedanke, den HEGEL
nutzte, den Weltgeist in Tätigkeit zu versetzen, eine Welt zu schaffen, in der er sich
nun anschauen und begreifen kann. Für sich seiend, d.h. ohne jemandem gegenüberzustehen,
fällt das absolute Sein mit dem absoluten Nichts zusammen. Das "Nirwana" des
Buddhismus ist dieses göttliche Verlöschen in das reine Sein des nur noch für sich
seienden Geistes.
2.9. Gibt es absolute Ausgangspunkte für die
Welterklärung?
Gegenständliche Existenz gibt es nach Kant nur in
Raum und Zeit. Wer die Wirklichkeit eines Phänomens nachweisen will, der muß dessen
Beziehungen zu Raum und Zeit aufdecken, deren Inhalt zwar materiell, deren Form jedoch
unseren Erkenntnis"raum" aufspannt. R a u m und Z e i t sind die wesentlichsten
Eigenschaften aller Arten von "Erscheinungen" und damit jener Koinzidenz von
Geist und Materie, ohne die Unterschiede dieser beiden Bestimmungen zu verwischen.
Die Zeit als die in der Gleichzeitigkeit gedachte
Reihe des Nacheinander im Gegensatz zum ebenfalls in der Gleichzeitigkeit gedachten
strukturbildenden Nebeneinander der Teile zerstört im Denken jeden absolut gesetzten
Ausgangspunkt, weil die in der Zeit gesetzte Idee immer nur die Vergangenheit als
"Beweis" anzuführen vermag, nicht aber die prinzipiell offene Zukunft, die
Möglichkeit neuer Erfahrungen auf der Grundlage neuer Ideen. Absolute Erkenntnisse
zerstören die Zukunft im Namen der Vergangenheit. Und doch ist dem "gemeinen
Verstand", wie Kant sagt, nichts einleuchtender, als von festen und gesicherten
Ausgangspunkten auszugehen. "Gemein" heißt hier nicht "niedrig" oder
"ungebildet", sondern das Typische des menschlichen Denkens zum Ausdruck
bringend. Davon sind die wissenschaftlichen Baumeister unseres Weltbildes keineswegs
ausgenommen. Sie haben dem "gemeinen Verstande" nur den Nimbus des
wissenschaftlichen Denkens geben können: "Der gemeine Verstand findet in den Ideen
des unbedingten Anfangs aller Synthesis nicht die mindeste Schwierigkeit, da er ohnedem
mehr gewohnt ist, zu den Folgen abwärts zu gehen, als zu den Gründen hinaufzusteigen,
und hat in den Begriffen des absolut Ersten (über dessen Möglichkeit er nicht grübelt)
eine Gemächlichkeit und zugleich einen festen Punkt, um die Leitschnur seiner Schritte
daran zu knüpfen, da er hingegen an dem rastlosen Aufsteigen vom Bedingten zur Bedingung,
jederzeit mit einem Fuße in der Luft, gar keinen Wohlgefallen finden kann." /15/
Erkenntniskritik und Weltanschauung unterscheiden
sich nicht nur in ihrem Gegenstand, ihren Zielen und Methoden, sondern vor allem auch in
ihrer diametral entgegengesetzten Denkstruktur. Wo die Folgerungen für wichtiger gehalten
werden als die Voraussetzungen, die man gern ungeprüft gelten läßt, wenn einem die
Folgerungen gefallen, da ist der Weg geebnet für Weltbilder und Weltanschauungen, die man
deshalb für die Welt selbst nehmen muß, weil man nicht gelernt hat, wie man die
Grundlagen derartiger Denkgebäude überhaupt prüfen und beurteilen könnte.
Je rigoroser etwas als problemfreies Wissen und als
unwiderlegbare Wahrheit angepriesen wird, um so mehr darf man davon überzeugt sein, daß
die Grundlagen dieses Wissens nicht reflektiert wurden. Wissen, das sich wie eine
Vergewaltigung des eigenen Geistes breitmacht, das eigene Denken verdrängt und eine
innere und äußere Haltung der Anbetung erzwingt, unterscheidet sich überhaupt nicht von
irgend einer Art des Glaubens. Wissen, wie es Kant lehrt, erhebt den Menschen, stärkt
sein Vertrauen in die eigenen geistigen Kräfte, fördert seine Kritikfähigkeit und sein
Selbstbewußtsein. Wissen ist die immer wieder neu zu findende Balance zwischen den
Gründen und den Folgen, zwischen den Prämissen und den abgeleiteten Urteilen. Wissen ist
ein Teil unseres Lebens, unserer Kultur und unseres Selbstverständnisses.
Es sind vor allem die angewandten und technischen
Wissenschaften, die wegen ihrer praktizistischen Orientierung auf das Machbare weder Zeit
noch Geist aufzubringen vermögen, die Grundlagen ihres Wissenschaftsbereiches zu
problematisieren. Der selbstgefällige Wissenschaftsnimbus ist nirgendwo anders in so
naiver und geisttötender Weise anzutreffen. Wenn man das für
"naturwissenschaftliches Denken" hält, wie es Capra meist macht, dann könnte
man schon verstehen, warum von einer Krise des Denkens gesprochen wird. Doch die
Schlußfolgerung kann doch nicht sein, Erkenntnis und Wissen dem zu Macht und Ansehen
gelangten "gemeinen Verstande" zu überlassen und selbst mit einer spirituell
verdünnten Welt vorlieb zu nehmen! Ich glaube, daß es einen sehr wesentlichen
Unterschied zwischen der naturwissenschaftlichen und der technizistischen Denkweise gibt:
Die eine lebt f ü r die Wissenschaft und bleibt daher für eine Problematisierung ihrer
Grundlagen offen, die andere v o n der Wissenschaft.
Obwohl die technizistische Denkweise zu Kants Zeiten
nur in Keimform angetroffen werden konnte, gibt es bis auf den heutigen Tag kaum eine
treffendere Einschätzung der Mechanismen dieser Art zu denken, als wir sie bei Kant
finden können: "... Begriffe, deren objektive Realität nicht eingesehen werden
kann, einzuführen: so ist doch dem gemeinen Verstande nichts gewöhnlicher. Er will etwas
haben, womit er zuversichtlich anfangen könne. Die Schwierigkeit, eine solche
Voraussetzung selbst zu begreifen, beunruhigt ihn nicht, weil sie ihm (der nicht weiß,
was Begreifen heißt) niemals in den Sinn kommt, und er hält das für bekannt, was ihm
durch öfteren Gebrauch geläufig ist. Zuletzt aber verschwindet alles spekulative
Interesse bei ihm vor dem praktischen, und er bildet sich ein, das einzusehen und zu
wissen, was anzunehmen oder zu glauben ihn seine Besorgnisse oder Hoffnungen
antreiben." / 16/
Das technizistisch-technokratische Denken, das vor
allem durch den Massenberuf "Wissenschaftler" schnelle Verbreitung gefunden hat,
weil in der Regel diese verkürzte Denkweise mit einer beruflichen Karriere Hand in Hand
geht, ist ein Symptom des allgemeinen Niedergangs der Industriegesellschaft, ein
Spiegelbild dieser Gesellschaft. Jeder geistige Fortschritt der Menschheit, durch
gesellschaftliche Bedingungen behindert oder befördert, basiert auf den Leistungen der
vorangegangenen Generationen, ohne die es ja kein Fortschreiten sein könnte.
Erkenntnisgewinn und Reflexionen darüber, was Erkenntnis ist, sind ein verpflichtendes
Erbe, das man nur dann ausschlagen darf, wenn man sich von allem lossagt, was die
geistig-kulturelle Entwicklung der Menschengemeinschaft hervorgebracht hat, der man
angehört.
Auch das ist modern geworden: so zu tun, als könne
man Kulturkreise wechseln wie abgetragene Hemden. Sehr attraktiv ist z.Zt. die Hinwendung
zu den ostasiatischen Religionen, die aber (und das ist auch anders gar nicht denkbar) auf
eine abendländische Weise interpretiert werden (als "Lösungen" eigener
Denkprobleme). Es ist wie im Massentourismus: wahnsinnig groß und interessant ist die
Welt, muß man alles gesehen haben, damit man damit prahlen kann, aber letztlich kehrt man
wieder wohlbehalten heim, dorthin wo man den Leuten erklären kann, was man erlebt hat, wo
man eine gleiche Sprache spricht. Anstatt die eigene Denkweise so weit und
anpassungsfähig zu machen, daß für fremde Welten Platz geschaffen wird und auf diese
Weise tatsächlich eine "Bewußtseinserweiterung" zustande kommt, propagiert man
die geistig-kulturelle Kapitulation und die Kehrtwendung zu den überwundenen
Ausgangspunkten unserer geistigen Entwicklung.
Der geistige Niedergang unserer Gesellschaft muß
sehr weit vorangeschritten sein, daß man die bloßen Surrogate von Geist tatsächlich
für Wendezeichen halten kann. Wenn sich die Probleme unserer Zeit auf so einfache Weise
lösen ließen, wie es die Medizinmänner aller Jahrhunderte immer gewollt haben, dann
bräuchten wir uns keine Hoffnungen zu machen, daß es eine Zukunft geben wird: Die
menschlichen Werte werden so unkontrollierbar irrational, daß nicht nur die positive
naturwissenschaftliche Erkenntnis, sondern auch die philosophische verteufelt wird.
2.10. Naturgesetze
Kant siedelt die Natur an der Grenzlinie zwischen
Geist und Materie an. Natur ist nicht die Welt an sich, sondern wie sie für uns in
Erscheinung tritt, wie sie uns begreiflich geworden ist: "Natur ist das Dasein
der Dinge, sofern es nach allgemeinen Gesetzen bestimmt ist. Sollte Natur das Dasein der
Dinge an sich selbst bedeuten, so würden wir sie niemals, weder a priori noch a
posteriori, erkennen können." /17/
"Nach allgemeinen Gesetzen" kann uns die
Natur deshalb zum Gegenstand werden, weil wir sie begreifen, d.h. in invariante,
zeitüberbrückende Begriffe auflösen, die mit den anschaulichen räumlichen Strukturen
verkoppelt sind. Diese Begriffe sind nicht mehr nur als sinnliche Begriffe an die
Wahrnehmung gebunden, wodurch eine Trennung zwischen Natur und erfahrener Natur gar nicht
möglich wäre, sondern sind mit der Sprache zu einem rationalen Eigenleben erwacht, das
die jeweiligen konkreten Bewußtseinsprozesse in den einzelnen Menschen übersteigt.
Die Sprache ist gewissermaßen kollektiv
vergegenständlichter Geist und damit interpersonal wirkender Geist, Geist der sozialen
Gemeinschaft, der der Mensch angehört. Das Allgemeine ist nicht mehr in die wechselnden
Wahrnehmungen integriert, sondern mit der Sprache jederzeit verfügbar. Damit wird auch
die Natur zu einem bleibenden Gegenstand, zu einem invarianten "Wesen". Erst
jetzt beginnt der Mensch, sich zu dieser Natur als einer Ganzheit ins Verhältnis zu
setzen und seine Begriffe als hinter der Anschauung stehende mystische Naturgottheiten
anzubeten. Die Götter sind die mystifizierte Kehrseite der allgemeinen Naturgesetze. Noch
heute bewirken diese Gesetze in ihrer Harmonie und inneren Geschlossenheit ein Gefühl des
Wunderbaren.
Nach Kant ist Naturwissenschaft (ohne mystische
Anbetung des Erhabenen) darum möglich, weil das Allgemeine die Grundbedingung unserer
Erfahrungen mit der Natur ausmacht, weil die Gesetze der Natur die Form sind, unter der
uns die Natur überhaupt nur begegnen kann. Naturgesetze als allgemeine Bedingungen
unserer Erfahrung aufzufassen, stellt die naive Betrachtungsweise geradezu auf den Kopf.
Carl Friedrich von WEIZSÄCKER bemüht sich, diesen Weg ("ausgehend von Kants
Gedanken, daß die Einheit der Physik aus den Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung
hervorgeht") durch modernere Argumente gangbar zu machen. Daß hierbei die Zeit eine
fundamentale Rolle spielt, ist nun auch in der modernen Physik sichtbar geworden, und das
gleichzeitig in allen fundamentalen Theorien: der Quantenmechanik (als Unterschied
zwischen faktischer Vergangenheit und offener Zukunft), der Thermodynamik (als
Zeitrichtung der wirklichen Welt), der Relativitätstheorie (als Einheit von Raum, Zeit
und Materie), der Kosmologie (als zeitliche Entwicklung des Universums) und schließlich
der Elementarteilchentheorie (als Einheit von Objekt und Wechselwirkung).
Gerade die Gesetze der N a t u r als f o r m a l e
Gesetze (d.h. die Form unserer Erfahrung der Wirklichkeit bestimmend) aufzufassen,
erscheint dem naiven Denken als paradox, ist aber das eigentliche Programm der Kantschen
Erkenntniskritik. Naturwissenschaft ohne Verständnis der formalen Gesetze menschlichen
Denkens betreiben zu wollen, ist für Kant völlig unvorstellbar: "Das Formale
der Natur in dieser engern Bedeutung ist also die Gesetzmäßigkeit aller Gegenstände der
Erfahrung, und sofern sie a priori erkannt wird, die notwendige Gesetzmäßigkeit
derselben." /18/
Erfahrung (= "für die Zukunft lernen",
wie es v. Weizsäcker formuliert) ist für Kant weder ein subjektivistischer Begriff (=
jeder sieht die Welt auf seine Weise) noch ein getreues Abbild der an sich seienden
Realität, sondern die als Anschauung und Begriff interpersonell (= objektiv) in
Erscheinung tretende und in ihrer urwüchsigen Komplexität reduzierte Wirklichkeit:
"Was die Erfahrung unter gewissen Umständen mich lehrt, muß sie mich jederzeit und
auch jedermann lehren, und die Gültigkeit derselben schränkt sich nicht auf das Subjekt
oder seinen dermaligen Zustand ein. Daher spreche ich alle dergleichen Urteile als
objektiv gültige aus." /19/
Kant wendet sich immer wieder gegen
subjektivistische Fehlinterpretationen seiner Position. Die Objektivität der Erkenntnis
hat nach seiner Meinung zwei Fundamente:
1. Die durch Anschauung und Begriff geprägte
Erscheinung der Wirklichkeit (= der alleinige Gegenstand unserer Erfahrungen) ist kein
Erträumen der Wirklichkeit.
2. Die durch die Begriffe gestaltete Anschaulichkeit
der Wirklichkeit ist nicht von Mensch zu Mensch verschieden, sondern eine
allgemeingültige Befähigung des Menschen (weshalb er auch zum Humanismus befähigt ist).
Kant verwendet einen wesentlich anderen
Subjektbegriff, als er in der Schulphilosophie üblich ist. Gewöhnlich wird alles, was
mit dem Menschen zusammenhängt, als subjektbedingt, dagegen alles, was unabhängig vom
Menschen ist, als objektiv bezeichnet. Diese Begriffsbildung unterstellt den
Weltanschauungsstandpunkt. Kant will zeigen, daß auch das Objektive nur als Verhältnis,
niemals als rein Jenseitiges faßbar ist. Daß das Objektive mit einer an sich seienden
Welt zusammenhängt, ist zwar richtig, aber nicht ausreichend, wenn es um die Erkenntnis
dieser objektiven Welt geht. Objektive Erkenntnis bedeutet nicht nur, daß es sich um
Erkenntnis der an sich seienden Welt handelt, sondern daß auch die Formen, in denen wir
uns die Welt aneignen, objektiv, d.h. unabhängig von den Betrachtungen des Einzelmenschen
sind. Diese Art der Objektivität wurzelt in der Gemeinsamkeit unserer Sprache und unserer
Begriffe, die so die Aufeinanderfolge von Generationen zu einer Menschheit
zusammenschließt.
Weil der Objektbegriff Kants (und damit der
Naturbegriff) niemals ins rein Jenseitige abgleitet, immer mit der für die Menschheit
allgemeingültigen Formbildung verbunden bleibt, sind auch die Naturgesetze nicht einzig
und allein der an sich seienden Wirklichkeit zuzurechnen: "Die Grundsätze möglicher
Erfahrung sind nun zugleich allgemeine Gesetze der Natur, welche a priori erkannt werden
können. Und so ist die Aufgabe, die in unserer vorliegenden zweiten Frage liegt: Wie
ist reine Naturwissenschaft möglich? aufgelöst." /20/
Dieses Programm hat bei Physikern und anderen
Naturwissenschaftlern wenig Resonanz gefunden, wie auch C.F. v. Weizsäcker beklagt. Der
weltanschauliche Rationalismus, der allein der Natur Geist zutraut, ist viel
einleuchtender und ermöglicht viel tiefsinnigere Betrachtungen über Gott und die Welt,
wie v. Ditfurth nicht müde wird, dem staunenden Leser nahezubringen: "Dann wird der
Gedanke möglich, daß diese kosmische Geschichte identisch sein könnte mit einer immer
weiter fortschreitenden "Vergeistigung" der natürlichen Welt. Diese sich aus
dem bisherigen Ablauf der Evolution ergebende Mutmaßung steht nun gewiß nicht im
Widerspruch zu dem, was religiöse Überlieferung von jeher über das künftige Schicksal
der Welt ausgesagt hat. Die beiden seit so langer Zeit im Streit miteinander liegenden
Parteien, die naturwissenschaftliche und die theologische, sollten daher heute endlich ins
Gespräch kommen darüber, ob es nicht doch vielleicht die gleiche Welt ist, die jede von
ihnen aus ihrem eigenen Blickwinkel und ihrer eigenen Sprache, als "Natur" oder
aber als "Schöpfung", zu beschreiben und zu verstehen sich bemüht." /21/
Die (monistische) Wiedervereinigung von Geist und
Natur bestimmt in vielen Varianten die heutige weltanschauliche Diskussion, in die große
Teile der Bevölkerung (vor allem der Mittelschichten) einbezogen sind. Hierbei sind die
geistigen Interessen sehr unterschiedlich, so daß die sichtbar gewordene Inflation von
"Weltbildern" kaum verwunderlich sein kann. H. v. Ditfurth ist (im Sinne der
Gegenaufklärung) zwar der Meinung, "daß der Mensch aus der Vernunft allein ganz
offensichtlich nicht leben kann" /22/, aber dennoch sieht auch er mit Sorge, daß der
geistige Bedürfnismarkt von einer Welle des Irrationalismus überschwemmt wird:
"Paranormale und okkulte Phänomene sind stark gefragt. Die Gewalt der großen Flut
treibt selbst nachweislich zusammengelogene Machwerke noch unwiderstehlich bis an die
Spitze der Bestseller-Listen. Wer nach Beweisen fragt, hat sich schon als
"Materialist" entlarvt. Wer kritische Fragen stellt, provoziert nur Haß. Ist
die Reise in die Irrationalität also nicht mehr aufzuhalten? Wird die Flutwelle uns in
ein "neues Mittelalter" zurückschwemmen?" /23/
Ob die Flutwelle uns vorwärts (wie Capra und
Ferguson meinen) oder zurückschwemmt, das können nur die Götter wissen. Ob überhaupt
geschwemmt werden muß, liegt einzig und allein in der persönlichen Entscheidung all
jener, die etwas für ihre Seele tun möchten. Nun ist die Trennung von Geist und Materie
im Weltbild der Naturwissenschaften lediglich eine Interpretationsfrage. Wenn Weltbild
etwas Jenseitiges bezeichnen soll, dann entsteht das Dilemma, ob Gott, kosmische Mächte
oder die geistlose Materie das All bevölkern. Keine Naturwissenschaft wird irgendwelche
Beweise für das eine oder andere liefern können. Die Wissenschaft ist mit jeder Art von
Weltanschauung vereinbar, wie auch viele Autoren mit glänzenden Augen zu zeigen bemüht
sind, wenn es um ihr ganz spezielles System der Jenseitserfahrung geht. Naturwissenschaft
und Theologie sollten begreifen, daß sie es mit derselben Welt zu tun haben. Warum auch
nicht? Über die jenseitige Welt können wir eh nichts wissen! Die Entscheidung für die
eine oder andere Weltanschauung hat prinzipiell nichts mit der Logik und auch nichts mit
der Wissenschaft zu tun, sondern eher mit Geschmack, Kultur und psychischen Bedürfnissen.
Wenn man dagegen (wie Kant es begründet) Erkenntnis
seinem Inhalt nach als ein geistiges Verhältnis zwischen uns und der Welt ansieht, dann
kann man das Erkannte nicht aus seiner Bindung an eben diese Erkenntnis herausnehmen und
zu einem selbständig Seienden aufblasen. Nur wenn wir begreifen, daß wir bei aller
Erkenntnis mit einem Bein immer im Diesseits des Menschlichen stehen, dann begreifen wir
auch, daß das angebliche Problem einer sogenannten Beschaffenheit der Welt unabhängig
von unserer Anschauung und unseren Begriffen überhaupt nicht formulierbar und daher auch
keiner vernünftigen Antwort fähig ist. Nur wenn man, wie v. Ditfurth meint, statt mit
der uns vertrauten und rational zugänglichen diesseitigen Vernunft besser über die
spekulative jenseitige Vernunft an das Verständnis der Welt und der eigenen Seele
herankommen, dann darf man sich auch nicht wundern, daß die Antworten nun tatsächlich
alle jenseits der Vernunft liegen. Unvernünftige (oder besser übervernünftige)
Antworten gibt es, wie man leicht sieht, beliebig viele.
2.11. Kant und die moderne Physik
Die Kantsche Auffassung vom Wesen der Naturgesetze,
von der Diesseitigkeit der Naturwissenschaft überhaupt, ist somit von großer
Aktualität, wenn auch keine Konkurrenz zu irgend einer der gegenwärtig hoch im Kurse
stehenden irrationalen Weltanschauungen zu befürchten ist. Auch v. Weizsäcker sieht den
Übergang von der klassischen Mechanik zur Quantenmechanik keineswegs als einen
Zusammenbruch unseres materialistischen Weltbildes, wie Capra unter Berufung auf den
großen Buddha behauptet, sondern (wesentlich bescheidener) als Überwindung des
mechanistischen Objektbegriffes. Er beruft sich dabei auf Niels BOHR: "Die wahre
Rolle der Dinge ist nach Bohr gerade, nicht 'hinter', sondern 'in' den Phänomenen zu
sein. Dies kommt der Meinung Kants sehr nahe, daß der Objektbegriff eine Bedingung der
Möglichkeit von Erfahrung ist; Bohrs Dichotomie der Raum-Zeit-Beschreibung und der
Kausalität entspricht der Dichotomie Kants der Anschauungsformen und der Kategorien (und
Grundsätze) des Verstandes, die nur durch ihr Zusammenwirken die Erfahrung möglich
machen." /24/
Es stehen sich zwei diametral entgegengesetzte
Programme für die Weiterentwicklung und das Verständnis der Physik gegenüber:
1. Naturgesetze sind Abbilder der
Wirklichkeit. Wir haben uns ihrer vollständigen Erkenntnis immer mehr angenähert.
2. Naturgesetze sind allgemeine Bedingungen
für Erfahrungen mit der Wirklichkeit. Sie beziehen sich auf die Erscheinung (nicht die
Dinge an sich), sind aber dennoch objektiv.
V. Weizsäcker entscheidet sich (mit Kant) für die
zweite Richtung, die oft als "idealistisch" diffamiert wird, als ob die erste
Richtung etwas mit Materialismus zu tun hätte: "Die Erkenntnistheorie neigt dazu,
hinter der wirklichen Entwicklung nachzuhinken. So ist es heute eines der vieldiskutierten
Probleme, wie man Naturgesetze empirisch begründen kann. Das war eine sehr sinnvolle
Frage in einem Zustand der Physik, in dem viele scheinbar voneinander unabhängige Gesetze
als Hypothesen aufgestellt und empirisch widerlegt oder mehr oder weniger bestätigt
wurden, wie z.B. die Gesetze von Boyle und Mariotte, von Coulomb und anderen. Es war also
eine ganz sinnvolle Frage in den Zeiten von David Hume und Immanuel Kant. Aber in der
heutigen Physik sind diese Gesetze nicht mehr unabhängig. Wir akzeptieren sie als
notwendige Konsequenzen zugleich mit den Fundamentaltheorien, aus denen sie folgen. So ist
es heute die einzige sinnvolle Frage, wie wir die Fundamentaltheorien begründen. Sollte
sich die Einheit der heutigen Physik schließlich in einer einzigen abgeschlossenen
Theorie aussprechen lassen, so bliebe lediglich die Frage übrig, wie wir die
Grundpostulate dieser einen Thoerie begründen (herleiten, bestätigen, oder wie immer wir
dafür sagen wollen)." /25/
Woher sollte eine solche Begründung genommen
werden? Ist es überhaupt denkbar, derart allgemeine Prinzipien in der Natur vorzufinden,
aus der dann die ganze Physik hergeleitet werden könnte? V. Weizsäcker sieht eine
vernünftige Lösung dieses Problems allein im Kantschen Ansatz: "Wer mit
hinreichendem Denkvermögen analysieren könnte, unter welchen Bedingungen die Erfahrung
überhaupt möglich ist, der müßte zeigen können, daß aus diesen Bedingungen bereits
alle allgemeinen Gesetze der Physik folgen. Die so herleitbare Physik wäre gerade die
vermutete einheitliche Physik." /26/
Die Realisierung eines solchen Programms erfordert,
bereits in den begrifflichen Grundlagen der Physik große Sorgfalt walten zu lassen, und
d.h. vor allem, einen neuen Objektbegriff zu entwickeln, der nicht Ding an sich sein soll,
sondern das Verhältnis zwischen Mensch und Wirklichkeit beschreibt und daher dem Reich
der Erscheinung angehört, d.h. die sich daraus ergebenden Besonderheiten bewußt
ausnutzt: "Ich nehme ferner an, es gebe formal mögliche zeitliche Zustandsfolgen, in
denen A und B für eine gewisse Zeitspanne mit hinreichender Näherung als
wechselwirkungsfreie Objekte beschrieben werden können, für eine gewisse andere
Zeitspanne aber nicht. Käme nämlich der Zustand ohne Wechselwirkung nie vor, so
würde niemand auf den Gedanken kommen, das Gesamtobjekt AB als aus den Teilobjekten A und
B zusammengesetzt zu betrachten; käme der Zustand mit Wechselwirkung nie vor, so
käme man nicht auf den Gedanken, A und B zu einem Gesamtobjekt vereinigt zu denken. Geht
nun etwa der wechselwirkungsfreie Zustand in den Zustand mit Wechselwirkung zu einer Zeit
t über, so fragt sich, wodurch bestimmt war, wann dieser Übergang stattfinden würde.
Dieser Zeitpunkt kann nur durch eine Eigenschaft des Gesamtobjekts bestimmt sein, die auch
als Eigenschaft der wechselwirkungsfreien Teilobjekte einen definierten Sinn hat; denn vor
diesem Zeitpunkt waren die beiden Objekte als wechselwirkungsfreie Objekte beschreibbar,
und eben als solche bestimmten sie durch eine ihrer zeitabhängigen Eigenschaften, wann
die Wechselwirkung eintreten würde. Ich behaupte nun, wann immer es eine solche
Eigenschaft gibt, werde sie von den Physikern mit einem räumlichen Namen belegt, also
etwa mit dem Namen Distanz. M.a.W., ich glaube nicht, daß Raum und Wechselwirkung
grundsätzlich trennbare Phänomene sind, sondern daß der Ort eines Objekts nichts
anderes ist als diejenige seiner Eigenschaften, von der seine Wechselwirkung mit anderen
Objekten abhängt. Daß es überhaupt eine solche Eigenschaft gibt, folgt aber, so scheint
mir, aus dem Sinn des Objektbegriffs. Falls das wahr ist, wird man auch die mathematische
Struktur von Raum und Wechselwirkung nur gemeinsam herleiten können." /27/
Objekt und Wechselwirkung sind danach korrelative
Begriffe, die in der Anschauung als Raumverhältnisse in Erscheinung treten. V.
Weizsäcker vermutet sogar, daß diese Heraushebung von Objekten (von zeitlich invarianten
Strukturen im Raum) in Bezug auf ihre Wechselwirkung die Möglichkeiten und Grenzen für
die Bildung und Verwendung von Begriffen überhaupt absteckt: "Die Annäherung, in
der wir Objekte als symmetrisch beschreiben können, ist dieselbe Annäherung, in der wir
sie als getrennt beschreiben können. Die Physik ist der Versuch, die Wirklichkeit
ausgehend von dieser Annäherung zu beschreiben. Vielleicht ist diese Annäherung nichts
anderes als die Bedingung der Möglichkeit, Begriffe zu gebrauchen." /28/
C. F. v. Weizsäcker hat viele Jahrzehnte hindurch
die Implikationen dieses Ansatzes untersucht. Er ist Physiker und Philosoph zugleich und
auf beiden Gebieten wegweisend. Doch selbst ihm fällt es nicht leicht, wie er an vielen
Stellen seines Werkes freimütig bekennt, die (in der Mehrzahl mechanistisch denkenden)
Physiker von der Bedeutung des eingeschlagenen Weges zu überzeugen. Der Sprung von der
Alles-oder-nichts-Materie in den Mystizismus erscheint vielen einleuchtender als die sich
anbietende Verbindung von Philosophie und Naturwissenschaft.
Der Dreh- und Angelpunkt, Fragestellungen nach dem
physikalischen Weltbild mit Fragen nach der Vernunft zu verkoppeln, scheint die
Quantenmechanik zu sein. Auch Capra führt diese moderne Theorie immer wieder als Beweis
dafür an, daß der Physiker angeblich nach einem neuen Weltbild suchen müsse. Daß
hierbei die Richtung auf die südostasiatische Religion einzuschlagen sei, kann zwar jeder
selbst entscheiden, muß aber für die Entwicklung der Physik nicht unbedingt als
verbindlich angesehen werden. V. Weizsäcker hat für diese Frage eine andere Lösung:
"Wir vermuten, daß heute das beste Kriterium für eine Wissenschaftstheorie ist, ob
sie die Quantenmechanik verständlich machen kann. Diese Frage hat dieselbe
erkenntnistheoretische Struktur wie Kants Frage: Wie ist Erfahrung überhaupt möglich? Im
Rahmen unseres Verständnisses von Theorie sind beide Fragen auch inhaltlich fast
gleichbedeutend. Erfahrung im Sinne Kants ist begrifflich aussprechbare Erfahrung. Wir
haben gelernt, daß wissenschaftliche Begriffe erst im Rahmen einer abgeschlossenen
Theorie einen präzisen Sinn gewinnen. "Erst die Theorie entscheidet, was meßbar
ist", hat Einstein zu Heisenberg gesagt, und in einer Theorie entscheiden eben die
Begriffe über den Sinn von Messungen. Freilich müssen wir die Genesis von Theorien
betrachten. Sie haben stets ein Vorverständnis, in dessen Rahmen sie zunächst formuliert
werden." /29/
Die Begriffe zum Ausgangspunkt zu nehmen,
um die Vorstellungen von der Natur besser "begreifen" zu können, also
die Umkehrung der naiven Erwartung, daß nur das mit den Sinnen Erfaßte auch begreiflich
sei, kennzeichnet den Weg der Erkenntniskritik. "Erfahrung im Sinne Kants ist
begrifflich aussprechbare Erfahrung", sagt v. Weizsäcker. Was ist damit gemeint?
Allgemeingültige Erfahrung bezieht sich nicht auf den Einzelmenschen, sondern immer auf
die soziale Gemeinschaft der Menschen, die durch den "Geist der Sprache"
zusammengeschlossen werden. Die Begriffe selbst sind zwar keine Erfindung des Menschen,
sondern ein Produkt der biologischen Evolution, aber die Befreiung der Begriffe aus der
Bindung an die jeweiligen Wahrnehmungen und Vorstellungen biologischer Einzelwesen, ihre
Weiterentwicklung zu den rationalen und relationalen Begriffen, deren Bildung über die
Sprache möglich geworden ist, das ist ein Produkt sozialer Evolution. Es ist im wahrsten
Sinne des Wortes so, daß jetzt die Begriffe den Menschen haben, nicht der Mensch die
Begriffe, weil sie das gemeinsame geistige Mittel zur Bezeichnung und zur Erkenntnis der
Welt geworden sind.
Gemeinsam kann den Menschen nur das Gleichbleibende
und Invariante sein, eben die Begriffe, nicht aber das Zufällige und Flüchtige, nicht
die individuellen Ängste und Gefühle. Nur über die Begriffe sind auch Ängste und
Gefühle kommunizierbar, wobei keineswegs die "Körpersprache" oder andere
Formen der sinnlichen Erfahrung psychischer Zustände ignoriert werden sollen. Die
allgemeingültige Wissenschaft ist somit per definitionem durch ihre Begriffe
gekennzeichnet. Daß sie von jedem Einzelmenschen als ein System von Vorstellungen
angeeignet wird, ist ihr genauso äußerlich, wie einem Computer die (möglicherweise
gefühlsbetonte) Bedeutung der Worte, mit denen er umgeht.
Die Begriffe auf Biegen und Brechen in den
subjektiven Vorstellungsrahmen pressen zu wollen, mutet wie die Reaktion eines ungezogenen
Kleinkindes an, wenn sich Erwachsene unterhalten. Die Begriffe müssen in Vorstellungen
auflösbar sein, weil sie sonst gar keinen Bezug zur Vorstellungswelt der Menschen
hätten, aber sie reduzieren sich nicht auf diese Vorstellungen. Begriffe sind der
Kompromiß zwischen der in mir selbst vorgefundenen Idee der Menschheit und meinem
individuellen Selbstbewußtsein. Je schwächer der Kontakt zu dieser Menschengemeinschaft,
die innere Bindung an ihre Ziele und Existenzbedingungen, um so weniger sprechen wir eine
gemeinsame Sprache, um so bedeutungsvoller werden die reinen Gefühle, das begriffslose
Staunen über die geheimnisvollen Tiefen unserer Seele. Irrationalismus ist immer auch
Kritik an der Gesellschaftlichkeit des Menschen, die der Rationalismus bewirkt hat und die
als nicht mehr gültig angesehen wird. An die Stelle einer wirklichen Menschengemeinschaft
mit wirklichen Verantwortlichkeiten tritt eine illusionäre Gemeinschaft im Namen eines
jenseitigen geistigen Wesens oder die Welt durchflutender mystischer Mächte, denen man
sich guten Gewissens anvertrauen kann.
Es ist vor allem die Quantenmechanik, die den
vereinfacht gesehenen Zusammenhang zwischen Vorstellung und Begriff aufhebt und die Frage
aufwirft, wie Wissenschaft zu verstehen sei. Es ist eine Interpretationsfrage, ob die
Quantenmechanik den vermeintlich zwingenden Zusammenhang mit einem bisherigen Weltbild
aufhebt und die Vereinbarkeit der Wissenschaft mit beliebigen Weltbildern ermöglicht,
oder ob die Quantenmechanik den immer hypothetisch bleibenden Charakter j e d e s
Weltbildes als eine erkenntnistheoretische Verallgemeinerung sichtbar werden läßt, weil
sie ihre Rechtfertigung nur noch in einem System in sich selbst zurücklaufender Begriffe
sucht, deren innere Geschlossenheit und Logik unserer Erfahrung zugrunde liegt: "Man
kann die Grundannahmen der Quantentheorie ... auf einer Druckseite formulieren; ihr
Gültigkeitsbereich aber ist im Rahmen unserer heutigen Kenntnis unbegrenzt. Dies würde
sich im Sinne Kants erklären: Weil die Theorie in ihrer abstrakten Allgemeinheit
lediglich Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung überhaupt ausspricht, eben deshalb
muß sie überall in der Erfahrung gelten ... Wenn oder soweit die Vermutung richtig ist,
dann müßte es möglich sein, die Theorie aus einer direkten Formulierung der
Vorbedingung von Erfahrung begrifflich zu rekonstruieren. Freilich wird man diese
Vorbedingungen schwerlich richtig formulieren, wenn man dabei ein Verständnis von
Erfahrung benützt, wie es schon vor der Kenntnis der Quantentheorie verfügbar war. Man
muß vermutlich die semantische Konsistenz der Quantentheorie (soweit wir sie erreicht
haben) benützen, um das Vorverständnis so zu formulieren, wie es zu ihrer Rekonstruktion
erforderlich ist. Auch diese Rekonstruktion wird also den Charakter eines immanenten
Konsistenznachweises haben ... Der Kernbegriff der Quantentheorie dürfte der Begriff der
Wahrscheinlichkeit sein. Wahrscheinlichkeit hat in der Physik prognostische Bedeutung.
Physik beruht auf Erfahrung; Erfahrung aber heißt, aus der Vergangenheit für die Zukunft
gelernt haben. Also tritt an die Spitze der Bedingungen der Möglichkeiten von Erfahrung
die Struktur der Zeit selbst, in ihren Modi der Gegenwart, der Zukunft und der
Vergangenheit." /30/
Erfahrung impliziert eine Differenzierung der Zeit
in die faktische Vergangenheit und in die offene Zukunft. Diese Differenzierung wird den
materiellen Gegenständen der physikalischen Theorie nicht eingeräumt, weil dann die
Naturgesetze die (nicht vorhandenen) Lernprozesse der materiellen Dinge berücksichtigen
müßten. Erfahrung differenziert daher auch zwangsläufig in die Gegenstandsebene und in
die Beschreibungsebene. Daraus ergibt sich die Unmöglichkeit, die Erfahrung lediglich als
ein simples Abbild der Wirklichkeit aufzufassen. In der Erfahrung stecken wir selbst mit
drin. Die Zeit ist die fundamentale Kategorie der Begegnung von Ding an sich und Objekt (=
Erscheinung). Physik ist die Beschreibung der Natur als eine Objektwelt, als die objektive
Gültigkeit unserer (richtig gewählten) Begriffswelt. Wenn die Wahrscheinlichkeit in der
Quantentheorie eine so fundamentale Bedeutung erlangt, als ob die materiellen Dinge
aufhören wollten, sich nach strengen Gesetzen zu richten, dann wird dadurch vor allem
ausgesagt, daß unsere Aufspaltung der Zeit in Vergangenheit und Zukunft für die
Beschreibung eben dieser Welt weitreichende Konsequenzen hat: "Unterstelle ich
einmal, ein derartiger Aufbau der Quantenmechanik sei vollendet, so fragt sich, was die
beiden Forderungen der Reversibilität und des Indeterminismus über den Objektbegriff
aussagen. Mir scheint, daß sie seine Möglichkeit und seine Grenze abstecken. In jedem
irreversiblen Prozeß thermodynamischer Art gehen dem Objekt formal möglich gewesene
Zustände verloren; sie waren erreichbar und werden unerreichbar. Die Reversibilität
scheint die Konstanz der Alternativen zu bedeuten, durch welche, wie vorhin gesagt, das
Objekt definiert ist. Also bedeutet die Reversibilität der fundamentalen Theorie
anscheinend, daß es letzte, nicht grundsätzlich verlorengehende Alternativen gibt, und
daß alle anderen, empirisch gefundenen Alternativen auf diese reduzierbar sind. Der
Indeterminismus aber verbietet, diese Alternativen als Alternativen an sich seiender
Eigenschaften von Objekten aufzufassen. Ich sehe darin keine Reduktion auf Subjektivität.
Ich glaube eher, daß subjektivistische Theorien immer dort entstehen, wo die Grenze der
klassischen Ontologie sichtbar wird, die durch die Offenheit der Zukunft bedingt ist, und
wie gleichzeitig nicht gesehen wird, daß der Begriff der Zeit der Unterscheidung des
Subjektiven und des Objektiven als Bedingung ihrer Möglichkeit systematisch vorangeht.
Determinismus ist ja Leugnung der Offenheit der Zukunft, also der Zeitlichkeit der
Zeit." /31/
Daß der Begriff der Zeit die letzte begriffliche
Möglichkeit ist, die Unterschiede von Geist und Materie zu formulieren, ergibt sich aus
dem Ansatz, daß biologische Organismen ihre neuartigen Daseingesetze nicht mit einer
immer besseren Widerspiegelung der Umwelt beginnen, sondern mit einer Reduzierung von
Umweltkomplexität durch die Bildung von Ideen, d.h. von invarianten Formen und
Strukturen. Die unaufhebbare Reflexivität der Zeit ("Zeitlichkeit der Zeit"),
eine Zeit, die sich selbst zum Gegenstand wird, ohne in der physikalischen Raumzeit
angetroffen zu werden, ist danach der Ausgangspunkt jeder Art von Theorienbildung über
die Natur.
Kapitel 3: Freiheit und Moralgesetze
3.1. Freiheit und Kausalität
Freiheit hat zwei Beziehungen, an denen sie bestimmt werden kann und
muß:
1. Wie fügt sich die durch Freiheit bewirkte Aktion
in das Gesamtsystem der Gesetzmäßigkeiten ein, denen alle Erscheinungen der wirklichen
Welt unterliegen? Wie ist es möglich, daß das in sich geschlossene System von
Gesetzmäßigkeiten aufgebrochen werden kann, also doch nicht allgemeingültig ist?
2. Welches sind die "Ursachen" der
Freiheit, d.h., inwiefern ist auch die Freiheit ein unaufhebbar reflexives Phänomen?
Warum muß jede Begründung der Freiheit eben diese Freiheit schon voraussetzen?
Der erste Problemkreis beschreibt die Zusammenhänge
zwischen Natur- und Freiheitsgesetzen mit den drei im Ergebnis dieser Diskussionen
entwickelten Standpunkten:
(1) Die Naturgesetze lassen keine
"Lücken". In Wirklichkeit gibt es keine Freiheit. Sie ist nur subjektive
Illusion bzw. die Unmöglichkeit, allen Ursachen für die Triebfedern des Handelns bis ins
letzte nachgehen zu können.
(2) Freiheit ist eine geistige Kraft, die auf die
Materie einzuwirken vermag. Die (der Naturwissenschaft verborgenen) geistigen Kräfte
vermögen Wunder zu wirken, die sich jeder rationalen Erklärung entziehen. Die Freiheit
des Menschen besteht darin, sich entweder auf die Kräfte und Gesetze der Materie zu
orientieren oder sich den geistigen Kräften anzuvertrauen und diese Kräfte in sich und
für sich wirken zu lassen.
(3) Freiheit ist ein (reflexives) Verhältnis
zwischen (aus der biologischen und soziologischen Evolution hervorgegangenem) Geist und
Materie. Sie ist das Bindeglied zwischen Geist und Materie und daher weder rein geistig
noch rein materiell. Sie ermöglicht das Zusammenwirken von Geist und Materie, ohne das
System der Naturgesetze zu sprengen oder zu ergänzen.
Die Position (1) ist die des mechanischen
Materialismus. Die Naturgesetze wirken "gnadenlos". Die menschliche Freiheit
wird zu einer lächerlichen Nichtigkeit im unermeßlichen Universum.
Die Position (2) ist die des monistischen
Mystizismus, der Alternative zwischen Geist und Materie, bei der die Materie den kürzeren
zieht, nur die Oberfläche bildet, hinter der sich die eigentliche Welt verbirgt. Der
Mensch muß lernen, seine Handlungsziele nicht aus der Natur abzuleiten, sondern aus dem
Gleichklang mit den ewigen und möglicherweise rhythmisch schwingenden
geistig-spirituellen Kräften des Kosmos.
Die Position (3) ist die der Erkenntniskritik und
der Philosophie. Es ist die Position, die Kant vertritt. Das Verhältnis zwischen einem
allgemeinen Geist (oder einem kosmisch spirituellen Wesen) und der Materie könnte für
uns gar kein vernünftiger Gegenstand sein, über den sich Aussagen machen ließen. Nur
wenn der Mensch selbst ein Pol in diesem Verhältnis ist und bleibt, lassen sich Freiheit
und Vernunft als gleichberechtigte Partner vereinbaren. Die volle Bedeutung dieser
Positionen wird aber erst im Zusammenhang mit dem zweiten Problemkreis der Freiheit
offensichtlich. An der Bewertung der Quellen für die menschliche Freiheit zeigt sich die
Einordnung und Wertschätzung des Menschen selbst, d.h. welcher Art von
"Humanismus" das Wort geredet werden soll.
Im ersten Fall besteht die Chance unserer weiteren
Evolution vor allem darin, immer tiefer in die Gesetzmäßigkeiten dieser Welt
einzudringen, um sie uns immer vollständiger aneignen zu können, indem wir uns selbst
immer besser als Inbegriff dieser Natur verstehen lernen. Wer sich gegen diese
unerbittlich harte Realität stellen will, verliert sich in einem halt- und kraftlosen
Wunschdenken, flüchtet in eine Welt des leeren Scheins und des Selbstbetruges.
Im zweiten Fall durchschauen wir den durch die
Naturgesetze auf uns ausgeübten Zwang als den bloßen Schein einer Oberfläche, der uns
zwar blenden, nicht aber die Gesetze unseres Handelns aufzuzwingen vermag. Die so
erlangte, weil so gesehene, Freiheit von der Natur führt uns geradewegs in die Arme der
so sehnsüchtig auf uns wartenden mystischen Mächte, die hinter dem Gerangle der Materie
thronen und uns belehren wollen, auf welche Weise wir unseren Seelenfrieden finden
können. Wer diesen Stimmen und unmittelbaren Gefühlen mißtraut oder sie gar nicht
vernimmt, kann am eigentlichen Glück der Menschheit nicht teilnehmen. Wer sich dagegen
ganz der Führung dieser Mächte (und ihrer irdischen Interpreten) anvertraut, wird
spüren, wie die Menschheit in Liebe und Harmonie zusammenwächst und Frieden und
Eintracht zu einer Selbstverständlichkeit werden. Das Wassermann-Zeitalter gibt uns Kraft
und Vertrauen, daß die mystischen Mächte sich erbarmen und unsere Menschheitsprobleme in
die eigenen Hände nehmen, vorausgesetzt, daß die Menschen bereit sind, diesen Mächten
zu folgen und zu dienen.
Im dritten Fall bleibt die ganze Misere an uns
hängen. Freiheit ist nicht nur Befreiung von der Zwangsläufigkeit des Naturgeschehens,
sondern gleichzeitig auch Befreiung von der Vormundschaft über uns stehender geistiger
Wesen und Kräfte. Niemand vermag, uns die Last der Verantwortung für unsdr Verhalten und
unsere Handlungen abzunehmen. Selbst der Humanismus ist keine vorgegebene Verpflichtung
des Menschen, sondern eine freie Entscheidung. Es gibt im Rahmen dieses menschlichen
Selbstverständnisses nur diese eine Art von Humanismus, die auf den Grundlagen der
doppelten Freiheit des Menschen (von der Natur und von den überirdischen Mächten)
beruht. Humanismus ohne diese (konsequente) Achtung der menschlichen Freiheit ist so ein
Widerspruch in sich selbst und führt darum in der Praxis zwangsläufig zur Zerstörung
nicht nur der Freiheit, sondern auch des Humanismus.
Es ist der zentrale Gedanke der Kantschen
Philosophie, einen sehr weitreichenden Freiheitsbegriff zu entwickeln und zu begründen.
Dabei geht er zunächst vom Problem des Zusammenhangs zwischen der Freiheit und der
Kausalität aus: "Dagegen verstehe ich unter Freiheit, im kosmologischen Verstande,
das Vermögen, einen Zustand von selbst anzufangen, dessen Kausalität also nicht
nach dem Naturgesetze wiederum unter einer anderen Ursache stehp ... Die Freiheit ist in
dieser Bedeutung eine rein transzendentale Idee, die erstlich nichts von der Erfahrung
Entlehntes enthält, zweitens deren Gegenstand auch in keiner Erfahrung bestimmt gegeben
werden kann ..." /1/
Der Zusatz "im kosmologischen Verstande"
bedeutet hier, daß Freiheit im Verhältnis und im Gegensatz zur Naturnotwendigkeit
betrachtet werden muß. Während sonst alle Naturerscheinungen eine Ursache besitzen, die
man in der Zeit zurückverfolgen kann, so haben die durch Freiheit gezeugten Ereignisse
die Eigenschaft, in eben diesem Augenblick zu beginnen, als ob sie aus einer völlig
anderen Welt kommen. Darf man diese These zulassen, wenn man sich einer durchgehenden
Gesetzmäßigkeit aller Naturprozesse verpflichtet fühlt? Es hat in der
Philosophiegeschichte kaum ein anderes Problem gegeben, das mit gleicher Heftigkeit
diskutiert wurde wie die Möglichkeit der Freiheit, des Von-selbst-Anfangens neuer
Ereignisreihen im Naturgeschehen.
Unter der (stillschweigenden) Voraussetzung, daß
alle wirklichen Prozesse in Raum und Zeit existieren, also auch die Freiheit irgend ein
Vorgang sein muß, der in der physikalischen Raumzeit abläuft, gibt es in der Tat keinen
widerspruchsfreien Weg, Freiheit und Naturgesetz miteinander zu vereinbaren. Daß Ideen
(Begriffe) nicht in Raum und Zeit existieren, ist dagegen eine notwendige und hinreichende
Bedingung dafür, daß Freiheit möglich ist.
Hier ergibt sich eine sehr eigenartige Verzahnung
von Erkenntnis und Freiheit. Der Alternative: Weltanschauung o d e r Erkenntnis fügt Kant
die noch wichtigere und weiterreichende Alternative hinzu: Weltanschauung o d e r
Freiheit. Der Mensch sah sich bisher nur vor die Alternativen der verschiedenen
Weltanschauungen gestellt, um so mit der richtigen Weltanschauung auch die
"wahre" Freiheit zu wählen. Kant versperrt diesen Weg, weil er vor der
menschlichen Vernunft keinen Bestand hat, weil er keinerlei Prüfung zuläßt und daher
nur auf dem bloßen Vertrauen zu den "Ortskundigen" gegangen werden kann.
Es ist somit für Kant nur folgerichtig, wenn er
sagt, daß Freiheit auf keine Art von Erfahrung gegründet werden kann. Erfahrung bezieht
sich immer nur auf die Dinge in Raum und Zeit, aber gerade da sind die Quellen der
Freiheit nicht zu finden. Freiheit ist daher für Kant eine rein transzendentale (d.h. im
Diesseits des Menschen liegende) Idee. Wenn es Freiheit "wirklich" gibt, dann
existiert sie nicht als irgend ein "Ding" in Raum und Zeit, dann ist sie in dem
Verhältnis des Menschen zur wirklichen Welt etwas durch und durch Diesseitiges, das genau
deshalb im Jenseitigen (einer materiellen oder geistigen Welt) weder gefunden noch
fundiert werden kann. Diesseitig sind aber nur die Ideen, die invarianten Formen und
Gestalten, für die die jenseitige Welt zwar der Anlaß, nicht aber die Ursache ist. Diese
Diesseitigkeit des Menschen ist nicht eine Art von subjektiver Isoliertheit und ein
ständiger Neuanfang, sondern das von Generation zu Generation vererbte Gebäude der
Begriffe und Gedanken.
Somit ist auch die Freiheit als eine transzendentale
Idee nicht die rein subjektive und individuelle Freiheit, sondern die Kehrseite des
Selbstverständnisses des Menschen als eines allgemeinen biologischen u n d sozialen
Wesens. Freiheit wird auf diese Weise zum Inbegriff des Humanismusverständnisses und des
Humanismuskonzeptes als dem vorgestellten Übergang in die gesellschaftliche Wirklichkeit.
In und an dieser gesellschaftlichen Wirklichkeit entscheidet sich, ob die Freiheit zu
einem bloßen Hilfsmittel und Instrument für die Gestaltung dieser Welt wird, oder ob sie
Quelle und Kriterium für den Humanismus bleibt.
3.2. Freiheit und Idee
Freiheit ist diesseitig und invariant. Sie besitzt
daher alle Eigenschaften einer "reinen" Idee. Sie ist "nicht von dieser
Welt". Das Reich der Freiheit in dieser Welt errichten zu wollen, ist somit ein
Widerspruch in sich selbst. Es andererseits aber erst nach dem Tode in einem jenseitigen
Leben verwirklicht zu sehen, verwehrt dem tatsächlichen Leben den Anspruch und die
Existenz der Freiheit. Das Streben, den Anforderungen eines jenseitigen Lebens so weit wie
irgend möglich schon jetzt zu entsprechen, befreit zwar von den Zwängen der wirklichen
Welt, hat aber den Maßstab für Freiheit und Humanismus nicht im jetzigen Leben. Für die
meisten Menschen ist das o.g. Dilemma eine unausweichliche Alternative. Da man aber im
Diesseits an einem diesseitigen Leben nicht vorbeikommt, wird ein bißchen gemogelt,
werden scheinheilige Kompromisse zwischen dem eigentlich Unvereinbaren angestrebt und
praktiziert sowie nach Belieben und einer mehr oder weniger strengen Rechtgläubigkeit
interpretiert.
Der Mensch nimmt nicht an einem ohne ihn
existierenden Schnittpunkt zwischen der Welt der Materie und der Welt des Geistes teil,
wobei er sich mal hierhin und mal dahin wendet, sondern er i s t dieser Schnittpunkt. Die
jenseitige Welt des Geistes und der invarianten Ideen ist durch ihn geboren worden.
Freiheit als Inbegriff einer derartigen Welt des Geistes erweist sich als der
Ausgangspunkt menschlichen Selbstverständnisses, als die reine Form des menschlichen
Selbstbewußtseins.
Das Selbstbewußtsein ist nur möglich, wenn der
tätige Mensch bei allem Wandel seiner Erfahrungen und Handlungsziele über ein invariant
bleibendes Ich verfügt, auf das er die Erfolge und Mißerfolge seines Handelns bezieht.
Tiere besitzen ein solches Ich-Bewußtsein nicht. Sie ändern ihre Handlungsstrategien auf
der Grundlage der gemachten Erfahrungen, aber sie können diese Erfahrungen nicht
nachträglich noch einmal vergleichen und bewerten. Sie leben in ihrer jeweiligen
Gegenwart, in der die Vergangenheit immer schon aufgearbeitet ist. Das Problem der
Freiheit, der Verantwortung und der Moral stellt sich auf dieser Stufe des Verhältnisses
zur wirklichen Welt noch nicht.
Wie alle Begriffe, so ist auch das "Ich"
ohne die Anschauung leer, d.h. ohne Verbindung mit der wirklichen Welt unserer begriffenen
Anschauung nicht existent. Diese anschauliche, für uns und andere gegenständliche
Existenz unseres Ich ist unser Körper, unsere materielle Existenz in Natur und
Gesellschaft. Das invariante (und darum geistige) Ich durchläuft nun eine Entwicklung als
körperlichen Wachstums-, Reifungs- und Alterungsprozeß sowie als Erfahrungs- und
Bewertungsprozeß eigener und fremder Erkenntnisse und Handlungen. Hierbei wird die
Vergangenheit niemals abgeschlossen. Sie verschwindet nicht in der Gegenwart. Sie bleibt
ein Bezugspotential für alle weiteren Handlungen und Handlungsziele. Sie ermöglicht auf
diese Weise eine nachträgliche (allerdings nur geistige) Korrektur (d.h. Neubewertung)
vergangener Handlungen und die Zurückverfolgung der Konsequenzen und Nebenwirkungen
dieser Handlungen. So bewirkt nun die bis in die Gegenwart lebendig gebliebene
Vergangenheit eine beträchtliche Erweiterung des Zeithorizontes, den gewissermaßen
freien Beginn der Gegenwart aus einer allgegenwärtigen Vergangenheit.
Die Vergangenheit ist zu einer weiterlebenden
Information geworden, wodurch die Gegenwart insofern "deformiert" werden kann,
als neue, informationsgesteuerte Ereignisketten scheinbar aus dem Nichts heraus beginnen.
Die Erweiterung des Zeithorizontes beschränkt sich natürlich nicht nur auf die
Vergangenheit. Durch die (geistige) Variierbarkeit von Handlungen in der Vergangenheit
entsteht gewissermaßen eine in die Länge gezogene Gegenwart, ein Abwägen erwartbarer
Konsequenzen jetziger Handlungen. Der prinzipielle Unterschied zwischen nicht mehr
korrigierbarer, faktischer Vergangenheit und offener Zukunft widerspiegelt sich in der
untilgbaren Schuld für vergangene Handlungen und der unabschiebbaren Verantwortung für
das jetzige Verhalten. Die Freiheit ist somit nur die Kehrseite der Erweiterung des
Zeithorizontes, in das der Mensch sein Handeln stellt und auch stellen muß, weil er gar
nicht mehr in die Unschuld tierischen Verhaltens zurückgleiten kann, selbst wenn er es
wollte.
Diese Erweiterung des Zeithorizontes in die
Vergangenheit hinein als Schuld und in die Zukunft hinein als Hoffnung bewirkt eine Art
Verewigung des Geistes, so daß sehr leicht die Illusion entsteht, in den durch die
Gleichzeitigkeit beherrschbar gewordenen Zeitfluß auf eine unsterbliche (weil geistige)
Weise eingebettet zu sein. Der Geist erhebt sich über die Gegenwart und damit auch über
den unentwirrbaren und zufälligen Prozeß der materiellen Wirklichkeit im realen
Zeitfluß. Als Körper sind wir endlich und sterblich, als Geist aber sind wir unendlich
und ewig. Freiheit, Geist und Seele werden auf diese Weise als zusammengehörig aufgefaßt
und in immer wieder neuen weltanschaulichen Heilslehren dem bloß physischen Sein der
Menschen entgegengestellt.
Freiheit nicht als ein unbegreifliches mystisches
Geschenk oder als eine Verpflichtung durch höhere geistige Mächte zu empfinden, sondern
als Konsequenz der geistigen Höherentwicklung des Menschen selbst anzusehen, ist eine der
wichtigsten Erkenntnisse der Kantschen Philosophie. Daraus erklärt sich, daß Freiheit
und Erkenntnis nicht als Gegner und Rivalen beim Kampf um die menschliche Seele angesehen
werden dürfen, sondern sich wechselseitig voraussetzen und befördern. Jeder Zweifel am
Wert menschlicher Erkenntnis und an der Erkenntnisfähigkeit führt zwangsläufig auch zu
einer Einschränkung und Beschränkung menschlicher Freiheit. Wer Freiheitsräume auf
Kosten der Erkenntnis erschließen will, ist mit Sicherheit nicht in der Lage, den hohen
Maßstäben des Humanismus zu genügen.
Daß die Freiheit ihrer Natur nach eine reine Idee
ist und bleibt, ist der einzige Garant dafür, daß die Freiheit nicht zu einem stumpfen
Schwert werden kann, stumpf gemacht durch die angeblichen Realisierungen eben dieser
Freiheit, durch ihren Übergang in die reine Wirklichkeit. Freiheit ist eine unser Handeln
regulierende Idee und bleibt insofern immer ein Ideal, das man zwar als Maßstab an unsere
Bauwerke anlegen kann, das sich aber selbst nicht verbauen läßt.
Wenn Freiheit eine Eigenschaft der materiellen
(biologischen und gesellschaftlichen) Existenz des Menschen wäre, würde sie mit der
Kausalität zusammenfallen, also bloße Illusion sein. Wenn sie hingegen mit der ideellen
Existenz des Menschen, mit seinem Ich-bewußtsein verbunden wird, das all seine
Erkenntnisse und Handlungen begleitet, dann ist die Freiheit kein Gegenstand der Erfahrung
(weil nicht in der Natur oder anderen Formen der Wirklichkeit in Raum und Zeit
anzutreffen).
Hier verläuft für Kant die Trennlinie zwischen den
höheren Säugetieren (ohne Ich-Bewußtsein und daher ohne Moral und ohne Verantwortung)
und der spezifisch menschlichen Existenz. Der Mensch muß im Rahmen seiner
gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung immer mehr Verantwortung für sein Handeln
übernehmen, weil die Auswirkungen seines Handelns stetig gewachsen sind und weil die
Informiertheit zugenommen hat, d.h. die Handlungen dem Menschen auch tatsächlich
zugerechnet werden können und er somit auch wissen kann, was er tut.
Noch im Mittelalter wußte der Mensch nicht, was in
der weiten Welt geschah. Selbst die Vorgänge in der unmittelbaren Nachbarschaft waren ihm
nur bruchstückhaft bekannt. Man konnte dafür gar keine Verantwortung tragen. Heute
wissen wir schon wenige Minuten später, was in beliebigen Teilen der Welt vor sich geht
oder gegangen ist. Heute hat die menschliche Fähigkeit, neue Kausalreihen in die
Wirklichkeit zu entlassen, ein solches Ausmaß erreicht, daß die Vernichtung der Erde
durchaus machbar wäre.
Es ist daher nicht verwunderlich, wenn die
romantische Kritik an dieser Situation scheinbar recht hat, wenn sie sagt, daß ohne den
Fortschritt unserer Erkenntnisse diese Gefahren nicht aufgetreten wären, daß also unser
Erkenntnishunger an allem schuld sei. Pointierter und im Geiste der "Wendezeit"
formuliert: Die heutige Wissenschaft hat uns an den Abgrund unserer Existenz geführt; nur
die Mystik kann uns jetzt noch retten, wenn wir nur noch in Übereinstimmung mit den
spirituellen Kräften handeln. Wir müssen lernen, die selbst angemaßte Verantwortung
für die Welt wieder abzutreten an die Mächte, die unsere Welt im Gleichgewicht halten
und die ein unbegreifliches "Wissen" um die Balance der Welt besitzen.
Die Absage an die Erkenntnis ist deutlich mit einer
Absage an die Freiheit des Menschen verbunden. Sicherheit und Geborgenheit, Liebe und
Wärme sind die angeblichen neuen Werte, für die man auf die selbstherrliche und
überhebliche Erkenntnis des Menschen verzichten könnte und sollte. Es lebt sich ganz
urplötzlich auch viel angenehmer und ruhiger, weil man die schier untragbare
Verantwortung für diese Welt losgeworden ist und gleichzeitig einen empfehlenswerten Weg
für alle gefunden zu haben glaubt. Es sind vor allem die Sensiblen und die an den
schreienden Widersprüchen unserer Zeit besonders intensiv Leidenden, die der Belastung
nicht mehr standhalten und im wahrsten Sinne des Wortes ausbrechen. Sie verkörpern die
Protestation gegen das wirkliche Elend unserer Tage und sind gleichzeitig Ausdruck eben
dieses Elends, wie Karl MARX in der "Heiligen Familie" die Religion
charakterisierte /2/.
Freiheit ist nicht von anderen einklagbar (auch
nicht von höheren Mächten), sondern primär ein Bestandteil unserer ideellen Existenz
und unseres natürlichen Ich-Bewußtseins. Es bedarf der geistigen Selbstverstümmelung,
um die Freiheit wie einen schwarzen Peter von sich abzuschieben und sich der Verantwortung
zu entledigen. Wem Freiheit von außen gebracht werden muß oder wer die Freiheit gegen
andere (bessere) Werte eingetauscht hat, dem muß auch das Sollen seines Handelns von
außen auferlegt werden, der muß sich sagen lassen, was "gut" und was
"böse" ist. Wer soll es ihm aber sagen?
Für Kant gibt es nur e i n e Quelle unseres
Sollens, die allein mit der Würde und der Mündigkeit des Menschen vereinbar ist: die
eigene Vernunft. Wer diese Grundlagen menschlicher Freiheit antastet, die Mündigkeit des
Menschen als Anmaßung diffamiert, zerstört den Humanismus, der die einzige Garantie für
eine Evolution der Menschheit ist. Das Sollen des Menschen entspringt seinem Wollen, und
sein Wollen ist "praktische Vernunft", die praktische Seite der "reinen
Vernunft". Das ist die Quintessenz der Kantschen Philosophie einer Vereinigung von
Wissen und Moral, von Freiheit und Erkenntnis.
Die Gesetzgebung für unser Handeln liegt in uns
selbst. Wer sich einer anderen Gesetzgebung unterwirft, sei sie noch so
"einleuchtend" religiös oder ideologisch, spirituell oder politisch motiviert,
verzichtet auf seine Freiheit, ist in der Menschwerdung des Menschen auf halber Stufe
stehengeblieben. Diese rigoros erscheinende Botschaft Kants hatte zur damaligen Zeit keine
Chance, Realität zu werden. Von ihr ging aber eine nicht hoch genug zu würdigende
Wirkung auf die Reflexionen über die Befreiung von allen Formen geistiger Bevormundung,
insbesondere von der Religion, aus. Damals war die Zeit für die menschliche Freiheit noch
nicht reif, heute ist sie nicht mehr reif.
Freiheit ist nicht nur eine Idee, sondern
gleichzeitig auch praktisches Ziel ihrer selbst. Freiheit ist dazu da, der Freiheit (der
Mitmenschen) auf den Weg zu helfen. Sie muß sich ständig neu hervorbringen, weil neue
Generationen in die Menschheitsgeschichte eingreifen, weil die praktischen Gegenstände
ihrer Bewährung wechseln. Dadurch wird die Freiheit zu einem Ideal, zum Gegenstand ihrer
selbst und zu einem die Wirklichkeit verändernden Prinzip, ohne aus eben dieser
Wirklichkeit ableitbar zu sein: "Aber noch weiter als die Idee scheint dasjenige von
der objektiven Realität entfernt zu sein, was ich das Ideal nenne und worunter ich
die Idee nicht bloß in concreto, sondern in individuo, d.i. als ein einzelnes durch die
Idee allein bestimmbares ... Ding verstehe." /3/
Wenn nun die Idee selbst zu einem Einzelnen wird und
nicht nur als Ganzheit auf einer Metaebene zu dem vielen Einzelnen steht, wenn sie also
eine Existenz "in individuo" erlangt, ist sie ein Ding für sich selbst
geworden, eine Idee, die sich im Reich der Ideen häuslich niedergelassen hat und sich nur
noch an den anderen Ideen bestimmt, also nur mittelbar an der Wirklichkeit. Sie wird zu
einem Kraftquell für die anderen Ideen. Das ist für Kant der Sinn eines
"Ideals".
3.3. Formale Freiheit und reale Handlungsziele
In der Erkenntnis gibt es den Unterschied zwischen
Aussagen und Behauptungen. Dem entspricht sinngemäß die Unterscheidung zwischen der
Freiheit als einer allgemeinen formalen Fähigkeit des Menschen und seinen auf die
Veränderung der Wirklichkeit gerichteten realen Handlungszielen. So wie reine
Aussagensysteme unmöglich sind, wenigstens einige Behauptungen aufgestellt werden
müssen, um den Aussagen einen praktischen Bezug zu geben, so ist auch die reine Freiheit
noch keine Handlungsrealität. Um der Freiheit einen praktischen Sinn geben zu können,
müssen reale Ziele gesetzt werden. Das erfordert Entscheidungen darüber, w a s in der
Wirklichkeit w i e verändert werden soll. So wie Behauptungen nicht im Namen der Logik
getroffen werden, die Logik erst d a n a c h in Funktion tritt, so können auch reale
Handlungsziele nicht im Namen der Freiheit formuliert werden. Die formale Freiheit vermag
nur die Umsetzung dieser Handlungsziele zu regulieren, die minimalen Randbedingungen zu
bewachen, deren Verletzung Verstöße gegen den Humanismus signalisieren.
Die realen Handlungsziele stehen in der Regel in
enger Verbindung mit dem wissenschaftlichen Naturbild oder einer Weltanschauung. Die
realen Handlungsziele sind der eigentliche Sinn aller Behauptungen über die Welt.
Behauptungen bereiten den Boden für die Begründung von Handlungszielen. Freiheit beginnt
daher immer als g e i s t i g e Freiheit, als Mitwirkung an dem System von Behauptungen
über die Welt und als Befähigung und Ermutigung, im Raume stehende Behauptungen in
Zweifel zu ziehen und lediglich als Hypothesen zu akzeptieren, niemals aber als ein
verbindliches Dogma. Somit ist auch der Sinn der Erkenntniskritik nicht nur die
Befähigung zu verbesserter Erkenntnis, sondern vor allem die Befähigung zum humanen
Umgang mit Behauptungen und den darauf aufbauenden realen Handlungszielen.
Wenn Behauptungen kritisiert werden dürfen, diese
Kritik nicht als ein Angriff auf geheiligte Wahrheiten, sondern als die normale Äußerung
der menschlichen Vernunft empfunden wird, als Anregung und Herausforderung, die
Behauptungssysteme weiterzuentwickeln, dann dürfen auch die Handlungsziele kritisiert
werden, dann sind sie nicht für jeden "vernünftig Denkenden" v o r g e g e b e
n , d.h. nur zu akzeptieren und zu befolgtn, sondern sie bleiben für jeden sichtbare
Schöpfungen unserer menschlichen Existenz und sind daher reflektierbar und gestaltbar.
Das ist der tiefere Grund, warum die Freiheit als
eine allgemeine (und daher formale) Verpflichtung zur Menschlichkeit mit einem
vernunftgemäßen Verhältnis zu unseren Weltsystemen beginnen muß, mit einer wachsenden
Durchsetzung philosophischer Weisheit statt immer rigoroserer weltanschaulicher
Erleuchtung: "Anstatt also mit dem Schwerte dareinzuschlagen, so seht vielmehr von
dem sicheren Sitze der Kritik diesem Streite ruhig zu, der für die Kämpfenden mühsam,
für euch unterhaltend und bei einem gewiß unblutigen Ausgange für eure Einsichten
ersprießlich ausfallen muß. Denn es ist sehr was Ungereimtes, von der Vernunft
Aufklärung zu erwarten und ihr doch vorher vorzuschreiben, auf welche Seite sie notwendig
ausfallen müsse. Überdem wird Vernunft schon von selbst durch Vernunft sowohl gebändigt
und in Schranken gehalten, daß ihr gar nicht nötig habt, Scharwachen aufzubieten, um
d`mjenigen Teile, dessen besorgliche Obermacht euch gefährlich scheint, bürgerlichen
Widerstand entgegenzusetzen. In dieser Dialektik gibt's keinen Sieg, über den ihr besorgt
zu sein Ursache hättet. Auch bedarf die Vernunft gar sehr eines solchen Streits, und es
wäre zu wünschen, daß er eher und mit uneingeschränkter öffentlicher Erlaubnis wäre
geführt worden. Denn um desto früher wäre eine reife Kritik zustande gekommen."
/4/
Kant sieht in dem Streit der Meinungen nicht die
Gefahr, daß e i n e der Meinungen siegen könnte, wohl aber die Chance, daß sie als
bloße M e i n u n g erkannt und d a m i t dem geistigen Fortschritt der Menschheit
gedient werden könnte.Schon der Streit der Meinungen, wenn er nicht nur geduldet, sondern
als Bestandteil der Problemlösung angesehen wird, ist ein wesentlicher Fortschritt auf
dem Wege zur geistigen Mündigkeit. Die Anerkennung, daß auch die anderen einen
überdenkenswerten Beitrag geleistet haben und leisten, schränkt den Absolutheitsanspruch
der eigenen Meinung ein. In der Regel bildet sich der gemeinsame Standpunkt als ein
Kompromiß heraus, in dem jeder mit einem kleinen Anteil enthalten ist.
Doch diese Relativierung der eigenen Meinung ist
keineswegs ein selbstverständlicher Ausgangspunkt des gesunden Menschenverstandes,
sondern in erster Linie ein Produkt unserer kulturellen Entwicklung und daher besonders
gefährdet, wenn in Krisenzeiten nach neuen, aber doch zuverlässigen Lösungswegen
gesucht wird und die weit auseinandergehenden Meinungen eines Kompromisses nicht mehr
fähig sind. Dann haben die unbezweifelbaren Weltanschauungen wieder Hochkonjunktur, weil
sie die beste Hilfe anbieten, den qualvollen Prozeß der Prüfung aller Gegenmeinungen
radikal zu verkürzen. Die unüberschaubar gewordene Unordnung wird durch eine neue
Perspektive in ihrer Komplexität so weit reduziert, daß man wieder einen Durchblick hat,
wie gut der auch immer sein möge. Im Zweifel zu leben, ist geistig anstrengender und
zermürbender, als sich in eine Welt stabiler und einfacher Konturen zurückzuziehen.
Schon eine kleine Zahl von unbeirrbaren Mitstreitern gibt Geborgenheit und die Sicherheit,
auf dem richtigen Weg zu sein.
Jeder behauptet "die gute Sache", die die
einzig richtige ist, auf seine Weise. Deshalb kann sich jeder die Mühen einsparen, sich
in die Logik anderer Denksysteme zu vertiefen, was als sehr positiv empfunden wird.
Unverständlich ist nur, warum die anderen noch zögern, sich der eigenen klaren und
richtigen Meinung anzuschließen. Kant hat große Bedenken, daß eine derartige Lösung
der Freiheitsprobleme menschliche Freiheit zu bewahren vermag, weil "sich mit der
Absicht, eine gute Sache zu behaupten, in der Welt wohl nichts übler als Hinterlist,
Verstellung und Betrug vereinigen lasse. Daß ... alles ehrlich zugehen müsse, ist wohl
das wenigste, was man fordern kann... So steht öfters die Lauterkeit der Gesinnung im
umgekehrten Verhältnis zur Gutartigkeit der Sache selbst, und diese hat vielleicht mehr
aufrichtige und redliche Gegner als Verteidiger." /5/
3.4. Meinung und Moral
Hinterlist, Verstellung und Betrug sind nach Kant
der Preis für verwirklichte, und das heißt immer auch für fehlende Freiheit. Die
Lauterkeit der Gesinnung kennzeichnet mehr die Gegner als die Anhänger machtvoller
Systeme. Das ist bis heute so geblieben, aber warum? In der öffentlichen Meinung wird das
so dargestellt, als handle es sich um "Auswüchse", um
"Machtmißbrauch", weil eben die Verwalter der guten Sache (heute die
unermüdlich selbstlosen Politiker) auch nur Menschen seien und - statistisch gesehen -
das Gute und das Böse dort in gleichem Umfang anzutreffen sei wie in jedem Lebensbereich.
Eine solche These hat den Vorteil, daß sie nicht nachprüfbar ist. Sie gibt eine
Plausibilitätserklärung, die einleuchtend ist und verlorengegangenes Vertrauen
zurückerobern soll. Warum sollten Politiker bessere Menschen sein als überall zu finden
sind? Damit ist das Problem des Verhältnisses von Meinung und Moral, wenn auch nicht
gelöst, so doch wenigstens aufgeworfen. Läßt sich wirklich nicht mehr darüber sagen?
Was unterscheidet einen Politiker (im philosophischen Sinne unseres Themas, und nur darauf
können wir uns hier konzentrieren) von einem "Mann des Volkes"?
Politiker (wie übrigens alle Vorkämpfer für eine
"gute Sache") zeichnen sich zunächst dadurch aus, daß sie eine klare und
unbeugsame Meinung vertreten, für die sie argumentierend durch die Lande ziehen und (wenn
es sein muß) auch ihr Leben einsetzen. Das flößt in der Regel Achtung oder sogar
Hochachtung ein und gilt als ein Hinweis auf eine hohe Moral. Die Selbsteinschätzung der
Politiker unterscheidet sich in diesem Punkt kaum von der Fremdeinschätzung. Wenn nun die
vertretene "gute Sache" zur Herrschaft gelangt ist, wodurch sie sicherlich nicht
schlechter geworden ist, nimmt die sie stützende Meinung eine Verteidigungsstellung ein.
Sie ist nicht mehr eine Meinung unter anderen, sondern d i e Meinung, von der das Wohl und
Wehe eines ganzen Volkes oder gar der Menschheit abhängt. Die sich dieser Sache
verschrieben haben, können und brauchen sich nicht mehr den Luxus zu leisten, die
Richtigkeit ihrer Meinung in Zweifel zu ziehen: Es hängt schon zuviel praktisches Leben
davon ab, so daß jede Änderung der Meinung unabsehbare Folgen nach sich zieht. Wer
wollte das schon verantworten?
Jede Verteidigung der "richtigen" Meinung
beginnt schon mit der Voraussetzung, daß die Meinung richtig ist. Hierbei ist (nahezu)
alles erlaubt, was der richtigen Meinung dient. Aber genau aus diesem Grunde wird einer
herrschenden Meinung zwangsläufig durch alle jene Schaden zugefügt, die ihr dienen
wollen, weil die Umkehrung des Grundverhältnisses aller Meinungsdiskussionen
unübersehbar geworden ist: Nicht die vernünftig Denkenden haben eine Meinung, sondern
die (richtige) Meinung hat alle vernünftig Denkenden, die Meinung ist zum Kriterium der
Vernunft geworden, nicht aber die Vernunft zum alleinigen Maßstab der Meinung.
Je länger eine Meinung herrscht, je richtiger sie
ist und je einfacher sich die Methoden gestalten lassen, alle von ihrer Richtigkeit zu
überzeugen, um so weiter ist die Entfernung von Freiheit und Humanismus, um so geringer
sind die Chancen für die menschliche Vernunft, im System der menschlichen Werte einen
vorderen Platz zu belegen. Obwohl Kant die Demokratie nicht kennengelernt hat, wußte er
um die Grundlagen der Meinungsfreiheit: "Zu dieser Freiheit gehört denn auch die,
seine Gedanken, seine Zweifel, die man sich nicht selbst auflösen kann, öffentlich zur
Beurteilung auszustellen, ohne darüber für einen unruhigen und gefährlichen Bürger
verschrien zu werden. Das liegt schon in dem ursprünglichen Rechte der menschlichen
Vernunft, welche keinen anderen Richter erkennt, als selbst wiederum die allgemeine
Menschenvernunft, worin ein jeder seine Stimme hat." /6/
Es ist die eigenwillige Logik oder auch Dialektik
des Freiheitsphänomens, daß die kraftvollen Ideale immer dann dahinschwinden, wenn sie
verwirklicht werden. Wer sich nach Idealen umsehen will, der darf nicht in den wirklichen
Zuständen danach suchen. "Alles, was besteht, ist wert, daß es zugrunde geht",
sagte HEGEL /7/. Daß die gesunde Jugend immer im Lager der Opposition zu finden ist, darf
nicht befremden. Wie traurig müssen solche Zustände sein, für die schon die Jugend
Partei ergreift! Sie nimmt die Weltanschauungen noch sehr ernst und glaubt um so mehr an
Ideale, um so weiter das tägliche Leben und die gesellschaftlichen Zustände von der
Herrschaft der Vernunft entfernt sind. Die Herrschaft der Vernunft ist die Balance
zwischen allen an der Realität orientierten Handlungen und den aus dem Quell menschlicher
Freiheit hervorgehenden Idealen. Unsere Handlungen sind (wie wir selbst) der Schnittpunkt
zweier Welten: Die Ideale gehen in die Wirklichkeit über, und die bewertete Wirklichkeit
verdichtet sich zu Idealen. Wir bewerten nicht nur die Ideale an ihrer Realisierbarkeit,
sondern auch die Realität an unseren Idealen.
Wo diese Wechselbeziehungen zu Einbahnstraßen
werden, die Wirklichkeit geistlos und die Ideale irreal geworden sind, da gibt es andere
Wegweiser für die Orientierung menschlichen Handelns als die Vernunft. Entweder wird die
Wirklichkeit schwärmerisch zum reinen Reich der Ideen und der Ideale verklärt oder
depressiv als alle Ideen und Ideale erdrückend empfunden. Der Unterschied zwischen diesen
beiden Extremen ist zwar politisch meist sehr gravierend, intellektuell aber
bedeutungslos, weil in beiden Fällen die Ohnmacht der menschlichen Vernunft besiegelt zu
sein scheint.
Alle Polemiken im Reiche der Vernunft haben etwas
überirdisch Heiteres, etwas unernst Amüsantes, weil sie noch zwischen diesen beiden
Welten schweben. Beim Einsturz gigantischer Gedankengebäude wird niemand erschlagen oder
auch nur verletzt. In Windeseile sind aus den Trümmern neue Festungen und Aussichtstürme
errichtet: "So gibt's demnach keine eigentliche Polemik im Felde der reinen Vernunft.
Beide Teile sind Luftfechter, die sich mit ihrem Schatten herumbalgen, denn sie gehen
über die Natur hinaus, wo für ihre dogmatischen Begriffe nichts vorhanden ist, was sich
fassen und halten ließe. Sie haben gut kämpfen; die Schatten, die sie zerhauen, wachsen,
wie die Helden in Walhalla in einem Augenblicke wiederum zusammen, um sich aufs neue in
unblutigen Kämpfen belustigen zu können." /8/
Wenn man Vernunft mit Weltanschauung identifiziert
und die Moral als Treue zu den Prinzipien dieser Weltanschauung interpretiert
(unmoralische Weltanschauungen sind ein Widerspruch in sich selbst und daher nur die
Ausnahme), dann sind die o.g. Gedanken von Kant geradezu empörend, weil die
Ernsthaftigkeit der geistigen Anstrengungen, die jede Weltanschauung erfordert, verspottet
wird, weil die geheiligten Gedankensysteme als ein bloßes Übungsfeld für den mit sich
selbst beschäftigten Geist angesehen werden. Vernunft und biedere Ernsthaftigkeit,
Vernunft und zuverlässige Moralität scheinen sich gegenseitig auszuschließen. Im
Zweifelsfalle geht die Rechnung immer auf Kosten der Vernunft. Aber in einer Atmosphäre
der geistigen Verkrampfung, der Vorverurteilung noch gar nicht entwickelter Ideen, muß
Vernunft verdorren. Die profane Wirklichkeit ist für sie wie ein Gefängnis, wie eine
Fronarbeit, an der sie zerbricht.
Mit unserer Vernunft befreien wir uns immer wieder
von den angeblichen Sachzwängen und betrachten uns und die Welt durch die bunte Brille
der unwirklichen Idee. Vernunft ist wie ein Geheimgang, durch den wir den Verfolgern
entkommen. Jede Wirklichkeit zerbricht an unserer Vernunft, wenn wir sie wie einen
Zauberring der biologischen und der sozialen Evolution für uns zu nutzen wissen. Vernunft
verkehrt den zwangsläufigen Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Um Wirkungen nicht nur
ausgeliefert zu sein, sondern sie zu w o l l e n , muß man geeignete Ursachen setzen.
Aber wer bestimmt, welche Wirkungen wir wollen sollten? Immer sind wir selbst "das
eine Ende" unserer Gedanken. Wir werden uns nie los, so weit wir auch in die Fernen
des Universums blicken oder in den tiefsten Tiefen des Urgeistes unsere Seele suchen.
Erst wenn wir uns dessen ganz gewiß sind, wenn wir
begriffen haben, daß die Möglichkeit einer besseren Welt primär nicht im Jenseitigen,
sondern im Diesseitigen unserer Erkenntnisfähigkeit zu suchen ist, erst dann können wir
uns dem Erdichten neuer Welten zuwenden, erst dann können wir Meinungen bilden und
diskutieren, weil wir wissen, daß ihre Fundamente aus prinzipiellen Gründen immer nur
Hypothesen sein können. Auf diese Weise entartet die Vernunft nie zu einem bloßen Mittel
für andere (materielle oder geistige) Ziele, sondern bleibt immer auch Gegenstand ihrer
selbst, weil sie sich in all ihren Gegenständen selbst vergegenständlicht. Die Welt ist
vernünftig, weil wir im Besitz der Vernunft sind. Erst wenn sich die Menschen nach
einer jenseitigen Vernunft richten wollen, dann ist ihre menschliche Vernunft in Gefahr.
Das Fundament der Vernunft sollten wir nach Kant niemals verlassen, weil dann auch die
Möglichkeiten des Humanismus untergraben werden. Eine humane Gesellschaft jenseits der
Vernunft ist ein Widerspruch in sich selbst. Die Vernunft ist das höchste Kulturgut
unserer Evolution, die Grundlage unserer Freiheit und Verantwortung für uns selbst und
unsere Umwelt. Ohne Vernunft sind auch in der heutigen Zeit der zugespitzten Widerspüche
und Widersinnigkeiten unserer gesellschaftlichen Existenz rettende Auswege nicht zu
finden.
3.5. Die drei Fragen
"Alles Interesse meiner Vernunft (das
spekulative sowohl, als das praktische) vereinigt sich in folgenden drei Fragen:
1. Was kann ich wissen?
2. Was soll ich tun?
3. Was darf ich hoffen?" /9/
Diese drei berühmten Fragen, die Kant jeder
Philosophie als Aufgabe stellt, zeigen den inneren Zusammenhang von Erkenntnis, Freiheit
und Selbstverwirklichung, denn die dritte Frage "ist praktisch und theoretisch
zugleich" und somit die Vereinigung von Erkenntnis und Freiheit im menschlichen
Handeln. Aber kann diese Vereinigung wirklich glücken? Ohne Hoffnung, daß trotz aller
Fehlschläge und Mißerfolge ein Sieg der Vernunft und der menschlichen Freiheit letztlich
doch eintreten wird, gäbe es keinen Kraftquell für die menschliche
Handlungsorientierung. Daß die Menschheit heute nur noch überleben kann, wenn sie ihrem
Sein menschliche Züge verleiht, ist fast schon zu einer Binsenweisheit geworden. Aus dem
Zweifel daran, ob es überhaupt tragfähige Grundlagen unseres Menschseins gibt, wächst
Verzweiflung über den Sinn menschlichen Lebens und Zynismus bei der Handhabung
menschlicher Ziele und Werte.
Bei Kant ist die verkündete Hoffnung der
Aufklärung nicht blind und schwärmerisch, sondern kraftvoll und selbstbewußt. Heute ist
diese Hoffnung verlorengegangen: Es ist Wendezeit in die Gegenaufklärung. Das Gefühl der
Ohnmacht gegenüber dieser Welt, die in ihrer natürlichen Unermeßlichkeit und ihrer
Unbeherrschbarkeit die Nichtigkeit menschlicher Existenz demonstriert, ist marktbestimmend
geworden. Als Ursache für die entstandene Situation ist die geradezu verleumderische
Verwechselung von Aufklärung und Wissenschaft anzusehen. Dafür gibt es aber keinen
hinreichenden Grund: Die Aufklärung stellt den Menschen in den Mittelpunkt, die
Wissenschaft dagegen die Natur und die Technik; die Aufklärung erschließt uns das Reich
der Ideen und des Geistes, die Wissenschaft dagegen die Welt der Objekte und der
raumzeitlichen Prozesse.
Die Wissenschaft ist aber kein Aufklärungsersatz.
Getrennt von der Aufklärung verflacht die Wissenschaft zu einem Ersatz für Religion und
Weltanschauung. Da das aber nicht ihr eigentliches Geschäft ist, bietet dieser
technizistische Götzendienst letztlich nicht einmal Schutz vor den primitivsten Formen
des Spiritualismus. Die Wissenschaft kann sich nicht selbst problematisieren und zum
Gegenstand ihrer selbst machen. Alle Bemühungen, diese Aufgaben einer
"Wissenschaftstheorie" zuzuordnen, haben sich als unzureichend erwiesen, weil
man nicht weiß, wo man den Ausgangspunkt für diese Aufgabe finden könnte, ohne die
Autorität der Wissenschaft als universelle Erklärungsgrundlage anzutasten. Eine
Wissenschaftstheorie i n n e r h a l b der Wissenschaften ist unbegriffene Reflexivität
und daher voller unkontrollierbarer logischer Widersprüche.
Die Schwierigkeiten eines umfassenden
Verständnisses der Aufklärung hängen mit dem prinzipiell hypothetischen Charakter von
Weltbildern und Weltanschauungen zusammen. Je einleuchtender die Weltanschauung ist, um so
weniger Platz bleibt für die Aufklärung. Je ungebrochener der Glaube an das völlig
objektive Bild der Wissenschaft von der Natur, um so unverständlicher sind uns die
Gesetze des Subjektiven, des Diesseitigen. Andererseits zerstört aber jede (monistische)
Vereinfachung des nur durch die Erkenntniskritik einsehbaren Verhältnisses zwischen Geist
und Materie die Vernunft und die Freiheit. "Ganzheitliches Denken", das sich
selbst gleich mitdenkt, weiß mit der Vernunft nichts mehr anzufangen.
Die Wissenschaft als Richter über sich selbst
anrufen zu wollen, kann immer nur die gleiche Menge an Behauptungen zutage fördern, die
vorher hineingesteckt worden sind. Und das ist offensichtlich sehr vom Zeitgeist
abhängig. Wie früher die Wissenschaft ihren Frieden mit der Religion gefunden hat, so
scheint sie ihn heute mit dem Mystizismus zu suchen. Es muß wohl am Wesen der
Wissenschaft liegen, daß das überhaupt möglich ist. Das ist m.E. einer der Gründe,
weshalb man bei der Suche nach Auswegen aus der geistigen Krise unserer Tage nicht auf die
Wissenschaft und schon gar nicht auf die Wissenschaftler, sondern vor allem auf die
Aufklärung bauen sollte, d.h. auf die Besinnung auf u n s e r e geistigen Kräfte.
3.6. Idealismus und Materialismus
Alle Angriffe gegen die Philosophie Kants haben nie
dauerhafte Siege gebracht. Doch größeren Schaden als die Gegner haben die Anhänger
Kants verursacht. Die in die Lexika eingegangenen Bewertungen Kants zeigen die gleichen
prinzipiellen Mängel, die man auch am Beispiel Platons demonstrieren kann: Im Vordergrund
stehen weltanschauliche Interpretationen seiner Position, wodurch es zu Verflachungen und
Desorientierungen kommt und kommen muß. Weil man sich nicht denken konnte, daß ein
Philosoph wichtigere Fragen zu klären hat, als sinnlose Behauptungen über den Charakter
der Welt aufzustellen, wird Kant gern vorgeworfen, daß er zwischen dem Materialismus und
dem Idealismus hin und her schwanke. So ist z.B. Lenins Urteil über Kant zu einem
unangefochtenen Bestandteil des dialektischen Materialismus geworden: "Der Grundzug
der Kantschen Philosophie ist die Aussöhnung des Materialismus mit dem Idealismus, eine
Verknüpfung verschiedenartiger, einander widersprechender philosophischer Richtungen zu
einem System. Wenn Kant zugibt, daß unseren Vorstellungen etwas außer uns, irgendein
Ding an sich, entspreche, so ist er hierin Materialist. Wenn er dieses Ding an sich für
unerkennbar, transzendent, jenseitig erklärt, tritt er als Idealist auf." /10/
Wie sieht Kant selbst diese sogenannte Grundfrage
aller Philosophie? Seine Position liegt nicht zwischen dem monistischen Idealismus
und dem monistischen Materialismus, sondern d i e s s e i t s der beiden
Jenseitigkeitslehren. Kant versteht seine Philosophie als das "Gegenteil" des
Idealismus und insofern als den einzig vernünftigen Materialismus. Eine Ehe
zwischen Vernunft und Materialismus, d.h. mit einem nicht selbst wieder in Begriffe
auflösbaren Ding an sich, wird aber vom "gesunden Menschenverstand" nicht als
befriedigend empfunden, weil der fehlende Monismus dem Ganzen wie ein Makel anhaftet. Es
bleibt immer ein "agnostischer" Rest, ein Stopp-Schild für alle Behauptungen
über die Welt, die ihren hypothetischen Charakter überfliegen. Das muß für jeden
Glauben an die jenseitige Beschaffenheit der Welt beunruhigend wirken: "Der
Idealismus besteht in der Behauptung, ... die übrigen Dinge, die wir in der Anschauung
wahrzunehmen glauben, wären nur Vorstellungen in den denkenden Wesen ... Ich dagegen
sage: es sind uns Dinge als außer uns befindliche Gegenstände unserer Sinne gegeben,
allein von dem, was sie an sich selbst sein mögen, wissen wir nichts, sondern kennen nur
ihre Erscheinungen, d.i. die Vorstellungen, die sie in uns wirken, indem sie unsere Sinne
afficieren ... Kann man dieses wohl Idealismus nennen? Es ist gerade das Gegenteil
davon." /11/
Alle Bemühungen, die durch die Erscheinung
gegebenen Grenzen zu überschreiten, um das (jenseitige) "wahre Wesen der Welt"
ergreifen zu können, verlassen die Möglichkeiten der Vernunft und haben daher mit
Erkenntnis nichts mehr zu tun. Auch die Sehnsucht nach der jenseitigen Welt, aus welchen
Quellen sie auch immer erwachsen mag, kann nichts daran ändern. Es gibt keinen festen
Boden für den Bau von unerschütterlichen Weltbildern. Das "Wesen der Welt"
kann nichts anderes sein als "lauter Schein", der uns wie eine Fata Morgana das
Wasser, nach dem unsere Seele dürstet, nur vorspiegelt.
Kant grenzt sich sehr präzise von allen Spielarten
des weltanschaulichen Idealismus ab und versucht auf diese Weise, eine vernünftige
Haltung zu allen Weltanschauungen zu begründen und dabei seine eigene Auffassung zu
erläutern: "Denn daß ich selbst dieser meiner Theorie den Namen eines
transzendentalen Idealismus gegeben habe, kann keinen berechtigen, ihn mit dem empirischen
Idealismus des Cartes ... oder mit dem mystischen und schwärmerischen des Berkeley
(wowider und andre ähnliche Hirngespinste unsre Kritik vielmehr das eigentliche
Gegenmittel enthält) zu verwechseln. Denn dieser von mir sogenannte Idealismus betraf
nicht die Existenz der Sachen (die Bezweiflung derselben aber macht eigentlich den
Idealismus in recipierter Bedeutung aus), denn die zu bezweifeln ist mir niemals in den
Sinn gekommen ... Das Wort transzendental aber, welches bei mir niemals eine Beziehung
unserer Erkenntnis auf Dinge, sondern nur aufs Erkenntnisvermögen bedeutet, sollte
diese Mißdeutung verhüten. Ehe sie aber dieselbe doch noch fernerhin veranlasse, nehme
ich diese Benennung lieber zurück und will ihn den kritischen genannt wissen." /12/
3.7. Schwärmerische Metaphysik
Kant wußte aus Erfahrung, wie leicht die Grenzen
wissenschaftlichen Denkens verlassen werden und aus einem Wissenschaftler ein Heilslehrer
wird. Die innere Logik dafür ist bis auf den heutigen Tag gültig geblieben, weil sie mit
der Struktur geistiger Vorgänge zusammenhängen. Die "Ursachenforschung", die
Kant auf diesem Gebiet betrieben hat, ist hochaktuell: "Es kann der Einbildungskraft
vielleicht verziehen werden, wenn sie bisweilen schwärmt, d.i. sich nicht behutsam
innerhalb der Schranken der Erfahrung hält ... Daß aber der Verstand, der denken
soll, an dessen statt schwärmt, das kann ihm niemals verziehen werden; denn auf
ihm beruht allein alle Hilfe, um der Schwärmerei der Einbildungskraft, wo es nötig ist,
Grenzen zu setzen." /13/
Kant enthüllt das Geheimnis der Entstehung und der
Verbreitung nur durch Schwärmerei erzielter "Erkenntnisse" über die Welt und
die menschliche Seele. Wichtig ist in jedem Falle, den Verstand zum Schweigen zu bringen.
Am wirksamsten macht man das, wenn man die menschliche Rationalität ad absurdum führt,
wenn man den Verstand mit seinen Widersinnigkeiten konfrontiert, mit den Ungereimtheiten
unseres Lebens, die alle im Namen des Verstandes und der Vernunft entstanden sein sollen.
Je schneller man zu einem Pauschalurteil über die Unzulänglichkeit der Vernunft kommt,
um so sicherer sind die metaphysischen "Hirngespinste" vor jedem Zweifel
geschützt, um so zuverlässiger beenden wir nicht nur unsere soziale, sondern auch unsere
biologische Evolution, wie uns Marilyn FERGUSON verspricht: "Zeitgenössische
mystische Erfahrungen zahlreicher Individuen in vielen Teilen der Welt haben sich in den
letzten Jahren zu einer kollektiven und stärker werdenden Vision verdichtet: zu dem
Gefühl eines bevorstehenden Überganges in der Geschichte der Menschheit. Eine Evolution
des Bewußtseins, die so bedeutsam ist, wie jeder Schritt in der langen Kette unserer
biologischen Evolution." /14/ Sich auf die Vernunft berufen zu wollen, hieße danach,
sich der Evolution in den Weg zu stellen. Sicher hat die Vernunft in der bisherigen
Menschheitsgeschichte niemals eine überragende Rolle spielen dürfen, aber daß es nun
endgültig und unwiederbringlich vorbei sein soll mit der Vernunft, das hat sie vielleicht
doch nicht verdient. Niemand anders als die Menschen selbst werden das entscheiden, und
die von M. Ferguson angedrohte Evolution ist eine reale Möglichkeit, die man keineswegs
unterschätzen sollte.
Nicht die Wissenschaft vermag die Unmöglichkeit
schwärmerischer Weltbilder darzutun, sondern nur die Philosophie, weil nur sie die
Vernunft zum Gegenstand von Betrachtungen und Aussagen machen kann. Wenn die
Naturwissenschaft das Denken erklären will, dann sieht sie (zwangsläufig) im Gehirn
nach, ob da nicht Strukturveränderungen zu finden sind, mit denen man das Denken in
Verbindung bringen könnte. Das ist sicher alles sehr interessant und spannend, aber
Aufschlüsse, die der metaphysischen Schwärmerei den Weg versperren, sind dabei nicht zu
erwarten, weil Verstand und Vernunft beim Wissenschaftler immer schon vorausgesetzt werden
müssen, bevor er sich seinem Forschungsgegenstand zuwendet.
Kant ist trotz der deprimierenden geistigen
Zustände seiner Zeit sehr optimistisch, wenn es um die geistige Evolution der Menschheit
geht. Die finsteren Prophezeihungen (im Namen des "Lichts"), die nach Ferguson
und Capra die Welt dereinst verändern werden, würden Kant in große Verlegenheit
bringen: "Soviel ist gewiß: wer einmal Kritik gekostet hat, den ekelt auf immer
alles dogmatische Gewäsche, womit er vorher aus Not vorlieb nahm, weil seine Vernunft
etwas bedurfte und nichts besseres zu ihrer Unterhaltung finden konnte. Die Kritik
verhält sich zur gewöhnlichen Schulmetaphysik gerade wie Chemie zur Alchimie,
oder wie Astronomie zur wahrsagenden Astrologie." /15/
Leider steht auch heute die Astrologie bei den
Massen höher im Kurs als alle Arten von Philosophie. Es gibt keine Anzeichen dafür, daß
sich das in der nächsten Zeit ändern könnte. Selbst die Massenmedien stellen sich mehr
und mehr auf die Glaubhaftigkeit mystischer Vorgänge ein. Es ist wie ein Teufelskreis: Je
mehr Menschen mit ihren über die Vernunft hinausgehenden "geistigen" Interessen
marktfähig werden, um so mehr trägt die demokratische Gesellschaft der neuen Situation
Rechnung und stellt alle Manipulierungstechniken in den Dienst des Okkulten und der
Mystik. Auch als Intellektueller macht man sich keineswegs lächerlich, wenn man nun auch
noch die Wissenschaft aufmarschieren läßt, um der kleinen Minderheit von Zweiflern und
Kritikern die Hoffnungslosigkeit ihrer Position deutlich zu machen. Es ist eben
"Wendezeit", und wer zurückbleiben will, dem kann man leider nicht helfen. Wenn
wir den "Kurs auf den Eisberg" (Joseph WEIZENBAUM) nicht wollen, müssen wir
deshalb auf die erstbeste Sandbank absoluter geistiger Verflachung steuern? "Alle
falsche Kunst, alle eitele Weisheit dauert ihre Zeit; denn endlich zerstört sie sich
selbst, und die höchste Kultur derselben ist zugleich der Zeitpunkt ihres
Unterganges." /16/ Man kann nur wünschen, daß Kant recht behält und wenigstens
für einen Teil der sich um ihren geistigen Fortschritt mühenden Menschheit die Kunde von
der Vernunft nicht in Vergessenheit gerät.
Kant glaubte, daß das Zeitalter der Metaphysik und
der bunt schillernden Weltanschauungen zu Ende geht und der Vernunft größere Rechte
eingeräumt werden. Möglicherweise hat er die geistigen Bedürfnisse der Menschen
überschätzt, mindestens aber die Entwicklung ihrer Urteilsfähigkeit: "Definitionen
anspitzen, lahme Beweise mit neuen Krücken versehen, ... das findet man noch wohl, aber
das verlangt die Welt nicht. Metaphysischer Behauptungen ist die Welt satt: man will die
Möglichkeit dieser Wissenschaft, die Quellen, aus denen Gewißheit in derselben
abgeleitet werden könne, und sichere Kriterien, den dialektischen Schein der reinen
Vernunft von der Wahrheit zu unterscheiden." /17/ Man kann wirklich nicht sagen, daß
die Welt der metaphysischen Schwärmerei überdrüssig geworden wäre. In allen Religionen
haben sich die fundamentalistischen Flügel stärken können. Zwischen den Religionen ist
ein unüberschaubares Niemandsland des Aberglaubens und des Animismus entstanden. Nicht
dem Okkultismus, sondern der menschlichen Vernunft werden heute Zügel angelegt, damit sie
nicht so hochmütig daherkomme, sondern allen Spintisierereien ihre Reverenz erweise.
Schließlich ist die Vernunft nur eine von vielen anderen gleichberechtigten Denkweisen
und dazu noch nicht einmal besonders privilegiert. Gefühl und Intuition weisen angeblich
schneller und zuverlässiger den Weg als die altmodische Vernunft. Es ist schwierig, als
"Fortschritt" oder als "Rückschritt" zu kennzeichnen, weil
Fortschritt immer das ist, wohin die Menschen schreiten. In der Vergangenheit mußten sich
die Völker auf einen gemeinsamen Weg einigen, d.h. sie wurden durch blutige Kämpfe auf
den Gleichschritt in dieser eindimensionalen Menschheitsentwicklung festgelegt. Es sieht
so aus, als würde diese Art von Geschichte zuende gehen, einfach schon deshalb, weil ein
gewaltsames Tauziehen um die richtige Richtung der Geschichte wahrscheinlich das Ende der
Geschichte überhaupt wäre. Die weitere Menschheitsgeschichte wird gleichsam
"flächig", d.h. in mehrere Richtungen gleichzeitig gehen. Das ist allerdings
nur denkbar, wenn menschliche Denkweisen und Ideale friedlich nebeneinander bestehen
können.
Der Vernunft würde die Realisierung einer solchen
Forderung nicht schwerfallen, weil sie die Behauptungen über die Welt ohnehin nur für
hypothetisch ansieht. Die sich selbst bitter ernst nehmenden metaphysischen Lehren über
die Welt dürften da einige Schwierigkeiten haben. Lediglich die ungeheure Zersplitterung
derjenigen, die den besten Durchblick im Jenseitigen haben, läßt hoffen, daß die
geistige Toleranz zwar nicht als ein Ideal angesehen wird, wohl aber als ein praktisches
Erfordernis.
Die bewußt gewollte und für unumgänglich
gehaltene Toleranz wäre der erste Schritt, die unumstößliche Wahrheit der eigenen Lehre
nicht für wichtiger zu halten als die Kooperation mit den anderen Menschen, die aus den
verschiedensten Kulturkreisen kommen. Auf diese Weise geht die Praxis einer (verkehrten)
Theorie voraus, wodurch allerdings der Boden bereitet werden könnte für weitergehende
Einsichten. Was hier als ein möglicher Menschheitsprozeß angedeutet wurde, verkleinert
nicht, sondern vergrößert die Bedeutung einer Beschäftigung mit der Vernunft.
Kapitel 4: Freiheit und Glück
4.1. Das Paradoxon menschlicher Freiheit
Wenn Freiheit eine I d e e ist, wie Kant zu zeigen
bemüht ist, und diese Idee an der Nahtstelle zwischen Persönlichkeit (Ich-Bewußtsein)
und Menschheitsgedanken (soziales Bewußtsein) steht, weil die Freiheit primär ein
Verhältnis zu den anderen Menschen impliziert, dann ergibt sich ein vielfältiges Gegen-
und Miteinander der unterschiedlichsten Faktoren. Es ist diese Struktur des
Freiheitsphänomens, das einseitige Betrachtungen und Lösungen geradezu provoziert. Der
Freiheit als Idee steht generell die verwirklichte Freiheit, die "auf den Genuß des
Lebens und der Glückseligkeit" gerichtete Handlungsorientierung und ihre
Beschränkungen gegenüber. Praktische Freiheitstheorien sind immer in der einen oder
anderen Form Wege zur Glückseligkeit. Freiheit ist vor allem dazu da, die Steine aus dem
Weg zu räumen, damit wir das Land der Gerechtigkeit und der Glückseligkeit sicher
erreichen können.
Die (relativ einsam dastehende) These Kants, daß
Freiheit nicht mehr aber auch nicht weniger ist als eine Idee, verträgt sich mit den o.g.
Glückseligkeitstheorien überhaupt nicht. Freiheit ist nach Kant nicht dazu da, uns
glücklich, sondern uns unsere Autonomie bewußt zu machen. Keine Naturkraft und keine
Götter können uns vorschreiben, was wir zu tun haben. Wir allein begreifen uns als
Quelle unserer Ziele und Handlungen gegenüber der Natur und auch den Mitmenschen. Dafür
müssen wir dann auch die volle Verantwortung übernehmen. Freiheit ist eine Form unseres
Selbstbewußtseins und Selbstverständnisses.
Wie die Erkenntnis der Erkenntnis noch v o r der
Erkenntnis der Welt liegt, so liegt auch die Freiheit des Menschen noch v o r seinen
praktischen Handlungszielen, vor seinem Willen, diese oder jene Veränderungen zu
bewirken. Vor seinem praktischen Willen kann nur das liegen, was diesen Willen bestimmt.
Das sind aber nicht die konkreten Zielen, sondern zunächst einmal die prinzipielle
Befähigung des Menschen, überhaupt etwas zu wollen. Freiheit ist nicht die Frage, etwas
als ideal oder günstig für den Menschen Erscheinendes zu wollen, sondern frei wählen zu
können. Diese Bestimmung ist nach Kant die Kehrseite der Vernunft, ihre praktische
Bedeutung für den Menschen selbst. Aus diesem Grunde ist der Verzicht auf selbständiges
Denken, auf die Vernunft als dem höchsten und einzigen Kriterium einer Weltanschauung
für Kant immer auch eine Preisgabe der Freiheit, für welche seelischen Wonnen sie auch
immer eingetauscht wurde. Die Freiheit der Vernunftlosen ist für Kant eine widersinnige
Vorstellung, auch wenn für ausreichende Glückseligkeit gesorgt wäre.
Daraus ergibt sich ein Paradoxon der Freiheit:
Je entwickelter die Befähigung zur Erkenntnis und Selbsterkenntnis ist, um so mehr steht
diese so verstandene Freiheit des Menschen dem "Genuß des Lebens" im Wege.
Dieses Paradoxon läßt sich auch so formulieren: Je mehr die aus der Freiheit geborenen
Ideale verwirklicht sind, um so weniger haben sie noch mit Freiheit zu tun: "In der
Tat finden wir auch, daß, je mehr eine kultivierte Vernunft sich mit der Absicht auf den
Genuß des Lebens und der Glückseligkeit abgibt, desto weiter der Mensch von der wahren
Zufriedenheit abkomme, woraus bei vielen ... Misologie, d.i. Haß der Vernunft,
entspringt, weil sie sich ... nur mehr Mühseligkeit auf den Hals gezogen, als sie an
Glückseligkeit gewonnen haben..." /1/
Kant unterscheidet zwischen dem Willen als P r i n z
i p (d.h. als eine formale Gegebenheit menschlicher Existenz, über die der einzelne
Mensch gar nicht befinden oder entscheiden kann) und den T r i e b f e d e r n des
(individuellen) Willens, die von außen als Absichten und Handlungsziele wirken, um
bestimmte Veränderungen in der Umwelt zu erreichen. Die Triebfedern wechseln im Strom der
Ereignisse wie die Eindrücke, die wir aus der Umwelt empfangen. Der Wille als Prinzip ist
mit der (nicht in Raum und Zeit existierenden) Idee des Menschen (in seiner
genetisch-biologischen und seiner sozialen Existenz) zu vergleichen, die Triebfedern des
Willens dagegen mit seiner individuellen Existenz. Wenn das Allgemeine mit dem Einzelnen
vermengt wird, auf nur eine Seinsebene gestellt wird, dann fällt es schwer, diese
Kantsche Zweiteilung des Menschen und seines Willens (als die Einheit von [individuell]
Einzelnem und [gesellschaftlich] Allgemeinem) zu begreifen.
In der Erkenntnistheorie ist es ähnlich: Wenn man
"das Pferd" (als einen allgemeinen Begriff) mit den wirklichen (in Raum
und Zeit seienden) Pferden verwechselt, schrumpft das Allgemeine zu einer bloßen
Bezeichnung für das einzig Wirkliche, das materielle Einzelne. Wenn das Allgemeine
dagegen eine eigene Existenzberechtigung erlangt, nicht als ein abgesondertes Reich von
Ideen und Geistern, sondern als die bleibenden Formen, Gestalten und Muster, in denen uns
die Welt erscheint und die uns die eine Milliarden von Jahren andauernde Evolution vererbt
hat (Evolution des Geistes!), dann ist das Allgemeine für unsere Erkenntnis der Welt eine
Art Sprache, in der wir sie formulieren.
Die "Sprache" unseres Willens (als
praktische Vernunft) ist unsere als Idee von innen nach außen gehende Freiheit. Doch die
Freiheit geht nicht nur auf ihren Gegenstand zu und ergreift ihn, sie wendet sich auch um
und begreift sich als das tätige Selbstbewußtsein. Wie die Erkenntnis "zwei
Enden" hat, so besitzt auch der Wille neben seinem Gegenstand immer auch uns selbst,
die wir diese Tätigkeit (und damit Veränderung unserer Welt) nicht nur wollen, sondern
auch verantworten wollen. Die Freiheit kennzeichnet somit die Reflexivität des Wollens:
Die aus dem Wollen resultierende Verpflichtung zur Verantwortung muß selbst gewollt
werden. Das Wollen richtet sich selbst. Seine Freiheit ist doppelsinnig: Es gibt in mir
keine Beschränkungen für das Wollen (ich bin frei von ...), aber gleichzeitig verbietet
mir mein humanistisches Bekenntnis zur Idee des Menschen, Beliebiges (Gutes oder Böses)
zu wollen (ich bin frei für meine humanistische Verantwortung, einen wirklichen Menschen
aus mir zu machen).
4.2. Das materielle und das geistige Wesen des
Menschen
Der Wille als Prinzip ist der "an sich gute
Wille" des Menschen, das "Gute im Menschen", wie man oft auch sagt. Genau
genommen ist das eine Selbstverständlichkeit, die direkt aus dem Gattungswesen des
Menschen folgt. Wir konnten uns nicht aussuchen, als etwas anderes geboren zu werden. Wir
sind Menschen und müssen uns zu den Grundlagen unseres Menschseins bekennen. Nur um
dieses Bekenntnis (nicht um eine Erkenntnis) geht es, wenn wir den Menschen "an
sich" als "gut" beurteilen, was ja nur heißen soll, daß es keine
prinzipiellen Grenzen gibt, dieses Gute auch so zu entfalten, daß der Gegensatz zwischen
der Idee und der Realität produktiv bleibt, d.h. eine Evolution ermöglicht.
Der "allgemeine gute Wille des Menschen"
bedeutet auch, daß sich der Mensch Gegenstand seines auf materielle Ziele gerichteten
Handelns wird, er gleichzeitig auch auf sich selbst wirkt. Die Reflexivität menschlichen
Wollens (das Wollen auch seines Willens) birgt für die Moral und Ethik die gleichen
Gefahren logischer Unsinnigkeiten, wie die Reflexivitäten des Erkenntnisprozesses. Den
"Behauptungen" entsprechen in der Moral die konkreten Wege zur Glückseligkeit,
die konkreten Verhaltensnormen, die auch das eigentliche Ziel aller Behauptungen über
Gott und die Welt sind.
Die Triebfedern besitzen keine unmittelbare Macht
über das menschliche Wollen. Der Wille muß sie erst als die ihm gemäßen akzeptieren.
HEGEL /2/ meinte, es sei schon richtig, wenn man sagt, das Sein bestimmt das Bewußtsein,
aber dennoch hängt es eben vom Menschen ab, ob er dieses Sein für förderungswürdig
hält oder in Opposition dazu steht. Das gleiche Sein bewirkt auf diese Weise ein sehr
unterschiedliches Bewußtsein. Darin zeigt sich das Phänomen menschlicher Freiheit. Die
Quellen für die verschiedenen Handlungsziele liegen nicht außerhalb, sondern innerhalb
des Menschen.
Es beginnt deutlich zu werden, warum Kant mit Hilfe
der Erkenntniskritik alle Weltanschauungen und damit alle geistigen Zwänge von außen in
den bloßen Schein auflösen mußte. Weltanschauungen versperren den Blick auf das
Phänomen menschlicher Freiheit. Sie nutzen den Freiraum der geistigen Selbstbestimmung
des Menschen, um ihn sogleich mit "Hirngespinsten", wie Kant sagt,
zuzuschütten. Der Mensch kann nicht darüber entscheiden, ob er Mensch sein will oder
nicht. Wohl aber kann er und muß er entscheiden, worin er die Grundlagen seines
Menschseins sieht und wie er als individueller Mensch leben will. Solange man ihm das
alles sagt und sagen muß, gibt es eine Zwischeninstanz, die menschliches Wollen und
menschliches Selbstverständnis verwaltet. Es geht folglich noch gar nicht darum, wie sich
der homo sapiens selbst sieht und versteht, sondern wie diese Instanz diese Fragen für
ihn regelt.
Kant ist überzeugt, daß jeder Mensch ein
unmittelbares (nicht von Instanzen vermitteltes) Verhältnis zu sich selbst, d.h. zu
seinem materiellen und seinem geistigen Wesen entwickeln muß, um das ihm zurechenbare
Handeln auch wollen und verantworten zu können. Woher soll nun der Mensch die Kriterien
nehmen, nach denen er sich und sein Handeln bewerten kann? Um diese zentrale Frage kreisen
alle religiösen und weltanschaulichen Bemühungen. Kant will die menschliche Freiheit
nicht abschieben, nicht ableiten aus "höheren" Prinzipien und Erfordernissen,
sondern sie als den Grundbestandteil unserer geistigen Existenz ins Bewußtsein heben. Wie
Begriffe nicht abgeleitet werden können (etwa durch einen
"Abstraktionsprozeß"), sondern im biologischen Evolutionsprozeß vorgefunden
werden, so ist auch die menschliche Freiheit genauso fundamental wie der Mensch selbst als
ein neuartiges biologisch-soziales Gattungswesen: "Der Wille ist mitten inne zwischen
seinem Prinzip a priori, welches formell ist, und zwischen seiner Triebfeder a posteriori,
welche materiell ist, gleichsam auf einem Scheidewege, und da er doch irgendwodurch muß
bestimmt werden, so wird er durch das formelle Prinzip des Wollens überhaupt bestimmt
werden müssen, wenn eine Handlung aus Pflicht geschieht, da ihm alles materielle Prinzip
entzogen." /3/
Wenn es eine g e i s t i g e Selbstbestimmung des
Menschen gibt (denn jede andere Art von Selbstbestimmung wäre nicht nur unmöglich,
sondern auch unsinnig), dann muß der Wille an sich als etwas Geistiges bestimmt werden,
d.h. als ein ideelles Prinzip, das per definitionem nicht mit den materiellen Dingen des
Raumes verwechselt werden darf. Aber der Mensch ist natürlich kein rein geistiges Wesen,
sondern Körper und Seele. Darum steht auch sein Wollen in der Mitte zwischen seinen
materiellen Triebfedern und der Darstellung und Vergegenständlichung dessen, was der
Mensch an sich selbst gern sein möchte. Es hängt daher ganz allein von diesem geistigen
Selbstverständnis des Menschen ab, welche materiellen Triebfedern und verantwortbaren
Handlungen eine positive und welche eine negative Bewertung erfahren sollten. Diese
Bewertungsgrundlagen sind nicht selbst wieder Triebfedern, die wiederum bewertet werden
müßten.
Kant sieht die Moral ganz im Geistigen. Er nennt sie
daher auch die praktische Vernunft, die Idee, die von sich aus auf die Welt zugeht und sie
verändert. Wie die Abbildtheorie die Erkenntnis der Erkenntnis unmöglich macht, so ist
eine pragmatische Glückseligkeitstheorie (mit der Moral als bloßem Mittel) überfordert,
die Quellen menschlicher Freiheit anzugeben. Die Freiheit sei angeblich nur dazu da, den
richtigen Weg in die Glückseligkeit zu finden und zu beschreiten. Freiheit ist danach
genauso ein Mittel, wie der Begriff nur ein Mittel sein soll, Vorstellungen miteinander zu
verbinden.
Damit kommen wir nun zu einer ersten Antwort auf das
Paradoxon der Freiheit: Je entwickelter die geistige Selbstbestimmung des Menschen und
damit das Bewußtsein seiner Freiheit ist, um so gezielter (weil nur von der eigenen
Verantwortung abhängig) werden Triebfedern und Handlungsziele ausgewählt und bewertet.
Wenn in den anderen Menschen nur willige oder willig
gemachte Vollzugsgehilfen für die eigenen Ideen und Ideale gesucht werden, dann muß man
dafür sorgen, daß diese anderen Menschen auf ihre Freiheit der geistigen
Selbstbestimmung verzichten und ihr Heil in der Fremdbestimmung suchen. Die richtige
Werbung entscheidet dann, ob die vorgestellten Ideen auch marktfähig sind. Es gibt keine
anderen Kriterien der Bewertung, die man noch zu fürchten hätte. Noch besser als die
bloße Werbung ist natürlich die Gewalt, die sich allerdings als solche nicht zu erkennen
geben darf und lediglich gegen die Feinde und Störenfriede gerichtet ist. Das hat
zweifellos den großen Vorteil, daß die Menschen nur dann die Gefolgschaft verweigern
dürfen, wenn sie sich als Feinde und Störenfriede entlarven wollen, aber wer will das
schon?
4.3. Die prinzipiellen Grenzen geistiger
Selbstbestimmung
Kant weiß um die Konflikte des Menschen, die aus
seiner geistigen u n d materiellen (körperlichen) Existenz resultieren: "Der Mensch
fühlt in sich selbst ein mächtiges Gegengewicht gegen alle Gebote der Pflicht, die ihm
die Vernunft so hochachtungswürdig vorstellt, an seinen Bedürfnissen und Neigungen,
deren ganze Befriedigung er unter dem Namen der Glückseligkeit zusammenfaßt ... Hieraus
entspringt aber eine natürliche Dialektik, d.i. ein Hang, wider jene strengen
Gesetze der Pflicht zu vernünfteln und ihre Gültigkeit ... unseren Wünschen und
Neigungen angemessener zu machen." /4/
Kant unterscheidet die klaren Prinzipien der
Vernunft von den vernünftelnden Kompromissen mit unseren Wünschen und Neigungen, die
nicht nur jede Moral, sondern auch die menschliche Freiheit "verderben". In
solchen (dem gesunden Menschenverstand sehr einleuchtenden) Kompromissen löst sich die
geistige Selbstbestimmung des Menschen (seine Autonomie) in die Suche nach dem besten
aller möglichen Wege zu seiner Glückseligkeit auf.
Kant verwirft alle Moraltheorien, die auf reale
Ziele und Zustände gerichtet sind, weil sie die Moral aus diesen Zielen ableiten. Wie wir
das Verständnis der Erkenntnis nicht aus der einen oder anderen Weltanschauung ableiten
können, so können wir wirkliche Freiheit nicht aus gut gestalteter Wirklichkeit
gewinnen. Freiheit ist nach Kant niemals eine Eigenschaft von wirklichen Systemen (wir
leben nicht in einer "freien" Gesellschaft), sondern ein formales Prinzip.
Freiheit ist immer eine Herausforderung, niemals ein Zustand der Selbstgefälligkeit. Sie
ist ein Daseinsgesetz, das in unserer Existenz als vernünftige Wesen begründet liegt und
somit immer nur von innen nach außen wirken kann. Doch die reine Moral existiert nicht
isoliert, sondern nur in den wirklichen einzelnen Menschen mit ihren wirklichen
Interessen, Zielen und Leidenschaften.
Wie aus der realen Wirkung erst die Information
werden muß, damit sie auf den Geist wirken kann, so muß aus dem geistigen Wesen des
Menschen, seinem freien Willen, erst ein Gebot werden, damit ein Zusammenhang mit den
konkreten Bedürfnissen und Neigungen hergestellt werden kann, damit der Geist auf die
Welt wirken kann. Das Gebot ermöglicht, die reale Tat einem geistigen Prinzip zuzurechnen
und sie daran zu messen. Es wäre aber nun grundverkehrt, die geistigen Fähigkeiten des
Menschen nur instrumental zu deuten. Geist ist nicht ein Werkzeug, das jedem dienlich sein
kann, der es für seine Zwecke einsetzen will (nach dem Prinzip: der Zweck heiligt die
Mittel). Geist ist in erster Linie eine wirkliche Daseinsgrundlage des Menschen, die
nachhaltig das gesamte Wesen des Menschen prägt. Der Mensch h a t nicht Geist, er i s t
Geist. Er kann dieses sein Wesen zwar verleumden, aber nicht verleugnen.
Es ist somit nach Kant nicht erforderlich, den
Zustand des "Außersichseins" anzustreben, um dem Geist zu begegnen. Wir finden
ihn in unserem eigenen Wesen. Er besitzt die Konturen aller sinnvollen Ideen und Ideale
einer sich selbst verwirklichenden Menschheit. Er ist die Idee von uns selbst, von unseren
Höhen und Tiefen, unseren Träumen und unseren Möglichkeiten. Einen anderen Geist
könnten wir weder (in Raum und Zeit) erfahren, noch ihn (außerhalb von Raum und Zeit)
begreifen. Es gibt daher keine uns aus dem Jenseits ergreifenden und verpflichtenden
Moralnormen. Die Moral liegt in uns. Sie ist ein Bestandteil unserer besonderen Existenz
als vernunftbegabte Wesen. Moral ist die Kehrseite unserer Freiheit, die aus dem Wissen um
die Konsequenzen unseres Handelns entspringt. "Der Geist ist willig, aber das Fleisch
ist schwach!" So wird oft das Dilemma menschlicher Existenz an der Nahtstelle von
Geist und Materie dargestellt, wobei aber diese beiden Welten (wegen der besseren
Übersichtlichkeit) nebeneinander gestellt werden und der wirkliche Mensch zu Lebzeiten
durch das Jammertal seiner materiellen Leiden und Verlockungen zu schreiten hat. Der Geist
gehört nicht zu dieser wirklichen Welt.
Es liegt in der Natur des Menschen, daß seine
Freiheit nicht ausgemacht und keinesfalls selbstverständlich ist. Sie aber an das
"schwache Fleisch" binden zu wollen, Lust und Genuß als die Gegenspieler
menschlicher Moral anzusehen, bedeutet, einen hoffnungslosen Kampf führen zu wollen.
Wirklichkeit und Moral werden unvereinbar, weil auch Geist (= Gott) und Materie
unvereinbar sind, man nicht gleichzeitig seinen Lüsten und seiner Seele etwas Gutes antun
kann. Die himmlischen und die irdischen Gelüste zerren uns in ganz verschiedene
Richtungen. Gott und Teufel haben die Welt unter sich aufgeteilt. Die prinzipiellen
Grenzen geistiger Selbstbestimmung des Menschen sind einfach dadurch gegeben, daß die
geistige Existenz des Menschen nur ein Bestandteil, nicht aber der alleinige Inhalt
unseres Daseins ist. Obwohl dieser Bestandteil von Natur aus gegeben ist, muß er doch
immer wieder neu angeeignet werden, weil er die Entfaltung und den Gebrauch der
menschlichen Vernunft zur Voraussetzung hat. Man könnte auch sagen, daß die Vernunft
selbst diese unübersteigbare Grenze menschlichen Selbstverständnisses ist. Jenseits der
Vernunft ist nach Kant die Beantwortung der Frage nach dem Wesen des Menschen nicht mehr
möglich.
4.4. Glück und Lebensfreude
Kant wurde oft vorgeworfen, daß er mit seiner
"Pflichtethik" das Streben der Menschen nach Glück und Lebensfreude völlig
verkannt habe. Der Mensch sei nicht zum Leiden, sondern zur Freude an seinem Leben
geboren. Diese als Alternative zu Kant gedachte Auffassung ist sehr populär, geht aber am
Wesen der Problematik vorbei. Moral ist nicht die Behinderung von Glück und Lebensfreude,
sondern die notwendige Verbindung von individueller und gesellschaftlicher Existenz des
Menschen, von Leib und Seele, von Vernunft und Leidenschaft. Nur wenn man die Frage
stellt, warum es so schwer sei, die Moral durchzusetzen, wird man finden, daß sich im
täglichen Leben Glück und Lebensfreude als Gegensatz zur Moral verstehen. Nicht Glück
und Lebensfreude an sich, sondern eine bestimmte Art, sie auf Kosten anderer Menschen
realisieren zu wollen, machen sie zum Gegenspieler der Moral.
Unter den gesellschaftlichen Bedingungen der letzten
Jahrtausende der Menschheitsentwicklung stand weniger das Glück als vielmehr das
Überleben im Zentrum des Lebenskampfes. Der Mensch war praktisch mehr ein bedürftiges
denn ein vernünftiges Wesen. Glück war folglich nicht die Freude an der eigenen Vernunft
und geistigen Selbstbestimmung, sondern die materiell günstigere Position im wirklichen
Leben. Diese Fixierung der Lebensfreude auf die Lebenschancen in einer ständig von innen
und außen bedrohten Gemeinschaft ließen die Moral mehr als ein Mittel denn als einen
Grundzug menschlicher Existenz erscheinen. Diese materielle Bedürftigkeit des Menschen
setzt seinem Streben nach Freiheit Grenzen, zwingt zur Anpassung und Ein-Ordnung, d.h. zu
einem Leben nach vorgegebenen Prinzipien, mögen sie nun politisch oder religiös
begründet sein. Das wirkliche Leben sieht aus wie ein Kompromiß: etwas Freiheit und
etwas Unterordnung unter die Bedingungen, die gerade herrschend sind und die man nicht
ändern kann. In diesem Rahmen nach etwas Glück und Lebensfreude zu suchen und für sich
und die seinen zu realisieren, muß doch wohl erlaubt sein: "Allein es ist ein
Unglück, daß der Begriff der Glückseligkeit ein so unbestimmter Begriff ist ... Die
Ursache davon ist: daß alle Elemente, die zum Begriff der Glückseligkeit gehören,
insgesamt empirisch sind, d.i. aus der Erfahrung müssen entlehnt werden." /5/
Nach Kant ist die individuelle und materielle
Existenz jedes Menschen so äußerlich und zufällig wie alles in dieser Welt. Auch das
Glück macht davon keine Ausnahme. Die gleichen Lebensbedingungen können von dem einen
als Glück, von dem anderen als Unglück empfunden werden. Was heute z.B. Menschen der
dritten Welt als Glück empfänden, würde in den Industrienationen nicht einmal als ein
Gefühl gesicherter Existenz wahrgenommen. Außerdem ändert sich bei jedem Menschen im
Laufe seines Lebens, was für ihn Glück wäre. Manchmal wird sogar rückwirkend
vermeintliches Unglück durch eine neue Sicht oder neue Lebenserfahrungen als wirkliches
Glück erkannt.
Kant will nicht das Streben nach menschlichem
Glück, so zufällig das auch immer sein mag, alternativ durch ein Streben nach Moral
ersetzen, sondern lediglich zeigen, daß Moral niemals durch einen Anspruch auf Glück
fundiert werden kann. Moral d i e n t nicht der Glückseligkeit, aber auch die
Glückseligkeit dient nicht der Moral. Sie aneinander messen zu wollen, setzt die
monistische Vereinigung von Geist und Materie voraus, die Erklärung des einen aus dem
anderen. Es sind rein empirische Gründe, die die Menschen dazu treiben, glücklich zu
werden. Dazu bedarf es keiner Erlaubnis höherer Mächte (Gott will, daß wir glücklich
sind) und keiner Moralprinzipien, sondern allein der physisch-materiellen Existenz, allein
des wirklichen Lebens der Menschen.
4.5. Glück und Moral
Problematisch wird es nach Kant eigentlich erst
dann, wenn die Moral (von diesem Streben nach Glück ausgehend) so hingebogen werden soll,
daß sie zu einem bloßen Vollzugsgehilfen der Glückseligkeit wird. Bei diesem von
vornherein verfehlten Ansatz stehen sich in der Philosophiegeschichte die sogenannten
materialistischen und die idealistischen Moralauffassungen unversöhnlich gegenüber: Der
Idealismus bemüht stets einen jenseitigen Geist, um den Menschen zur Achtung der Moral zu
verpflichten, der Materialismus glaubt nicht an jenseitige Geister und kennt nur die
Materie und den empirischen Menschen, der nach den günstigsten Lebensbedingungen Ausschau
hält und dabei nur auf sich selbst im Verhältnis zu seinen Mitmenschen Rücksicht nehmen
muß. Moral ist aus dieser materialistischen Sicht, ungerechtfertigte Vorteile, die sich
bestimmte Menschen oder Menschengruppen auf Kosten anderer Menschen verschafft haben, als
gegen die Interessen der Anderen verstoßend zu verurteilen. Ohne diese moralische
Verurteilung wäre der Kampf der Völker um gesellschaftlichen Fortschritt gar nicht
denkbar.
Nach Kant besteht der Nachteil einer solchen
Moralauffassung darin, daß es vielerlei empirische Gründe geben wird, das eigene und das
fremde Glück zu bewerten. Folglich wird es viele verschiedene Moraltheorien geben, die
vorschreiben, wie man leben soll. Diese Moraltheorien gibt es. Sie fügen sich in den
Rahmen irgendeiner Weltanschauung ein, von der sie ihre Begründung und Argumentation
nehmen. Trotz der vielen verschiedenen Moralauffassungen gibt es die Moral aber wirklich,
und diese wirkliche Moral unterscheidet sich merkwürdigerweise überhaupt nicht in einer
solchen Weise, wie man angesichts der Vielfalt der Weltanschauungen erwarten müßte. Es
gibt dafür nach Kant nur eine Erklärung: Die Moral liegt diesseits des menschlichen
Verhaltens. Sie benötigt daher keine Begründung aus der empirischen Welt oder aus der
Jenseitigkeit höherer Geister.
Diesseits bedeutet, daß die Moral auf der gleichen
Stufe steht wie die Vernunft, die ja auch nicht aus der empirischen Wirklichkeit
abgeleitet werden kann, wohl aber aus der biologisch-sozialen Entwicklung als seiner
Schöpfungsgeschichte. Moral ist die Kehrseite der Vernunft, die allgemeine Befähigung zu
menschlichem Handeln und menschlicher Bewertung aller Arten von Handlungen. Allgemein
verbindlich kann eine solche Befähigung aber nur dann sein, wenn sie a priori ist, wenn
sie rein formal den Gebrauch unserer geistigen Kräfte determiniert, sobald wir handelnd
in den Lauf dieser Welt eingreifen.
Auf diese Weise setzt Kant die Philosophie an die
Stelle der weltanschaulichen (zu seiner Zeit noch völlig durch die Theologie bestimmten)
Moralbegründung. Philosophie vermag aber nur zu sagen, d a ß der Mensch zur Erkenntnis
befähigt ist und d a ß der Wille des Menschen aus prinzipiellen Gründen frei ist. Moral
ist Achtung vor dieser menschlichen Freiheit, vor der Autonomie des Menschen. Wenn
Freiheit nicht in uns selbst als ein Prinzip gefunden werden könnte, von außen (durch
Religion und Ideologie) könnte sie nicht gewonnen werden. Die Freiheit des Menschen zu
befördern, ist der praktische Sinn der Philosophie. Das bedeutet aber, die Blickrichtung
umzukehren, ähnlich wie Platon in der Erkenntnis die Umwendung von den Gegenständen auf
die Mittel lehrte: "Hier sehen wir nun die Philosophie in der Tat auf einen
mißlichen Standpunkt gestellt, der fest sein soll, unerachtet er weder im Himmel, noch
auf der Erde an etwas gehängt oder woran gestützt wird." /6/
4.6. Die Moral als ein allgemeines Gesetz
Um ein allgemeines Gesetz zu finden, das menschliche
Freiheit und damit auch menschliche Moral zu begründen vermag, müßte man etwas finden,
worin alle Menschen (der verschiedenen Kulturkreise sowie der verschiedenen Generationen)
identisch sind. So wie die Naturgesetze die allgemeinen Bedingungen formulieren, unter
denen die empirische Erfahrung überhaupt erst möglich ist, so formulieren die
Moralgesetze die allgemeinen Bedingungen, unter denen menschliches Handeln in
Übereinstimmung mit dem allgemeinen (genetischen und sozialen) Wesen des Menschen
möglich ist. Sie sind zwangsläufig formal, d.h. v o r dem Gegenstand, auf den sie
gerichtet sind.
Jeder Mensch i s t nicht automatisch selbst Zweck,
sondern er s e t z t sich als einen solchen Zweck, wenn er sich als ein vernünftiges
Wesen begreift und wenn er seine Vernunft zum obersten Richter über seine Erkenntnisse
und sein Handeln macht. Aber das ist allein seine freie Entscheidung. Andernfalls
entledigt er sich seiner Freiheit und Verantwortung, indem er sie irgendeiner göttlichen
oder weltlichen Macht aufbürdet, der er nun, befreit von der eigenen Freiheit, Treue und
Ergebenheit gelobt.
4.7. Der Mensch als Selbstzweck
Der seiner eigenen Vernunft mißtrauende Mensch hat
auf diese Weise zwar Anteil an den großen Zielen der Mächte seiner Wahl, empfindet sich
selbst aber nur als ein Mittel und als ein Handlanger. Bevor der Mensch nicht sich selbst
als Zweck setzt, das göttliche Prinzip der Freiheit und der Autonomie nicht in sich
selbst sucht und findet, kann er auch andere Menschen nicht als Selbstzweck anerkennen und
sich ihnen gegenüber entsprechend verhalten. Freiheit kann nur bringen, wer selbst frei
ist: "Der praktische Imperativ wird also folgender sein: Handle so, daß du die
Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit
zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest." /7/
Kant nennt das den praktischen Imperativ, d.h. das
Kriterium, an dem man bei jeder Handlung erkennen kann, ob sie moralisch ist. Auch nach
200 Jahren gilt dieser Imperativ unverändert. Vielleicht beginnen wir erst zu begreifen,
welche Bedeutung dieser Imperativ besitzt: Es gibt keine "guten Ziele", für die
man (und sei es nur vorübergehend) "schlechte Mittel" in Kauf nehmen darf. Es
gibt überhaupt keine Ziele, die dazu berechtigen, sie einem anderen aufzudrängen und ihn
zu zwingen, als ein Rädchen im Realisierungsmechanismus dieser Ziele tätig zu sein, ihn
also als bloßes Mittel zu gebrauchen.
Die Bedingungen unseres gesellschaftlichen
Zusammenlebens in einer "Ordnung" sind noch so weit von den Forderungen Kants
entfernt, daß man ihn leicht für lebensfremd halten könnte. Doch es geht bei diesen
Erwägungen nicht um Utopien, sondern um die tatsächliche geistige Existenz des Menschen,
die ebenso real vorhanden ist, wie der immer noch andauernde materielle Existenzkampf der
Menschen. Daß dieser Existenzkampf den Blick verzerrt und die Perspektiven verstellt,
darf nicht überbewertet werden. Kant hilft uns, wenigstens zu begreifen, was uns auch
heute noch von einer wirklich humanen Gesellschaft trennt.
Kant stellt den Menschen nicht nur in seiner
Erkenntnis der Welt auf die eigenen Füße, sondern er zeigt damit auch, daß der Mensch
zum selbstbewußten Gesetzgeber seines Willens werden muß. Es gibt keine himmlischen und
auch keine weltlichen Mächte, die ihm diese Aufgabe abnehmen könnten. Nur zurechenbares
Handeln ist bewertbar. Wenn wir niemand aus seiner moralischen Verantwortung für sich und
seine Mitmenschen entlassen, dann heißt das eigentlich, daß wir trotz aller
weltanschaulichen Verblendungen, die wir allen Menschen zubilligen, immer eine Grenze
anzugeben wissen, bei deren Überschreitung wir von einer gemeingefährlichen psychischen
Entartung sprechen.
Obwohl die Moral als ein allgemein verbindliches
Gesetz aufgefaßt wird, ist der Mensch dennoch nicht nur diesem Gesetz unterworfen,
sondern gleichzeitig auch sein Schöpfer. Diese Dialektik ist wahrscheinlich der
schwierigste Teil des Verständnisses der Kantschen Gedankengänge. Niemand hat sich
jemals einfallen lassen, ein solches Gesetz aufzustellen. Ähnliches wird nur von den
Göttern berichtet, die den Menschen ihren Willen kundgetan haben. Inwiefern kann der
Mensch selbst Schöpfer eines solchen Gesetzes sein, das eine so weitreichende Auswirkung
besitzt?
Es ist nach Kant nicht die Formulierung des
Gesetzes, die Moral möglich macht und konstituiert. Moral ist ein existenzielles Gesetz
des Menschen als eines seiner Vernunft mächtigen Wesens. Diese Bindung an die Vernunft
hat bei Kant zwei Seiten: 1. ist die Vernunft eine allgemeine Gabe, eine natürliche
Eigenschaft des Menschen, aber 2. muß diese Eigenschaft angeeignet werden durch ihren
Gebrauch, so, wie wir beispielsweise befähigt sind, auf zwei Beinen zu laufen, es aber
doch erst lernen müssen.
Es genügt nach Kant, daß sich der Mensch seiner
Vernunft als dem letzten und zuverlässigsten Mittel seiner Orientierung bewußt wird und
sich den daraus ergebenden Konsequenzen stellt, um sich auch als Schöpfer des
Moralgesetzes zu empfinden, nicht als Individuum, wohl aber als ein Gattungswesen, das
auch das individuelle Selbstverständnis des Menschen prägt. Sich seiner bewußt zu
werden, soll ja nichts anderes bedeuten, als sich bewußt zu sein, daß man ein Mensch im
allgemeinsten Sinne des Wortes ist, daß man in einer bewußtgewordenen Tradition steht,
daß man, wie Fichte sagt, die Idee der Menschheit in sich selbst verwirklicht hat. Das
höhere Säugetier besitzt ebenfalls eine individuelle Existenz und steht in Konkurrenz
mit seinen Artgenossen. Aber seine ganze Art, die Welt zu sehen und zu bewerten, seine
Brut aufzuziehen und zu beschützen, seine Existenz zu behaupten, entspringt seinem
Gattungswesen. Es kann gar nicht anders, es muß den Prinzipien seines allgemeinen Wesens
folgen. Beim Menschen muß sein Gattungswesen aber erst durch den Kopf, durch sein
bewußtes Wollen hindurch, um sich Geltung zu verschaffen. Das soziale Wesen des Menschen
wirkt nun wie ein Filter für sein genetisch-biologisches Gattungswesen, wie eine
Verkleidung. Das Tier kann gar nicht gegen sein Gattungswesen verstoßen, der Mensch kann
es, weil er seine individuelle Existenz mit all ihren Sonderinteressen gegen sein
Gattungswesen ausspielen kann. Aber der sich gegen seine Gattung stellende Mensch ist im
wahrsten Sinne des Wortes entartet, er verdient nicht mehr den Namen "Mensch".
Die Vernunft gegen den Menschen kehren zu wollen,
sie in egoistische Klugheit umzufunktionieren, kann immer nur vorübergehend erfolgreich
sein. Ebenso kann man auch die Moral nur vorübergehend für pervertierte Ziele
mißbrauchen. Selbst im Haß und Kampf gegen die Andersdenkenden liegt die Überzeugung,
dem "wahren Wesen des Menschen" gerecht werden zu wollen, nur hat die eigene
geistige Verblendung bereits ein solches Ausmaß erreicht, daß man sie für die einzig
mögliche Wahrheit hält.
Kant glaubt an die Bestimmung des Menschen durch die
Vernunft, die ja nichts anderes ist als die Fähigkeit, das eigene Denken zu
kontrollieren, es selbst wiederum zum Denkgegenstand machen zu können und auch machen zu
müssen, wenn man nicht beliebigen Erklärungssystemen hilflos ausgeliefert sein will.
Etwas Bestimmtes zu denken, unterliegt genausowenig dem Zwang, wie etwas Bestimmtes zu
wollen, aber die formalen Gesetze dieses Denkens und Wollens sind Bestandteil unseres
Menschseins: "Alle Maximen werden nach diesem Prinzip verworfen, die mit der eigenen
allgemeinen Gesetzgebung des Willens nicht zusammen bestehen können. Der Wille wird also
nicht lediglich dem Gesetze unterworfen, sondern so unterworfen, daß er sich auch selbstgesetzgebend
und eben um deswillen allererst dem Gesetze (davon er selbst sich als Urheber betrachten
kann) unterworfen angesehen werden muß." /8/
4.8. Die Würde des Menschen
Kant verbindet die Moral nicht nur mit der
menschlichen Vernunft, sondern auch mit der Würde des Menschen, mit der Achtung vor
seiner Integrität und Einmaligkeit. Es ist somit nicht allein das Allgemeine des
Menschseins, das die Moral als das Grundgesetz des Handelns bestimmt, sondern die
Rücknahme dieses Allgemeinen in die menschliche Individualität. Moral verbindet die
menschliche Individualität mit dem Gattungswesen des Menschen. Sie vermittelt
gewissermaßen und hebt dadurch das Individuum selbst auf die Stufe einer seienden
Vernunft, die in ihrer Verantwortung die bloße Einzelexistenz des Menschen übersteigt
und ihm so eine Würde gibt, die er sonst nicht hätte: "Im Reiche der Zwecke hat
alles entweder einen Preis, oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen
Stelle kann auch etwas anderes als Äquivalent gesetzt werden; was dagegen über
allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde."
/9/
Kant glaubt, daß im Laufe unserer
Menschheitsentwicklung irgendwann einmal an die Stelle der politischen Ordnung die
sittliche Ordnung treten könne, die sich dann auf die bewußtgewordene innere Freiheit
und die Menschenwürde gründet. Wenn man die wachsende Politikverdrossenheit in unseren
Tagen betrachtet, die sicher auch ein Aspekt der komplexen Krise ist, in die wir
hineingeraten sind, dann könnte man zu der Überzeugung gelangen, daß wir recht
günstige Bedingungen hätten, erste Schritte in diese Richtung zu tun. Wodurch sonst
sollten die Raubrittergesetze des bloßen Überlebens, denen dann die Dekadenzgesetze des
"Über"-Lebens gefolgt sind, abgelöst werden? Alle von außen (oder
"oben") kommenden Heilslehren und Moralnormen haben sich nicht nur als
heuchlerisch, sondern auch als mit der Würde des Menschen unvereinbar erwiesen. Der
"mündige Staatsbürger" ist das Ende jedes Staates, wohl aber der Beginn einer
humanen Gesellschaft: "Nun ist auf solche Weise eine Welt vernünftiger Wesen (mundus
intelligibilis) als ein Reich der Zwecke möglich und zwar durch die eigene Gesetzgebung
aller Personen als Glieder. Demnach muß ein jedes vernünftige Wesen so handeln, als ob
es durch seine Maximen jederzeit ein gesetzgebendes Glied im allgemeinen Reiche der Zwecke
wäre. Das formale Prinzip dieser Maximen ist: handle so, als ob deine Maxime zugleich zum
allgemeinen Gesetze (aller vernünftigen Wesen) dienen sollte." /10/
Kant formuliert diesen Grundgedanken der
Aufklärung, daß es einmal die Herrschaft der Vernunft geben wird, so, daß die Quellen
dieses Reiches immer im individuellen Menschen liegen werden, also immer der Anstrengung
bedürfen, aus sich einen Menschen zu machen, der diesem anspruchsvollen Titel gerecht
wird. Kant glaubt an die Kraft der Vernunft, die nicht dadurch ad absurdum geführt werden
kann, daß die einzelnen Menschen mit sichtbarem Erfolg die Vernunft in sich bekämpfen
und manchmal auch zum Schweigen bringen können. Marx sah die Barrieren für die
Errichtung eines solchen Reiches weniger in den Fähigkeiten des Menschen, sondern vor
allem in den gesellschaftlichen Bedingungen. Ideale Arbeits- und Lebensbedingungen für
alle sollen durch eine Revolution den Menschen hervorbringen, von dem die Aufklärung
träumt, daß es ihn geben müßte. Hegel zeigt sowohl den Zusammenhang als auch den
unüberbrückbaren Gegensatz von Idee und Wirklichkeit im Prozeß der menschlichen
Selbstverwirklichung.
4.9. Die Autonomie des Menschen
Kants "allgemeines Sittengesetz" hat stets
kontroverse Diskussionen ausgelöst. Es steht irgendwie zwischen irrealer Jenseitigkeit
und ohnmächtiger Lebensfremdheit. Es ist ein Gesetz, das gewissermaßen nur darum bittet,
zur Kenntnis genommen zu werden. Wenn man das mit den sonstigen Moralverkündigungen
vergleicht, die den Menschen in ein unbarmherziges Joch des strikten Gehorsams spannen,
jeder sich widersetzenden Seele ewige Höllenqualen versprechen, dann ist von einem
"Gesetz" eigentlich wenig zu spüren. Alle derartigen Vorwürfe sind berechtigt
und gehen gleichzeitig doch so prinzipiell an Kant vorbei, daß man oft nicht verstehen
kann, wovon die Rede ist. Es ist wahr, daß Kant die Moral (als die reine allgemeine Form
unseres Handelns) in die reine Seinsweise der Idee zurücknimmt. Geist vermag aber
nirgends direkt auf die Materie zu wirken. Die wirkliche Existenz des Einzelmenschen hat
genausowenig die Idee des Menschen in sich wie ein wirkliches Pferd den Begriff
"Pferd" in sich hätte. In diesem Sinne ist die "Moral" im Sinne von
Kant etwas rein Geistiges.
Nun sind aber die wirklichen Handlungen der Menschen
wegen des sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft hineinreichenden
Zeithorizontes nicht bloße kausale Reaktionen, sondern bewußt gesetzte Wirkungen. Dieses
Bewußtsein wiederum, das die Handlungen begleitet und die Ziele und Absichten bewertet,
ist reflexiv, d.h. der Mensch ist sich dessen bewußt, daß er dieses Bewußtsein von den
Zielen seines Handelns hat. Moral wurzelt nach Kant weder in den (guten) Zielen des
Handelns, noch in den beabsichtigten Wirkungen "zum Wohle der Menschheit",
sondern nur in dieser Reflexivität des Bewußtseins, das die Handlungen des Menschen
begleitet. Diese Reflexivität sorgt auf der einen Seite dafür, daß es keine logisch
zwingenden "Erklärungen" geben kann, die der Mensch nun zu akzeptieren hat; auf
der anderen Seite eröffnet sie aber auch Freiräume für alle Arten von Behauptungen
über den Menschen und seine moralischen Normen. Der Mensch steht somit vor einer
prinzipiellen Entscheidung, die ihm niemand abnehmen kann: Entweder sollen Forderungen an
ihn durch ihn selbst kontrollierbar bleiben (was nur innerhalb der Grenzen der Vernunft
möglich ist), oder es werden seine Vernunft übersteigende Mächte anerkannt, denen zu
dienen er bereit ist.
Das ist der tiefere Grund dafür, daß Kant das
Sittengesetz als die Kehrseite der Vernunft, als praktische Vernunft, versteht und
verstehen muß, denn er will (ganz im Geiste der Aufklärung) die Autonomie des Menschen.
Das ist zugleich auch der Grund , daß Kant den anderen Auffassungen über die moralischen
Pflichten des Menschen, die den menschlichen Geist einer über ihm stehenden edlen Sache
unterordnen und ausliefern, keine "bessere" Theorie entgegenstellen kann, weil
er allen derartigen Theorien den Boden entzogen hat. Freiheit und Moral sind die aus der
Selbstbestimmung des Menschen hervorgehenden neuen Eigenschaften, die nicht selbst
abgeleitet werden müssen (aus dem Willen höherer Mächte), sondern allen Ableitungen
über den Menschen und seine Aufgaben zugrunde zu legen sind. Die Autonomie des Menschen
ist ein unbeweisbarer Ausgangspunkt menschlichen Selbstverständnisses: "Und hierin
liegt eben das Paradoxon: daß bloß die Würde der Menschheit als vernünftiger Natur
ohne irgend einen andern dadurch zu erreichenden Zweck oder Vorteil, mithin die Achtung
für eine bloße Idee dennoch zur unnachlaßlichen Vorschrift des Willens dienen
sollte." /11/
Auch auf dem Gebiet der Erkenntnis vermag die
Philosophie keine erschütternden neuartigen Weltbilder zu entwickeln. Das Paradoxon der
Moral sieht Kant darin, daß man zwar das Problem der Moral (wie auch das Problem der
Erkenntnis) philosophisch klären kann, aber verbindliche Normen, nach denen sich künftig
jeder richten sollte, nicht abzuleiten vermag. Das muß jeder selbst tun. Das kann den
Menschen nicht abgenommen werden, wenn man ihre Würde achtet. Aber die Ausgangspunkte
lassen sich angeben: die Idee des Menschen als eines vernünftigen Wesens. Die sich daraus
ergebenden Kriterien sind unmißverständlich und leicht zu handhaben, aber welche Ziele
und Absichten man seinem Handeln zugrunde legen sollte, wird davon nicht berührt.
Zwischen dem "Naturgesetz seiner Bedürfnisse" und dem "Reich der
Zwecke" wird es auf der jeweiligen Entwicklungsstufe der Menschheit der Vermittlung
und des Kompromisses bedürfen.
Freiheit und Würde des Menschen sind im allgemeinen
Verständnis zunächst politische Kategorien, also durch Parteien, Ideologien und
Religionen zu verwirklichende Zielstellungen, wodurch sie zwangsläufig in ihr Gegenteil
verkehrt werden. Politische Auffassungen von der Freiheit und der Würde des Menschen
lösen einander ab, widersprechen und bekämpfen sich. Ohne dieses
"Kampfgetümmel" würden sie aufhören, politischeAuffassungen zu sein. Dennoch
ist der immer schnellere Verschleiß von Heils- und Morallehren sowie die stete Wandlung
der Visionen, Ziele und Mittel der Politik möglicherweise auch eine Vorahnung der
transzendentalen Realität menschlicher Freiheit und Würde. "Transzendental" im
Sinne der Kantschen Philosophie heißt ja gerade diesseits in der Persönlichkeit des
Menschen liegend. Transzendental heißt somit auch, von der Autonomie des Menschen
ausgehend.
Die Diskussion um die Autonomie oder Heteronomie des
Menschen ist so alt wie die Kulturgeschichte der Menschheit selbst. Autonomie ist für
Kant der Zentralbegriff des Humanismus. Humanismus bedeutet, daß die Gesetze für das
Handeln der Menschen in ihnen selbst liegen! Wenn ein Schöpfer, ein Weltgeist oder ein
objektives soziales Entwicklungsgesetz uns zu humanistischem Verhalten verlocken oder gar
verpflichten, dann muß man diese Mächte anbeten und deren Reich errichten.
Kapitel 5: Freiheit und Religion
5.1. Kant und die Religion
Kants Verhältnis zur Religion ist ein häufiges
Thema der Untersuchungen. Es kommt dabei in der Regel nicht viel heraus, weil man meist
bemüht ist, getrennt vom gesamten Inhalt seiner Philosophie, also gewissermaßen durch
reine Wort- und Satzinterpretationen herauszufinden, wie Kant zur Religion steht. Und da
gibt es in der Tat sehr viele Äußerungen, die, aus dem Zusammenhang herausgenommen, sehr
positiv für das religiöse Gemüt sind. Als eine ganz spezielle, ziemlich weit
verbreitete Linie der Kantverfälschung (nicht aus Bosheit, sondern aus simpler
Beschränktheit) kann man folgendes Zitat von Hans Joachim STÖRIG ansehen: "Alle
Äußerungen Kants von seiner Jugendzeit bis ins höchste Alter zeugen davon, daß er ein
echtes religiöses Bedürfnis hatte. Das ganze Unternehmen der Kritiken muß man so
verstehen, wie Kant selbst gesagt hat: durch Aufheben des Wissens Platz zum Glauben zu
schaffen." /1/
Nichts gegen religiöse Bedürfnisse, aber darauf
wird man Kant ganz sicher nicht reduzieren dürfen. Wenn es solche Bemühungen einer
religiösen Entschärfung der Kantschen Ideen nicht gäbe, bräuchte man wahrscheinlich
diesem Thema keine große Beachtung zu schenken, denn alles für uns Wesentliche haben wir
abgehandelt. Durch die Religion, die wie ein Kriterium an die Kultiviertheit der Gedanken
Kants angelegt wird, ergibt sich allerdings die Möglichkeit, die unversöhnliche Position
Kants noch deutlicher hervorzuheben. Zunächst sind jedoch einige Vorbemerkungen
angebracht: Kant ist bemüht, jedem Streit, jeder vordergründigen Konfrontation mit der
in seiner Zeit uneingeschränkt herrschenden Religion aus dem Wege zu gehen. Das liegt
nicht nur in seinem friedfertigen Charakter begründet, sondern ist auch ein Gebot der
Klugheit. Die Strategie, die Kant hierbei verfolgt, ist die Uminterpretation der Religion
in veräußerlichte Moral, um den rohen Gemütern der einfachen Menschen den ersten
Schritt zu sich selbst und ihrem geistigen Wesen zu ermöglichen. Er sieht in der Religion
den zwiespältigen Versuch, die Menschen zwar zur Moral hinführen zu wollen, sie aber
gleichzeitig ihrer Autonomie zu berauben, indem sie einen übermächtigen Gott anbeten
sollen.
So gesehen, sind Kants Bekenntnisse zur Religion
äußerst scheinheilig. Seine Philosophie führt nicht nur zum Zusammenbruch aller
Weltanschauungssysteme, sondern zerstört auch alle Arten von positiver Religion, d.h. von
Bekenntnissen zu einem jenseitigen Gott. Der für Kant einzig mögliche "Gott"
ist nicht transzendent (dann könnten wir weder in der Erfahrung noch in unserem
moralischen Verhalten Kenntnis von ihm haben), sondern transzendental. Auf dem Wege zu
(dem vermeintlichen) Gott wenden wir uns um, analysieren die in uns liegenden Ziele und
Absichten, die uns auf Gott aufmerksam gemacht haben. Hierbei finden wir unseren autonomen
Willen, unsere Freiheit und Würde, weil wir uns als ein vernünftiges Wesen erkennen,
weil wir die Vernunft als die höchste Gottesgabe begreifen. Das allein ist unsere
positive Kenntnis von "Gott", die identisch wird mit einer Erkenntnis unserer
humanistischen Bestimmung und Selbstbestimmung.
Diese Auflösung der Religion in Humanismus und in
die geistig-moralische Autonomie des Menschen ist das Kantsche Programm, nicht aber die
Kapitulation vor der Religion oder gar ihre "philosophische Begründung".
5.2. Religion und Moral
Folgt die Moral aus der Religion oder die Religion
aus der Moral? Diese Frage ist bis heute aktuell geblieben. Verlust der Religion könnte
auch Verlust der Moral bedeuten, vermuten viele. Insbesondere das christliche Abendland
führt seine Moralempfänglichkeit auf die christliche Religion zurück. Kant hält die
Moral (weil aus dem Wesen des Menschen folgend) für fundamentaler als die Religion. Sie
bedarf nicht der Religion, um wirken zu können: "Die Moral, so fern sie auf dem
Begriffe des Menschen, als eines freien, eben darum aber auch sich selbst durch seine
Vernunft an unbedingte Gesetze bindenden Wesens, gegründet ist, bedarf weder der Idee
eines andern Wesens über ihm, um seine Pflicht zu erkennen, noch einer andern Triebfeder
als des Gesetzes selbst, um sie zu beobachten ... Sie bedarf also zum Behuf ihrer selbst
... keineswegs der Religion, sondern, vermöge der reinen praktischen Vernunft, ist sie
sich selbst genug." /2/
Moral ist mit der Vernunft der Menschen verbunden,
ergibt sich als praktische Konsequenz aus dieser Eigenschaft. Das müßte auch die
Religion anerkennen, "denn eine Religion, die der Vernunft unbedenklich den Krieg
ankündigt, wird auf die Dauer gegen sie nicht aushalten." /3/
Kant erklärt nicht nur den guten Willen aus dem
formalen Prinzip menschlicher Autonomie, sondern auch das sogenannte Böse im Menschen. Es
resultiert nach Kant nicht aus falsch gestellten materialen Zielen, sondern aus einem
pervertierten Verhältnis des Menschen zu sich selbst und damit zur Moral: "Die Verderbtheit
(corruptio) des menschlichen Herzens ... kann auch die Verkehrtheit (perversitas)
des menschlichen Herzens heißen, weil sie die sittliche Ordnung in Ansehung der
Triebfedern einer freien Willkühr umkehrt, und, ob zwar damit noch immer
gesetzlich gute (legale) Handlungen bestehen können, so wird doch die Denkungsart dadurch
in ihrer Wurzel (was die moralische Gesinnung betrifft) verderbt, und der Mensch darum als
böse bezeichnet." /4/
Für Kant ist es nicht die weithin sichtbare böse
Tat, die Ausdruck des Bösen im Menschen ist, sondern die Unterordnung der Moral unter die
vielfältig lockenden Lebensziele. Dieser oft unmerkliche und von außen schwer erkennbare
Übergang zu einer Position der Anpassung (an die Verantwortungslosigkeit sich selbst und
anderen gegenüber), des Strebens nach Glück (als dem alleinigen Sinn des Lebens) und der
Heuchelei (daß man für sich und die anderen ja nur das Beste wolle), ist für Kant Grund
genug, von "Verderbtheit des menschlichen Herzens" zu sprechen.
Das spannungsgeladene Verhältnis von Anschauung und
Begriff, das unsere Erkenntnis beherrscht und an dem sich Weltbilder entzündet und auch
zerschlagen haben, zeigt sich in der praktischen Vernunft als der Widerstreit zwischen
Sinnlichkeit (unserer materiellen Bedürfnisse) und geistig-kultureller Verantwortung für
die Sinngebung unserer personalen Existenz. Nur wenn diese Sinngebung mit der
"Herrschaft der Vernunft" übereinstimmt, folgen Autonomie, Freiheit und Würde
als die Grundwerte unserer Existenz. Man kann diese beiden Triebkräfte menschlichen
Handelns, so meint Kant, nicht beziehungslos nebeneinander stellen. Immer ist das eine dem
anderen übergeordnet. Das eine wird zum Mittel des anderen.
5.3. Die Moral und das Böse
Das Streben nach sozialem Erfolg und materiellem
Wohlbefinden ist nicht an sich unmoralisch. Es wird aber zwangsläufig unmoralisch, wenn
es die wirkliche Moral nur heuchlerisch vor den eigenen Karren spannt, wenn aus der Moral
Spielregeln werden, die man für Moral ausgibt. Solange die Spielregeln eingehalten werden
(ein Verstoß zumindest nicht nachweisbar ist) gilt man als "Ehrenmann" und
trägt eine "weiße Weste": "Der Mensch (selbst der ärgste) thut ... auf
das moralische Gesetz nicht gleichsam rebellischerweise (mit Aufkündigung des Gehorsams)
Verzicht. Dieses dringt sich ihm vielmehr, kraft seiner moralischen Anlage,
unwiderstehlich auf; und, wenn keine andere Triebfeder dagegen wirkte, so würde er ...
moralisch gut sein. Er hängt aber doch auch an den Triebfedern der Sinnlichkeit ... Wenn
er diese aber, als für sich allein hinreichend (ansieht) ... so würde er
moralisch böse sein ... Er würde ... moralisch gut und böse zugleich sein; welches sich
widerspricht. Also muß der Unterschied, ob der Mensch gut oder böse sei, nicht in dem
Unterschiede der Triebfedern, die er in seine Maximen aufnimmt, ... sondern in der Unterordnung
liegen: welche von beiden er zur Bedingung der andern macht." /5/
Meist wird die Moral als eine Alternative
aufgefaßt: Entweder man strebt nach materiellem Wohlstand oder man tut etwas für seine
Seele, für seine Menschenwürde. Kant ist da wiederum genauer und präziser: Nicht die
Alternative (und damit Verzicht auf die Freuden des Lebens), sondern das Verhältnis
zwischen den beiden Strömen, die unser Handeln determinieren, entscheidet über gut und
böse. Marx kommt zu einer ähnlichen Einschätzung, wenn er die demoralisierende
menschliche Selbstentfremdung als Verkehrung von Existenz und Wesen des Menschen, von
individueller Sinnlichkeit und allgemeiner Geistigkeit des Menschen kennzeichnet.
Kant wendet sich gegen die Auflösung der Moral in
Scheinmoral und gegen die Zerstörung der "sittlichen Ordnung", weil damit
gleichzeitig der Mensch in seiner autonomen personalen Existenz zerstört wird, welche
Ausmaße an "Glückseligkeit" er auf seinem verkehrten Wege auch immer erzielt
haben möge. Die Schwierigkeiten einer richtigen Interpretation des rein formalen
Grundgesetzes der Moral, die selbst Hegel sehr zu schaffen machen, bestehen darin, daß
wir nicht gelernt haben, das Formale ernst zu nehmen. Es ist nicht so richtig greifbar.
Wir sehen es beispielsweise auch an der formalen Logik. Sie selbst ist scheinbar nichts
Wirkliches. Nur das, was wir sagen, ist logisch oder unlogisch. Die Logik wird niemals zu
einem inhaltlichen Bestandteil unserer Aussage oder Behauptung.
Ähnlich ist es bei der Moral. Wer glaubt, sie an
sich und an anderen greifen zu können als ein hausbackenes System von
Vorab-Entscheidungen für alle möglichen Fälle, als eine Art Kochbuch für die
verschiedensten Gerichte, der wird ins Leere greifen. Unsere streng erzogenen Großmütter
verstanden die Moral als eine Elle, die man an alle Handlungen (vorwiegend der anderen)
anlegen konnte. Das führt genauso zwangsläufig in die Unmoral wie ihr modernistischer
Ersatz durch alles, was erlaubt ist oder doch wenigstens erlaubt werden sollte.
Moral ist kein äußeres Hindernis, das uns in der
Verfolgung unserer Ziele beschränkt, sondern ein innerer Prozeß der Selbstachtung und
Bewertung unseres Denkens und Tuns, ein Vergleich unserer Ziele und Bestrebungen mit
unserer Selbsteinschätzung. Weil man sich in einem modernen Staat nicht auf die Moral
verlassen kann, oder besser gesagt, weil sich die Menschen in ihrer inneren Substanz so
sehr unterscheiden, daß eine für alle sichtbar identische Moral nicht erwartet werden
kann, hat man das Recht eingeführt. Das Recht fußt zwar auf der Moral, auf dem
moralischen Empfinden, aber es ist an den Handlungen selbst festgemacht. Es regelt, was
erlaubt ist und was nicht. Es ist also nur die Veräußerlichung der Moral, meist im
Interesse der gesellschaftlich herrschenden Mächte. Das Recht ist somit kein Moralersatz.
So, wie es für den einen "logisch" ist,
daß Gott existiert, so ist genau das für den anderen "unlogisch". Beide
berufen sich auf dieselbe Logik! Es liegt auch nicht an der Logik, auf die sich beide
völlig zurecht berufen, es liegt vielmehr, wie wir gesehen haben, an den verschiedenen
Systemen von Behauptungen über die Welt, doch dafür kann die Logik doch nun wirklich
nichts. Ähnlich ist es mit der Moral. Die Menschen berufen sich darauf und glauben, daß
nur sie recht haben können. Obwohl das Moralgesetz ein allgemeines Gesetz ist, kann es
nur individuell gehandhabt und ausgelegt werden. Wer sollte es sonst auslegen? In jedem
anderen Falle käme es als ein äußerer Zwang über uns (wie das Recht). Moral und innere
Verantwortung, Gewissen, Selbstachtung und Willensfreiheit gehören zusammen, weil es sich
hier um die "von innen nach außen" laufenden Kräfte handelt, um die Zentren
unserer Subjektivität.
Jetzt wird möglicherweise besser verständlich,
warum die Auflösung der Moral auch die Auflösung des Menschen (als eines vernünftigen,
für sich und die Welt verantwortlichen Wesens) bedeutet. Diese Auflösung ergibt sich
immer dann, wenn sich der Mensch selbst zum Mittel macht, etwa zum Streber im
Arbeitsprozeß, dem jedes (legale) Mittel recht ist, zum Erfolg zu kommen (denn nur der
zählt, "das bin ich"), oder sich als Wohlstandsprotz zu etablieren, auf den man
neidvoll blicken soll (denn was ich habe, das bin ich, wie Erich FROMM /6/ diese
Kulturkrankheit nennt). Wer sein Wesen da draußen finden will, verliert sich. Kant nennt
diese Gefahren, sich selbst zu verfehlen, "die Bösartigkeit der menschlichen
Natur": "Die Bösartigkeit der menschlichen Natur ist also nicht sowohl Bosheit,
wenn man dieses Wort in strenger Bedeutung nimmt, nämlich als eine Gesinnung ..., das
Böse als Böses zur Triebfeder in seine Maxime aufzunehmen (denn die ist
teuflisch); sondern vielmehr Verkehrtheit des Herzens, welches nun, der Folge
wegen, auch ein böses Herz heißt." /7/
Die Zunahme der psychischen Erkrankungen in der
Industriegesellschaft signalisiert nicht in nur den wachsenden Leistungsdruck und die
erhöhten Anforderungen mit allen damit verbundenen Nöten, sondern vor allem die
verlorene Individualität mit ihrer gescheiterten Glücksvorstellung, die angeblich in der
ganzen Gesellschaft so wunderbar funktioniert, nur nicht an und in der eigenen Person. Man
kann Moral nicht ungestraft eintauschen wollen gegen Erfolg und Wohlstand. Ein
"böses Herz" kann auch vom Psychologen nur sehr schwer wieder repariert werden.
Nach Kant ist es "vorsätzliche Schuld", die jeder auf sich lädt, der diesen
Weg beschreitet, "... und hat zu ihrem Charakter eine gewisse Tücke des
menschlichen Herzens (dolus malus), sich wegen seiner eigenen guten oder bösen
Gesinnungen selbst zu betrügen, und, wenn nur die Handlungen das Böse nicht zur Folge
haben, ... sich seiner Gesinnung wegen nicht zu beunruhigen, sondern vielmehr vor dem
Gesetz gerechtfertigt zu halten. Daher rührt die Gewissensruhe so vieler (ihrer Meinung
nach gewissenhaften) Menschen, ... (die) nur den bösen Folgen glücklich entwischten ...
Die Unredlichkeit, sich selbst blauen Dunst vorzumachen, ... erweitert sich denn auch
äußerlich zur Falschheit und Täuschung Anderer; welche, wenn sie nicht Bosheit genannt
werden soll, doch wenigstens Nichtswürdigkeit zu heißen verdient; und liegt in dem
radicalen Bösen der menschlichen Natur, welches ... den faulen Fleck unserer Gattung
ausmacht, der, so lange wir ihn nicht herausbringen, den Keim des Guten hindert." /8/
Dieser "faule Fleck unserer Gattung", die so unangenehme Realität menschlicher
"Nichtswürdigkeit" (weil die Würde menschlicher Existenz entweder noch nicht
erreicht oder schon wieder verloren ist) ist nur erklärbar, wenn man die soziale
Entwicklung der Menschheit in Rechnung stellt, die eigenen Gesetzen unterliegt. Die Moral
ist dieser Entwicklung untergeordnet.
Jede Ordnung des Zusammenlebens der Menschen sichert
ihre Existenz durch die Idealisierung und moralische Verklärung ihrer Prinzipien und
sorgt durch Lohn und Strafe für Einordnung und Wohlverhalten. Daher konkurrieren diese
pragmatischen und eng mit den Ideologien verbundenen Moraltheorien, die die Ziele und
Werte menschlichen Handelns aus den gesellschaftlichen Erfordernissen ableiten, mit der
rein formalen Bestimmung menschlicher Freiheit.
5.4. Pragmatische oder formale Moral?
Kant verbindet die Moral mit der Autonomie und
Würde des Menschen. Der Mensch ist auf diese Weise Richter über sich selbst, als ein
vernünftiges Wesen niemandes Untertan. Allein als sinnliches und leidendes Wesen ist er
abhängig von vielen natürlichen und gesellschaftlichen Mächten. Daher ist eine
pragmatische Morallehre, die dem Menschen mehr oder weniger begründet vorschreibt, wie er
sich unter den gegebenen Bedingungen zu verhalten hat, viel einleuchtender und
praktikabler. Man ist bei seiner Unterwerfung unter die höheren Mächte nicht allein.
Allen geht es so. Solange sich der Mensch primär als ein sinnliches Wesen begreift, nicht
aber als ein vernünftiges, wird er es nur zu mehr oder weniger bequemen Formen von
Scheinmoral bringen, die genauso relativ und flüchtig sind, wie die jeweiligen
Erfordernisse und die Einschätzung der eigenen Möglichkeiten, sie zu erfüllen.
Humanismus läßt sich auf dieser Basis nicht verwirklichen. Er entartet zwangsläufig
genauso zum bloßen Schein wie die zur Spielregel veräußerlichte Moral.
Nirgends gibt es einen festen Halt, an dem der
Mensch seine personale Würde festmachen könnte. Er begreift sich (und die anderen) immer
nur als Mittel, natürlich für eine "gute Sache" (der Religion, der
Weltanschauung oder der Politik), für die es sich lohnt, seine Freiheit zu opfern. Der
Mensch hat sich im wahrsten Sinne des Wortes noch nicht "begriffen", seine
eigene Individualität ist ihm noch nicht zum Leitmotiv einer Idee geworden. Er vermag
nur, sich als ein bedürftiges Wesen anzuschauen und Mitleid mit sich zu haben. Das Böse
im Menschen wird für Kant sichtbarer Ausdruck der noch fehlenden Selbsterkenntnis des
Menschen und der noch fehlenden Befreiung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit und
Verkehrtheit des Strebens nach dem Glück und dem veräußerlichten Lebenssinn. Das Böse
ist nicht über den Menschen gekommen. Er muß lernen, die Verantwortung für sich zu
übernehmen.
In unserer modernen Sozialstaatlichkeit lassen sich
zwei Extreme beobachten: 1. die Verhöhnung der sozial Schwachen als Parasiten am Leibe
der Gesellschaft und 2. die theoretische Rechtfertigung der Ohnmacht und Verführbarkeit
des Menschen, weshalb soviel Regelungen notwendig sind, daß es dem Menschen unmöglich
wird, zu straucheln. Man akzeptiert gewissermaßen die Fremdbestimmung des Menschen und
macht sich nun aus lauter Sorge um die richtige Entfaltung menschlicher Persönlichkeit
zum Fürsprecher: Zu viel Fernsehen verdummt, Computer-Spiele beeinträchtigen die
Kommunikation, zu hohe Anforderungen machen depressiv, zuviel Rationalität schädigt das
Gefühl usw. usf. Das auf diese Weise herauskommende Gegreine ist nicht einmal sachlich
falsch . Es stützt sich auf wissenschaftliche Untersuchungen. Falsch ist aber die
Konservierung eines Menschenbildes der moralischen Unmündigkeit.
5.5. Die Erbschuld des Menschen
Moral ist nicht nur erworben, sondern immer auch
überliefert. Die Generationen sahen sich immer mit der Moral konfrontiert und haben ihre
Ergebnisse in der Erziehung weitergegeben. Erbschuld ist immer auch Entschuldigung. Kant
analysiert die verschiedenen Aspekte dieser "Erbschuld": "Die drei
sogenannten obern Facultäten ... würden sich diese Vererbung verständlich machen:
nämlich, entweder als Erbkrankheit, oder Erbschuld, oder Erbsünde.
1) Die medicinische Fakultät würde sich das erbliche Böse etwa wie den Bandwurm
vorstellen ... 2) Die Juristenfacultät würde es als die rechtliche Folge der Antretung
einer uns von diesen hinterlassenen, aber mit einem schweren Verbrechen belasteten, Erbschaft
ansehen ... Wir müssen also Zahlung leisten (büßen), und werden am Ende doch (durch den
Tod) aus diesem Besitze geworfen ... 3) Die theologische Facultät würde dieses Böse als
persönliche Teilnehmung unserer ersten Eltern an dem Abfall eines verworfenen
Aufrührers ansehen: entweder daß wir (ob zwar jetzt dessen unbewußt) damals selbst
mitgewirkt haben; oder nur jetzt, unter seiner (als Fürsten dieser Welt) Herrschaft
geboren, uns die Güter derselben mehr, als den Oberbefehl des himmlischen Gebieters
gefallen lassen, und nicht Treue genug besitzen, uns davon loszureißen, dafür aber
künftig auch sein Loos mit ihm teilen müssen." /9/
Kant läßt alle diese "Erklärungen" für
das menschliche Versagen nicht zu. Für ihn ist völlig belanglos, ob es mehr oder weniger
triftige Gründe dafür geben mag, daß der Mensch seine moralische Verpflichtung nicht
eingelöst hat. Er hätte nun zumindest Gelegenheit, ab sofort sich zu wandeln. Die
Zurechenbarkeit menschlicher Handlungen läßt keine Freiräume für entschuldbare
Unfreiheit des Menschen (denn nur das könnte er zu seiner Entschuldigung vorbringen).
Auch moralisch sind wir eigentlich nur bereit zu entschuldigen, wenn man uns glaubhaft
versichert, daß die Handlung erzwungen wurde, wobei eine Verweigerung Gefahren für Leib
und Leben heraufbeschworen hätte.
Es ist nicht so, daß wir uns abgefunden hätten
oder je abfinden könnten, daß jemand nun mal unmoralisch ist und sich daran sobald auch
nichts ändern wird. Jede neue Handlung wird immer wieder neu bewertet. Darin steckt
eigentlich die stillschweigende Voraussetzung und Forderung, daß jeder Mensch zu jeder
Zeit und unter jeder Bedingung ganz unabhängig von seiner Vorgeschichte zu einem
moralischen Handeln befähigt ist: "Eine jede böse Handlung muß, wenn man den
Vernunftursprung derselben sucht, so betrachtet werden, als ob der Mensch unmittelbar aus
dem Stande der Unschuld in sie geraten wäre. Denn: wie auch sein voriges Verhalten
gewesen sein mag, und welcherlei auch die auf ihn einfließenden Naturursachen sein mögen
... durch keine Ursache in der Welt kann er aufhören, ein frei handelndes Wesen zu
sein." /10/
Kant zieht daraus den Schluß, niemals die Umstände
dafür verantwortlich zu machen, daß man moralisch gut oder schlecht geworden sei. In der
pragmatischen Moralauffassung ist es gang und gäbe, die Moral eines Menschen an sein
soziales Milieu zu binden. Was sollte man auch schon unter diesen und jenen Bedingungen
von einem Menschen erwarten? So verständlich Ausgangspunkt und vor allem Zweck dieser
gesellschaftlichen Bewertung menschlichen Verhaltens auch immer sein mögen, mit Moral im
Kantschen Sinne hat das nichts zu tun. Es gibt keine Grenze für eine solche Art
moralischer Entschuldigung. Wenn heute unter den Politikern ein Moralskandal (wobei man
zuerst an Sex denkt, was aber hier nicht einmal gemeint ist) den anderen jagt, dann bietet
man uns oft die leichte Verführbarkeit "des Menschen" durch die Macht als
Entschuldigung an. Sind nicht alle Menschen so (auch die, die nicht so sehr im Rampenlicht
stehen)?
Wenn die Menschen (in welcher Gesellschaft auch
immer) aufhören, primär an sich selbst moralische Forderungen zu stellen, sich mit einer
rein pragmatischen Gefälligkeit ihres Verhaltens zufrieden geben, dann demonstrieren sie
nach Kant ihre Nichtswürdigkeit. Sie sind käuflich, auswechselbar, unzuverlässig,
heuchlerisch, anpassungswillig und leer. Die von ihnen vereinbarten Spielregeln für die
wechselseitige Erwartbarkeit ihres Verhaltens haben mit Moral nichts mehr zu tun:
"Was der Mensch im moralischen Sinne ist, oder werden soll, gut oder böse, dazu muß
er sich selbst machen, oder gemacht haben. Beides muß eine Wirkung seiner freien
Willkür sein; denn sonst könnte es ihm nicht zugerechnet werden." /11/
Der Mensch hat es selbst in der Hand, aus sich einen
guten oder einen bösen Menschen zu machen. Er allein trägt die Verantwortung dafür, was
er tatsächlich aus sich gemacht hat. In den pragmatischen Moraltheorien gibt es derart
rigorose Forderungen nicht. Wenn man ihnen glauben will, dann müssen sich die Menschen
zunächst belehren lassen, was Moral eigentlich ist. Von sich aus können sie das ja gar
nicht wissen (dann wären diese Theorien ja überflüssig). Bei Verstößen gegen
Moralprinzipien kann man sich auch zunächst damit herausreden, daß man etwas
mißverstanden habe. Noch peinlicher ist aber die Möglichkeit, beliebige seiner
Handlungen als moralisch zu interpretieren, selbst wenn man sie (weil durch ein Gericht
verurteilt) bedauert. Das ist heute der Normalzustand. Da werden Gelder genommen, aber den
Beteiligten wird bescheinigt, daß sie zum Ruhme einer Partei oder anderer ehrenwerter und
hochanständiger Zwecke gewirkt hätten. Da werden Macht und Einfluß mißbraucht, um in
selbstloser Weise für unser aller Sicherheit zu sorgen. Da können einem schon die
Tränen der Rührung kommen, wenn man sieht, wie soviel Moral umsichgreift.
5.6. Die transzendente Moral der Religion
Weder unsere Erkenntnis noch unsere Moral dürfen
transzendent werden, d.h. sich auf Jenseitiges berufen. Dann läge die Verantwortung,
mindestens aber die Quelle unseres Denkens und Handelns, die Motive und die Triebkräfte
nicht mehr in uns selber. Beim Umgang mit dem Jenseitigen hat die Kirche die
umfangreichsten Erfahrungen sammeln können. Nach der Art und Weise, wie das Jenseitige in
uns hineinwirkt, klassifiziert Kant verschiedene Arten des Glaubens. Diese Berührungen
mit dem Übervernünftigen sind auch heute wieder so aktuell geworden, daß Kants
Kennzeichnungen über die Jahrhunderte hinweg ihre Berechtigung behalten haben: "Was
den Nachteil aus diesen, auch moralisch transzendenten, Ideen anlangt, wenn wir sie
in die Religion einführen wollten, so ist die Wirkung davon ... 1) der vermeinten innern
Erfahrung (Gnadenwirkungen) Schwärmerei, 2) der angeblichen äußeren Erfahrung
(Wunder) Aberglaube, 3) der gewähnten Verstandeserleuchtung in Ansehung des
Übernatürlichen (Geheimnisse) Illuminatismus, Adeptenwahn, 4) der gewagten
Versuche aufs Übernatürliche hin zu wirken (Gnadenmittel) Thaumaturgie, lauter
Verirrungen einer über ihre Schranken hinausgehenden Vernunft, und zwar in vermeintlich
moralischer (gottgefälliger) Absicht." /12/
Alle diese wieder modern gewordenen
"Verirrungen" können vermieden werden, wenn man sich an die Vernunft hält. Die
Vielfalt unserer Gesellschaft hat auch eine Vielfalt konkreter Jenseitigkeitslehren
hervorgebracht, die heute sogar bis zu den animistischen Vorstellungen der Urmenschen
reichen und alle Formen des Aberglaubens sowie alle Sekten aller Religionen einbeziehen.
Doch diese äußere Vielfalt hat nicht mehr hervorgebracht, als Kant in der obigen
Klassifizierung beschrieben hat. Hier spürt man die revolutionierende Kraft der
Aufklärung und den kompromißlosen Kampf gegen alle Mächte, die den Menschen
unterdrücken, die ihn seiner geistigen Freiheit und Würde berauben wollen. Ist heute
tatsächlich "Wendezeit"? Haben wir genug von der Aufklärung? Lassen sich die
Massen zum Kreuzzug gegen die Vernunft überreden (oder sollte man lieber sagen
"mißbrauchen")?
Niemand mehr will die Verantwortung für diese aus
den Fugen geratene Welt übernehmen, obwohl die Mehrheit nach wie vor die Spielregeln
akzeptiert. Einfach aussteigen in den Obskurantismus und den Mystizismus? Ist das der
letzte historische Versuch des Ausweichens vor der unaufschiebbar gewordenen Aufgabe, aus
sich einen wirklichen Menschen zu machen, der seine Nichtswürdigkeit überwunden hat? Der
in der Gefangenschaft großgewordene Vogel kehrt immer wieder in seinen Käfig zurück. Er
wäre verwirrt und unglücklich, wenn man ihm diesen Käfig, diese Zufluchtsstätte nehmen
würde. In der Freiheit leben zu können, erfordert auch Mut: "Denn den Mut
auffordern, ist schon zur Hälfte so viel, als ihn einflößen; dagegen die faule sich
selbst gänzlich mißtrauende und auf äußere Hilfe harrende kleinmütige Denkungsart (in
Moral und Religion) alle Kräfte des Menschen abspannt, und ihn dieser Hilfe selbst
unwürdig macht." /13/
Die aus der menschlichen Vernunft abgeleitete Moral
steht über der Religion. Sie ist nach Kant der eigentliche Sinn der Religion, der aber
fast immer verfehlt wird. Das Bedürfnis des Menschen nach positiver Religion ist nach
Kant Ausdruck dafür, daß die autonome Gesetzgebung für den eigenen freien Willen nicht
für möglich gehalten wird, weil die geistige Mündigkeit noch nicht erreicht ist und
auch von den herrschenden gesellschaftlichen Kräften nicht befördert wird.
5.7. Moral und Humanismus
Kant hält es mit HALLER, der meint, die Welt mit
ihren Mängeln sei besser, als ein Reich von willenlosen Engeln. Die Möglichkeit, diese
Welt zu gestalten, und die Verantwortung, die wir dabei übernehmen (ob wir wollen oder
nicht), haben ihren Grund in unserer Freiheit. Die Möglichkeit, diese Welt human zu
gestalten, den Humanismus zum Gesetz unseres Daseins zu machen, ist keine äußere
Notwendigkeit himmlischer oder weltlicher Mächte, sondern hat ihren Grund einzig und
allein darin, daß die Menschen in ihrer Befähigung zur Freiheit gleich sind, nicht weil
sie unterschiedliche Interessen haben, sondern weil sie vernünftige Wesen sind.
Die Gleichheit der Menschen folgt nicht aus ihrem
gleichen Glücksbedürfnis oder gleichen Idealen für die praktische Gestaltung ihres
individuellen oder gesellschaftlichen Lebens, sondern aus ihrer diesseitigen Jenseitigkeit,
d.h. der Gleichheit der Idee Mensch. Es steht nun allerdings den Menschen nicht
frei, über diese Idee nach Gutdünken zu befinden, weil sie (wie alle Ideen) in einem
unauflöslichen Zusammenhang mit allen anderen geistigen und seelischen Fähigkeiten und
Kräften des Menschen steht. Das pragmatische Mißverständnis der Gleichheit der Menschen
als Gleichheit der sinnlichen Menschen, als Gleichberechtigung ihrer sinnlichen
Erwartungen und Ansprüche, als Gleichheit ihrer Gefühle für Gerechtigkeit und Glück
auf Erden, ist die Wurzel aller politischen Programme und Machtkämpfe, ein solches
weltliches Reich der Gleichheit und Gerechtigkeit nun auch errichten zu wollen. Das
Ergebnis war und wird weiterhin sein, daß die Menschen ihrer Freiheit beraubt werden (sie
brauchen fortan nur noch ihren erleuchteten selbstlosen Führern zu folgen) und der
Humanismus (zwangsläufig) verfehlt wird. Freiheit für sich (und seine Ideen) zu fordern
und sie anderen zu verweigern, ist die geradezu demonstrative Errichtung eines Reiches der
Unfreiheit, der Entmündigung des Menschen.
Freiheit und Humanismus sind "nicht von dieser
Welt" und nicht aus einer "jenseitigen" (transzendenten) Welt, sondern
diesseitiges (geistiges) Selbstverständnis des Menschen und daher auch nur so
"wirklich" wie sie der Mensch zum Ausgangspunkt seines Verhaltens und seiner
Selbstverwirklichung sowie zum Inhalt seiner Lebensideale und seiner Lebensführung macht.
Daher können Freiheit und Humanismus auch niemals "gebracht" werden, weder als
Ergebnis großer politischer Bewegungen noch als ein Geschenk Gottes oder der mystischen
Weltgeister, sondern immer nur im Menschen selbst heranreifen. Es ist ein merkwürdiger
Teufelskreis, daß gerade die Verwirklichung von Freiheit und Humanismus zu ihrer
Zerstörung führt und mit unerbittlicher Konsequenz auch führen muß. Der genaue Sinn
dieser Erkenntnis ist nun nicht der, daß Politik überflüssig und unsinnig wird, sondern
daß Politik niemals das ist und sein kann, was sie zu sein vorgibt. Wenn uns jemand eine
Nahrung anbietet, von der er behauptet, daß sie uns für immer und ewig sättigen werde,
dann werden wir die Unmöglichkeit eines derartigen Versprechens leicht einsehen. Wenn wir
zur Politik das gleiche Verhältnis finden könnten wie zu unserer abwechselungsreichen
Ernährung, wüßten wir auch unsere Erwartungen an das "Glück der Menschheit"
realistischer zu setzen.
Freiheit und Humanismus sind aus prinzipiellen
Gründen immer nur ein Sollen, unabhängig davon, ob es in der Erfahrung Beispiele dafür
oder dagegen gibt. Es sind Ideale, die zur Wirklichkeit drängen, aber letztlich nicht die
Wirklichkeit in der gewünschten Weise verändern, wohl aber den handelnden Menschen, der
sich von diesen Idealen leiten läßt. Freiheit und Humanismus sind reflexiv, d.h. sie
wirken auf sich und bewirken sich selbst.
5.8. Moral und Gewissen
Kant greift den zu seiner Zeit sehr verbreiteten
Gedanken auf, daß wir nach unserem Tode vor unserem gestrengen Richter stehen werden, der
uns die Würdigkeit oder Nichtswürdigkeit unserer moralischen Bemühungen und Taten
vorhalten und anrechnen werde. Möglicherweise (und das befürchten viele) wird man
herausfinden, daß wir sogar noch schlechter waren als wir selbst von uns denken. Kant
meint, daß wir diesen "obersten Richter" in uns selber suchen sollten:
"Besorgt man aber: daß ihn seine Vernunft durchs Gewissen zu gelinde beurteilen
werde, so irrt man sich, wie ich glaube, sehr. Denn eben darum, weil sie frei ist, und
selbst über ihn, den Menschen, sprechen soll, ist sie unbestechlich, und wenn man ihm in
einem solchen Zustande nur sagt: daß es wenigstens möglich sei, er werde bald vor einem
Richter stehen müssen, so darf man ihn nur seinem eigenen Nachdenken überlassen, welches
ihn, aller Wahrscheinlichkeit nach, mit der größten Strenge richten wird." /14/
Niemand kann anders zum Heil (der Menschlichkeit)
gelangen als allein durch sich selbst. Sittlichkeit und Würdigkeit liegen in seiner Hand.
Das deutlich zu machen und zu befördern ist nach Kant die einzige Rechtfertigung für die
Religion. Dazu bedarf es aber nicht der Unterwerfung der Menschen unter den Willen und das
Gebot himmlischer Mächte. Wenn der Mensch auf seine im Lebenskampf errungene Würde
ebenso stolz wäre, wie auf seinen Reichtum, wäre er auf dem rechten Wege.
Es ist nicht die verführerische Sinnlichkeit, die
uns von der Moral abhält, wie in kirchlichen Kreisen oft gelehrt wird, sondern die
"selbstverschuldete Verkehrtheit" unserer Gesinnung. Diese Verkehrung zerstört
unsere persönliche Würde und macht uns im wahrsten Sinne des Wortes geistig
"haltlos". Wie das Gute in uns selber wurzelt (als Fähigkeit zur Vernunft), so
auch die gefürchteten "Mächte des Bösen". Wir sind Individuen und
gesellschaftliche Wesen, d.h. wir repräsentieren in unserer individuellen Existenz auch
die Idee der Menschheit (die anderswo ja gar keine Existenz haben könnte). Was wir aus
uns als wirkliche Individuen letztlich machen, das repräsentieren wir zugleich als
"typisch menschlich", als eine gesellschaftliche Norm oder doch wenigstens als
eine Erfahrung für andere Menschen. In unserer Person sind wir diese beiden Bestandteile,
aber in eine einzige Idee gesetzt: Was wir als Individuum tun, bewerten wir als
gesellschaftliches Wesen (= könnte eine Gemeinschaft existenzfähig bleiben mit Menschen
wie ich oder gar stolz sein auf eine Gesinnung, wie ich sie in mir entwickelt habe?). Was
wir als Individuum tun und vor allem tun wollen, das determiniert aber auch unsere
Erwartung gegenüber dieser Gemeinschaft (warum sollten die andern besser sein als ich?).
Einerseits sind wir Glied einer weit
zurückverfolgbaren Gesellschaft, die uns geprägt hat. Andererseits hat diese
gesellschaftliche Entwicklung keine andere direkte und lebendig gebliebene Wirklichkeit
als in den Individuen und ihrem Denken und Tun. Es ist das Verdienst der klassischen
deutschen Philosophie, diese Dialektik erkannt und für die Aufklärung verwendbar gemacht
zu haben. Die eigentliche Entdeckung gegenüber der vorangegangenen Philosophie war das
menschliche Individuum als eine eigenständige und zentrale Kategorie, wichtiger als Gott
und die Welt. Die Gesellschaft wurde erstmals als ein Produkt des individuellen Menschen
begriffen. Bisher (und in allen materialistischen Anschauungen auch heute noch) wurde das
Individuum allein aus seinen Möglichkeiten und Funktionen in einer konkreten Gesellschaft
erklärt. Menschliches Leben war Leben in der Gesellschaft. Das ist aber nur die eine
Hälfte der Wahrheit. Es gibt nicht d i e Gesellschaft als ein Prinzip und als eine Idee
woanders als in den Köpfen der Menschen. Als Idee ist die Gesellschaft eben nicht auch
wieder in Raum und Zeit, sondern existiert in der Gleichzeitigkeit der ganzen abgelaufenen
Geschichte. Daß sie nicht verlorengegangen ist, ist allein ein Verdienst des Bewußtseins
der Menschen.
So wie auch die Welt in ihrer unermeßlichen Einheit
und ihrem Wesen unseres Geistes bedarf, um als ein geistiger Gegenstand dasein zu können,
so wird auch die menschliche Gesellschaft im jeweiligen individuellen Menschenverstand
reproduziert, um sie sich überhaupt geistig aneignen zu können. Das Individuum handelt
immer nur so, wie es seine Welt und seine Gesellschaft "verstanden" hat. Dadurch
werden aber Welt und Gesellschaft selbst zu Handlungsprinzipien. Die Beschreibungs- (oder
Handlungs-) und die Gegenstandsebene können nicht mehr deutlich getrennt werden: Das
ideelle Dasein der menschlichen Gesellschaft wird zur Idee von der Menschheit im
Individuum. Daß diese Idee eine hochproduktive subjektive Wirklichkeit ist, allem Wirken
und Handeln der Menschen zugrunde liegt, ist die neue These, die vor allem Kant zu
verdanken ist. Nach Kant ist es nicht die Gesellschaft, die uns eine bestimmte Denk- und
Handlungsweise aufzwingt, sondern die Individuen konstituieren allein durch ihr
Selbstverständnis als Menschen eine Gesellschaft, die zu würdigen oder nichtswürdigen
Sinngebungen des menschlichen Lebens führt.
Wir stehen an der Schwelle des Zerfalls alter
Ordnungen, die sich aus der Macht- und Arbeitsteilung zur Sicherung des Überlebens für
die Vielen durch ständige Steigerung der Produktivität herausgebildet haben. Die
Klassengesellschaften zerfallen, und die Revolution ist totaler als nur die Veränderung
in den Besitzverhältnissen an den Produktionsmitteln, wie schon Marx wußte und wie die
in den sozialistischen Ländern herrschenden kommunistischen Parteien zu ihrem Leidwesen
erfahren müssen. Es erfolgt (wo es möglich ist) der Übergang zu einer dezentralen
Produktion und Energiegewinnung, zu einer Ökonomie, die mit der Ökologie nicht mehr auf
dem Kriegsfuß steht, und auf breiter Basis zu den "sanften Technologien", weil
die Menschheit sonst gar keine Chancen hätte, auf Dauer zu überleben. Die Freizeit wird
geistig und physisch (wenigstens zu einem Teil) produktiv, wodurch die Warenproduktion
mehr und mehr ergänzt wird. Diese Befreiung von ökonomischen (und allen damit
verbundenen) Zwängen bewirkt eine neue Selbstbestimmung des individuellen Menschen und
eine veränderte Sinngebung seines Handelns.
Die bisher nur über die Arbeit und die Politik
vermittelte Wirkung des Menschen auf den Menschen wird nun eine unvermittelte
Wechselwirkung zwischen den Menschen, und diese ihre Wechselwirkung ist zugleich auch der
Zweck, sich selbst zu geben und zurückzunehmen. Zu der Differenzierung der Menschen in
arm und reich tritt die noch wesentlichere Differenzierung in würdig und nichtswürdig,
in geistvoll und geistlos, in anregend und stumpfsinnig, in tolerant und intolerant. Es
gibt keine himmlischen oder weltlichen Mächte, die die Nichtswürdigen als billige
Entschuldigung anführen könnten, es sei denn, man erfindet neue Geister. Kant versperrt
mit seiner Auffassung über Freiheit die Flucht aus der damit verbundenen Verantwortung in
die Mystik oder in die Religion: "Nun ist es doch der gemeinen Denkungsart der
Menschen ganz angemessen, daß, wenn eine Religion des bloßen Cultus und der Observanzen
ihr Ende erreicht, und dafür eine im Geist und in der Wahrheit (der moralischen Gesinnung
gegründete) eingeführt werden soll, die Introduction der letztern, ob sie es zwar nicht
bedarf, in der Geschichte noch mit Wundern begleitet und gleichsam ausgeschmückt werde,
um die Endschaft der ersteren, die ohne Wunder gar keine Autorität gehabt haben würde,
anzukündigen." /15/
Die Wunder, die Kant erwartet, sind die "im
Geist und in der Wahrheit der moralischen Gesinnung" liegende
Persönlichkeitsentwicklung. Zwar kann man beobachten, daß sich die Menschen intensiver
sich selbst und den anderen zuwenden, daß sie ein sinnerfülltes Leben führen möchten,
aber werden sie sich sagen lassen, daß das eigener Anstrengungen bedarf, daß man das
nicht als einen Konsumartikel a la New Age erwerben kann?
5.9. Moral und Demokratie
Der Mensch muß lernen, an sich selbst zu glauben.
Das ist die neue "Religion", die Kant verkündet. Das Göttliche liegt nicht im
Jenseits (dann wäre es uns für immer versperrt), sondern im Diesseits des Menschen, in
seiner Vernunft. Selbstbewußtsein und Selbstverantwortung des Menschen erschöpfen sich
aber nicht in seiner Teilnahme an einer politischen Demokratie. Obwohl Kant wirkliche
Demokratie nicht kennengelernt hat, weiß er um ihre Probleme und Schwächen und geht
visionär bereits darüber hinaus: "Ein rechtlich-bürgerlicher (politischer) Zustand
ist das Verhältnis der Menschen untereinander, sofern sie gemeinschaftlich unter öffentlichen
Rechtsgesetzen (die insgesamt Zwangsgesetze sind), stehen. Ein ethisch-bürgerlicher
Zustand ist der, da sie unter dergleichen zwangsfreien, d.i. bloßen Tugendgesetzen
vereinigt sind ... In einem schon bestehenden politischen gemeinen Wesen befinden sich
alle politischen Bürger als solche doch im ethischen Naturzustande und sind
berechtigt, auch darin zu bleiben; denn daß jenes seine Bürger zwingen sollte, in ein
ethisches gemeines Wesen zu treten, wäre ein Widerspruch (in adiecto)." /16/
Obwohl beide Gesellschaftszustände unterschiedliche
Triebkräfte besitzen (mehrheitlich erwirkte Spielregeln für das gesellschaftliche
Handeln auf der einen Seite und Autonomie des individuellen Handelns nach Geboten der
Vernunft, der Freiheit und der Würde des Menschen auf der anderen Seite), stehen sie in
einem Zusammenhang miteinander: die "ethisch-bürgerliche" (ungeschriebene)
Verfassung ist stets ein Kriterium dafür, welches Niveau der politisch-rechtliche Zustand
der Gesellschaft erreicht hat. Es ist immer das moralische Selbstverständnis des
Menschen, von dem aus er über den gesetzlichen Rahmen seines gesellschaftlichen Handelns
urteilt, nicht umgekehrt.
Politische Freiheit darf moralische Freiheit nicht
einschränken und nicht ersetzen wollen. Politische Freiheit ist bestenfalls der äußere
Weg zur Beförderung der moralischen Freiheit, meist aber (wie es Wege so an sich haben)
nur ein Irrweg. Heutige Politik versteht sich nicht als ein Übergang zu einer humanen
Gesellschaft. Sie hat immer nur politische Visionen des Humanen, und die Freiheit wird zum
bloßen Schlachtruf. Politik behindert die Selbstbestimmung des Menschen. Demokratisch
gewählte Politiker maßen sich sogar an, ihre Wähler zu "repräsentieren",
denn ihr politischer Humanismus erschöpft sich in der "repräsentativen
Demokratie" (als einem Endzustand der Menschheit).
Kant weiß, daß sich die menschliche Gesellschaft
durch ihre Gliederung in die einzelnen politischen Staaten noch im
"Naturzustande" befindet, weil diese Staaten keinem verbindlichen Völkerrecht
unterliegen. Das "Ideal eines Ganzen aller Menschen" ist als eine politische
Aufgabe (im Sinne einer Weltherrschaft) sicher nicht lösbar. Die einzelnen Staaten sind
für Kant "partiale" Gesellschaften und politische Systeme, die in Konkurrenz
gegeneinander Macht- und Wirtschaftsinteressen durchsetzen wollen. Aber eine Politik, die
immer nur durch noch mehr Politik verbessert werden kann, rückt den Humanismus, dem sie
sich angeblich verpflichtet fühlt, in immer größere Fernen. Solange sich Demokratie nur
aus den materiellen Gruppeninteressen ableitet und ihre Balance mit der gleichzeitigen
Entfaltung des geistigen Wesens des Menschen verfehlt, werden gesellschaftliche Erfolge
zwangsläufig mit der Zerstörung menschlicher Persönlichkeit erkauft.
Heute stehen wir vor dem Problem einer
Weltgesellschaft, das meist mit politischer Herrschaft über die Welt verwechselt wird. Es
wäre hoffnungslos, die unterschiedlichsten Interessen der Völker auf materiellem und
geistigem Gebiet ausgleichen zu wollen, eine Art "mittlere" Wirtschaft, Kultur
und Religion anzustreben. Wie schwierig das schon allein für Europa ist, zeigen die
letzten Jahrzehnte des Bemühens um eine gemeinsame Politik auf den verschiedensten
Gebieten. Am einfachsten scheint sich eine gemeinsame Militärpolitik verwirklichen zu
lassen, auf die es gerade nicht ankommen sollte.
Die Gleichheit der Menschen ist ein formales, aber
deshalb dennoch nicht irreales Prinzip. Sich hierüber verständigen zu können, ist nicht
aussichtslos, wenn auch äußerst kompliziert, weil die echte Toleranz (anstelle der in
der Regel bloß äußerlichen Toleranz) gegenüber anderen "Welten" in die
Fundamente der eigenen Anschauungen und Wertesysteme aufgenommen werden müßte. Toleranz
als ein heiliges inneres Grundprinzip aller Religionen, Weltanschauungen und moralischen
Verhaltensweisen zerstört den Absolutheitsanspruch eben dieser Auffassungen. Aber selbst
als ein äußeres Kriterium (Anerkennung der Hoffnungslosigkeit, die eigene und daher
einzig "richtige" Auffassung durchsetzen zu können) führt die objektiv
erzwungene Toleranz zunächst in die politische, dann aber auch in die innere subjektive
Akzeptanz der Vielfalt von Weltanschauungen und pragmatischen Moralnormen. So ebnet nach
Kant das allgemeine Grundgesetz der Moral (= formale Gleichheit aller Menschen als
vernünftige Wesen) den Weg für die langsame Erweiterung unserer politischen Lösungen
der praktischen Menschheitsprobleme durch allgemeine Vernunftorientierungen. Um eine gute
Politik machen zu können, ist es in der Zukunft nicht mehr ausreichend, daß man mit
Geschick und Gewalt, die (natürlich immer "berechtigten") eigenen Interessen
durchzusetzen versteht, vielmehr gewinnen die von der Vernunft ausgehenden (und daher sich
auf alle Menschen beziehenden) Aufgabenstellungen eine wachsende Bedeutung.
Sehr klar zeigt sich das heute schon in der
Friedenspolitik, die zunächst immer nur als Sicherheit des eigenen Staates vor fremdem
Übergriff reflektiert wurde und uns an den Rand eines kollektiven Selbstmordes geführt
hat. Wenn die Politiker auch heute noch (und wahrscheinlich auch morgen noch) das aus
unserer Vernunft folgende Sicherheitsbedürfnis der Menschheit gar nicht zur Kenntnis
nehmen wollen und statt dessen von "gemeinsamer Sicherheit" der potentiellen
Kriegspartner und "kontrollierter Abrüstung" sprechen, dann zeigt das nur, wie
gemeingefährlich die (unmoralische) Politik geworden ist. Das Empfinden der Völker ist
hier viel weiter. Hoffen wir, daß es auch die Politiker auf die Dauer nicht unberührt
läßt!
5.10. Religion und Kirchenglaube
Die Freiheit des individuellen Menschen als eine
gesellschaftskonstituierende Kraft aufzufassen, aus der aller humaner Fortschritt
erwachsen wird, ist für Kant ein so erhabenes Ziel, das er dafür die (umfunktionierte)
Religion einspannen möchte. Wir haben durch unsere Erfahrungen in den letzten
Jahrhunderten mit der Welt und den Menschen wenig Grund, daran zu glauben, daß ein
solcher Menschheitszustand sehr bald erreichbar sein könnte. Unbezweifelbar scheint
hingegen zu sein, daß sich der Mensch in zunehmendem Maße (zunächst in den
Industrienationen) mit sich selbst und dem Sinn seines Daseins beschäftigt. Ob sich
daraus auch eine wachsende "Herrschaft der Vernunft" ergeben wird, wissen z.Z.
nur die Götter. Es wird sicher sehr viel Zeit brauchen und sehr großer Anstrengungen
bedürfen, um hier Fortschritte erzielen zu können.
Kant glaubte, daß man die tief im Volke verwurzelte
Ehrfurcht vor dem Erhabenen dafür nutzen und auf diesen einen Punkt konzentrieren
könnte, wenn der Mensch mit gleicher Intensität sich selbst anbetet wie er zu Kants
Zeiten Gott dienen wollte: "Der reine Religionsglaube ist zwar der, welcher
allein eine allgemeine Kirche gründen kann; weil er ein bloßer Vernunftglaube ist, der
sich Jedermann zur Überzeugung mitteilen läßt; indessen daß ein bloß auf Facta
gegründeter historischer Glaube seinen Einfluß nicht weiter ausbreiten kann, als soweit
die Nachrichten ... nach Zeit- und Ortsumständen hingelangen können ... Die Menschen ...
sind doch nicht leicht zu überzeugen: daß die standhafte Beflissenheit zu einem
moralisch-guten Lebenswandel alles sei, was Gott von den Menschen fordert, um ihm
wohlgefällige Untertanen in seinem Reiche zu sein. Sie können sich ihre Verpflichtung
nicht wohl anders, als zu irgend einem Dienst denken, den sie Gott zu leisten haben
... Daß sie, wenn sie ihre Pflichten gegen Menschen (sich selbst und andere) erfüllen,
eben dadurch auch göttliche Gebote ausrichten, mithin beständig im Dienste Gottes
sind, und daß es auch schlechterdings unmöglich sei, Gott auf andere Weise näher zu
dienen,... will ihnen nicht in den Kopf. Weil ein jeder großer Herr der Welt ein
Bedürfnis hat, von seinen Untertanen geehrt und durch Unterwürfigkeitsbezeigungen
gepriesen zu werden, ... an Ehrenbezeigungen doch immer ein unmittelbares
Wohlgefallen findet, so behandelt man die Pflicht ... als Betreibung einer Angelegenheit
Gottes, nicht des Menschen, und so entspringt der Begriff einer gottesdienstlichen,
statt des Begriffs einer reinen moralischen Religion." /17/
Das ist Zeit eine ganz ungeheuerliche These: Die
Religionen zerfallen in so viele verschiedene Kirchen und Religionsegruppen, wie es
unterschiedliche "Unterwürfigkeitsbezeigungen" und
"Dienstauffassungen" gibt. Dagegen kennt die moralische Religion nur einen
Gott und eine "Kirche", weil es nur eine menschliche Vernunft
gibt. Damit begründet Kant den Gedanken einer Metareligion, in die alle Religionen
einmünden, wenn sie die Erziehung zur Moral als ihren Hauptinhalt begreifen: "Der
Begriff eines nach bloßen rein moralischen Gesetzen bestimmten göttlichen Willens läßt
uns, so wie nur einen Gott, also auch nur eine Religion denken, die rein
moralisch ist." /18/
Kant geht mit der Kirche, wie sie sich selbst
versteht, hart ins Gericht und spricht ihr sogar das Recht ab, ihren
"Kirchenglauben" Religion zu nennen: "Es ist nur eine (wahre) Religion;
aber es kann vielerlei Arten des Glaubens geben ... Es ist daher schicklicher, ...
zu sagen: dieser Mensch ist von diesem oder jenem (jüdischen, muhamedanischen,
christlichen, katholischen, lutherischen) Glauben, als er ist von dieser oder jener
Religion ... Der gemeine Mann versteht darunter jederzeit seinen Kirchenglauben, der ihm
in die Sinne fällt, anstatt daß Religion innerlich verborgen ist, und auf moralische
Gesinnungen ankömmt. Man tut den meisten zu viel Ehre an, von ihnen zu sagen: sie
bekennen sich zu dieser oder jener Religion; denn sie kennen und verlangen keine; der
statutarische Kirchenglaube ist alles, was sie unter diesem Worte verstehen ... Wenn nun
eine Kirche sich selbst, wie gewöhnlich geschieht, für die einige allgemeine ausgibt,
... so wird der, welcher ihren (besonderen) Kirchenglauben gar nicht anerkennt, von ihr
ein Ungläubiger genannt und von ganzem Herzen gehaßt: der nur zum Teil (im
Nichtwesentlichen) davon abweicht, ein Irrgläubiger, und wenigstens als ansteckend
vermieden. Bekennt er sich endlich zwar zu derselben Kirche, weicht aber doch im
Wesentlichen des Glaubens derselben ... von ihr ab, so heißt er ein Ketzer, und
wird, so wie ein Aufrührer, noch für strafbarer gehalten als ein äußerer Feind ... Die
angemaßte alleinige Rechtgläubigkeit der Lehrer oder Häupter einer Kirche in dem Punkt
des Kirchenglaubens heißt Orthodoxie, welche man in despotische, (brutale)
und liberale Orthodoxie einteilen könnte," /19/
Wer Kant ernsthaft vorwirft, daß er der
traditionellen Religion wieder zu ihren Rechten verholfen habe, im Namen der Aufklärung
vor den Mächten der Kirche kapituliert habe, der sieht nicht den Wolf im Schafspelz. Sind
unsere heutigen Denker mutiger? Sie kapitulieren schon vor Wahrsagern, Sterndeutern,
Fernheilern und Wünschelrutengängern, weil man ja angeblich nicht wissen könne, was
sich jenseits unserer Denk- und Vorstellungskraft abspielt. In einer unvernünftig
gewordenen Welt die menschliche Vernunft zu diffamieren, ist sehr modern und populär
geworden, weil der seichte Weg zur "Wahrheit" schon immer der beste war. Im
geistigen Schlaraffenland braucht man nur seine Seele zu öffnen ... und man wird staunen,
wieviel Jenseitiges da hineinlaufen wird.
Kant lehrt, daß die Erlösung der bedrängten Seele
nur von innen, nur durch unsere eigene moralische Kraft erfolgen kann. Die
"heiligen" Schriften vermögen bestenfalls, uns auf dem Weg zu uns selbst
voranzuhelfen, meist durch erbauliche Geschichten: "Denn selbst das Lesen dieser
heiligen Schriften ... hat zur Endabsicht, bessere Menschen zu machen; das Historische
aber, was dazu nichts beiträgt, ist etwas an sich ganz Gleichgültiges, mit dem man es
halten kann, wie man will." /20/ Leider versteht sich die Kirche selbst nicht so,
wodurch sie (nach Kant) ihren Sinn völlig verfehlt: "Der Glaube einer
gottesdienstlichen Religion ist dagegen ein Frohn- Und Lohnglaube ... und kann nicht für
den seligmachenden angesehen werden, weil er nicht moralisch ist." /21/
Der "Frohn- und Lohnglaube" ist die
Kompensation für fehlende Moral, fehlendes Selbstbewußtsein und fehlende Autonomie. Die
Würdigkeit himmlischer Existenz soll die Nichtswürdigkeit irdischer Existenz
entschuldigen und verständlich machen. Es ist Gottes Problem, aus nichtsnutzigen Menschen
des ewigen Lebens würdige Wesen zu machen. Dafür kann man in der Tat nur beten und an
Wunder glauben. Zur Geschichte des Christentums meint Kant, daß sie "ihm keineswegs
zur Empfehlung" gereiche: "Wie mystische Schwärmereien im Eremiten- und
Mönchsleben und Hochpreisung der Heiligkeit des ehelosen Standes eine große Menschenzahl
für die Welt unnütz machten; wie damit zusammenhängende vorgebliche Wunder das Volk
unter einem blinden Aberglauben mit schweren Fesseln drückte; wie mit einer sich freien
Menschen aufdringenden Hierarchie sich die schreckliche Stimme der Rechtgläubigkeit
aus dem Munde anmaßender alleiniger berufener Schriftausleger erhob ..." /22/
Alle Religion kann Unheil bringen ("tantum
religio potuit suadere malorum!"), das ist die geschichtliche Erfahrung, die die
Menschheit gemacht hat. Heute ist es vor allem der Islam, der mit militantem
Sendungsbewußtsein die Welt verwüsten möchte, damit sie zu einer Heimstatt Allahs
werden kann. Immer, wenn der Mensch im Dienste "höherer Mächte" steht und für
die "gute Sache" kämpft, verliert der Humanismus, entfernt sich der Mensch von
den Quellen seines Menschseins. Es ist nicht der äußere Zwang, der menschliche Freiheit
behindert, wie meist als selbstverständlich unterstellt wird, sondern die innere
Deformation menschlichen Denkens. Aus dem äußeren Zwang findet sich früher oder später
ein Weg, aber aus der geistigen Verblendung und Unfreiheit gibt es so leicht kein
Entrinnen: "Was die weltliche oberste Macht nicht kann, das kann doch die geistliche:
nämlich selbst das Denken zu verbieten, und wirklich auch zu hindern." /23/
5.11. Das Reich Gottes
Kant möchte das Christentum zu einem Vorläufer des
Humanismus machen, zu einem Zubringer für die Philosophie. Durch ergreifende Geschichten
soll das einfache Volk belehrt werden, wie wichtig ein dem eigenen Willen entspringender
moralischer Lebenswandel ist, der eine wirkliche Menschengemeinschaft bewirkt und dem
Leben einen wirklichen Wert gibt. Doch dieses weder genetisch noch sozial bedingte neue
"Reich Gottes" ist einzig und allein in uns selbst zu finden, in der Idee, die
wir uns vom menschlichen Wesen (und damit von uns selbst) bilden. Dieses inwendige Reich
Gottes, jedem von uns zugänglich, wenn er sich auf seine Vernunft stützt und beruft, ist
für Kant die eigentliche (keine weiteren Unterschiede duldende) Religion, die die
Menschen aneinander bindet und zu humanistischen Handeln verpflichtet.
Die wirklichen Religionen (die Kant verschiedene
Formen des Glaubens nennt) waren damals und sind heute von dieser philosophischen
Bestimmung ihrer Funktion so weit entfernt, daß man zweifeln darf, ob dieser Weg
überhaupt gangbar ist. Allerdings muß man einräumen, daß zu Lebzeiten Kants keine
andere geistig-kulturelle Kraft bekannt war, die die Massen hätte ergreifen können. Wenn
Humanismus überhaupt praktizierbar ist, so glaubte Kant, dann allein durch eine Wandlung
der Kirche. Das ist der Hauptgrund, weshalb er einer Kritik der Religion solchen Wert
beimaß: "Nur zum Behuf einer Kirche, deren es verschiedene gleich gute Formen geben
kann, kann es Statuten, d.i. für göttlich gehaltene Verordnungen geben, die für unsere
reine moralische Beurteilung willkürlich und zufällig sind. Diesen statutarischen
Glauben nun ... zur obersten Bedingung des göttlichen Wohlgefallens am Menschen zu
machen, ist ein Religionswahn, dessen Befolgung ein Afterdienst, d.i. eine
solche vermeintliche Verehrung Gottes ist, wodurch dem wahren, von ihm selbst geforderten
Dienste gerade entgegen gehandelt wird." /24/
Kant mißtraut dem direkten Kontakt mit den
himmlischen Mächten, den viele Gläubige zu verspüren glauben: "Himmlische
Einflüsse in sich wahrnehmen zu wollen, ist eine Art Wahnsinn, ... der aber immer
doch eine der Religion nachteilige Selbsttäuschung bleibt ... Der Wahn, durch religiöse
Handlungen des Cultus etwas in Ansehung der Rechtfertigung vor Gott auszurichten, ist der
religiöse Aberglaube; so wie der Wahn dieses durch Bestrebung zu einem
vermeintlichen Umgange mit Gott bewirken zu wollen, die religiöse Schwärmerei ...
Der abergläubische Wahn ... ist ... verwerflich; dagegen ist der schwärmerische
Religionswahn der moralische Tod der Vernunft, ohne die doch gar keine Religion ...
stattfinden kann." /25/
Nicht eine Art Wahnsinn vermag aus uns
gottgefällige Wesen zu machen, sondern einzig und allein unser Gewissen, das Kant als
"die sich selbst richtende moralische Urteilskraft" definiert. Solange wir über
ein intaktes Gewissen verfügen und willens und bereit sind, auch auf die "Stimme des
Gewissens" zu hören, sind wir auf dem Wege zu uns selber. Wenn wir unser Gewissen
betrügen, uns Entschuldigungstheorien zurechtlegen, sind wir auf dem Wege der
Selbstzerstörung, die kein Gott aufzuhalten vermag. Niemand darf sich den Weg zu sich
selbst verstellen lassen. Wer sein Heil anderen anvertraut, die dreist und fanatisch aus
der Luft gegriffene Behauptungen über den Willen jenseitiger Mächte verbreiten, der ist
verloren: "Der nämliche Mann, der so dreist ist zu sagen: wer an diese oder jene
Geschichtslehre als eine teure Wahrheit nicht glaubt, der ist verdammt, der müßte
doch auch sagen können: wenn das, was ich euch hier erzähle, nicht wahr ist, so will
ich verdammt sein! - Wenn es Jemand gäbe, der einen solchen schrecklichen Ausspruch
tun könnte, so würde ich raten, sich in Ansehung seiner nach dem persischen Sprichwort
von einem Hadgi zu richten: ist Jemand einmal (als Pilger) in Mekka gewesen, so
ziehe aus dem Hause, worin er mit dir wohnt; ist er zweimal da gewesen, so ziehe aus
derselben Straße, wo er sich befindet; ist er aber dreimal da gewesen, so verlasse die
Stadt, oder gar das Land, wo er sich aufhält." /26/
Daß es Mächte geben könnte, die in uns
hineinwirken und denen wir ausgeliefert sind, ist für Kant ein unerträglicher Gedanke,
weil er die menschliche Freiheit nicht nur zerstört, sondern durch angebliche
Fähigkeiten" ersetzt, die Kant als dem Wahnsinne verwandt ansieht. Seine
Philosophie soll dazu dienen, sich vor solchen Verirrungen "in ehrerbietiger
Entfernung zu halten, damit wir nicht in dem Wahne selbst Wunder zu tun oder Wunder in uns
wahrzunehmen, uns für allen Vernunftgebrauch untauglich machen." /27/ Die feine
Ironie Kants, sich von dem Heiligen "in ehrerbietiger Entfernung" zu halten,
damit das Heilige nicht die eigene Vernunft mit Stumpf und Stiel vertilge und "uns
für allen Vernunftgebrauch untauglich" mache, hat bis auf den heutigen Tag ihre
Bedeutung behalten. Viele Menschen betrachten ihre Vernunft als den "schwarzen
Peter", den ein ungerechtes Schicksal ihnen zugeschoben hat. Sie möchten ihn so
schnell wie möglich wieder loswerden, um geistig träge und "in passiver Muße"
ihr Leben jenseits jeder persönlichen Verantwortung für sich und die Welt genießen zu
können.
Das Gute zu tun, übersteigt angeblich unser
Beurteilungsvermögen und unsere Möglichkeiten. Unsere Pflicht besteht allein darin zu
hoffen und zu beten, damit uns Gott nicht ganz aus den Augen verliert. Die Welt und wir
selbst liegen allein in seiner Hand und unterliegen seinem unerforschlichen Ratschlusse.
Wir helfen ihm, die Welt auf den richtigen Weg zu bringen, indem wir uns in der
Rechtgläubigkeit üben und im Gebet zeigen, wo uns der Schuh drückt und was wir so
sehnlichst erwarten. Indem wir im Gebet Gott vor unseren Karren spannen, haben wir bereits
alles uns Mögliche für die Welt getan: "Das Beten, als ein innerer
förmlicher Gottesdienst und darum als Gnadenmittel gedacht, ist ein abergläubischer
Wahn (ein Fetischmachen), denn es ist ein bloß erklärtes Wünschen, ... wodurch
also nichts getan, und also keine von den Pflichten, die uns als Gebote Gottes obliegen,
ausgeübt, mithin Gott wirklich nicht gedient wird. Ein herzlicher Wunsch, Gott in allem
unserm Tun und Lassen wohlgefällig zu sein, d.i. die alle unsere Handlungen begleitende
Gesinnung, sie als ob sie im Dienste Gottes geschehen, zu betreiben, ist der Geist des
Gebets, der "ohne Unterlaß" in uns stattfinden kann und soll. Diesen Wunsch
aber (es sei auch nur innerlich), in Worte und Formeln einzukleiden, kann höchstens nur
den Wert eines Mittels zu wiederholter Belebung jener Gesinnung in uns selbst bei sich
führen, unmittelbar aber keine Beziehung aufs göttliche Wohlgefallen haben, eben darum
auch nicht für Jedermann Pflicht sein." /28/
Beten, um uns Mut zu machen, ist nach Kant erlaubt,
als Delegierung menschlicher Verantwortung jedoch, als Handlungsersatz, ist es
Pervertierung menschlicher Kräfte. Kant ist in all seinen Betrachtungen über Religion
und Kirche bemüht, Vernunft und Glauben miteinander zu verbinden, sie gar als zwei Seiten
der Entfaltung menschlicher Autonomie anzusehen. In einem dabei möglicherweise
auftretenden Konflikt- und Zweifelsfall entscheidet sich Kant immer für die Vernunft,
weil ohne sie der Mensch hoffnungslos verloren wäre. Dieser rigorose und unpopuläre
Standpunkt hat bis heute weder an Überzeugungskraft eingebüßt noch an Bedeutung
verloren. Religion und Vernunft sind wie zwei Schalen einer Waage: Wenn die eine nach oben
geht, geht die andere nach unten.
A n m e r k u n g e n
Vorwort und Kapitel 1:
/1/ /2/ / 3/ Kant, Immanuel: Kritik der reinen
Vernunft; Riga 1781, S. 5; 17; 28/29
/4/ Maturana, Humberto R. / Varela, Francisco J.:
Der Baum der Erkenntnis; Scherz Verlag, Bern, München, Wien 1987, S. 264
/5/ Wie /1/, S. 32
/6/ Kant, Immanuel: Die Religion innerhalb der
Grenzen der bloßen Vernunft; Königsberg 1793, S. 122/123
/7/ /8/ /9/ Wie /1/, S. 40; 57, 83
/10/ Platon: Phaidon 100 A u. 101 D
/11/ /12/ /13/ /14/ /15/ /16/ /17/ Wie /1/, S. 91;
93; 101; 103; 106; 125; 126
/18/ Ferguson, Marilyn: Die sanfte Verschwörung; TB
Knaur (Esoterik), Basel 1982, S. 432
/19/ Russell, Bertrand / Whitehead, Alfred North:
Principia Mathematica; suhrkamp taschenbuch wissenschaft 593, Frankfurt a.M. 1986, S.
55/56
/20/ /21/ /22/ Wie /1/, S. 132; 132/33; 171
Kapitel 2:
/1/ / 2/ / 3/ Ferguson, Marilyn: Die sanfte
Verschwörung; S. 12; 174; 121
/4/ Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft; S.
203
/5/ Capra, Fritjof: Wendezeit; Scherz Verlag, Bern,
München, Wien 1985
/6/ Berkeley, George: A Treatise concerning the
Principles of human knowledge, Übers. v. F. Ueberweg; Berlin 1920
/7/ Hume, David: Eine Untersuchung über den
menschlichen Verstand; Berlin 1965
/8/ Kuhn, Thomas: Die Struktur wissenschaftlicher
Revolutionen; Suhrkamp stw 25, Frankfurt 1976
/9/ Ditfurth, Hoimar von: Unbegreifliche Realität;
Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, Zürich 1987
/10/ Heisenberg, Werner: Der Teil und das Ganze;
München 1969
/11/ Einstein, Albert: Über die spezielle und die
allgemeine Relativitätstheorie; Verlag Vieweg & Sohn, Braunschweig 1920
/12/ Wie /5/, S. 27
/13/ Monod, Jacques: Zufall und Notwendigkeit;
München 1971, S. 209
/14/ /15/ /16/ Wie /4/, S. 400; 552; 557
/17/ /18/ /19/ /20/ Kant, Immanuel: Prolegomena zu
einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können; Riga 1783,
S. 73; 75; 79; 86
/21/ /22/ /23/ Wie /9/, S. 223; 342; 341
/24/ /25/ /26/ /27/ Weizsäcker, Carl Friedrich
Freiherr von: Die Einheit der Natur; München 1971, S. 228; 240; 217; 240 + 217; 204; 270
/28/ /29/ Weizsäcker, Carl Friedrich Freiherr von:
Aufbau der Physik; Carl Hanser Verlag, München, Wien 1986, S. 626; 626/627
/30/ Wie /24/, S. 202/203
Kapitel 3:
/1/ Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, S.
603
/2/ Marx, Karl: Die Heilige Familie und andere
philosophische Frühschriften; Dietz Verlag, Berlin 1953, S. 12
/3/ /4/ /5/ /6/ Wie /1/, S. 631; 771/772; 773/774;
775/776
/7/ Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie
des Geistes; Akademie Verlag, Berlin 1964
/8/ /9/ Wie /1/, S. 778/779; 818
/10/ Lenin, Wladimir Iljitsch: Werke, 40 Bde, Bd.
14; Berlin 1955 ff., S. 195
/11/ /12/ /13/ Kant, Immanuel: Prolegomena ... , S.
67; 72; 98
/14/ Fergusson, Marilyn: Die sanfte Verschwörung;
S. 444
/15/ /16/ /17/ Wie /11/, S. 155; 156; 168
Kapitel 4:
/1/ Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der
Sitten; Riga 1786, S. 24
/2/ Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie
des Geistes; S. 226
/3/ /4/ /5/ /6/ /7/ /8/ /9/ /10/ /11/ Wie /1/, S.
29; 35; 51; 61; 65; 67/68; 72; 76; 77
Kapitel 5:
/1/ Störig, Hans Joachim: Weltgeschichte der
Philosophie; W. Kohlhammer Verlag GmbH, Stuttgart 1985, S. 428
/2/ /3/ /4/ /5/ Kant, Immanuel: Die Religion
innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft;
Königsberg 1793, S. 4; 11; 29; 36/37
/6/ Fromm, Erich: Wege aus einer kranken
Gesellschaft; Stuttgart 1980
/7/ bis /28/ Wie /2/, S. 38; 39; 41; 42; 46; 55/56; 57; 72; 89;
98/99; 107; 109; 113-115; 118; 122/123; 140; 144; 181; 188/189; 206; 208; 212-214